Man hört und liest es so oft, nur – wird danach überhaupt gelebt?
Erst kürzlich in einer kleinen Diskussion mit einer Bekannten fragte sie mich,
warum man denn jemanden verlässt oder geraten wird, jemanden zu verlassen, nur weil er oder sie krank ist, Probleme hat o. ä. Wie lange suchen wir denn nach Freundschaften, Liebe, um sie dann beliebig wieder auszutauschen?
Es wird geredet und geschrieben von Selbstfindung, Selbstverwirklichung – alles gut und schön, aber wir leben doch nicht alleine auf der Welt?
Ich habe es mehrfach selbst erlebt, fallen gelassen zu werden. Dummerweise bin ich krank geworden, erst körperlich und dann als Folge leider auch psychisch (depressiv).Ich habe mich immer wieder aufgerafft, aber an meiner Seite haben es nur extrem wenige Menschen ausgehalten. Es war auch nicht einfach, hatte einiges zu „verdauen“, brauchte Menschen zum reden, aber irgendwie waren all die Schönredner plötzlich weg.
„Ich lass Dich nicht fallen“ – für mich ist das keine Phrase, sondern Ernst. Natürlich gibt es Situationen im Leben, wo es keine andere Lösung gibt, als zu gehen- aber es wird meiner Ansicht nach immer zu schnell nachgegeben. Es wird abgewogen: Lohnt es sich – oder lohnt es sich nicht? Was heißt da eigentlich „lohnen“? Ist der Mensch ein beliebiges “Austauschprodukt“, das bei Verschleiß entsorgt wird?
Es fällt mir schwer, in diesen Kategorien zu denken und es interessiert mich, wie andere das sehen.
„Lohnt“ es sich zu kämpfen, zu warten, zu verzeihen (soweit in dem Zusammenhang, dass man sich selbst dabei natürlich nicht vergisst)?
Meiner Meinung nach ja, aber ich gelte diesbezüglich auch als ziemlicher Dickkopf.
Ich nenne einfach einmal ein Beispiel: Ein geliebter Mensch in Eurem Umfeld (Freund, Freundin, Geliebter, Partner usw.) wird krank (Unfall o.ä.). Er verändert sich, ist plötzlich unausgeglichen, kann nicht zuhören, verletzt Euch evtl. damit sogar mit manchem Verhalten unwissentlich (eben aufgrund der Krankheit). Es gibt Möglichkeiten, eine neue Form der Kommunikation zu finden, es besteht Aussicht auf Gesundung, aber das braucht Zeit und auch Kraft - von beiden seiten. Zwischendrin kommen die Stimmen mitfühlender Mitmenschen: Lass ihn/sie doch einfach, kümmere Dich um Dich selbst (wobei man bei solchen Äußerungen leider an Kraft verlieren kann).
Was würdet Ihr tun oder raten?
Anima
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Thema: "Ich lass Dich nicht fallen"
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23.03.2009, 16:40Inaktiver User
"Ich lass Dich nicht fallen"
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23.03.2009, 17:04
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Hallo Anima,
das ist eine schwierige Frage.
Handelt es sich hierbei um Dich? Geht es um (D)einen Verwandten? Warum bist Du nicht in der Lage, Deine eigene Kraft einzuschätzen?
Mein allererster Gedanke zu Deiner Überschrift war dieser:
Wer mir sagen muss, dass er/sie mich nicht fallen läßt, wird genau das in der Regel tun. Aber auch dies ist natürlich schwarz/weiß gedacht, weil es nicht immer und auf jeden und genauso zutrifft. Das war nur meine Assoziation.
Möchtest Du hier eine generelle Diskussion, warum Menschen andere fallen lassen können? Aber ist es nicht auch viel häufiger so, dass Mensch teilweise Jahre/Jahrzehnte mit anderen Menschen verbringen, auch wenn es Krankheit gibt und es nicht nur sonnige und schöne Tage heiter den anderen folgen?
Geht es Dir hier darum, Rat zu erhalten für etwas persönliches bei Dir?
Fühlst Du Dich gerade fallengelassen von jemand, der/die das Gegenteil behauptet hatte?
-ND-
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23.03.2009, 17:14Inaktiver User
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Nein, es handelt sich nicht um mich. Ich hatte zunächst überlegt, ob ich allgemein über die "Austauschbarkeit" unter Menschen schreibe. So direkt war nämlich die Diskussion, die ich hatte. Richtig, ich kenne meine Kraft.
Nicht ganz, es gibt Menschen, die sich daran halten und leider sehr viele, die das nicht tun.
Das trifft schon viel mehr den Kern meines Anliegens. Stimmt, wie viele sonnige Tage gibt es und wie viele dunkle?
Nein, das ist vorbei. Ich habe nur meine eigene alte Erfahrung hervorgekramt, um das besser beschreiben zu können.
In dieser von mir erwähnten Diskussion haben wir festgestellt, dass eben wenige Menschen Verständnis haben, wenn man an einem Menschen "festhält", der eben gerade anders ist als andere. Und dass diese Verständnislosigkeit manchmal auch verwirrend ist.
Anima
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23.03.2009, 17:22
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Liebe Anima
,
ob ich einen Menschen "fallen lasse" oder nicht, mache ich von zwei Faktoren abhängig.
Da ist als Erstes die Art und Dauer der bisherigen Beziehung zu dem Menschen zu nennen.
Meine langjährige Freundin, mit der ich seit 30 Jahren durch Dick und Dünn gehe (und sie natürlich auch mit mir) würde ich sicher nicht leichten Mutes aufgeben. Jemanden den ich noch nicht richtig kenne und bei dem mir im Laufe des Kennenlernprozesses auffällt, dass er Eigenschaften an sich hat die mir sehr missfallen, würde ich eher "aufgeben". Obwohl mir der Begriff dabei nicht zusagt. Wenn ich feststelle, dass ich mit jemandem nicht kompatibel bin, dann lasse ich es sein. Wem wäre auch damit geholfen, eine wie auch immer geartete Beziehung zu jemandem zu haben, die für einen selbst nicht zufriedenstellend ist.
Der zweite Faktor ist die Ursache für die entstandenen Schwierigkeiten. Weiß ich, dass eine Krankheit Auslöser der Veränderungen ist, so lasse ich denjenigen sicher nicht fallen. Ich stehe ihm bei, so gut ich es eben kann.
Ist die Ursache aber eine persönliche (willentliche und bewusste)Veränderung, mit der ich so gar nicht klar komme, dann bleibe ich eine gute Zeit lang am Ball und versuche die Gründe herauszufinden und mit demjenigen zu reden. Oft klären sich dann ja viele Dinge und man kommt dann wieder zum ursprünglichen Miteinander zurück. Ist das aber nicht so und ich merke, dass der Mensch nicht mehr der ist, der er war (und das wohl auch nicht mehr werden wird), dann kann es schon sein, dass ich mich zurückziehe. Denn wäre er von Anfang an so gewesen, hätte ich von vorneherein eine Freundschaft ausgeschlossen.
Freundschaft ist ein Geben und Nehmen und kann nur in einem ausgewogenen Gleichgewicht der beiden Pole funktionieren. Kann der eine eine Zeit lange nicht geben, so stütze ich ihn. Will er nicht geben, so gehe ich.
Aber bis ich gehe dauert es eine gute Zeit. Denn die meisten verdienen ja eine zweite Chance.
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23.03.2009, 17:22Inaktiver User
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Hallo Anima,
ich sage Dir jetzt was ich denke wenn mir jemand sagt: Ich lasse
Dich nicht fallen".
Es würde mich dabei ein ungutes Gefühl beschleichen, wenn jemand
so etwas aussprechen würde, demzufolge denken auch würde.
So was denke ich nicht, sage ich nicht und will ich ganz bestimmt
nicht hören.
Ich habe ganz wenige Freunde, wenn jemand sowas sagen würde,
würde ich fragen unter welchem Gesichtspunkt er unsere Freund-
schaft denn eigentlich sieht! Was sie ihm bedeutet.
Ich bin schon ein wenig älter und weiß aus Erfahrung leider, dass
auf die meisten Leute kein Verlaß ist, viele ihren Vorteil suchen,
hinter deinem Rücken schlecht über dich reden!
Meine Konsequenz daraus, ich lasse so leicht niemanden an mich
ran. Und versuche alles selbst zu leisten.
Mir geht es auch schon mal nicht so gut, ich rufe aber mittlerweile
niemanden mehr an, ich weiß es geht vorüber. In der Vergangen-
heit habe ich dabei nur erlebt, dass dieses Wissen dann gegen
mich verwendet wurde.
Warum das so ist, kann ich dir nicht sagen!
Jeder muß da seinen Weg finden, ich habe meine Tochter, auf
die ich mich im großen und ganzen verlassen kann, die ich aber
nicht einspannen will.
Aber vielleicht ist es doch möglich, ähnlich denkende Menschen zu
finden, den Glauben sollte man so schnell nicht aufgeben.
Aber man sollte eine Freundschaft meiner Meinung nach langsam wachsen lassen und den anderen nicht überfordern.
charlotte5
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23.03.2009, 17:38
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Sehr schönes Posting, dem ich mich voll und ganz anschließe
Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass es für mich auch etwas mit gesundem Selbstschutz zu tun hat, wenn man sich nach der oben beschriebenen Abwägungen aus einer Beziehung zurückzieht, die einen nur noch Kraft kostet, eben weil der andere aufgrund seiner Situation nicht mehr in der Lage ist, etwas zurückzugeben.
Bei einer engen langjährigen Freundin bin ich sicherlich länger bereit, die Gebende zu sein. Aber irgendwann kommt auch da der Punkt, wo ich ich frage, ob ich das noch länger kann und will.
Ich glaube darüber hinaus auch nicht an grenzenloses Altruismus. Wer über einen sehr langen Zeitraum einem Menschen immer nur Kraft gibt, ohne etwas zurückzubekommen, für den "lohnt" es sich am Ende auch. Das sind nämlich oft Menschen, die ihre Belohnung daraus ziehen, dass sie stärker sind und gebraucht werden. Die können häufig genug mit einer gleichberechtigten Beziehung nicht viel anfangen.
Für mich ist klar, dass keine Beziehung grenzenlos belastbar ist und dass ich, egal in welcher Situation ich auch bin, mir immer darüber klar sein muss, dass ich nicht unendlich lange Unterstützung, Verständnis, Mitgefühl einfordern kann.
Das hat in meinen Augen nichts mit Austauschbarkeit zu tun, sondern mit einem gesunden Kräfteverhältnis innerhalb von Beziehungen.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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23.03.2009, 17:42
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Hallo Anima,
meine Mutter wurde im Abstand von 2 Jahren zweimal psychisch krank, manische Depression mit Schizophrenie.Sie hat mich in ihrem Wahn sehr schlimm beschimpft und beleidigt.Obwohl ich wusste, dass das nicht wirklich sie ist, hat mich das doch sehr getroffen.Sie wurde in eine Klinik gebracht und ich habe 4 Wochen gebraucht, bis ich bereit war sie wieder zu sehen und zu besuchen.Aber ich hatte immer eine sehr enge Bindung zu ihr und auch wenn es nicht meine Mutter, sondern eine Freundin wäre, würde ich zu ihr stehen.Trotzdem brauchte ich eben auch erstmal Abstand, da ich mit der Krankheit meiner Ma nicht wirklich was anzufangen wusste und sehr verunsichert war.Inzwischen weiß ich, dass sie vieles in sich reingefressen hat, wir haben viel geredet und gemeinsam aufgearbeitet.Ein Freund der sagt, er sei für einen da und aber das Gegenteil tut, war nie wirklich ein Freund, das ist meine Meinung.Das Leben besteht nunmal nicht nur aus Sonnenschein.
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23.03.2009, 17:57Inaktiver User
AW: "Ich lass Dich nicht fallen"
Erst einmal freue ich mich über jeden hier eingebrachten Satz!
Ich sehe das hier genauso wie Du. Es ist ein Geben und ein Nehmen.
Eines ist sicher: Man darf dabei nicht kaputt gehen. Manchmal kann ein Mensch auch nicht geben, vielleicht weil er zu schwach ist.
Wer einmal richtig depressiv war weiß, dass man manchmal ganz schön in seinen Reaktionen gelähmt ist. Es wird aber nicht nach dem Grund gefragt, sondern es wird sich umgedreht.
Eine zweite Chance. Schön, dass es solche Menschen gibt.
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23.03.2009, 17:58Inaktiver User
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23.03.2009, 18:03Inaktiver User


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