Gestern abend war ich tanzen - alleine. Ich hatte mich dort lose mit einem Bekannten verabredet. Schon auf der einstündigen Hinfahrt merkte ich, wie müde ich war, ich fuhr aber dennoch, weil ich den Bekannten nicht vor den Kopf stoßen mochte.
Dort angekommen stellte ich fest, dass ich zu dünn angezogen war und mich für die falschen Schuhe entschieden hatte. Dumm, aber nicht zu ändern, also wollte ich das Beste aus diesem Abend machen.
Der Abend war nicht sehr schön, es war etwas langweilig, weil ich die meiste Zeit alleine dort stand, ab und zu tanzen ging und der Bekannte mich nach wenigen Worten wieder stehen ließ und ab da in der Menge verschwand.
Später wurde ich von einem Mann angesprochen mit den Worten, ich würde so unglaublich gelangweilt, unnahbar, desinteressiert und somit abweisend wirken. Als ich dann erwiderte: "Das ist interessant, kannst du mir das etwas erläutern?", erklärte er mir, dass meine ganze Körperhaltung, mein Gesichtsausdruck, ect. diesen Eindruck vermitteln würden.
Normalerweise würde mich das wahrscheinlich wenig berühren, aber ich stelle fest, dass ich dieses oder ähnliches Feedback immer wieder, und in letzten Zeit gehäuft bekomme und das gibt mir arg zu denken. Eine einzelne Meinung könnte ich ja noch überhören, aber die Vielzeit dieser Meinung deutet für mich darauf hin, dass an dieser Beobachtung etwas dran sein muss.
Man sagt mir immer wieder nach, sehr kritisch, feindselig, arrogant, abweisend zu wirken durch Mimik und Körperhaltung. Das macht mich wirklich fertig, denn es ist das Gegenteil von dem, wie ich mich innerlich fühle und wie ich rüberkommen möchte.
Und ich merke, dass es allerhöchste Zeit ist, an dieser Ausstrahlung zu arbeiten, denn sie hat zur Folge, dass Kontakte schwierig sind und ich mich dadurch sehr alleine fühle.
Wahrscheinlich beißt sich hier auch die Katze in den Schwanz: ich fühle mich alleine und unwohl und dieses Gefühl macht sich über meine Ausstrahlung bemerkbar. Diese widerum bewirkt, dass tatsächlich nur wenige Lust haben, mit mir in Kontakt zu treten.
Interessant ist aber auch, dass ich dieses Feedback auch dann bekomme, wenn ich mich eigentlich ganz gut fühle und an nichts Schlimmes denke. Dann ein solches Urteil zu hören trifft mich noch mehr, denn ich merke, wie sehr ich diese Ausstrahlung offensichtlich verinnerlicht, wie wenig ich sie unter Kontrolle habe und wie wenig ich mir meiner Wirkung bewusst bin.
Waaah, ich könnte schreien!!
Meine Frage an euch:
ich möchte an meiner Mimik, Gestik, Körperhaltung wirklich ernsthaft arbeiten und sie verbessern. Und ich glaube auch, dass ich mehr, fachkundigere und längerfristigere Hilfe benötige als einen kurzen VHS-Workshop (nur mal eine Idee).
Habt ihr Ideen und Tipps für mich, wo ich suchen kann? Therapeuten vielleicht oder Coaches? Mit welcher Spezialisierung? Und wo finde ich sie?
Vielen Dank für's Lesen!![]()
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 22
Thema: Unnahbar
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18.01.2009, 12:52
Unnahbar
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18.01.2009, 13:22Inaktiver User
AW: Unnahbar
Unnah,
tja, Du warst müde, hast gefroren und der Abend war langweilig. Das hat man Dir vermutlich angesehen und entsprechend reagiert. Kein Beinbruch, finde ich. Wenn das Feedback allerdings öfter kommt, überlege doch einmal, ob Du Deine jeweilige Stimmung vielleicht ein wenig zu sehr nach außen scheinen lässt?
Ich kann Deine Geschichte aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Bei mir war es Unsicherheit, Schüchternheit und ein extremes Gefühl von Deplaziertheit (das ich auch heute noch habe), das zu ähnlichen Rückmeldungen meiner Umwelt wie bei Dir geführt hat.
Ich glaube aber nicht, dass Du jetzt umfassende therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen musst. Du hast den ersten Schritt ja schon getan: Du hast das Feedback Deiner Umwelt zum Anlass genommen, Dich mit Dir auseinanderzusetzen und Dir über Deine Außenwirkung klarzuwerden.
Jetzt ist es eigentlich einfach: Du analysierst tägliche Situationen, hörst in Dich hinein, warum Du vielleicht kritisch, feindselig, etc. gewirkt haben magst, und fragst Dich, ob Du sie vielleicht ändern kannst. Das sind oft wirklich Kleinigkeiten, die Dir einen wesentlich freundlicheren Umgang mit den meisten Menschen bescheren können.
Beispiel aus meiner eigenen "ich wirke so feindselig"-Geschichte:
Ich war extrem schüchtern, kam daher arrogant 'rüber. Das scheint oft der Fall zu sein, weil man zumacht wie eine Auster und schon per Körperhaltung signalisiert, dass Kontankt, in welcher Form auch immer, unmöglich ist. Die Umwelt nimmt das aber als "hochmütig über die Menge hinwegsehen und nach was Besserem Ausschau halten" wahr.
Ich habe also ganz kleine Vorsätze gefasst: zum Beispiel jeden grüßen, den ich in meinem Umfeld im Büro, im Treppenhaus, und so weiter begegne. Egal, ob ich die sonst grüße oder nicht: wenn sie sich in MEINEM Unternehmen herumtummeln, sind sie entweder Kollegen, Kunden oder Geschäftsfreunde und ich habe sie gefälligst freundlich zu begrüßen, ich sage also einen freundlichen Guten Tag und lächele sie dabei an.
Es ist nicht ganz leicht, besonders wenn man denkt, die anderen bemerken einen eigentlich sowieso nicht oder wollen vielleicht keinen Kontakt. Ich sage auch immer "Guten Tag", wenn ich in einen kleinen Laden, Bäckerei und so weiter hineinkomme und stelle mich nicht nur stumm vor die Regale oder in die Schlange. Egal, ob ich kaufen oder nur gucken will.
Nach meiner Erfahrung ist das bloß Übungssache, kein persönliches Defizit, das Du in mühsamer analytischer Arbeit etwa "aufarbeiten" müsstest
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Das hier: "Diese widerum bewirkt, dass tatsächlich nur wenige Lust haben, mit mir in Kontakt zu treten. " kannst nur Du ändern, indem Du selbst mit den Leuten in Kontakt trittst (Blickkontakt, Smalltalk-Kontakt).
Das hier: "Interessant ist aber auch, dass ich dieses Feedback auch dann bekomme, wenn ich mich eigentlich ganz gut fühle und an nichts Schlimmes denke." liegt schon eher an Körperhaltung und Mimik. Kontrolliere doch einmal, wie Dein Gesicht aussieht, wenn Du es entspannst oder "an nichts Böses" denkst, wie Du sagst. Bei mir zum Beispiel hängen die Mundwinkel dann derart herunter, dass ich trotzdem schlecht gelaunt aussehe. Ich muss also lächeln, wenn ich auch nur freundlich oder neutral aussehen will. Anstrengend, lohnt sich aber.
Körperhaltung genauso: ein Spiegel genügt, ein Therapeut ist vermutlich übertrieben.
Viel Erfolg wünscht: Orlando
< Der Vorsatz, sich jetzt die Welt zu erobern und "sie alle niederzulächeln", kann übrigens auch Spaß machen. Das tut es bei mir aber erst seit einiger Zeit, am Anfang fand ich es bloß anstrengend. >
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18.01.2009, 15:15
AW: Unnahbar
Orlando, ich hätte Wort für Wort dasselbe geschrieben. In einer stillen Stunde habe ich mir mal mein Gesicht angeguckt, wenn ich ganz entspannt und locker bin. ooooooh jeeeee.
Ich sehe dann aus als würde ich gleich jemanden umbringen wollen. Das MUSS ja abschrecken. Außerdem redete ich erstmal nichts, wenn ich neue Leute traf.
Was habe ich gemacht? Für mich habe ich diese Nummer genannt "ich mache mich erstmal zum Affen".
Also: ich rede und laber und lache und spreche andere an und schwupps dann sind die anderen nicht mehr so verunsichert von mir. Das hat wunderbar funktioniert. Nicht erstmal gucken, sondern gleich ... ja... mich zum "Affen machen eben" damit die Menschen keine Angst vor mir bekommen (jetzt mal übertrieben ausgedrückt)
Therapeuten braucht man dafür wirklich nicht. Einfach mal testen. Beim Tanken z.B. da kam es mir in den Kopf ich könnte mir mal eben einbilden ich sei die Schönste Frau der Welt. Miss World sozusagen. Ein Gottesgeschenk, eine Königin. An dem Tag war ich lustig drauf und dachte "probierste mal". Meine Haltung wurde aufrecht, mein Gang graziös und mein Gesicht lächelte glücklich und entspannt. Und so schwebte ich in den Kassenraum. Voll überzeugt ich sei Miss Universum.
Und tatsächlich, man wich ehrfurchtsvoll zurück, einer lies mich sogar vor. Boaaahh. Was es alles so gibt, dachte ich. Man kann da schon ganz tolle Experimente machen.
Viel Spaß dabei,
SittsamWer bei mir Streit sät, kann die Ernte gleich mitnehmen.
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18.01.2009, 15:16Inaktiver User
AW: Unnahbar
Ausstrahlen kann man aber auch nur, was man in irgendeiner Weise innerlich empfindet. Ähnlich wie bei Orlando war/ist es bei mir Schüchternheit, aber auch die Angst vor Ablehnung, die mich einigen Leuten arrogant erscheinen lässt. Bei manchen ist es vielleicht auch die notwendige Perzeption, wenn ich mal mehr weiß oder vielleicht hübscher bin. Soll gelegentlich vorkommen. ;-) Insofern finde ich, lohnt es sich durchaus mal darüber nachzudenken, woher die Angst kommt und ob sie berechtigt ist -. was natürlich in den meisten Fällen unangebracht ist. Gleichzeitig muss man sich aber auch diese andere Erfahrung schaffen, um sie sich innerlich vorstellen zu können. Denn rein theoretisch lässt sich das Gefühlsleben nicht überzeugen.
Wenn man so eine Strategie anwendet wie Orlando, schafft man sich ja selbst die Erfahrung, dass "andere"keine Feinde sind. Von daher: Probier' auch das aus!
Liebe Grüße! Ehrenpreis
PS: Und versuche auszuschließen, dass es sich bei solchen Bemerkungen nicht nur um einen beliebten Anmachspruch handelt.
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18.01.2009, 15:20
AW: Unnahbar
ich bin baff.
sittsam, jedes deine worte hätte nun wiederum von mir stammen können! selbst die fiktive tankstellen-szene.
unnah, du bist nicht allein, und die veränderung dieses auftretens ist sehr spannend und macht - im gegensatz zu vielen anderen veränderungsprozessen - meist großen spaß.
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18.01.2009, 15:25
AW: Unnahbar
Die Tankstellenszene war nicht fiktiv. *lach*
Und du hast recht, wenn man einmal angefangen hat damit herumzuexperimentieren, dann macht es wirklich Spaß.Wer bei mir Streit sät, kann die Ernte gleich mitnehmen.
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18.01.2009, 15:28Inaktiver User
AW: Unnahbar
Das hier
finde ich eine enorm gute Idee, denn das Zugehen auf Andere kann einem erst mal ganz schön seltsam vorkommen oder sich auch "entgegen meiner Natur" anfühlen. Man merkt erst mit der Zeit, dass man sich lange nicht so sehr dafür verbiegen muss wie man anfangs denkt.
Also Unnah, finde Dein persönliches Motto, auch wenn das bedeutet, dass Du Dich erst einmal "zum Affen machst".
LG, Orlando
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18.01.2009, 15:42
AW: Unnahbar
Hallo zusammen,
ich kann mich Euren Postings voll und ganz anschließen. Wobei ich das auch fallweise handhabe. Auf Dauer wäre es mir wohl zu anstrengend, immer bewusst gegen meine zurückhaltende Natur zu agieren. Aber dieses Spiel "ich bin die schönste Frau der Welt" habe ich auch schon mal gespielt und versuche es immer mehr in meinen Alltag zu integrieren. Es funktioniert wirklich unglaublich gut und kostet, da es es ja ein reines Gedankenspiel ist, erst mal nicht viel Mühe. Das entsprechende Verhalten stellt sich dann fast von selbst ein. Man wird dadurch nämlich nicht arrogant, sondern freundlich und selbstsicher.
Ich glaube, das was von anderen als Arroganz und Unnahbarkeit wahrgenommen wird, ist eine Unsicherheit, die aus einem mangelnden Grundvertrauen in andere Menschen resultiert. Man versucht dann unwillkürlich, sich vor möglichen Angriffen zu schützen und strahlt diesen Schutzpanzer dann natürlich auch aus, auch wenn man innerlich ruft: sprecht mich ruhig an.
Gegen diese Unsicherheit hift die Königinnen-Haltung auch sehr gut, denn einer Königin tut niemand etwas Böses. Im Gegenteil, sie weiß, dass sie die Menschen einschüchtert und kann es sich von daher leisten, freundlich auf sie zuzugehen, um ihnen die Hemmung zu nehmen. Und so wirkt man automatisch entspannter.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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18.01.2009, 15:45
AW: Unnahbar
das ist ja noch viel besser!
also, ich mag ja dein motto so gern (weil sich "sturm" und "ernte" so fein als variable verwenden lassen
):
wer diesem prozess beginnt, wird große zufriedenheit bei der ernte empfinden!
mir geht das gerade so. ich habe mir immer und immer wieder in den letzten jahren fest vorgenommen, mein auftreten zu ändern, weg von dem eindruck, den auch unnah bei sich bemerkt, und den sie so nicht mehr möchte. freundlicher zu werden macht wirklich spaß
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18.01.2009, 16:09Inaktiver User
AW: Unnahbar
Außerdem, so konnte ich feststellen, gibt dieser Veränderungsprozess einem mit der Zeit fast automatisch nicht nur den Anschein einer gewissen gelassenen Souveränität, sondern auch das Gefühl davon. Schließlich hat man ja bewusst entschieden, sich zu verändern und daran gearbeitet, und jeder kleine Erfolg trägt zum Wohlbefinden bei.
Wenn heute Menschen nicht auf meine Freundlichkeit reagieren, lasse ich sie gern mit einem mitleidigen Nachblick ziehen (denn sie haben entschieden, dass ihnen ihre Unfreundlichkeit wichtiger ist als ein netter kurzer Kontakt zu mir), früher hätte ich mich persönlich angegriffen oder abgelehnt gefühlt.



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