Das Thema Neid wurde hier schon oft angesprochen. Tja - mit Neid habe ich auch zu kämpfen, insbesondere auf Personen, die wissen, in welche gesellschaftliche Schicht sie eigentlich gehören und die sich dort auch integriert fühlen.
Ich stamme aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, war immer eine gute, fleißige, wenn auch viel zu schüchterne und stille Schülerin, habe als erste in der Familie/Verwandtschaft Abitur gemacht und studiert (Jura). Heute bin ich Beamtin im höheren Verwaltungsdienst.
Mein Problem ist, dass ich das Gefühl habe, sozial nirgends richtig hinzugehören. Das mag zum einen mit meiner atypischen, „unattraktiven“ Lebenssituation zu tun haben (fast 46, Dauersingle, keine Kinder, meine 84-jährige schwerkranke Mutter und meine 43-jährige psychisch kranke, aber in ihren Zustand uneinsichtige Schwester wohnen eine Autostunde von mir entfernt in meinem Elternhaus).
Bei Verwandten (außer meiner Mutter vielleicht) spüre ich aber trotz meiner belastenden Lebenssituation auch Vorbehalte und Neid auf meine Bildung und finanzielle Unabhängigkeit. Ich habe das Gefühl, ständig tiefstapeln zu müssen, um mit denen auszukommen. Es handelt sich überwiegend um Handwerker, Erzieherinnen, kaufmännische Angestellte. Die wohnen in ländlicher Umgebung, sind sehr dem traditionellen Rollendenken verhaftet, finden mich schon allein deswegen komisch, weil ich keinen Mann habe, und fühlen sich bereits auf den Schlips getreten, wenn ich z.B. im Lokal „Café au lait“ bestelle, weil es genau so auf der Speisekarte steht, und nicht „Milchkaffee“ sage. Von anderen Hobbies, die ich habe und die ihnen anscheinend eine Nummer zu groß sind, wie ein klassisches Musikinstrument zu spielen, bestimmten Büchern und sonstigen kulturellen Interessen ganz zu schweigen. Auch von Dienstreisen (die ohnehin nur innerhalb Deutschlands stattfinden) erwähne ich ihnen gegenüber besser nichts, sonst mischt sich in die vordergründige "Bewunderung" (die ich gar nicht will) ein neidischer Unterton.
Sie selbst sind ewig an ihrem Heimatort hocken geblieben (möglichst noch im Elternhaus) und lehnen vieles (selbst das Internet) als zu modern ab, haben den Arbeitsplatz zumeist seit ewigen Zeiten quasi vor der Haustür gehabt, gegen Akademiker (Frauen in Führungspositionen noch mehr als Männer) grundsätzliche Vorbehalte, lassen es nicht an Sticheleien gegen Angehörige dieser Berufsgruppen fehlen und akzeptieren nur Leute, die sich sehr schlicht und einfach geben und keinen intellektuellen Ehrgeiz haben. Das ist die eine Seite.
Auf der anderen Seite habe ich eine frühere Schulfreundin, die in der Schule im Gegensatz zu mir nur Mittelmaß war, aber aus dem Bildungsbürgertum mit entsprechender Verwandtschaft und entsprechendem Bekanntenkreis stammte. Bei ihr gab es natürlich viel mehr Ermutigung als in meinem Elternhaus, ihren eigenen Weg zu gehen. Während meine Eltern sehr zum Klammern neigten und mich von vielem überängstlich abhielten (meine Mutter besonders, war aber vielleicht nachvollziehbar ist vor dem Hintergrund, dass sie bereits mit knapp 12 Jahren Vollwaise war), durfte sie nach dem Abitur zunächst ein Jahr in Frankreich studieren (wenngleich sie die Zwischenprüfung dort nicht geschafft hat), bevor sie dann in Deutschland einen Studienplatz für Medizin bekam.
Ich dagegen konnte (mit einem deutlich besseren Abitur als sie!) froh sein, dass ich überhaupt studieren durfte, natürlich nur an der nächstgelegenen Uni, zu der ich von zu Hause aus gependelt bin. Erst in der Referendarzeit bin ich dann mehr herumgekommen, zumindest in meinem Bundesland. Meine Schulfreundin hat zwar recht spät geheiratet, aber einen promovierten Akademiker aus ebenfalls gutem Hause (die Familien kannten sich schon seit Jahrzehnten), wohnt im eigenen Haus, kommt beruflich auch schon mal ins Ausland, hat noch relativ rüstige Eltern, um die sie sich keine größeren Sorgen machen muss, ihre Geschwister sind alle „normal“. Eigentlich hätte ich gern mehr Kontakt zu ihnen und meine, von meiner Bildung und meinen Interessen her auch eher "in solche Kreise" zu passen, aber ich fühle mich auch da nicht wirklich integriert.
Meine Schulfreundin meldet sich relativ selten bei mir. Schon früher zu Schulzeiten hatte ich öfters den Eindruck, dass sie vor allem Kontakt zu solchen Menschen suchte, die aus ähnlichen Verhältnissen stammten wie sie. Dieser Eindruck hat sich bei einem Klassentreffen vor einiger Zeit bestätigt. Auch hält sie immer noch Kontakt zu dem französischen Ehepaar, bei dem sie damals gewohnt hat (natürlich auch Akademiker, inzwischen pensioniert). Neulich sind sie und ihr Mann sogar für einige Tage mit denen in Urlaub gefahren. Ich ärgere mich auch darüber und frage mich, wieso sie solche Kontakte hat und ich nicht; ich war in der Schule auch in Französisch viel besser als sie.
Mir gegenüber betont sie oft, wie vielseitig interessiert diese Leute seien und dass man sich mit ihnen über alles Mögliche unterhalten könne - ich finde aber, dass dies auf mich ebenfalls zutrifft. Offenbar habe ich ihr nach wie vor einen zu beschränkten Horizont, jedenfalls ist das meine Vermutung (komisch - und meinen Verwandten wiederum bin ich wahrscheinlich zu „gebildet“ und überkandidelt). Oder findet sie nur solche Menschen „vielseitig interessiert“, zu denen ihr der Kontakt aufgrund von deren sozialer Herkunft noch vielversprechender erscheint als zu mir (Stichwort „Vitamin B“-Potential)? Mir fällt auch auf, dass sie in Bezug auf diese Menschen viel größeren Wert auf die Bezeichnung „Freundschaft“ legt und wie viel ihr diese bedeuten würde als beispielsweise bei mir; da ist sie mit solchen Bekenntnissen wesentlich zurückhaltender.
Insgesamt bin ich aufgrund dieser Gegebenheiten sehr frustriert, diese Dinge gehen mir ständig durch den Kopf und sind auch hinderlich bei der Arbeit. Wo gehöre ich eigentlich hin? In die Kreise, aus denen ich stamme? Oder in die Schicht, zu der ich erst durch meine Ausbildung Zugang gefunden habe? Oder werde ich immer irgendwo dazwischen hängen und mich nirgends wirklich zugehörig fühlen? Vielleicht hat ja hier jemand eine Idee, wie ich mit dieser Form von permanenter Unzufriedenheit fertig werden kann. Möglicherweise gibt es ja Leute in einer ähnlichen Situation wie ich. Oder spricht - bezüglich meiner Schulfreundin - einfach nur der pure Sozialneid aus mir?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 122
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10.03.2009, 19:10Inaktiver User
Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Geändert von Inaktiver User (10.03.2009 um 22:43 Uhr)
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10.03.2009, 19:22
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Na wunderbar, dann hast du einen gutbezahlten sicheren Arbeitsplatz. Bingo !
Sowas ist doch schonmal sehr positiv und wenn man so will gehörst du zur Beamten-Schicht, die ja bekanntlich die gehobene Grundlage unserer Gesellschaft darstellt.
Ich verstehe nicht, was daran besonders belastend ist ? Meine Eltern sind auch alt, aber das ist doch der Lauf des Lebens.
Mein Problem ist, dass ich das Gefühl habe, sozial nirgends richtig hinzugehören. Das mag zum einen mit meiner atypischen, „unattraktiven“ Lebenssituation zu tun haben (fast 46, Dauersingle, keine Kinder, meine 84-jährige schwerkranke Mutter und meine 43-jährige psychisch kranke, aber in ihren Zustand uneinsichtige Schwester wohnen eine Autostunde von mir entfernt in meinem Elternhaus).
Vermutlich bildest du dir das ein oder es fällt erst auf, weil du selbst ein Thema draus machst. Aber egal: such dir doch Freunde ausserhalb deiner Familie. Ich weiss echt nicht, was daran so schwer ist.Bei Verwandten (außer meiner Mutter vielleicht) spüre ich aber trotz meiner belastenden Lebenssituation auch Vorbehalte und Neid auf meine Bildung und finanzielle Unabhängigkeit. Ich habe das Gefühl, ständig tiefstapeln zu müssen, um mit denen auszukommen. Es handelt sich überwiegend um Handwerker, Erzieherinnen, kaufmännische Angestellte. Die wohnen in ländlicher Umgebung, sind sehr dem traditionellen Rollendenken verhaftet, finden mich schon allein deswegen komisch, weil ich keinen Mann habe, und fühlen sich bereits auf den Schlips getreten, wenn ich z.B. im Lokal „Café au lait“ bestelle, weil es genau so auf der Speisekarte steht, und nicht „Milchkaffee“ sage.
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10.03.2009, 19:28Inaktiver User
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Waren Deine Eltern auch schon chronisch krank, als Du acht Jahre alt warst? Bist Du sehr früh in die Mitverantwortung gezogen worden, weil Dein Vater zu bequem war, sich über die Krankheit seiner Frau genauer zu informieren? Kennst Du das Gefühl, sich von Kindheit an Sorgen um die Eltern zu machen, Angst zu haben, dass die Mutter (wie ihre eigenen Eltern) krankheitsbedingt früh sterben könnte? Hast Du psychisch kranke Geschwister, die trotz guter intellektueller Begabung in ihrem Leben noch nie gearbeitet haben? Must Du Dir Sorgen machen, was aus ihnen und dem dann gemeinsam ererbten Elternhaus wird, wenn die Mutter (Vater ist schon tot) eines Tages stirbt, weil die Schwester uneinsichtig ist und das Haus, obwohl sie es nicht mitunterhalten kann, nicht wird verkaufen wollen? Und hast Du dann auch keinen Partner zur Seite, der Dich in dieser Situation zumindest "moralisch" unterstützt?
Geändert von Inaktiver User (10.03.2009 um 20:01 Uhr)
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10.03.2009, 19:35
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Hallo Sunday,
Dein Text ist bisschen eng geschrieben. Füg doch paar Absätze ein, bitte.
Ich hoffe, mir ist nix Wesentliches entgangen...
Eigentlich finde ich es nicht so schwer, zwischen den Welten zu pendeln. Du scheinst aber sehr stark in Deine Ursprungsfamilie eingebunden zu sein, so dass der Kontakt mit den "Wahlverwandschaften" vielleicht etwas zu kurz kommt.
Du sprichst nur von der früheren Schulfreundin, deren Kontakt Du wünschst, von der Du Dich aber nicht angemessen gewürdigt fühlst.
Wie ist es denn mit Deinen Kollegen und Freunden aus sonstigen Interessensgebieten?
Insgesamt bin ich überzeugt davon, dass Dir der Kontakt zu deinesgleichen, so wie Du das definieren willst, in jedem Fall offen steht. Mit 46 ist man das, was man aus sich gemacht hat.
Auch wenn Du vielleicht noch gelegentlich mit dem Schicksal haderst, das Dir den Start nicht so leicht gemacht hat, wie anderen: entscheidend ist, wo und mit wem Du Dich heute wirklich wohl fühlst. Du solltest es Dir nicht nehmen lassen, Dir genau diesen Umgang zu suchen und Dich selbst dort zu integrieren.
Dazu gehört zu wissen, wer man selbst ist und auch ein aufgeräumtes Verhältnis zur eigenen Herkunft.
Viel Glück
AglajaHandeln Sie mit Leidenschaft, aber denken Sie klar!
Hannah Arendt
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10.03.2009, 19:39Inaktiver User
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10.03.2009, 19:43
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Na das sind ja merkwürde Töne!
Was genau erhoffst Du Dir denn von uns hier?
Da hast Du wohl einige größere Baustellen übernommen aus Deiner Herkunftsfamilie und fühlst Dich damit überfordert und auch an Deiner persönlichen Entfaltung gehindert.
Ich würde Dir ans Herz legen wollen, einmal zu prüfen, ob für Dich eine stärkere organisatorische und vor allem seelische Abgrenzung wünschenswert wären und zu überlegen, wie das zu gestalten sein könnte.
Schwieriges Unterfangen, aber vielleicht kannst Du dafür auch Unterstützung suchen in Form von Selbsthilfegruppen oder Coaches und was es noch alles geben mag.Handeln Sie mit Leidenschaft, aber denken Sie klar!
Hannah Arendt
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10.03.2009, 19:44
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
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10.03.2009, 19:51Inaktiver User
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Ich kann sie schon verstehen.
Sie wird die Bürde der Problemfamilie nicht freiwillig gewählt haben, ist aber noch immer sehr verstrickt in all das.
Mir sagte mal ein Psychologe:
"Dobby, glauben Sie eigentlich, dass Sie ein Recht darauf haben, glücklich zu sein?!".
Ich musste schwer schlucken
, denn im Grunde hatte er mich durchschaut. Wer in so vielen Problemen verstrickt ist (lies mal im Kindheits-Lieblosigkeitsstrang), glaubt gar nicht, dass er auch mal ein bisschen Glück und Sonnenschein verdient hat. Denn was würde dann aus der "Problemfamilie" werden??
Ich sehe das heute egoistischer. Es ist mein Leben.
Jeder ist für sich verantwortlich. Auch die Eltern.
Wir leben jetzt und hier.
Ich lass mich nicht mehr erpressen, einspannen und sonstwas.
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10.03.2009, 19:57Inaktiver User
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Auch das ist nicht so einfach. Die Kollegen haben ganz überwiegend Familie; ich habe da oft das Gefühl, nicht mitreden zu können. Wenn sie mit den schulischen Leistungen ihrer Kinder und deren Hobbies prahlen, kann ich dem schlecht etwas entgegensetzen. Die Krankheit meiner Mutter und die Sorgen, die ich mir um sie mache, sind ja nun mal kein Thema, das sich für freundlichen Small talk eignet; von meiner Schwester spreche ich sowieso fast nie, da ich mir durch eine Offenbarung ihrer Krankheit beruflich nicht schaden will.
Ich verstehe mich allerdings gut mit meinen Vermietern (die etwa zehn Jahre älter sind als ich), außerdem mit einer ebenfalls alleinstehenden Bekannten (aber schon pensioniert), mit der ich ab und zu gemeinsam musiziere. Ansonsten ist es schwierig, als Single neue Kontakte zu finden; habe es schon öfters vergeblich versucht; ich kenne jedenfalls kaum Singles in meinem Alter, und bei Paaren und Familien ist man schnell das fünfte Rad am Wagen.
Da hast Du im Prinzip schon Recht; vielleicht sollte ich mich auch nicht so sehr auf diese Schulfreundin fixieren. Ich finde, sie könnte doch auch mal anerkennen, was ich trotz widriger Lebensumstände geschafft habe und nach wie vor schaffe. Sie kennt mich ja schließlich von Kindheit an, kennt auch meine Herkunftsfamilie. Aber man kann Akzeptanz nun mal nicht erzwingen. Ein früherer Chef dagegen, zu dem ich besonderes Vertrauen hatte, konnte sich das eine oder andere zusammenreimen (alles erzählt habe ich ihm natürlich beileibe nicht!). Der äußerte sich mal sehr anerkennend zu mir als Person, nachdem er sich einiges vor Augen geführt hatte. Das hat mir gut getan.Geändert von Inaktiver User (10.03.2009 um 20:04 Uhr)
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10.03.2009, 20:08
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Ich krieg richtig Hummeln im Hintern vom Lesen
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Warum?
Weil ich hier von einer klugen Frau im besten Alter lese, die richtig Sehnsucht hat, sich zu entwickeln. Und zwar sozial in eine von ihr selbst gewählte Richtung!
Lies mal Dobbys Beitrag! Ich finde, sie bringt es auf den Punkt!
Du bist zuerst einmal Dir selbst verpflichtet!
Du entscheidest, was in Deinem Leben passiert und was nicht!
Ich weiß, das kann man sich nicht vorstellen, wenn man in der Tretmühle von Verpflichtungen steckt, die einem scheinbar niemand abnehmen kann.
Entscheidend ist aber: Du haderst mit allen und allem. Das ist nicht Deins.
Deshalb erwartest Du, von außen irgendwie gelobt und bestärkt zu werden, aber keiner versteht Dich so richtig.
Und wenn Du diesen Weg weitergehst, dann stehst Du in dreißig Jahren ohne ein eigenes Leben entwickelt zu haben, ohne eigenen seelischen Reichtum da und mußt Dir eingestehen, dass Du in Deinem Leben auf Dich selbst verzichtet hast.
Kein Mensch wird Dich jemals dafür loben!
Keiner.Handeln Sie mit Leidenschaft, aber denken Sie klar!
Hannah Arendt


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