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  1. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Opelius,

    Danke für Deinen bewegenden Bericht, der mich sehr beeindruckt!

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Dem schließe ich mich an.
    The original Karla
    est. 2006


  3. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    hallo All,
    wenn man Eltern hat, die den Krieg "aktiv" miterlebt haben, dann ist man davon schon sehr betroffen. All die Geschichten, die noch fünfzig, sechzig Jahre danach immer wieder erzählt werden hinterlassen Spuren.
    Kaum vorstellbar, was meine Eltern alles erlebt haben und dennoch danach ein scheinbar normales Leben gelebt haben - wie eigentlich fast alle Betroffenen.
    Das ist ein Stück Familiengeschichte, das man mit sich trägt, die eigenen Kinder auch und auch meine Enkelkinder.
    Opelius,
    meine Eltern haben eine sehr ähnliche Lebens-Kriegsgeschichte durchlitten - kann man nicht anders nennen.
    Meine Eltern kommen aus dem Banat - mein Vater hat für Deutschland gekämpft (wie seltsam, da er in Ungarn gelebt hat- kaum verständlich, dieses "sich Deutsch fühlen") meine Mutter war in Russland in Gefangenschaft - viele Jahre - meine Oma ist in einem Massengrab beerdigt.

    Als ich die Geschichten zum ersten Mal hörte - bewusst hörte habe ich lange geweint. So viel Schmerz, Unglück usw. ......
    Iwie gehört das wohl auch mit zu meiner Geschichte - zur Geschichte meiner Familie eben.

    Es gibt so viele kleine und grosse Geschichten, mit denen ich aufgewachsen bin. Zum Teil wirklich schlimme Dinge: meinem Uropa wurde mit dem Gewehrkolben in den Magen und in den Unterleib geschlagen, weil man dachte, er wisse irgendwelche Geheimnisse - aber er war nur ein alter Mann und wusste nichts und seine Familie musste tatenlos zusehen, wie man diesem alten Mann wehtat.
    Selbst der scharfe Hofhund hat sich jaulend verzogen, wenn "die" kamen.

    Schwangeren Frauen wurden die Kinder aus dem Leib geschnitten.... ich will gar nicht mehr schreiben - so viel Leid und so viel Schmerz. .....und das ganze Dorf musste mit zusehen - und alle hatten Angst etwas zu tun, denn jeder hatte Menschen, die er schützen wollte, musste.

    Wie schon gesagt, auch meine Kinder kennen diese Geschichten im Detail .

    Wenn ich Krieg höre, dann denke ich an meine Mutter , meine Oma , meinen Onkel und natürlich eh an meinen Vater (der sehr wenig erzählt hat aus dieser Kriegszeit). Seine Ansage war immer: das will ich nicht erzählen - das will keiner hören - ich will darüber nicht reden......

    Meine Eltern haben sich nie Kriegsfilme ode Actionfilme angesehen !!!!

    Wenn man diese schlimmen Geschichten gehört hat und das weiter oben ist nur ein harmloser Ausschnitt aus den Erzählungen meiner Mutter - das bleibt und bleibt - als wäre man ein Zuschauer aus der Ferne gewesen.

    Wenn ich lediglich im Geschichtsunterricht davon gehört hätte, dann wäre es einfach nur eine Historie mit Jahreszahlen in meinem Wissen - aber so..... es hat ein Gesicht bekommen.
    Meine Mutter ist mittlerweile schon sehr, sehr alt und wie das so ist mit den Alten, schaut sie auf dieses Leben zurück - und immer wieder kommen die Erinnerungen an den Krieg - nicht nur schlimme, auch Geschichten von Menschen, die geholfen haben. Von glücklichen Zufällen usw. - solche Erlebnisses kann man wohl nicht im Leben überwinden oder verarbeiten -
    Die Familien waren so sehr zerrissen - und dennoch haben sich nach dem Krieg fast alle wieder gefunden - wie durch ein Wunder.

    Meine Enkelkinder werden vll. davon frei sein - aber meine Kinder und ich tragen das so ein bißchen mit - mehr oder weniger.

    PS. auch heute noch ist ihre erste Frage wenn ich zur Tür rein bin "Willst Du was essen? " oder " wenn Du morgen kommst, was soll ich Dir kochen" - Nahrung ist für sie ganz wichtig - durch den Hunger in Russland geprägt?? - und meine Mutter ist über Neunzig!
    Geändert von Inaktiver User (14.09.2011 um 20:19 Uhr)

  4. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Opelius,
    ich hab Gänsehaut bekommen.
    Weißt du was mich noch interessiere würde?

    Was war deine Mutter für ein Mensch - und zwar wie du sie erlebt hast?
    Überwiegend traurig, kämpferisch oder heiter?

    Letzteres mag angesichts deiner Schilderung makaber erscheinen.
    Ich hab die Erfahrung gemacht: Oma hat zwei Weltkriege erlebt und war stets belastbar und von einer fast inneren Heiterheit.
    Meine Eltern würde ich heute als Menschen bezeichnen denen einfach ihre sorglose Kindheit und Jugend gefehlt hat.

    Gerade mein Vater schildert seine frühen Jahre nur mit Mangel.
    Wir hatten doch nüscht war ein Spruch meiner Mutter.

    Kenne ich von meiner Oma nicht.
    Hoffentlich kriegt das keiner in den falschen Hals, aber meine Oma war gläubig.
    Das erwähne ich nur als Unterschied.

    Ansonsten alles Gute für den Ruhrpottjungen

  5. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Interessantes Thema...

    Als ich bei meiner Psychotante war, hat sie das Thema auch angerissen. Und mir fiel es wie Schuppen von den Augen, dass das ein tiefes Trauma war und sich natürlich irgendwie auswirken muss.

    Was ich nur nie verstanden habe, warum die Verhältnisse bei uns in der Familie so furchtbar gewesen sind und woanders eher weniger schlimm und die Kinder was aus ihrem Leben machen konnten.

    Ist wohl wie mit allen Traumata, dass man diverse Sachen an der Hand haben muss, um besser damit klarzukommen. Das Umfeld bestimmt doch die Entwicklung bei einem Menschen. Bei uns war es wohl nicht sooo doll.

    Viele Sachen erspürt man einfach. Es wirken auch die Dinge, die nicht gesagt werden. Und das wirkt sich auch auf ganze Generationen aus.

    Viele in den nachfolgenden Generationen leiden ja oft unter Depressionen und Ängsten. Woher kommt denn das, wenn wir doch selber den Krieg nicht miterlebt haben?

    LG


    MrsInkognito

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    x
    Geändert von duranie (16.09.2011 um 08:46 Uhr)

  7. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Ich möchte einfach mal allen, die hier ihre Geschichte erzählen, dies hier reinstellen.

    Dass (hier) angefangen wird, über das zu sprechen, was damals in unseren Familien passiert ist (also im persönlichen Bereich stattfand, und nicht nur im unpersönlichen wie z.B. das, was im Geschichtsunterricht vermittelt wurde/wird), kommt mir vor, als ob Eis anfinge zu tauen. Was ich wunderbar finde und bezügl. nachfolgender Fragen umso wichtiger halte:


    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    (...) Viele Sachen erspürt man einfach. Es wirken auch die Dinge, die nicht gesagt werden. Und das wirkt sich auch auf ganze Generationen aus.
    Gerade die ungesagten Dinge wirken am meisten, weil ungesagte Dinge ja nicht einfach "weg" sind, wenn man nicht darüber spricht. Im Gegenteil.

    Viele in den nachfolgenden Generationen leiden ja oft unter Depressionen und Ängsten. Woher kommt denn das, wenn wir doch selber den Krieg nicht miterlebt haben?
    Weil evtl. auch Depressionen innerhalb der Familien an die Kinder weitergegeben werden? Bzw. durch das Verhalten der vom Krieg/Hitlerdeutschland traumatisierten Eltern (welche dadurch viell. selbst depressiv wurden), eine Familienatmosphäre und Zusammenhänge geschaffen werden, die zu Depressionen und Ängsten bei den Kindern führt?

    Mein Vater war sehr depressiv, was aber nie an_erkannt wurde, (bzw., es war einfach niemandem in der Familie klar. am wenigsten ihm selbst. Erst als ich von zuhause wegging, habe ich aus der Distanz heraus nach und nach kapiert, was los war, bzw. ich bin immer noch am Lernen und Verstehen.) Dies hatte eine Familienatmosphäre geschaffen, die nicht gerade günstig für eine lebensbejahende Atmosphäre in unserer Familie war.
    Geändert von Inaktiver User (15.09.2011 um 14:20 Uhr)

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Was war deine Mutter für ein Mensch - und zwar wie du sie erlebt hast?
    Überwiegend traurig, kämpferisch oder heiter?
    Meine Mutter w2ar streng. Sie war oft sehr traurig, dann vermisste sie ihren Mann, den sie mit 33 Jahren verloren hatte. Sie ist nie wieder eine Beziehung eingegangen, aber das ging damals vielen Kriegerwitwen so. Es gab keine Männer mehr und die, die zurückkamen, waren schwer traumatisiert und fanden sich nur sehr schlecht in die veränderte Welt hinein. Frauen waren nicht mehr nur Muttchen, sie hatten ganz allein ihre Familie durch den Krieg und die Nachkriegszeit gebracht. Sie hatten längst die Versorgerrolle übernommen.
    Kämpferisch war sie auch, sie hat alles auf sich genommen, um ihre Kinder wieder zu bekommen. Und sie hat alles auf sich genommen, um uns eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Ihre eigenen Ansprüche hat sie oft zurückgestellt, so sah es wenigstens für mich als Kind aus. Das stimmte nicht ganz, sie war sehr zielstrebig, wenn es darum ging ihre Ansprüche durchzusetzen. Das konnte sie so geschickt, dass ich immer davon überzeugt war, dass ich das alles selbst gewollt hätte.
    Heiter war sie selten.
    Sie hat viele Jahre als Ehrenamtliche die Bahnhofsmission in einer größeren Stadt geleitet. Nichtseßhafte und andere Wandervögel sprachen dort täglich vor, um Essen zu bekommen. Wenn jemand aus dem Gefängnis kam, hat sie nie gefragt, weshalb er gesessen hat, sondern nur, wie es ihm ergangen ist. Und die bekamen eine besonders dicke Schmalzstulle. Ich habs miterlebt, weil ich oft meine Schularbeiten in den Räumen der Bahnhofsmission gemacht habe.

    Und sie war fromm, aber keineswegs unkritisch. Ich habe sie einmal gefragt, wie es ihr erging als sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes bekam. Sie wollte eigentlich auch sterben, aber sie bat Gott ihr soviel Kraft zu geben, dass sie die Kinder groß kriegt. Das ist ihr gelungen.
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    @ Ruhrpottjung
    du erzählst sehr anschaulich, danke dafür.


    Meine Herkunftsfamilie war scheinbar vom 2 Weltkrieg kaum betroffen, sie hatten Bauernhöfe; mußten keinen Hunger leiden und auch nicht an die Front.Zumindest hat nicht einmal mein Großvater etwas erzählt.

    Meine Schwiegerfamilie hat es da ganz anders erlebt. Mein Schwiegervater ist mit 13 Jahren als ältester von 5 Geschwistern mit der Familie(Vater war schon gefallen) aus Ostpreußen geflüchtet und hat wirklich schlimme Dinge erlebt.
    Seine Tante wurde erschossen; seine Mutter wurde beinahe von russischen Soldaten vergewaltigt; er wollte sie beschützen und wurde schlimm verprügelt.Nur weil er sich tot gestellt hat, hat er überlebt.

    Meine Schwiegermutter hat dagegen sehr wenig von den Gräueln des Krieges mitbekommen; sie mußte nicht hungern oder flüchten.

    Seltsamerweise interessierte sie sich nie für die Geschichte ihres Mannes. Weder früher noch heute. Dabei ist er zutiefst traumatisiert und hat schwere Depressionen. Auch die anderen der Familie wollen nichts von den Erlebnissen hören. Ich glaube ich weiß mehr als alle anderen zusammen.
    Er sagt immer, wenn er davon erzählt hat, träumt er wieder mehrere Nächte von früher; Kindheit, Flucht; bittersüße Traurigkeit.

    Ich pflege berufsbedingt viele Männer, die im Krieg gewesen sind. Fast alle mit alten Verletzungen, die heute noch schmerzen und schlimmen Träumen aus denen sie schreiend und weinend aufwachen. Jetzt im Alter verstärkt.
    Und sie weinen heute noch um ihre verlorene Kindheit.
    simplemind
    _____________________________________

    Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte
    George Bernhard Shaw
    4.6.18

  10. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Opelius,
    mir scheint, dieser Menschenschlag ist ausgestorben.
    Hat sie bei all dem oder trotz dem noch die Zeit und Kraft gefunden als Ehrenamtliche zu arbeiten.

    Wohl wissend wahrscheinlich, dass das vom eigenen Elend ablenkt.

    Danke für Deine Schilderung.

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