Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich den Menschen die mir nahe stehen etwas vorspiele, was ich eigentlich gar nicht bin bzw. Dinge verheimliche, die mir unangenehm oder peinlich sind.
Nehmen wir nur mal meine Mutter: gegenüber ihr bin ich immer die taffe Tochter: mit beiden Beinen fest im Leben stehend, jede Menge Ziele vor Augen, seit Jahren in einer Beziehung....
Dass ich eigentlich total unglücklich bin, habe ich nie vermitteln können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich im Laufe der nächsten Monate von meinem Freund trennen werde, aber für sie sind quasi untrennbar...
Es geht auch um ganz banale Dinge: mein Auto pfeift aus dem letzten Loch. Für Reparaturen habe ich bald kein Geld mehr und es lohnt sich auch einfach nicht mehr, noch mehr in die Schrottkarre reinzustecken. Das habe ich neulich meiner Mutter erzählt und hinzugefügt: "Fahr ich halt mit dem Fahrrad, eigentlich brauch ich eh kein Auto". In Wirklichkeit habe ich nicht mal ein funktionierendes Fahrrad und mich wurmt das kaputte Auto ungemein...
Es klappt aber nicht, das zu vermitteln und ich weiss nicht wieso. Ich will keine Szene machen, kein Mitleid erregen, sondern einfach darstellen wie es ist. Und so geht es mir mit ganz vielen Leuten.
Einem Kommilitonen wollte ich sagen, dass ich mit seiner Arbeitsleistung und -einstellung nicht zufrieden bin (in einer Projektgruppe). Was am Ende des Gesprächs rumgekommen ist, waren minimale Kritikpunkte und ansonsten ein zufriedenes Lächeln.
Und so geht das weiter und weiter.
Was läuft falsch?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 14
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15.10.2009, 12:05
Tatsachen vermitteln vs. verstellen
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15.10.2009, 14:14
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Mir kommt beim Lesen der Gedanke, dass Du vielleicht Angst hast verletzt zu werden.

Solange Du die Starke spielst (sicher nicht IMMER nur gespielt), gibt es keinen Grund sich um Deine Belange zu sorgen. Keiner kommt Dir zu nahe, weil Du schaffst es ja alles allein. Somit erfährst Du nicht, wie wohltuend es ist, wenn man aufgefangen wird, wie wertvoll es ist, einfach mal seinen Gedankenwust loszuwerden, wenn andere mitdenken. Und Du stehst auch nicht in der Gefahr nicht verstanden zu werden, abgelehnt oder für zu schwach/sensibel, unselbständig gehalten zu werden.
Wer sich gar nicht öffnet, bleibt sehr allein. Warum öffnet man sich nicht? Wegen schlechter Erfahrungen oder weil man es so vorgelebt bekommen hat, dass man mit einer Schutzmauer vermeintlich sicherer/besser lebt.
Mit Sorgen lenkt man auch die Aufmerksamkeit auf sich. Man steht im Mittelpunkt. Das setzt voraus, dass man sich selbst und die eigenen Sorgen ernst nimmt.
Vielleicht merken andere durchaus manchmal, dass es Dir nicht gut geht. Aber durch Dein drüber-hinweg-bügelndes "Kein Problem
", nimmst Du ihnen ein großes Stück von der Chance Dir helfen zu können und zu dürfen!
So. Genug. Rede ich Müll für Dich oder kannst Du was mit meinem ersten Eindruck anfangen?
LG Minza
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16.10.2009, 08:46Inaktiver User
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Geändert von Inaktiver User (16.10.2009 um 08:48 Uhr) Grund: kaufe noch ein g
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18.10.2009, 14:10
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Nein, du redest keinen Müll. Ich habe in den letzten Tagen mal ein wenig darüber nachgedacht, warum ich in den Situationen so gehandelt habe oder warum sich Gespräche nicht so entwickeln, wie ich es mir eigentlich vorgenommen hatte.
Zum einen möchte ich natürlich nicht, dass andere mich als verletzlich oder angreifbar sehen. Weniger, weil mir das an sich peinlich ist, sondern weil ich die Starke bin und alles kann (übertrieben gesagt).
Zum anderen aber auch, weil ich niemandem zur Last fallen will. Bei meiner Mutter merke ich das besonders stark. Sie hat ihren Job, in dem sie sehr eingebunden ist. Je älter sie wird, desto mehr, habe ich das Gefühl. Da will ich dann nicht ankommen, mein kaputtes Ego mit all meinen Problemen raushängen lassen, um ihr noch etwas zu geben, worum sie sich sorgen muss. Ich will ja die ewig erfolgreiche, fröhliche und geliebte Tochter sein.
Ich bin in meinem Leben mehrmals enttäuscht worden, wie so viele andere auch. Aber vielleicht haben mich manche Situationen einfach vorsichtiger werden lassen.
Teilweise kann ich das auch auf meine Kindheit zurückführen. Auch wenn ich keine schlechte Kindheit hatte, bin ich wenig verwöhnt und verhätschelt worden. Das hat durchaus auch gute Seiten, aber brachte auch mit, dass man teilweise etwas schroff mit mir umgegangen ist.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir mal den Arm beim spielen gebrochen habe. Zuerst bekam ich dann zu hören "Stell dich nicht so an!", "Beiss die Zähne zusammen, das wird schon wieder", aber ich saß heulend im Esszimmer und wusste genau, dass da etwas schlimmeres passiert ist. Nach einer Zeit hat sich dann meine Mutter doch entschieden, mit mir ins Krankenhaus zu fahren. Nicht ohne mir vorher noch mal klarzumachen, dass sie sehr ärgerlich ist, wenn dort nichts diagnostiziert wird. Als dann klar war, dass der Arm gebrochen ist und ich Wochen mit dem Gips herumlaufen muss, war die Betroffenheit groß.
Es war also schon damals schwierig, meine Familie von meinem "Leid" zu überzeugen.....
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21.10.2009, 20:08
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Nachvollziehbar, Dein innerlicher Rückzug!
Zur Theorie (die ich mir gern selbst vorbete
)
Du brichst Dir keinen Zacken aus der Krone, wenn Du mal zugibst nicht ALLES zu können. Du wirst nur menschlich! Und womöglich verlierst Du ein Stück Unnahbarkeit, evtl. nach außen wirkende Arroganz, Übermut und gewinnst Herzenswärme, Sympathie, Mitgefühl und tatkräftige Hilfe! :::::::::::::::::::::::::::::::::
Und ob andere Dein Problem zu ihrem machen, lass doch erstmal die Sorge anderer sein! Zerbrich Dir nicht den Kopf anderer! Vielleicht unterschätzt Du Deine Mitmenschen in ihrer Belastbarkeit gehörig! Deine Last der Gedanken ist nicht so schwer für andere die sie nur für einen begrenzten Zeitraum mittragen. Jeder hat genug mit sich selbst zu tun, als dass er sich in den Untiefen des anderen verlieren würde.
Zur Praxis
Hast Du jemanden mit dem Du darüber reden kannst? Oder empfindest Du auch das als Zumutung für denjenigen, der Dir zuhören würde? Kleine Schritte mit einer vertrauten Person üben?
Das vermutlich nächste Lern-Paket: Annahme!
LG
Minza
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23.10.2009, 17:53
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Das grundsätzliche "drüber reden" ist nicht das Problem. Mit dem Reden anzukommen bzw. damit auf fruchtbaren Boden zu stossen, ist da schon schwieriger.
Ich habe schon mit 2-3 Menschen darüber gesprochen, nur mit dem Ergebnis war ich nicht zufrieden. Ratschläge wie "Versuch es doch einfach, lass es einfach raus!" sind zwar gut gemeint, helfen mir aber nicht weiter. Es ist zwar grundsätzlich korrekt, aber wenn ich das einfach auf Befehl schaffen würde, würde ich es längst tun.
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23.10.2009, 19:21
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich könnte mir vorstellen, dass es hilfreich wäre, mit einer Person die Dich gut kennt (um nicht gleich professionelle Hilfe vorzuschlagen), über Deine Kommunikationsstruktur bzgl. Problemen zu sprechen und welche Motivation dahinter steht.
Zur Kommunikationsstruktur/Praxis:
Ein Beispiel mit irreführender Wirkung wäre zu lächeln während man was Problematisches erzählt. Nächstes Beispiel sind Satzendungen, die eine Diskussion killen, wie "aber das ist ja kein Problem", wenn es eigentlich eins ist. Noch ein distanzschaffendes Beispiel sind prinzipielle Verneinungen; man redet weiter und wiederholt inhaltlich die Erläuterungen des Gegenüber, die man gerade noch vehement verneint hat. Etc.
Zur Motivation/Theorie:
Die Motivationserörerterung könnte dazu führen, nachzufühlen, ob Strukturen gegenwärtig noch nötig sind. Etc.
Ein weites Thema und alles andere als einfach und mal eben zu lösen.
Ja, mit "versuche es doch einfach" kommt man keinen Millimeter weiter. Eine Floskel jederzeit für wen und welches Problem auch immer einsetzbar, gehaltlos. Schade! Waren das denn 'echte Freunde/Innen'?Ich habe schon mit 2-3 Menschen darüber gesprochen, nur mit dem Ergebnis war ich nicht zufrieden. Ratschläge wie "Versuch es doch einfach, lass es einfach raus!" sind zwar gut gemeint, helfen mir aber nicht weiter. Es ist zwar grundsätzlich korrekt, aber wenn ich das einfach auf Befehl schaffen würde, würde ich es längst tun.
Aber hier ist eben die Art und Weise wichtig, wie und was Du zu einem Problem sagen kannst, ob Du dazu stehst (verbal + nonverbal). Vielleicht kommt es bei Ihnen so unwichtig an, dass sie mehr nicht sagen können!?
LG Minza
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24.10.2009, 13:16
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
hallo zitronengruen...
noch ein denkanstoß: du schreibst, du willst niemandem zur last fallen. zu hause hast du bei problemen gelernt: "stell dich nicht so an".
das heißt, du hast gelernt - ich beobachte nur! - dass deine probleme nicht so wichtig sind.
du hattest NIE die erlaubnis, ein problem zu haben - oder eben auch "jemandem zur last zu fallen."
jetzt bist du erwachsen. der einzige mensch, der dir das (noch) erlauben kann, bist du selbst.
also: ERLAUBE dir, ein problem zu haben. niemand hat keine probleme. die bri ist voll davon. auch DU DARFST DAS. aber:nur DU SELBST kannst dich dazu autorisieren.
- exkurs: mich hat das im coaching total erleichtert, als meine unbeteiligte coach mal irgendwann gesagt hat: du musst doch gar nicht alles auf einmal hinkriegen! du glaubst das zwar, aber eigentlich will das keiner von dir! ... da hat sich bei mir ein schalter umgelegt... und langsam, ganz langsam geht es besser -
lg von
der ratte
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30.10.2009, 22:01Inaktiver User
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Perfekt ist langweilig.
Nähe entsteht erst,
wenn du dich zu erkennen
gibst.
Eine wunderschöne Erfahrung diese
Nähe.
Schmeiß das Hochglanzfoto von dir weg,
taff, mit beiden Beinen im Leben stehend,
lächelnd.
So kannst du auf Wohnungssuche gehen.
Aber doch nicht zu deinen Eltern oder
an die Uni.
Keiner kann unter die Fassade blicken,
wie es dir wirklich geht.
Das finde ich sehr schade.
Wieso ist es dir peinlich, dass
du dich trennen willst?
Ich nenne das: Weiterentwicklung.
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31.10.2009, 00:20
AW: Tatsachen vermitteln vs. verstellen
Das was du schreibst, kommt mir sehr schmerzlich bekannt vor. Mir sagen auch oft Leute, dass ich so stark wirke usw. Ich glaube, dass ich damit auch Menschen abschrecke. Es ist schwer, das zu ändern, wenn man unbewusst einfach nicht verletzt werden möchte. Ich versuche dann manchmal, mich ganz bewusst darauf einzustellen, dass mich jemand verletzen könnte, wenn ich mich öffne, und dass ich das zulasse. Dann geht es ein wenig besser. Wirklich stark ist man erst, wenn man es zulässt, verletzt zu werden. Man muss sozusagen aus seiner Deckung heraustreten und sich in "Gefahr" begeben. Ich beneide alle Menschen, denen das leicht fällt, bzw. die es eben einfach tun.




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