Mediterranee, ich kann Dein Post absolut unterschreiben. Ich denke aber, die eigentlichen Baustellen liegen woanders.
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27.03.2009, 14:21
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
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29.03.2009, 13:43Inaktiver User
AW: Gefühl, sozial nirgends richtig dazuzugehören
Liebe Sunday,
ich habe die Diskussion schon seit geraumer Zeit verfolgt und es wurde schon viel Wahres und Konstruktives gesagt. Hoffentlich schreibe ich hier nichts doppelt, aber ich wollte noch ein paar Aspekte erwähnen, die ich für wichtig empfinde.
Erst einmal kann ich das Thema deines Postings sehr gut verstehen und auch nachvollziehen.
Ich habe mich lange, und manchmal auch heute noch, sozial nicht richtig einordnen können und hatte doch stets den Wunsch. Generell ist das Gefühl, irgendwo dazuzugehören ein völlig legitimes Bedürfnis.
Ich stamme aus einer Mittelklasse-Familie, die aber erst in der ersten Generation zur Mittelklasse gehört. Meine Eltern mussten die Schule sehr früh verlassen, haben es aber dann geschafft, sich einen gewissen Wohlstand und auch Bildung zu erwerben. Wenn ich meine Mutter anschaue, dann sehe ich eine Frau, die Akademiker bewundert und sich in deren Beisein oft minderwertig fühlt, obwohl sie weiss, dass sie sehr wohl mithalten kann, sich gut ausdrückt, intelligent ist und kulturell interessiert ist. Aber das Gefühl der Minderwertigkeit lässt sie nicht los. Ich selbst habe die Uni abgebrochen (beim ersten Studiengang) und stattdessen gearbeitet und beende gerade mein später aufgegriffenes Studium. Ich hatte jahrelang die Probleme meiner Mutter übernommen und gelitten. Ich bin trotz mangelndem Uni-Abschluss stets ein erfolgreicher Mensch gewesen und habe anspruchsvolle Berufe ausgeübt, aber es war lange wie ein Fass ohne Boden-äußere Dinge konnten dieses Loch, diesen Komplex nicht füllen. Ich litt damals sehr unter meinem sehr reichen Umfeld, in dem ich als Kind aufgewachsen war. War das Kind dumm, dann kaufte man sich eben auf einer Privatschule das Abitur, dann klagte man den Studienplatz ein, später wurde von der reichen Familie der Doktorvater hofiert. Und ich musste mir alles selbst verdienen. Auch ich bekam Musikunterricht, wir taten all die "richtigen" Dinge, aber ich konnte mich nicht mit so einer Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft bewegen.
Ich war lange sauer, bitter und verglich mich ständig mit anderen. Als angehende Sozialwissenschaftlerin verschlang ich Bücher über Klasse und las mich durch Bourdieu, um dem Klassenphänomen auf den Grund zu gehen. Es war einleuchtend und klar, aber es änderte meine Haltung zu mir selber nicht. Mit der Zeit wurde es besser. Ich begann eine Therapie, in der ich lernte, mich anzunehmen wie ich bin.
Klasse ist eine Realität, aber das Thema ist tabuisiert. Eine Chancengleichheit gibt es nicht, soziale Mobilität wird immer weniger stattfinden. Das ist schlimm. Die berühmte Schere geht immer weiter auseinander.
So, nun bist du aber da, Sunday, und du bist so wie du bist und deine Biographie lässt sich nicht umschreiben. Wir können aber alle unsere Einstellung zu uns selbst ändern, auch wenn es schwer fällt.
Ohne in Klischees zu verfallen- ich kann aus deinem Posting nicht viel Hinweise finden, dass du dich selbst gern hast und dich akzeptierst. Um wiederum von REalität zu sprechen-du hast eine momentan schwierige Situation mit deiner Familie, in der du alles managst und in der du die einzig vernünftige Person zu sein scheinst. Ja, jemand, der das nicht erlebt, der kann das nicht nachvollziehen...die Anrufe, dass mal wieder jemand austickt, deine ständige Sorge...
Ich finde es erst einmal toll, dass du Verantwortung zeigst. Wenn du meine Arbeitskollegin wärst und ich deine Situation mitkriegen würde, dann hättest du nicht mein Mitleid, sondern meine Bewunderung, dass du nicht wegrennst, sondern für deine Familie da bist. Verantwortung ist eine sehr attraktive Sache.
Ich bewundere dich dafür, dass du es geschafft hast, Juristin zu werden. Ich habe ein paar Juristen in meinem Bekanntenkreis und weiss, dass das Studium und die 2 Examen ein Hammer sind. So viel Stamina hätte ich nicht.
Ich finde es auch toll, dass du Musik machst. Ich bin selbst eine ziemlich gute Amateur-Musikerin und habe große Bewunderung für Leute, die sich einer solch schönen Sache wie der Musik widmen. Musik ist übrigens , obwohl klassische Musik auch eine Art Snob-Hobby sein kann, eine klassenlose Aktivität- wenn jemand gut ein Instrument spielt, dann zählt die Herkunft nicht, sondern nur die Kunst. Hast du Interesse an einem Streichquartett? Inserier doch mal, vielleicht findest du auch z.B. einen Flötist und ihr probiert mal etwas aus? Wie es die anderen bereits erwähnt haben: es gibt Dinge, die könntest du selbst in die Hand nehmen.
Nochmal zu deiner Familie. Unterscheide auch, ob du die Verantwortung nur aus Pflicht trägst oder denkst, dass ohne dich nichts mehr laufen würde, dann ist das der falsche Weg. Aus Erfahrung weiss ich, dass nicht alles durch mich alleine steht und fällt. Zeigst du vielleicht auch Ablehnung gegenüber deiner Schwester und deiner Mutter und dann opferst du noch deine Freizeit und kommst selbst zu kurz? Dann musst du dir irgendetwas Neues ausdenken.
Wichtig ist, zusammengefasst, dass du dich selbst magst. Mit deiner Herkunft, der Familie, mit dem, was du erreicht hast. Dann finden dich auch andere attraktiv. Du kannst einen Millionär in eine Sozialwohnung mitnehmen, aber du muss dich selbst mögen und darfst dich nicht verleugnen. Und probier auch nicht, Leuten zu gefallen, die du gar nicht magst. Deine Freundin, die wohl deine mangelnde Akzeptanz dir selbst gegenüber und deinen Status-Scham spürt, deckt meiner Meinung nach nur so dick auf, weil sie unterbewusst weiss, dass sie dich damit kriegt.
Ich finde es armselig, dass jemand noch mit einem Austauschkontakt der Schulzeit prahlen muss.
Sunday, steh ein wenig zu dir und such dir nette Leute, mit denen du schöne Erlebnisse haben kannst.
Ich drücke dir die Daumen für alles.
Alles Liebe
Parsnip


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