Ihr Lieben,
dieser Strang richtet sich in erster Linie an Leute, die im Ausland wohnen - und da in der Rubrik "Community weltweit" nie viel los ist,
möchte ichs gerne hier versuchen. Natürlich sind auch andere gerne eingeladen mitzureden ...
Ich finde, das Thema paßt auch insofern in die "Persönlichkeit", da es um Identitätsfragen geht, oder im weitesten Sinne um die Frage "Wer bin ich eigentlich wo ..."
Bei mir kommt dies seit ein paar Wochen immer mal wieder hoch, und gerade angeregt durch ullatrullas Strang hier würde ich mich über Resonanz freuen.
Zu meiner Person: Kleinkindzeit im (fernen) Ausland, Schulzeit und Uni in Deutschland und (nahem) Ausland, lebe ich seit einigen Jahren in den USA und merke, so richtig "deutsch" bin ich nicht mehr. Als Amerikanerin würde ich mich aber auch nicht bezeichnen.![]()
Ich kann mich tierisch über gewisse amerikanische Zustände aufregen, auch wenn ich andere Annehmlichkeiten des Landes sehr schätze. Bin ich zu Besuch in Deutschland oder lese ich in der Bri fallen mir manchmal Einstellungen auf, die ich lange abgelegt habe, ein gewisses Sicherheitsdenken z.B.
Auf der einen Seite also eine Position, mit der ich vieles wahrnehmen kann, auf der anderen Seite fühle ich mich nirgendwohin gehörig...
Ich fange an, meine deutsche Seite zu verlieren, gewinne aber nichts Neues ... oder doch?
Wie geht es euch?
Alles Gute, Kitty![]()
Antworten
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21.01.2010, 00:36
Identität als Deutsche(r) im Ausland
Coat check girl: Goodness! What lovely diamonds!
Mae West: Goodness had nothing to do with it...
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21.01.2010, 01:17
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Hi Kitty
ähnlich
10 Jahre Australien - nicht mehr ganz deutsch, aber auch nicht ganz australisch.
Andererseits: wenn man mich nach Nationalität fragt, sag ich schon automatisch "deutsch".
Ich werd hier nie mit Flagge rumrennen, wie die Aussies, weil ich das als Deutsche nicht gewohnt bin - aber ich krieg schon feuchte Augen bei bestimmten traditionellen, nationalen Anlässen hier - ehrlich gesagt sogar eher als bei deutschen Zeremonien, zur Zeit.
Liegt aber vielleicht auch mit an der Inbrunst, mit der die Aussies das so zelebrieren.
Dieses "Nirgendworichtighingehören" - das teilen wir mit Vielen, die in der gleichen Situation sind. Höre ich oft hier, nicht nur von Deutschen. Ich denke, das Gefühl haben wir aufgegeben, als wir das Land gewechselt haben.
Mag sein, dass es mal wiederkommt.
Was ist Identität? Vielleicht entwickeln wir gerade eine eigene, die sich nicht in Schablonen pressen lässt. Eine Kombination aus beiden (oder mehreren) Ländern?
Ich merke, dass das extreme Sicherheitsdenken bei mir auch langsam schwindet, weil es gar nicht anders geht. Dass ich vieles nicht mehr so ernst nehme, worüber ich mich vor Jahren noch hätte aufregen können, dass ich weniger nöle.
Da hat die australische Mentalität sicher dazu beigetragen, aber wer weiss, wie ich mich sonst auch woanders entwickelt hätte.
Dafür bin ich aber immer noch sehr deutsch pünktlich.
PS: mir hat mal jemand gesagt: "ich hab das Beste aus beiden Welten" - das ist doch ein Ansatz ;-)"I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves
Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.
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21.01.2010, 14:35Inaktiver User
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Eigentlich bin ich gar nicht Deine Zielgruppe. Geboren in Bielefeld, bin ich bedingt durch den Beruf meines Vaters ca. alle 2 Jahre innerhalb Deutschlands umgezogen bis ich mit 21 Jahren auszog.
Seit 29 Jahren lebe ich nun wegen meines Mannes im Saarland. Aber eine Saarländerin werde ich nie und nimmer. Nie werde ich den Dialekt sprechen, nie mich mit den Menschen hier identifizieren können.
Meine Eltern wohnen jetzt in Hessen, ich komme also auch nicht mehr in meine alte Heimatstadt. Ich habe mich damit abgefunden, eine vaterlandslose Gesellin zu sein. Habe ich noch etwas typisch bielefelderisches an mich? Ich weiß es nicht.
Wenn ich bei uns an der Uni auf jemanden aus Norddeutschland treffe, erkenne ich das sofort, ohne denjenigen sprechen zu hören, ein Blick genügt.
Am Sonntag Abend sah ich die Witwe unseres ehemaligen Bundespräsidenten Christina Rau im Fernsehen. Bielefelderin und gleicher Jahrgang. Da merke ich schon etwas vertrautes, ein besonderes Gefühl in mir. Da entsteht so etwas wie Heimatgefühl, dann kann ich sagen, ja, ich bin eine typische Ostwestfälin.
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21.01.2010, 16:26
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Seit 2000 im Ausland, in verschiedenen Laendern. Einen deutschen Akzent habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr wenn ich Englisch spreche. Das Nirgendworichtighingehören, das Gefuehl hatte ich schon in der Grundschule: Ich wollte immer schon ins Ausland. Jetzt habe ich es nicht mehr. Ich gehoere dort wo ich mich wohl fuehle einfach dazu.
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21.01.2010, 16:50
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Hallo Kitty,
ähnlich auch
Und ich muss es Dir sagen: es wird nie besser. Es ist eine Frage über das Dazugehören und Nichtdazugehören, über den Wunsch dazuzugehören und darüber, dass dieser Wunsch in den Hintergrund tritt.
ich bin seit 18 Jahren! ganz weit weg von daheim, obwohl ich jedes Jahr für 1 Monat zurück fliege, um meine Eltern und Brüder zu besuchen. Ich habe schon in Australien, USA (California), China, Südafrika, und Mexiko gelebt. Derzeit sind wir vor ein paar Wochen nach New York umgezogen und wir werden hier endlich! lange, lange Zeit bleiben, bis wir wieder heimkehren können, wenn auch erst im Ruhestand meines Mannes - Haus mit Garten warten schon daheim auf uns....bin mit alle Art von Menschen, Kulturen und Schichten umgegangen. Daher glaube ich, bin sehr tolerant und fähig die Menschen zu verstehen und auch das Gute von jedem Land zu schätzen und in meinem Leben einzufügen. Das hat mein Leben unheimlich viel bereichert und geprägt.
Ich hatte viel Glück in meinem Leben und jetzt in Amerika. Mein Leben ist perfekt.
Aber manchmal, vielleicht im Auto, wenn ich glücklich und sorglos die Strasse entlang fahre und Musik am iPod höre, überkommt mich ganz plötzlich ein unbeschreibliches, schmerzhaftes Heimweh. Es ist, als ob zehntausend Tonnen von oben auf mich herunter drückten, und ich fühle mich so allein und einsam. Als Emigrant ließ ich so vieles zurück, dass ich lieb hatte. Ich verpasste alles, was zuhause geschah. Das Leben dort ging ohne mich weiter. Ich war nicht dabei, als meine Oma (die mich über alles liebte) alt wurde und starb. Daran zu denken macht mir ewig Schuldgefühle. Meine Brüder leben ohne ihre Schwester. Meinen Eltern habe ich die Möglichkeit weggenommen, ihre Großkinder aufwachsen zu sehen. Meine Nichten und Neffen kennen mich nur als Nebenfigur, die Weltreisende Tante, der manchmal auftaucht und wieder verschwindet. Ich fühle mich dann auch heute noch mit fast 39, nach achtzehn Jahren im Ausland, wie ein Fremder in der Fremde, und es wird mir klar, "Ich bin ganz weit weg von Daheim".Geändert von AnaPaula (22.01.2010 um 04:35 Uhr)
... "they say life´s what happens what you´re busy making other plans. But sometimes in New York, life is what happens while you´re waiting for a table."....S.J.P.
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21.01.2010, 17:53
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Ich lebe seit 1999 in der Schweiz und bin auch schon mehrere male innerhalb der Schweiz umgezogen. Fühle mich immer noch deutsch und kann meine sächsische Herkunft schon aufgrund meines noch teilweise vorhandenen Dialektes nicht leugnen. Mittlerweile wohn ich am Bodensee und damit recht nah an Deutschland....denn einige sachen vermiss ich halt auch nach 10 Jahren noch... richtiges Brot zb.
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21.01.2010, 22:29
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Carolly - verraetst du mir DEN Trick? Ich glaub, ich werd das nie schaffen, auch wenn mir manche sagen, ich klinge wie eine Irin oder Skandinavierin - aber ich denke, das ist nur Hoeflichkeit.Einen deutschen Akzent habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr wenn ich Englisch spreche.
Die Sprache: ja... ich hab mich so richtig 'angekommen' gefuehlt, als ich die ersten schriftlichen Diskussionen (jobbedingt) auf englisch halten konnte - und als ich meinen ersten Witz auf englisch gemacht habe, der auch noch ankam
AnaPaula: schoen geschrieben
"I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves
Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.
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22.01.2010, 01:26
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Hallo und vielen Dank für die Antworten!
Ist ja interessant, dass viele, die man hier so kennt, auch im Ausland wohnen! Wußte ich gar nicht. Ich denk' manchmal, wenn ich hier ab 17.00 Ortszeit schreibe: "Oh, die hier noch wach sind, haben bestimmt Nachtschicht!"
Der allgemeine Tenor scheint ja zu sein, dass man dieses Zerissene nie ganz verliert ...
... auch nicht nach 18 Jahren! Und ich dachte, es geht irgendwann vorbei.
"Das Beste aus beiden Welten", frangipani, finde ich eine schöne Idee. Oft wird man aber auch in Situationen gezwungen, die mir wirklich auf den Geist gehen, z.B. überall und immer danach gefragt zu werden, wie das allgemeine Befinden ist und dabei noch gut drauf sein zu müssen. Woran ich mich nie gewöhnen werde, ist, dass selbst Bankschalterbeamte Smalltalk machen müssen, z.B. vor dem 4. Juli: "Und, grillt ihr morgen auch?"
Ich hab manchmal einfach keine Lust, mich zu unterhalten... Da denke ich oft an die grießgrämigen, aber wenigstens ehrlichen bayrischen Beamten zurück...
Wie geht ihr damit um?
Gibt es zu dem Thema eigentlich irgendwelche Literatur?
Unter "Migranten" oder "Menschen mit Migrationshintergrund" wird ja immer eher etwas anderes verstanden als Deutsche in Australien.
Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer Südamerikanerin, die mir sagte, das Wichtigste sei, sich "anzupassen". Passt ihr euch an? Inwiefern?
Wie schaffst du das?
Kitty
Coat check girl: Goodness! What lovely diamonds!
Mae West: Goodness had nothing to do with it...
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22.01.2010, 05:08
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Hmm.. da habe ich auch drueber nachgedacht aber habe nicht wirklich eine Antwort. Vielleicht haengt es damit zusammen, dass ich mich als Kind in dem Herkunftsdorf eher als Fremde fuehlte. Dein ganzes Leben ist schon vorbestimmt: Schule, egal welche, Ausbildung, Heiraten, Kinder kriegen und zu Hause bleiben. Oder eventuell doch arbeiten und im Mittelpunkt des Dorfklatsches stehen. Und jeder Tag ist genau derselbe als der Tag davor, ohne irgendwas neues, ohne Ueberraschungen. Selbst die Urlaube wurden immer in denselben Orten verbraucht, die auch nicht so viel anders waren. Mit 6 bin ich zum ersten Mal alleine auf eine Freizeit gefahren, von Norddeutschland mit dem Bus fuer 3 Wochen nach Oesterreich. Seitdem will ich immer wieder andere Laender sehen. Wenn ich heutzutage meine Eltern besuche habe ich das Gefuehl, dass 10.000 Tonnen Gewicht von oben auf mich herunterdruecken.
Vielleicht verlange ich selber nicht so viel. Alles was anders ist als dieses Dorf ist schon genug, egal ob Berlin oder Buenos Aires. Ich haenge auch nicht an materiellen Werten, finde es nicht schlimm Dinge zurueck zu lassen und brauche auch z.B. kein deutsches Gesundheitssystem oder eine effiziente Buerokratie.
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22.01.2010, 05:58
AW: Identität als Deutsche(r) im Ausland
Nach 20 Jahren Ausland bin ich auch nicht mehr ganz „deutsch“ – aber ich bin natürlich jetzt in China auch keine Chinesin geworden, und wurde auch keine Inderin, als ich in Indien lebte.
Dazu sind „meine“ Länder viel zu konträr und ich habe auch meine eigenen „deutschen“ Wertvorstellungen, die z.T. in krassem Widerspruch zu meinen jeweiligen „Gastländern“ stehen/standen.
Ich bin über die Jahre tolerant geworden – ich kann heute leicht unterschiedliche Denk- und Lebensweisen akzeptieren, weil ich die Hintergründe dazu besser nachvollziehen kann.
In meiner Lebensweise sind „fremdländische“ Elemente eingebaut, die ich als sehr bereichernd und schön empfinde.
Ich denke, frangipani drückt es ganz gut aus: wir entwickeln eine Identititäts Kombination aus zweien ( oder mehreren) Ländern und bekommen das Beste aus zweien ( oder mehreren) Ländern.
So empfinde ich das auch und kann mit dieser Situation gut umgehen.
Daher fühle ich mich auch nicht zerrissen, auch wenn eins klar ist: in China werde ich immer der exotische Vogel bleiben – gemocht, aber niemals integriert, da ohne chinesisches Blut...
Anpassen? Spucken tu ich nicht, aber heute TRINKE ich die Suppe ( in China isst man die Suppe nicht)....
Sensible Themen behandle ich so was sie sind: sensibel.
lamlokAlle sagten: das geht nicht. Dann kam eine, die wusste das nicht und hat´s einfach gemacht.


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