Hallo.
Entschuldigt, dass mein Kommentar hier wirklich länglich wird: Ich muss mir das mal von der Seele schreiben.
Ich bin über google auf diese Diskussion gestoßen und habe sie nun fast vollständig gelesen. Vieles daran ist sehr spannend, zum Beispiel, in welchem Alter den meisten klar wird, dass mit ihren Eltern etwas nicht stimmte.
Ich selbst bin 32, also wohl genau im richtigen Alter dafür, und ja, das ist genau die große Sche*ße: Als Kind denkt man, das wäre alles normal, was da abgezogen wird. Man bekommt es vorgelebt und hat praktisch keine Möglichkeit, es zu hinterfragen. Das haben schon Kinder "normaler" Eltern kaum, und Borderline-Mütter fordern erst recht absolute Parteinahme und Loyalität zu ihrem schrägen Verhalten.
Bei mir fing der Erkenntnisprozess um meinen 30. Geburtstag an, ich hatte da schon weniger Kontakt zu meiner Mutter. (Die mich alleinerziehend großgezogen hat, und bis auf zwei relativ kurze und völlig kaputte "Liebes-"Beziehungen von ihr gab's keine anderen Bezugspersonen.)
Mehr und mehr sickerte in mein Bewusstsein, dass es eben nicht normal ist, wenn Muttern ständig überfordert und fertig ist - zu überfordert und zu fertig, um sich wirklich um ihr Kind zu kümmern. Bzw. sich lieber tausend Projekte sucht, berufliche oder Hobby-mäßige, in die sie ihre Energie steckt. Alles unter dem Zeichen der Selbstverwirklichung, und in Wirklichkeit ein verzweifelter Versuch, das ständig wankende Selbstbild positiv zu halten.
Da ich von ihr, eben weil alleinerziehend, völlig abhängig war, habe ich natürlich immer versucht, ihr alles recht zu machen, meine eigenen Probleme sollten sie nicht noch belasten. Das ging sehr weit, so habe ich Missbrauch und Vergewaltigung und schwerste Depressionen bis hin zu Suizidalität (bereits im Kindesalter) verschwiegen. Natürlich habe ich irgendwo gehofft, dass sie es merkt und sich um mich kümmert, aber das geschah selbstverständlich nicht. Irgendwann, in der Pubertät, geriet dann alles aus dem Ruder; ich selbst konnte mich auch kaum noch beherrschen, und ab dann wurde es bei uns zuhause gewalttätig, sodass ich mit 14 ausgezogen bin.
Verwandte und Freunde haben damals die Schuld bei mir (!!!) gesucht; meine Mutter natürlich auch. Sie ist auch so ein Fall, sie ist nie, aber wirklich niemals an irgendetwas Schuld. Es sind immer die anderen. Die Welt muss ein grauenvoller Ort sein für sie, in der sie ständig der Willkür, Gewalt und Ungerechtigkeit der Anderen ausgeliefert ist.
Das war die Welt für mich lange auch. Ich hatte immer das Gefühl, nichts daran ändern zu können, was mir widerfährt, und zugleich an allem schuldig zu sein - was für eine besch*ssene Zwickmühle, eine innere Lose-lose-Situation, in der ich alles nur falsch machen kann.
Was mir geholfen hat, war der Kontaktabbruch zu meiner Mutter. Und Kontakt zu Menschen, die nicht mit so einem Irrsinn aufgewachsen sind, bzw. diesen schon zumindest teilweise überwunden haben.
Ich denke ernsthaft, ohne Abstand, also Kontaktabbruch für zumindest eine gewisse Zeit, geht es nicht. Da schafft man es nicht aus den Krakenarmen der kranken Mutter. Man muss erst mal alleine für sich einiges klären, merken, dass man selbst die Verantwortung für sein Leben und sein seelisches Wohlergehen trägt. Man muss erst mal seine Weltsicht gerade rücken.
Und man muss bereit sein, sich selbst zu kritisieren, und, viel schwerer: kritisieren zu lassen. Die Grundlage von Borderline ist Existenzangst, und in dieser seelische Verfassung wirkt natürlich jede Kritik als massive Gefahr. Ich denke, praktisch jedes Kind von Borderline-Eltern hat automatisch auch selbst Züge dieser Krankheit. Man muss es als Krankheit begreifen und bereit sein, sich von den Symptomen zu distanzieren, statt diese als unveränderlichen und natürlichen Bestandteil der eigenen Persönlichkeit zu sehen - und zu verteidigen.
Ich erkenne noch immer viele Züge meiner Mutter an mir: Angstbeißen, Kritikunfähigkeit, emotionale Wechselhaftigkeit und Unbeherrschtheit. Aber es entwickeln sich langsam immer mehr eigene Strategien, mit diesen Impulsen umzugehen, eigene Wertmaßstäbe fürs Verhalten, und eine Stärke und Stabilität, die das Leben endlich wieder lebenswert machen.
Bevor ich noch ewig weiterschreibe, was ich problemlos könnte, will ich damit schließen:
Jemand hat in diesem Thread darauf hingewiesen, dass es ein verdammt hartes Stück Arbeit ist, sich zu ändern, und das wirklich in den Grundfesten. Das möchte ich unterstreichen. Ich denke auch, jeder, der sich eingesteht, dass er besch*ssene Verhaltensmuster ("geerbt") hat, und der daran arbeitet, verdient den größten Respekt. Letztlich ist es jedoch auch der einzige Weg, ein wirklich lebenswertes Leben zu führen.
Und das an die nächste Generation weiterzugeben. Ich bin im sechsten Monat schwanger und ich will meinem Sohn echte Liebe, Stabilität und Sicherheit geben können, und ich will, dass er eine zufriedene Persönlichkeit wird.
Ich wünsche Euch allen viel Erfolg, langen Atem und grandiose Erfolgserlebnisse.
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05.06.2012, 13:07
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
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05.06.2012, 13:20Inaktiver User
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Hi zurück liebe Berlinerin80. Danke auch für dein Posting und deinen Bericht.
Du schaffst es, bist ja auf dem besten Wege!
Für dich und dein Kind... eure Zukunft - alles, alles Gute!!!! :)
Ich habe 2 Jahre mal den Kontakt abgebrochen, leider später wieder vorsichtig aufgenommen, weil ich auch mit dem Abbruch nicht klar kam. Heute wäre es anders aber nun sind sie zu alt und ich bringe es deshalb nicht mehr fertig.
Aber ich habe inneren Abstand und einiges habe ich auch erst die letzten Wochen, und vielleicht auch durch das Forum begriffen und mir vorgenommen: Ich will mich nicht mehr benutzen lassen, stehe nicht mehr als Mülleimer zur Verfügung für meine Eltern und auch sonst für die Familie!
Ich will jetzt mein Leben leben, ohne mir ständig Sorgen um andere zu machen, die meine Hilfe eh nicht wollen, diestur sind oder gar böse! Und wenn sie mir böse kommen oder etwas einfordern, mich emotional erpressen wollen werde ich das auch sagen - ich stehe dafür NICHT mehr zur Verfügung!!!!
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09.06.2012, 20:20
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Ich komme gerade aus Oslo zurück, wo die erste skandinavische Konferenz für eine bestimmte Behandlungsform für Borderline- und andere Persönlichkeitsstörungen - MBT - stattgefunden hat. Knallvolle Seminare, spannende Vorträge, viele, viele Therapeuten, die sich speziell für diese Störungen ausbilden - es hat sich so viel getan in den letzten Jahren!
Ich denke eben auch daran, dass unsere Mütter, selbst wenn sie behandlungswillig gewesen sind/wären, kaum die Chance hatten zu einer hilfreichen Therapie. Meine Mutter z.B. hat vor etlichen Jahrzehnten eine Verhaltenstherapie gemacht, die vermutlich nie wirklich von der Symptom-ebene losgekommen ist und das Vollbild ihrer Störung vielleicht auch nie hat beleuchten können. Heute ist es schon anders, und morgen wird es noch besser sein.
Ihr seht, ich bin in gehobener Stimmung
es war einfach inspirierend. Eine ganz wunderbare finnische Psychiaterin versucht, bei Drogenabhängigen bereits in der Schwangerschaft die sog. reflexive Funktion zu verbessern, damit die Mutter das Kind und seine eigenen Bedürfnisse wirklich "sehen" kann.
Ich habe die Hoffnung, dass wir hier bei uns sowas mit der Zeit auch für Schwangere und Mütter kleiner Kinder hinbekommen, die eine bereits bekannte Persönlichkeitsstörung haben. Schwierig ist es halt bei denen, die nie umfassend diagnostiziert worden sind.that was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
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10.06.2012, 01:58
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Liebe Mary, kannst du mir den Link der Konferenz nennen? Danke.
Viele Grüße Angie
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10.06.2012, 10:39
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Hier ist das Programm, mit Link zu mehr Infos.
Gruß Marythat was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
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10.06.2012, 14:01
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Ja, wie war das noch mal in diesem interessanten Buch: "Irre! Wir therapieren die Falschen!". Ich habe es leider bislang noch nicht gelesen (der Tag hat leider nur 24 Stunden...), aber auf jeden Fall vor, zu lesen.
Verhaltenstherapie soll ja eher nur oberflächlich bei minder schweren Störungen helfen, hat mir eine gute Freundin gesagt (die gerade eine analytische Therapeutenausbildung macht, also insofern auch vereingenommen ist
). Meine eigene Therapeutin ist zB tiefenpsychologisch fundiert orientiert gewesen. Ich fand die Therapie damals sehr hilfreich, auch wenn ich zB nie irgendeine "Übung" mit nach Hause bekommen habe, sondern einfach nur eine Stunde mit ihr geredet habe und mir über viel klar geworden bin.
Andere wirklich zu "sehen", insbesondere das eigene Kind, das stelle ich mir persönlich schwierig vor. Ob ich selbst dazu in der Lage bin, das kann ich irgendwie nur schwer beantworten. Ich würde eher sagen, nein. Kann man so etwas lernen?Avatar made by Betsi!
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10.06.2012, 16:50
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Ja
dazu sind eben bestimmte Therapieformen entwickelt worden, die genau das zu erlernen ermöglichen. Ich arbeite mit Eltern, die selbst psychische Störungen haben, zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen, und daher Schwierigkeiten haben, die Grenze zwischen ihrem Kind und sich wahrzunehmen, die Bedürfnisse des Kindes zu sehen, die inneren Vorgänge im Kind zu "lesen" - und das üben wir.
Methoden dazu sind "Minding the Baby", Marte Meo, Circle of Security, "Watch, Wait, Wonder" und andere.
Andere Ansätze (klassiche MBT, Dialectic Behavioural Therapy/DBT, Affektbewußtseins-Training, Schematherapie) beziehen nicht die Kinder ein, aber sie zielen alle auf die sogenannte Reflexive Funktion ab, eben das, was uns ermöglicht, uns selbst und andere als ein Zusammenspiel von Innerem (Gedanken, Gefühle, Wünsche) und Handlungen zu sehen - das eben heißt "Mentalisieren". Wenn man besser mentalisiert, dann rutscht man seltener in unreife Zustände ab, in denen die Grenzen verschwimmen und die "alten" Gefühle einen steuern.that was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
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11.06.2012, 12:40
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12.06.2012, 22:55
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13.06.2012, 07:36Inaktiver User
AW: Aufgewachsen mit Borderline-Mutter
Eine Therapie ist sicherlich immer die effektivste Form, sich mit Traumata und Mißbrauch auseinanderzusetzen.
Zur Schematherapie gibt es eine interessante Lektüre von Young & Klosko: "Sein Leben neu erfinden". Dazu gibt es auch ein sehr ausführliches Arbeitsbuch, das die sogenannten Lebensfallen selbst überprüfbar macht, mit vielen Beispielen die Wirkweisen belegt und auch Handwerkszeug gibt, um aus diesen 'Fallen' herauszukommen.
Beide Bücher kann ich empfehlen


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