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12.09.2011, 19:37
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
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12.09.2011, 19:51Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Ich denke, es geht hier gar nicht um "Schuld" der Eltern - jeder lebt nun mal in der Welt, in die er hineingeboren wurde ... und wer kann schon beurteilen bzw. verurteilen, wieso jemand so geworden ist, wie er ist.
Was wissen wir schon von unseren Eltern - ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihres Lebens? Warum erwarten wir, dass sie sich uns gegenüber immer korrekt und vorbildlich verhalten? Warum müssen sie sich "entschuldigen", wenn sie nicht so sind, wie wir sie gern hätten ..... !?
Klar gibt es große formen von Vernachlässigung, Misshandlungen usw. - und man kann auch die Einzelfälle nicht beurteilen. Hier schon mal gar nicht.
aber in diesem Strang geht es mir nicht darum. In meinen augen sind meine Eltern eben das, was sie sind - und hätten sich manches anders gewünscht. Sie sind ja auch Opfer - und können oft nicht aus ihrer Haut. Sie müssen sich nicht entschuldigen - wofür auch? Dafür, dass sie MENSCHEN sind - und fehlbar wie alle Menschen?
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12.09.2011, 20:02Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Ich fände es gut, wenn dieser Strang Erzählungen aus der eigenen Geschichte und Nachfragen vorbehalten bliebe und Beurteilungen hinsichtlich wer was falsch macht oder nötig habe - egal aus welcher Richtung - unterblieben.
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12.09.2011, 20:33
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
@ Eurynnia
Gute Frage. Lies mal das Buch "Von Bismarck zu Hitler" von Sebastian Haffner.
England griff erst ein als Hitler eben nicht ab-sondern aufrüstete,es ging um das Machtverhältnis gerade im Ausland.
Dadurch sah sich England dann bedroht,Amerika hielt lange still,wenn man überlegt erst als das mit den Japanern passierte und Hitler Amerika den Krieg erklärte kamen sie aus der Starre heraus.
Von Russland will ich erst garnicht anfangen,verstrickungen die Bismarck einleitete und kein anderer Politiker verstand,von den 20igern an bis zur Krise 29 und du verstehst warum soviele Hitler regelrecht anhimmelten.
Man muss immer sehen das es damals eine andere Zeit war.
Die Frage sollte eher lauten,kann es wirklich sein das so viele nichts mitbekamen was sich dann so ab 34/35 und später abspielte...usw....sorry für OT
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12.09.2011, 20:49
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12.09.2011, 23:22Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
@Fado56,
ich finde Deine Beiträge im Strang klug und bereichernd und vieles davon denke ich selbst
.
Und es tut mir auch Leid mit Deiner Mutter
.Geändert von Inaktiver User (12.09.2011 um 23:40 Uhr)
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13.09.2011, 22:50
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Backpapier, ich denke, für Leute, die diese Zeit nicht durchgelebt haben, ist es unter Umständen nicht einfach zu verstehen, .... und eben dieses "Stillhalten" aus politischen, diplomatischen Gründen (?) find ich "nicht so toll"
. Ausserdem haben sich andere Länder irgendwann ja geweigert, jüdische Einwanderer hinein zu lassen und überliessen diese Menschen "eiskalt" (subjektive Empfindung) ihrem Schicksal.
Naja...wie dem auch sei...mein Opa muss wohl irgendwann zum christlichen Glauben konvertiert sein .... (was ihn wohl gerettet hat?), meine Uroma wurde glücklicherweise wohl nicht ausgeliefert (berichtete mein Vater über seine Oma)...
Warum meinem Opa so wichtig war, dass ich so früh (kleines Kind) schon erfahre, was in A., D., oder B.-B. geschah, .....dieses Rätsel hat er leider mit ins Grab genommen, ich kam lange nicht auf die Idee, nachzufragen, und als ich mich begann, stärker für die Dinge zu interessieren und jede Menge Fragen auftauchten, waren Oma und Opa leider schon gegangen
Hierbei noch RESPEKT vor Oma, die ihrer besten Freundin noch rechtzeitig bei der Flucht geholfen hat.
(Die beiden besten Freundinnen hatten übrigens ihr Leben lang noch Briefkontakt .
).
Werde mich nach dem Buch umgucken - kann sogar gut sein, dass mein Dad es hat..?Life is a flower, of which love is the honey.
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13.09.2011, 23:57Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
@herbstblatt: Danke.

Liebe Grüße
Fado
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14.09.2011, 09:50
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Ja, das werde ich auch nie verstehen, dass andere Länder sich geweigert haben...Und über die Geheimdienste wußten sie ja vieles, wenn auch nicht alles, was hier abging.
Weshalb die Älteren nicht genug gegen "alles" getan haben...ein weites Feld. Zum einen hatte man gar nicht die Informationen, weil in der Zeitung schließlich nur stand, was drin stehen sollte. Andere Medien gab es nicht. Telefon hatten nur wenige. Da fängts ja dann schonmal an - wie soll man denn wovon Wahrheit erfahren? Die perfide Desinformationspolitik hat doch bestens funktioniert.
Und dann regierte in den Menschen die nackte Angst vor der Staatsgewalt. Bis heute ist ja der Deutsche ansich
obrigkeitshörig. Bloss nix falsch machen.
Filme wie "die weiße Rose" zeigen, was mit Aufrührern passiert ist. Von wegen mal eben demonstrieren...
The original Karla
est. 2006











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14.09.2011, 11:47
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Meine Familiengeschichte
Meine Eltern wurden vor dem 1. Weltkrieg in Lodz im heutigen Polen geboren. Das gehörte damals zum zaristischen Russland . Nach der erneuten Staatsgründung Polens 1918 wurden sie polnische Staatsangehörige mit dem Nationalitätenvermerk: Deutsch.
Mein Vater war ab 1941 an der Leningradfront und fiel dort kurz nach meiner Geburt. Er hat mich nie gesehen.
Meine Mutter wurde ein halbes Jahr nach meiner Geburt zu einer langen Zuchthausstrafe verurteilt, weil sie jüdische Familien im Ghetto mit Lebensmitteln versorgt hatte.
Die Zuchthausstrafe war ein Gnadenerweis, denn der gefallene Ehemann meiner Mutter war schließlich Kriegsheld. Wir Kinder (ich und vier ältere Schwestern) wurden von einer nazigläubigen Familie in Lodz aufgenommen. Dafür sind wir der Familie noch heute dankbar, sonst wären wir alle in irgendein Kinderheim ins Reich verfrachtet worden. Unser Vormund wurde der Gauleiter Arthur Greiser.
Meine Mutter kam kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee frei, da alle Nazischergen inzwischen verschwunden waren. Meine Mutter fand mich im Krankenhaus, ich hatte zu der Zeit Diphtherie. Die Pflegefamilie hatte sich mit meinen Schwestern abgesetzt. Der polnische Arzt drängte meine Mutter zur Flucht, ihren Sohn solle sie dalassen, der stürbe sowieso. Sie nahm mich mit und blieb in einem kleinen Dorf in Westfalen hängen.
Ende 1945 fand meine Mutter über den Suchdienst den Aufenthalt ihrer Töchter heraus. Unsere Lodzer Pflegefamilie war in der französischen Zone gelandet. Sie machte sich auf den Weg, um die Töchter zu sehen und wurde prompt von den Franzosen ins Gefängnis geworfen, weil sie keinen Passierschein hatte. Erst 1949 gelang es ihr, ihre Töchter nach Hause zu holen. Alle waren glücklich, nur ich nicht, denn jetzt hatte ich 4 ältere naseweise Schwestern als Konkurrentinnen.
Da Nazi-Gerichtsurteile nicht automatisch aufgehoben wurden, blieb meine Mutter vorbestraft und erhielt auch deshalb nicht automatisch das Sorgerecht zurück. Ich hatte bis zum 21. Lebensjahr das Jugendamt als Vormund. Das war erträglich, es war immerhin nicht mehr der Gauleiter. Als meine Mutter in den Siebzigern die Chance hatte, gegen das Nazi-Urteil in Revision zu gehen, hatte sie nicht mehr die Kraft und vor allem nicht das Geld dazu.
Der Bruder meiner Mutter war polnischer Reserveoffizier. Nach dem Einmarsch der Deutschen gelang es ihm mit seiner Einheit sich nach Persien durchzuschlagen. Dort wurden die polnischen Soldaten für Großbritannien angeworben, andernfalls drohte ihnen lange Internierung. Er kämpfte in Nordafrika und wurde später Pilot in der Royal Airforce. Er hat nach eigenen Angaben mindestens 60 Kampfeinsätze über dem Deutschen Reich geflogen. Nach dem Krieg ging er nach Kanada und wurde Geschäftsmann. Andere Kameraden von ihm waren nach Polen zurückgekehrt und wurden wegen Kollaboration zum Tode verurteilt.
Ich habe ihn zwei Jahre vor seinem Tod besucht. Er war sehr stolz auf seine Militärkarriere und konnte sich zu recht als Sieger fühlen. Obwohl er immer vorhatte, meine Mutter zu besuchen, ist das nie geschehen.
Wie fühle ich mich? Da meine Sozialisation in Westfalen stattgefunden hat, fühle ich mich als Ruhrpottjunge. Ich liebe Schalke und Arminia, bin aber seit Jahren nicht mehr auf dem Fußballplatz gewesen, außer den Schotterplätzen, auf denen mein jüngster gebolzt hat. Ich rede, denke und träume in Deutsch. Für einen Patrioten halte ich mich nicht.Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel


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