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  1. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Karla48 Beitrag anzeigen
    Irgendwo bei all den Leistungen ist der Spaß, die Lebensfreude auf der Strecke geblieben. Oder nie recht dagewesen?

    Hast du jemals gespürt, daß jemand dich liebhat?
    Gestattest du selbst dir Bedürfnisse?

    Deine Familiengeschichte liest sich nicht so erfreulich - aber mir fällt auch auf, daß du es dir noch schwerer machst als nötig. Die Schwester ist krank, das magst du nicht erwähnen aus Angst vor beruflichen Nachteilen. Finde ich schräg. Ihre Uneinsichtigkeit mag Teil der Krankheit sein. Aber ich höre bei dir Wut heraus, darauf daß sie später Probleme bereiten könnte. Könnte!
    Du denkst also jetzt schon problemorientiert an später.

    Es fehlt das Urvertrauen, das Grundvertrauen darauf, daß die Dinge sich schon regeln werden. Wann und wie - wird man sehen.

    Kann es sein, daß du ein wenig Mißmut, Ängstlichkeit und Problemorientiertheit ausstrahlst?
    So war ich auch mal eine Zeitlang gestrickt, als ich durch eine Krise durchmußte. Man hat mir nicht gerade die Klingel abgerissen vor lauter "dich will ich gerne sehen!"-Gefühlen. Kann ich auch verstehen.

    Jeder Mensch, jeder, hat seine Problemchen, Probleme, Päckchen zu tragen. Es ist ein Trugschluß zu denken, die anderen hätten es besser. Damit macht man sich nur selbst verrückt.
    Neid auf irgend etwas ist deshalb eine der sieben Todsünden , weil man sich das Leben damit vergällt. Und womöglich auch noch dem anderen, der sich an etwas freut.

    Sag, was macht dir Spaß? Wo jubelt dein Herz? Was bringt dich zum Lachen?

    Dahin, wo das ausbricht, gehe. Suche dir Kameraden, die deine Leidenschaften teilen. Ein Sport, ein Literaturkreis, einer Samba-Gruppe beitreten, ein Häkelclub, Tanzkurse, ein Kochzirkel...Oder stell selbst etwas auf die Beine. Aushang in der Behörde: Wer hat Lust auf perfektes Dinner? Blabla...
    Wie "vielseitig interessiert" bist du wirklich? Und wo spiegelt sich das in deinem Leben und Erleben wieder? Sagen kann man viel...

    Schmeiß den ganzen Kram an Schubladendenken mal über Bord, resette deine Festplatte und schau dir die Menschen gründlich an. Haben sie Herzensbildung? Dann: Hereinspaziert! Haben sie die nicht: Leider keine Zeit!

    Beim Herausfinden der "warums", also - warum tickst du so, wie du tickst - kann ein Psychologe helfen. Mir sind bei solchen Herrschaften manche Seifensieder aufgegangen... Ein Haufen unnütze alte Denkstrukturen, die einen hindern, das Leben in vollen Zügen zu erleben. Sowas führt auch zum chronischen Problemdenken. Ehrlich - da machst du dir jetzt schon Gedanken, was aus dem Haus wird...tststs. Das ist m.E. nicht dein Problem. Sondern die Seele. Wer sagt denn, daß du dich um irgendwas kümmern mußt? Wenn dir das alles auf den Keks geht, wird die Erbschaft abgelehnt - und fertig. Du bist auf das Geld aus einem Verkauf nicht dringend angewiesen. Wieso also sich jahrelang in Rechtsstreitigkeiten verwickeln? Würde ich mir mit Anlauf niemals antun, wenn es sich verhindern läßt.

    Soweit mal meine Gedanken dazu.

    Zum eigentlichen "Problem" in deiner Überschrift:

    Sozial irgendwo "dazwischen" sind viele Leute. Es gibt sie nämlich kaum, diese Schubladen. Höchstens bei den Adeligen, Hochwohlgeborenen. Wo man auch nicht einfach reinkommt. Aber der ganze Rest ist genauso irgendwo dazwischen wie du und ich.

    Diese komische Frankreich-Freundin - ich verstehe überhaupt nicht, daß du daran so viele Gedanken verschwendest? Und dich überhaupt mit ihr so viel beschäftigst. Hast du nur sie als Freundin? Ich könnte mich gar nicht wohlfühlen mit solchen Typen. Und Ärger darüber, was jemand anders sich aufgebaut hat (mag es nun oberflächlich sein oder nicht), das ist leider auch Neid. Schade! Alternativ überlege dir lieber, wo du neue Leute kennenlernen kannst. Anstatt an den alten festzuhalten, ohne sie wirklich zu mögen. Das spüren die anderen Menschen doch auch! Und auch andersherum ist es nicht gut fürs Selbstbewußtsein, eine Freundschaft zu halten, wo die andere Seite irgendwie mitbekommt: Ach, die kennt sonst keinen. Wo man nicht wirklich geschätzt wird, geht man nicht mehr hin. Sonst untergräbt man sich selbst.

    Soweit mal meine Gedanken dazu.
    Entdecke die Möglichkeiten!

    LG Karla
    Vielen Dank für Deinen Beitrag, Karla, der etliche hilfreiche Denkansätze für mich enthält und vor allem das Bemühen erkennen lässt, sich bei aller kritischer - und auch nötiger - Distanz in meine Lage hineinzuversetzen.

    Mit dem fehlenden Urvertrauen, der zu großen Problemorientiertheit, der fehlenden Unbeschwertheit etc. hast Du vollkommen Recht (früher war die Besorgtheit allerdings bei mir noch nicht so ausgeprägt, hat sich aber durch Enttäuschungen und Schicksalsschläge, die ich bei oberflächlicher Betrachtung "tapfer" gemeistert habe, in den letzten Jahren immer stärker entwickelt. Jeder Mensch hat halt einen Punkt, an dem bei ihm das Maß voll ist).

    Der Gedanke, die Erbschaft im Zweifel einfach auszuschlagen, ist mir übrigens auch schon mehrfach gekommen. Wenn das Hickhack mit meiner Schwester am Tage X zu groß werden sollte, mache ich das wahrscheinlich auch, um mir nicht noch jahrelang die Nerven aufzureiben.

    Interessieren würde mich noch, warum auch Du Dich mit Menschen wie meiner "komischen Frankreich-Freundin" nicht wohl fühlen würdest. Was mich stört, ist halt, dass sie mir nach meinem Empfinden auf subtile Weise das Gefühl vermittelt, einen zu engen Horizont zu haben, zu "kleinbürgerlich" für sie zu sein. Es ist wirklich auffallend, dass sämtliche Leute, bei denen sie Wert darauf legt, mit ihnen "befreundet" zu sein, eher diesen Bildungsbürger-Habitus haben. Schon zu Schulzeiten suchte sie engen Kontakt zu einer Mitschülerin mit einem "von" im Namen und einer weiteren, deren Eltern sehr wohlhabend waren, in einer Villengegend wohnten und die ein eigenes Pferd besaß. Während erstere Mitschülerin wirklich eine charakterlich interessante Persönlichkeit war (zu der auch ich - aber eben deswegen - gern engeren Kontakt gehabt hätte), war die zweite nichts als ein Wohlstandskind; ich weiß beim besten Willen nicht, was an der sympathisch gewesen sein sollte.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das Grundproblem, was hier meines Erachtens zutage tritt, ist das des - Achtung, Akademikergeschwafel - "Sozialen Habitus", nachzulesen bei Bourdieu (Die feinen Unterschiede). Es gibt quasi soziale Codes, die man von zu Hause mitbringt, und die ein klare Milieuzugehörigkeit definieren.

    Das interessante daran ist, dass Dinge wie Intelligenz (klar), Kulturinteresse, und letzten Endes auch Bildung daran wenig ändern (können). Es geht dabei um soziales Verhalten, was man in der Familie aufgenommen hat - Professorenkinder werden sich sozial immer anders verhalten, als Kinder von Landwirten (und das hat nichts mit Geld oder Bildung zu tun). Selbst eine lange Rebellionsphase in der Pubertät ändert wenig daran, dass dieses Verhalten quasi "eingeimpft" ist. Bourdieu sagt selbst: man kann sich dieses Verhaltens nur bewusst sein und es bei sich selbst und anderen tolerieren - sie also trotz aller unsichtbarer Differenzen als Menschen wertschätzen. Ändern kann man ihm zufolge an diesem Verhalten nichts. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen.

    Ich habe nur an mir selbst beobachtet, dass das in meiner letzten Beziehung zu einem ziemlich großen Problem wurde - mein Ex und sein Freundeskreis waren, im Gegensatz zu mir, jeweils die ersten Akademiker in ihren Familien, sie waren alle supernett und ich mochte sie sehr gern. Aber wir kamen immer wieder an einen Punkt wo wir festgestellt haben: Bei ihm im Freundeskreis und in der Familie macht man die Dinge so - bei mir macht man sie völlig anders. Und dabei ging es jetzt nicht um Kochrezepte Wir haben das auch immer wieder diskutiert, aber sind irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass wir - trotzdem wir "formal" gleich gebildet waren, er sogar eigentlich noch ein Stück "höher" - in Sachen sozialer Habitus nie auf einer Welle landen werden. Tragisch, aber wahr...

    Letzten Endes kennt man das doch auch von Parties in der Studi-/Jugendzeit: Es gibt welche, da fühlt man sich auf Anhieb wohl - man kennt die Codes, hat das Gefühl einer geteilten Lebenswelt und kann auch bei mangelnder Sympathie miteinander reden. Und dann gibt es die anderen - wo die eigenen Witze nicht funktionieren, man keinen Schimmer von den Gesprächsthemen hat, und man das Gefühl hat, als Schwan im Ententeich gelandet zu sein (oder umgekehrt ).


    Das, was Bohemienne mit dem "sozialen Habitus" ansprach, ist mir aus etlichen Artikeln (z.B. in der "Zeit") schon seit längerem bekannt. Ich besitze den "richtigen" Habitus offensichtlich nicht, trete zu vorsichtig, rücksichtsvoll und gehemmt auf - was auch immer... (wobei meine besagte Schulfreundin auch eine Zurückhaltende ist). Es ist offenbar besser für mich, Kontakte zu Menschen mit ähnlichem Habitus zu suchen. Um die "Frankreich-Freundin" bemühe ich mich mittlerweile auch nicht mehr allzu sehr, nachdem ich erkannt habe, dass keine entsprechende Resonanz kommt.

    Ich wüsste trotzdem noch gern ein oder zwei konkrete Beispiele für die von Dir, Bohemienne, abstrakt dargestellten Unterschiede im sozialen Habitus zwischen "Deinesgleichen" und Deinen Bekannten, die die ersten Akademiker in der Familie waren. Ich vermute, erstere gehen mit den meisten Situationen im Leben einfach lässiger und risikofreudiger um, weil sie von klein auf darauf vertrauen konnten, dass immer genügend Geld und Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten vorhanden waren, die einen im Zweifel auffangen. Wahrscheinlich ist es einem auch weniger wichtig, sich immer "korrekt" (=Knigge-gemäß und regelkonform) zu verhalten und anderen Leuten nicht auf den Schlips zu treten. Stimmt's?
    Geändert von Inaktiver User (11.03.2009 um 21:35 Uhr)

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    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Sunday19,

    ich habe den Eindruck, du erwartest einfach zu viel von deinen Mitmenschen. Man kann andere nicht verändern, daher sollte man sie so nehmen wie sie sind oder, wenn das nicht geht, die Begegnungen soweit wie nötig einschränken.

    Was die Schulfreundin angeht scheint es mir so zu sein, dass sie einfach nicht mehr ein so grosses Interesse an dir hat wie früher zu Schulzeiten. Das tut bestimmt weh, vor allem, wenn man mal sehr gut befreundet war, aber es ist einfach der Lauf der Zeit. Einige Freundschaften überdauern die Zeit, andere eben nicht. Es bringt nichts, da nach Gründen und Ursachen zu suchen. Und wenn du den Eindruck hast, dass diese spezielle Freundin nach höherem strebt und du ihr im Prinzip nicht gut genug bist - also bitte, was willst du mit so einer Frau!

    Auf den "sozialen Status" gebe ich persönlich nicht viel. Herkunft und "Schichtzugehörigkeit" sollten in Freundschaften keine Rolle spielen. Mein Umfeld setzt sich aus Personen aus unterschiedlichen "Schichten" (ich mag den Ausdruck eigentlich überhaupt nicht, weil ich ihn für total altmodisch und unpassend halte), unterschiedlicher Herkunft und mit den verschiedensten Berufen zusammen. Ich habe noch nie darauf geachtet, wo einer herkommt, was er hat etc. Entweder es passt oder es passt nicht. Auch finde ich, das nicht jede Person alles erfüllen muss, d.h. mit bestimmten Menschen teilt man bestimmte Dinge, mit anderen wieder andere.

    Ich kann dir nur empfehlen, dich von diesem Schichtendenken zu lösen, dann wird so manches einfacher!

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    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Warum ich mich mit der Franzosentante nicht wohl fühlen würde, fragst du.
    Nun, ich tu mich einfach schwer mit Leuten, die ganztags Zucker in den Ar*** geblasen bekommen von ihrer Umgebung. Seien es Eltern oder sonstwas für "Beziehungen". Ich bring lieber selber was zustande (oder auch nicht), als mich auf andere Leute zu beziehen, mit denen ich "angebe" (Gottnee, das ist echt Kindergarten!). Plus: Sie scheint nicht herzlich und einfühlsam zu dir zu sein. Das allein reicht ja schon, um zu sagen "nein danke". Selbstdarsteller schau ich mir abends im Kino an. Im Privatleben mag ich das nicht. Beruf "Tochter" - igitt.

    Der gepriesene soziale Habitus, der passen soll:
    Ich finde das alles so entsetzlich überflüssig.
    Man macht an Äußerlichkeiten fest, ob jemand etwas "taugt".
    Da kann ich mich nur mit Grausen abwenden.
    Dieses Getue ist etwas für die Eliten, die Adeligen, wozu ich oben schon sagte: Da kommt man nicht hinein, in diese Kreise. Wollte man denn? Also - ich nicht. Ich müßte ein anderer Mensch werden, und zwar einer, den ich selber gar nicht mag.
    Ich steh auf Authentizität. Auf Rückgrat. Sowas macht mich an. Und nicht irgendein äh Porsche oder ein Titel oder "interessante Interessen". Blabla...die hat mancher, obwohl er als Gegenüber total langweilt!

    Kontakt zu anderen:
    Man muß sich anpassen können. Eigene Befindlichkeiten hintenan stellen können. Gedanken wie "wie komisch machen die das denn?" stehen lassen können. Auf Recht-haben verzichten. Das Augenmerk auf die menschlichen Qualitäten legen.
    Sonst vereinsamt man. Denn irgendwas, irgendeine Facette, die merkwürdig ist, wird man an jedem Menschen finden. Garantiert. Mich eingeschlossen.

    Und man muß zufrieden sein mit dem was sich im Leben ergibt, nach den eigenen Möglichkeiten. Sich nicht vergleichen. Man ist nicht vergleichbar!

    Genug für heute...guts Nächtle
    Gruß an Tanguera ( verrat mal: welche Sätze? PN?)

    LG Karla

    The original Karla
    est. 2006


  4. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    trete zu vorsichtig, rücksichtsvoll und gehemmt auf - was auch immer...
    Nein. So lesen sich Deine threads für mich durchaus nicht. T.

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    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen

    Inwieweit soll es für mich hilfreich sein, wenn mir jemand als Antwort lediglich sein Unverständnis zum Ausdruck bringt



    Wenn man nicht ansatzweise bereit und in der Lage ist, sich in die Situation und Gefühlslage eines anderen Menschen hineinzuversetzen, sollte man meines Erachtens besser schweigen nach dem Motto "Si tacuisses" (dafür reicht es selbst bei meiner kleinbürgerlichen Herkunft).

    Ich halte Dir nur einen SPIEGEL hin, in den Du aber garnicht blicken willst.

    Bleib einfach mal bei Deiner Person, anstatt anderen etwas zu unterstellen .

  6. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Nein. So lesen sich Deine threads für mich durchaus nicht. T.
    Dann trete ich im Internet offenbar gänzlich anders auf als im real life.

  7. User Info Menu

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Was Bohemienne meint, ist vermutlich der "Stallgeruch" derjenigen, die aus der Oberschicht stammen. M. Hartmann (Der Mythos von den Leistungseliten: Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft: Amazon.de: Michael Hartmann: Bücher) hat das so beschrieben. Promotion reicht nicht, um ganz nach oben zu kommen, man muss sich sicher in den entsprechenden Kreisen bewegen können mit allen dazugehörigen Feinheiten, und das sei kaum erlernbar, sondern da wächst man rein. Und die anderen spüren das. Aber hier geht es um höchste Spitzenpositionen.

    Sunday, Deine Beiträge klingen sehr anklagend. Du hast es schwer, und alle anderen haben es besser als Du. Weil sie eine dolle Herkunft haben, einen Partner oder was weiß ich.

  8. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Hallo Sunday,

    ich kann es verstehen, wenn das Gefühl von Neid aufkommt.
    Früher war mir dieses Gefühl völlig fremd, wirklich absolut.

    Ich habe niemanden um irgendwas beneidet.

    Der Grund war, dass ich darauf vertraute, dass mir die Welt und alle Möglichkeiten offen stünden und dass sich alles finden würde.

    Ich hatte keinen Partner, meine Freundin aber schon? Ich war gelassen und glaubte daran, dass bis spätestens 30 auch ich einen Lebenspartner haben würde.

    Andere hatten mit 14 eine weibliche Figur, während ich rappeldürr war? Ich vertraute darauf, dass ich als Spätentwicklerin eben später erblühen würde.

    Menschen hatten super Jobs, die interessant sind und ihnen ein gutes Einkommen gewähren? Ich war davon überzeugt, dass Abitur und Studium mich zu einem erfüllten Berufsleben und einem schönen Einkommen führen würden. Es war mir klar, dass ich in einem Beruf meine Erfüllung finden würde.

    Tolle Häuser, wundervolle Autos, schicke Kleidung....? Klar, später würde ich auch das Geld dazu haben, mir Wünsche zu erfüllen.

    Nun bin ich Mitte 30. In der Tat wurde meine Figur später wirklich recht gut .
    Aber ich habe keinen Lebenspartner gefunden, sondern lebe sogar seit Mitter der 90er allein (davor WG).
    Ich habe studiert und bin freiberuflich tätig. Aber mein Einkommen ernährt mich zwar, aber ich musste bescheiden bleiben. "Große Sprünge" werde ich davon nie machen können. Ich werde nie ein Stadthaus in der Großstadt oder eine Villa bewohnen....

    Als ich das realisiert hatte, spürte ich auch ab und an das Gefühl von Neid. Gegenüber denen, die den Partner haben, die sich um Geld keine Gedanken machen müssen, die in den Wohngebieten leben, die mir immer verschlossen bleiben werden.

    Bis vor wenigen Jahren hatte ich nicht das Gefühl, in irgendeiner Form benachteiligt zu sein. Ich hatte ein liebevolles, mich in allen Dingen unterstützendes Elternhaus. In der Schule gab es bis auf ein paar Lehrerkinder und den Sohn des Hausarztes keine Akademikerkinder. Wir hatten mehr oder weniger alle die gleichen Startvoraussetzungen, stammten alle aus nichtakademischen Familien. Überhaupt war es damals auf dem Land schon eine Besonderheit überhaupt Abitur zu machen! Im Grunde hob ich mich also von anderen sogar ab (war die einzige im Dorf von 13 Kindern, die auf das "Gymi" gingen). Ich war privilegiert.

    Auch auf der Massenuni, die ich besuchte, war es nicht viel anders. Klar, da stammten die meisten aus Akademikerfamilien. Aber doch noch "normale" Leute, die nicht aus wirklich reichen Familien stammten. Einigen ging es sehr gut, aber da gab es niemanden, die seit Generationen "ganz oben" mitspielten. Ich fühlte mich da nie "weniger". Ich glaube, die richtig Reichen gingen schon damals eher auf Privatunis oder studierten im Ausland.

    Erst nach dem Studium merkte ich die Unterschiede. Als die Nachkömmlinge aus den besser betuchten Firmen repräsentative Büros eingerichtet bekamen, in Büros eingekauft wurden etc während ich und andere in meinem Umfeld winzig klein begonnen haben, kein Vitamin B, keinerlei Kontakten hatten, auf Existenzgründungszuschuss angewiesen waren. Ja, gerade die fehlenden Kontakte in die Wirtschaft machten sich bemerkbar.

    Auch wenn es Ausnahmen geben mag: für Kinder aus bürgerlichen Verhältnissen ist meist nach oben hin irgendwo Schluss. Ein Studium garantiert heute keinen Job mit überdurchschnittlichen Einkommen mehr. Ein Haus in der Stadt bedeutet für den Normalverbraucher eine Verschuldung auf mehr als eine Generation. Häuser in besseren Wohngegenden gehen bei 2 Mio Euro los. Keine Chance für jemanden, der kein Millionenerbe bekommen hat.

    Das Gefühl, dass mir die Welt offen stünde, dass sich mit Talent und Fleiß alles finden würde, habe ich nicht mehr. Die Unbefangenheit, das Urvertrauen sind weg. Ich bin sehr viel nüchterner geworden und habe nicht das Gefühl, dass in da in meinem Leben noch "viel kommt." Vielmehr wende ich viel Kraft dafür auf, den status quo zu erhalten.

    Ich kenne nun einen Mann mittleren Alters, dessen Familie zum klassischen Geldadel gehört. Er hat noch nie gearbeitet, sondern sich den schönen Dingen des Lebens gewidmet. In der Villa nebenan wohnte ein kinderloses, alte Ehepaar. Sie kannten ihn seit er ein Kind war - und setzten ihn als Alleinerben ein. Er hat nun zu seinem ohnehin bereits vorhandenen Reichtum noch mehrere Millionen (man spricht von mind. 5 Mio Euro) geerbt.

    Ja, es regnet dahin, wo es schon nass ist.

    Dankbar bin ich dafür, dass mich meine Eltern immer in allem bestärkten, mich so gut sie es konnten unterstützten und immer ein offenes Ohr für mich hatten. Sie haben mir das nötige Selbstvertrauen gegeben, als einzige aus dem Dorf allein auf das weit entfernte Gymnasium zu gehen und das Studium durchzuziehen.
    Auch meine Verwandtschaft hat mich immer bestärkt, obwohl bis auf einen Cousin keiner eine Uni besucht hat.

    Fazit nach dieser langen Mail: Ich kann verstehen, wenn man in der Mitte des Lebens beginnt, auch schädliche Gefühle wie Neid zu entwickeln, oder sich zu grämen, nicht den besten Start gehabt zu haben.

    Aber man muss diese Gefühle bald weiterziehen lassen und dankbar für das sein, was man hat. Du hast einen sicheren, qualifizierten, gut bezahlten Job! Dies ist alles andere als selbstverständlich! Ein ganz wichtiger Grundpfeiler des menschlichen Daseins steht bei Dir felsenfest! Allein dies ermöglicht Dir so unendlich viel! Freue Dich darüber! Geniese Deine Unabhängigkeit. Wenn ich Dein Einkommen hätte, ach, was würde mir das für Möglichkeiten geben. Ich würde gleich das nächste Froschbiotop ausbaggern lassen!
    Geändert von Inaktiver User (12.03.2009 um 20:40 Uhr)

  9. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Dachziegel Beitrag anzeigen
    Aber hier geht es um höchste Spitzenpositionen.

    Das bestätigt, was ich meine: egal, wie viel Talent und Fleiß jemand mitbringt- irgendwo ist nach oben hin einfach Schluss. Bestimmte Positionen werden in geschlossenen Gesellschaften verteilt.

  10. Inaktiver User

    AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das Gefühl, dass mir die Welt offen stünde, dass sich mit Talent und Fleiß alles finden würde, habe ich nicht mehr. Die Unbefangenheit, das Urvertrauen sind weg. Ich bin sehr viel nüchterner geworden und habe nicht das Gefühl, dass in da in meinem Leben noch "viel kommt."
    Liebe perlensucht,

    genau so, wie Du es oben beschrieben hast, geht es mir auch, wobei ich sagen muss, dass ich in Deinem Alter dieses "ernüchterte" Lebensgefühl noch nicht hatte (da hatte ich sogar noch die Hoffnung, dass es mit einer Familiengründung vielleicht doch noch, wenn auch spät, klappen würde). Aber etwa seit ich die 40 überschritten habe, hat das Gefühl, dass nichts sonderlich Erfreuliches mehr kommt, immer mehr zugenommen. Und ich kann mich auch mit allem anderen identifizieren, was Du geschrieben hast.

    Manchmal denke ich, mein Berufsleben (im Sinne von Karriere) habe ich im Grunde schon hinter mir. Wenn ich viel Glück habe, kommt vielleicht noch einmal eine Beförderung, aber mehr dann auf keinen Fall. Ich werde keine wirklich herausgehobene Funktion in meiner Behörde bekleiden. Eigentlich brauche ich nur noch halbwegs ordentlich vor mich hin zu arbeiten und auf die Pensionierung (mit 67) zu warten...

    Wenn ich richtig mies drauf bin, stelle ich manchmal sogar in Frage, dass ich zum Gymnasium gegangen bin und studiert habe. Das, was ich mir früher vorgestellt habe, damit zu erreichen (nicht nur finanzielle Dinge, sondern vor allem auch immaterielle wie Zugehörigkeit zu einer bestimmten, gehobenen Gesellschaftsschicht, gebildeter Partner mit einem gewissen Status), habe ich irgendwie doch nicht geschafft. Meine Cousinen ohne Abitur haben fast alle Partner, Kind und Eigenheim (wenn auch auf dem Land, wo die Bauplätze natürlich viel preiswerter sind). Und brauch(t)en nur Teilzeit in weniger anspruchsvollen Berufen zu arbeiten, kriegten aber zu jedem Auto, Möbelstück, jeder Gardine etc. von den Eltern oder Schwiegereltern einen Zuschuss. Und die Eltern/Schwiegereltern, Tanten und weiteren Verwandten stecken auch deren Kindern andauernd etwas zu. Wenn man das alles zusammenrechnet, kommt wahrscheinlich insgesamt ein höherer Betrag dabei heraus, als mein Studium als "Pendel-Studentin" gekostet hat.

    Hätte ich aber kein Abitur und kein abgeschlossenes Studium, würde ich wahrscheinlich deswegen mit dem Schicksal hadern. Und eine bestimmte Allgemeinbildung und der Zugang zu bestimmten Interessensgebieten wäre mir dann verschlossen oder zumindest erheblich erschwert worden. Ich glaube, das wäre für mich bei meinen Interessen und meinem angeborenen Wissensdurst auch keine wirklich befriedigende Alternative gewesen.

    Aber es war eine gesellschaftliche Lüge der Bildungspolitiker in den 1960er und 70er Jahren, man könne durch Talent und Fleiß - unabhängig von der sozialen Herkunft - alles erreichen. Ich sehe ja jetzt, wo ich trotz aller Anstrengungen stehe und wo meine aus dem Bildungsbürgertum stammende Schulfreundin steht, die nur eine mittelmäßige Schülerin war.

    Trotzdem hast du natürlich Recht, wenn Du sagst, dass man auch das wertschätzen muss, was man hat. Klar, ich könnte z.B. arbeitslos oder schwer krank sein. Dann würde ich mich wahrscheinlich schämen, dass ich vorher so unzufrieden war.
    Geändert von Inaktiver User (13.03.2009 um 06:52 Uhr)

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