Liebe Esperanza,
ja, das kenne ich auch. Es gab eine Zeit, wo das sogar ein ganz heftiges Bedürfnis war. Aber so verrückt es auch klingen mag, wenn man das gerade so empfindet: da mischen sich alte Bedürfnisse mit gegenwärtigen. Und sei bitte vorsichtig: ein Mann kann dir das nicht geben, was du früh zu wenig bekommen hast! Das ist so eine Falle, in die laufen wir alle oder zumindest die meisten. Und es geht fast immer schief, weil sich alte Bedürfnisse nicht mehr im nachhinein erfüllen lassen. Damit läuft man dem guten Vater oder der guten Mutter nach.
Es hilft aber auch nichts, wenn man das nur weiß, also wenn es eine Kopferkenntnis ist. Das drängende Bedürfnis löst sich erst auf, wenn man weiter geht, in sich runder wird. Denn im Grunde schreit das Kind in einem nach dem, was es brauchte und nie ausreichend bekam. Natürlich heißt das nicht, dass man als erwachsener Mensch nichts bzw. keine Berührung braucht.
Aber weit weniger als wenn da Altes mit mischt. Das kann ich jedenfalls heute sagen. Mir reicht zur Zeit mein kuscheliger Hund vollkommen und ich denke, ich entwickle mich erst zu einer reiferen Einstellung hin. Je offener ich werde, umso mehr Herzlichkeit strömt zwischen mir und anderen Menschen und umso mehr erfülle ich mir dadurch Bedürfnisse auf eine ganz andere Art als früher - nicht direkt, sondern es fließt immer mehr davon in mein Leben ein.
Dennoch - lass die Bedürfnisse zu und versuche, so viel wie möglich davon zu erfüllen, ohne es an einer Person fest zu machen. Das wäre dann doch eher in die Richtung, auf den Ritter am weißen Pferd zu setzen. Setz lieber auf dich und dein Leben und du wirst sehen, du kommst weiter, du siehst vieles mit der Zeit anders, beginnst, anders zu fühlen, kommst dir selber nahe.
Ich halte solche Phasen der drängenden Bedürfnisse für wichtig, weil man damit das zulässt, worüber man sich vorher oft gar nicht klar war. Zulassen ist einfach gut, weil es letztlich befreiend wirkt. Und ob es nun um Wut oder Freude oder Bedürfnisse geht - alles muss raus, denn unterdrückt blockiert es deine Vitalität.
Und je mehr diese wächst, umso mehr verändern sich die Bedürfnisse, werden weit weniger drängend in Richtung "ich brauche von anderen". Wenn einem klar wird, wie unheimlich bedürftig man ist und man steigert sich da nicht rein, indem man meint, das müsse für immer so bleiben und Rettung gibt es nur durch einen anderen Menschen, der einem all das Bedürftige erfüllt, sondern wenn man es einfach annimmt und durchfühlt, erfährt man eine ganze Menge über sich selbst. Der spontane Weg ist natürlich, dass man sich genau das erfüllen möchte, wonach es einem drängt. Habe ich auch oft genug versucht, bin aber darin immer wieder sehr ernüchtert worden.
Bis ich aufgehört habe damit und mich auf mich besonnen habe.
Aber - es dauert. Sowas geht nie schnell, denn man ist ja immer im Jetzt und weiß nicht, wo man in drei Monaten oder drei Jahren sein wird. Es ändert sich aber, wenn man weiterhin aufrichtig zu sich selbst bleibt. Man nimmt Bedürfnissen oft schon die Spitze, wenn man sie sich wirklich eingesteht und sie nicht verdrängt. Sobald ich mir immer öfter sagte "da geh ich durch" veränderte sich immer mehr.
LG
Lena
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20.04.2010, 08:10Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
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20.04.2010, 08:15Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Hallo Frangipani,
ja, die Krücken machen den Weg zwar vorübergehend scheinbar leichter und manche leben ewig damit, aber zu sich selbst kommt man damit halt nie. Ich denke mir oft, auch wenn so viel Schweres hinter mir liegt, macht mir das nichts mehr aus, wenn ich irgendwann dahin komme, ein zufriedenes und erfülltes Leben zu führen. Im Gegenteil, denn dann hat es sich wirklich gelohnt, mich all dem zu stellen. Denn Leben haben wir alle nur eines und wenn die späten Jahre wirklich gut sind, entschädigt das für alles. Weil es dann auch das Jetzt ist und woanders kann niemand leben.
LG
Lena
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20.04.2010, 09:53Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Liebe Lena,
mir gefällt die klare Art, wie du schreibst, sehr
Es hört sich alles so einfach an, so harmonisch im Fluss. Allerdings ist mir nicht ganz klar, worauf du letztendlich hinauswillst. Was ist deiner Meinung nach die Erkenntnis, die am Ende eines Weges stehen wird? Dass der Mensch niemanden braucht, um glücklich zu sein? Dass Krücken eher hinderlich sind, Bedürfnisse anzunehmen und zu durchleben, aber sonst unbedeutend?
Das Beispiel, @esperanza betreffend: Sie vermisst so sehr die körperliche Nähe. Du schreibst ihr, die Heftigkeit wäre ein Indikator vergangener nicht-erfüllter Bedürfnisse. Bei einem Erwachsenen ist jedoch der Grad wesentlich geringer (was sich für mich liest wie: vernachlässigbar klein).
Wenn ich körperliche Sehnsucht verspüre, dann kann ich beispielsweise mich selbst befriedigen. Aber das stillt lediglich den Trieb, die animalische Lust. Genauso, wenn ich für die Befriedigung bezahle. Auch da reduziert es sich auf die pure Körperlichkeit... Ich denke aber, was @esperanza meinte, war das Begehren und Begehrtwerden, ausgelebt in Sexualität mit einem Menschen also, den man liebt und von dem man geliebt wird.
Ich denke auch nicht, dass in jedem Falle eine Krücke den Weg zu sich selbst versperrt. Wäre es nicht manchmal sogar leichtfertig, einen hohen Berg ohne Krücke besteigen zu wollen? Wir sind nicht allein auf der Welt, und wir sind soziale Wesen.
Schlaflos
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20.04.2010, 11:56
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Krücken den Weg zu sich selbst versperren.
Einen hohen Berg mit Krücke zu besteigen halte ich für nicht so sinnvoll als vielmehr Bergsteigerschuhe und -werkzeug zu nehmen.
(um in Deinem Bild zu bleiben)
Den Satz: Wir sind nicht allein auf der Welt, und wir sind soziale Wesen.
halte ich persönlich für einen Satz, um andere klein zu halten.
Gerade wenn ich mich so fühle als wenn ich ganz allein auf der Welt bin und meine sozialen Kontakte nicht funktionieren in dem Sinne, dass ich mich problemlos in die Gesellschaft einfüge wie sie ist (weil das meinem Inneren widerspricht) ist es möglich seinen eigenen Weg zu sich zu finden.
Danke an Lena50. Ich wollte mehrmals aufhören zu lesen, weil ich immer nur nickte: Ja, genau so war auch mein Leben (bis auf das Kind) ABER: Dein Text leuchtet und spricht eine klare Sprache und Deutlichkeit ohne Missionierung wie ich es nicht auf die Reihe kriege. So habe ich bis zum Ende gelesen neidisch weil Du so gut beschreibst.
Grüße
-ND-Geändert von -ND- (20.04.2010 um 13:07 Uhr) Grund: tippfella
Das Glück gehört denen die sich selber genügen." Aristoteles
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20.04.2010, 12:57Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Hallo Schlaflos,
nein, das wollte ich damit nicht ausdrücken. Die Erkenntnis am Ende meines Weges kann ich dir heute nicht mitteilen, weil ich noch nicht am Ende meines Weges angekommen bin. Und schon gar nicht wollte ich ausdrücken, dass der Mensch niemand braucht!
Aber das, was in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist, ist, dass man gar nicht zu seinen erwachsenen Bedürfnissen kommt, sondern oft ein Leben lang nur die kindlichen (eben gemischt mit den erwachsenen) lebt und sich immer wieder wundert, warum es mit der Erfüllung nicht klappt. Man verwechselt Abhängigkeit mit Liebe und die Enttäuschung folgt irgendwann auf den Fuß und das ganze Spiel beginnt von vorne.
Ich habe es auch gespielt, ich sage keinesfalls, dass man es nicht spielen sollte, weil man nur aus Erfahrung lernt und weil man in jungen Jahren meist ganz andere Prioritäten setzt als echte Selbstfindung.
Ich habe auch nie gemeint, den Weg zu sich selbst zu gehen, um am Ende alleine zu sein, eher im Gegenteil, denn echte Verbindungen zu Menschen bedingen auch echte Menschen. Also muss man einer werden. Dass aber dazwischen ein (oft ziemlich langer Weg) liegen kann, wo man auf manches verzichten muss, weil es die Entwicklung aufhalten würde und man sonst nie die echten von den uralten und unbewussten Bedürfnissen trennen kann, ist nun mal so.
Es ist schwierig zu erklären, ich hab's selbst auch immer erst zu verstehen begonnen, wenn ich dort war. Ich kann nur sagen, den Wunsch, geliebt zu werden, haben wir alle. Aber wer kann schon wirklich lieben? Das meiste davon ist doch Bedürftigkeit und die Hoffnung, das Leben werde endlich schön, wenn nur der wirklich liebende Partner da ist. Und genau das sind alte unerfüllte Bedürfnisse, die da sprechen.
Selbstverständlich gibt es auch die erwachsenen, nach Sexualtität ebenso wie nach Zärtlichkeit und überhaupt seelischer und geistiger Verbindung. Wobei für die letzten zwei keine Zweierbeziehung nötig ist.
Es ist natürlich eine riesige Bereicherung, wenn man einen liebenden Partner hat, aber wenn das zum Muss für ein gutes eigenes Leben wird, stimmt etwas mit dem eigenen Leben nicht.
Die erwachsenen Bedürfnisse sind nicht zu vernachlässigen, das wollte ich nicht sagen, aber sie sind nicht so furchtbar drängend und man kann sehr gut längere Zeit damit leben ohne Beziehung. Man kann das aber nicht, wenn das Kind in einem drin die Streicheleinheiten braucht und unbewusst ständig den Mangel raus schreit. Auf solcher Basis gehen Beziehungen selten gut, man muss sich nur umsehen.
Ich sage ja nicht, dass ein 20- oder 30jähriger Mensch das schon so sehen kann oder sehen sollte. Er muss auch seine Erfahrungen machen, um zu lernen. Abgesehen davon lernen etliche auch nicht besonders viel dazu, aber die denken eh über solche Dinge nicht nach. Aber ich darf das heute so sehen nach meinem langen Weg und ich tue es auch.
Man wird übrigens nicht weniger sozial, je mehr man zu sich selbst findet, sondern immer sozialer. Was meinst du, was da alles an Ängsten, an Vorurteilen, an Kompensationen weg fällt? Das macht doch nicht egozentrischer, sondern das Ego wird immer umwichtiger und das Verbindende zu anderen Menschen, auch das Mitgefühl und die sensible Einfühlsamkeit immer stärker.
LG
Lena
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20.04.2010, 13:06
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20.04.2010, 13:19
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Liebe Lena, vielen Dank. Du machst mir sehr, sehr viel Mut, den Weg, den ich eingeschlagen habe, weiterzugehen.

@ schlaflos
Ich denke nicht, dass es um eine tiefe Erkenntnis geht. Das habe ich am Wochenende auch mit wundervollen Menschen so diskutiert. Diese ständige Suche nach dem Großen versperrt tatsächlich den Blick, auf die vielen guten kleinen Dinge. Ich sehe Lena auch deshalb schreiben, weil sie selbst von Staunen erfüllt ist über die vielen einfachen Dinge, die ihr passieren und gut tun, die sie sich bewusst schafft, die sie lange Zeit nicht für möglich gehalten hätte.
Warum sollte nicht allein dieses Gefühl Sinn gebend sein?Zurück ist ein Ort, den es nicht gibt.
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20.04.2010, 13:29
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Das Glück gehört denen die sich selber genügen." Aristoteles
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20.04.2010, 13:44Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Liebe Lena,
danke für deine ausführliche Antwort. Jetzt kann ich viel besser verstehen, was du gemeint hast, und ich gehe mit dir da auch vollkommen d'accord!
Ich stehe gerade unmittelbar davor, das erstemal in meinem Leben bewusst allein zu leben (zwar mit Kindern, aber ohne Partner). Mir gehen viele dieser Gedanken durch den Kopf, und deine Zeilen haben mir Mut gemacht, diesen Weg so unbefangen wie möglich zu gehen und ihn für mich und meine Selbstfindung ganz bewusst zu nutzen.

Liebe -ND-,
ich habe das Bild der Krücke durchaus als (Lebens-)Hilfe betrachtet; Bergsteigerausrüstung ist also gemeint gewesen
Aber doch nur, wenn er als manipulative Aufforderung gemeint ist. Davon bin ich weit entfernt.
Zitat von -ND-
Der Mensch als soziales Wesen ist eben der Mensch, der in Familienverbänden lebt, oder neuzeitlicher in social networks engagiert ist. Er zieht daraus nicht zuletzt auch sein eigenes Bild, sein Selbstbild.
Aber ich weiß jetzt, dass es Lena in einem anderen Kontext gemeint hat. Mit diesem kann ich mich absolut anfreunden. Wir sind wirklich frei, wenn wir vom Anderen nichts wirklich brauchen
Liebe Dieclou,
Ja, warum eigentlichIch denke nicht, dass es um eine tiefe Erkenntnis geht. Das habe ich am Wochenende auch mit wundervollen Menschen so diskutiert. Diese ständige Suche nach dem Großen versperrt tatsächlich den Blick, auf die vielen guten kleinen Dinge.
Das ist in der Tat ein interessanter Aspekt
Schlaflos
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20.04.2010, 15:30Inaktiver User
AW: Es ist mehr möglich als man denkt
Hi Lena,
danke für deine ausführliche Antwort.
So geht es mir auch, noch nie war mein Verhältnis zu meinem Umfeld, Kindern, Freunden, Kollegen, so herzlich und entspannt wie es jetzt ist und es wird immer besser.Je offener ich werde, umso mehr Herzlichkeit strömt zwischen mir und anderen Menschen und umso mehr erfülle ich mir dadurch Bedürfnisse auf eine ganz andere Art als früher - nicht direkt, sondern es fließt immer mehr davon in mein Leben ein.
Was ich nicht verstehe, wie lässt man dieses zu, wenn es sich ganz klar um etwas handelt, das nur ein Mann erfüllen kann (kein Kind oder Haustier). Meinst Du damit, dass ich meine Bedürfnisse für körperliche Liebe umkanalisieren soll?Ich halte solche Phasen der drängenden Bedürfnisse für wichtig, weil man damit das zulässt, worüber man sich vorher oft gar nicht klar war. Zulassen ist einfach gut, weil es letztlich befreiend wirkt. Und ob es nun um Wut oder Freude oder Bedürfnisse geht - alles muss raus, denn unterdrückt blockiert es deine Vitalität.
Ich verstehe das eigentlich nicht wirklich.Man nimmt Bedürfnissen oft schon die Spitze, wenn man sie sich wirklich eingesteht und sie nicht verdrängt. Sobald ich mir immer öfter sagte "da geh ich durch" veränderte sich immer mehr.
lg gruss
esperanza



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