Hallo lisalena,
es geht doch gar nicht darum, der TE entgegenzurufen: ha, ICH bin ein Tausendsassa und wenn Du keiner bist, dann hast Du halt Pech oder wahlweise ein behandlungsbedürftiges Problem.
In meinen Augen geht es darum, mal zu hinterfragen, was so ein Tausendsassa überhaupt ist. Und da kann ich entweder die, die als solche ansehe, hinterfragen und auf ein niedrigeres Niveau herunterziehen, damit ich mich nicht mehr so klein fühle. Und das ist genau die von Dir erwähnte Neid-Schiene, die mir auch nicht gefällt.
Oder ich schaue mir halt mal mein eigenes Leben aus verschiedenen Perspektiven an und merke, wie relativ diese Tausendsassa-Wahrnehmung u.U. sein kann. Und wenn ich das bei mir selbst so wahrnehme, dann kann ich davon ausgehen, dass es bei anderen ganz ähnlich ist. Damit werte ich ihre Leistungen nicht ab, sondern erkenne, dass es durchaus unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten gibt.
Was wäre denn Deiner Meinung nach die angemessene Reaktion auf den Eröffnungsbeitrag?
Viele Grüße,
Malina
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Thema: Tausendsassa
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22.11.2008, 18:52
AW: Tausendsassa
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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22.11.2008, 19:40
AW: Tausendsassa
Den Beitrag von Malina finde ich super-witzig und trifft ins Schwarze. Könnte ich auch direkt auf mein eigenes Leben anlegen:
Zwischen Abi und Beginn des Studiums schob ich einen Auslandsaufenthalt ein, um Erfahrungen zu sammeln & bestehende Sprachkenntnisse zu vertiefen. Mein Studium schaffte ich locker innerhalb der Regenstudienzeit, finanzierte es hauptsächlich über Nebenjobs, brachte einige Praktika hinter mich und schloss mit guten Ergebnissen ab. Nebenher hatte ich noch genug Zeit für Partys & Freunde übrig.
Bald danach promovierte ich, zog die Diss zügig durch, um danach ins Arbeitsleben durchzustarten. Ich siedelte in meine Wunschstadt in Deutschland um und mietete eine kleine Wohnung, die mittlerweile originell & schick eingerichtet ist.
Im Job läuft alles super und auch finanziell stimmt es, ich kann mir mindestens einen langen Urlaub und mehrere Kurztrips pro Jahr leisten und fülle meinen Kleiderschrank mit modischen Teilen.
Privat bin ich mit meinem Freund sehr glücklich, tanze leidenschaftlich gerne und pflege einen großen Bekannten- und Freundeskreis, teils im Ausland beheimatet. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und jogge, um mir meine gute Figur zu erhalten. Ich bin viel unterwegs, bekomme alles auf die Reihe. Pro Woche werden zwei Klassiker oder Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt gelesen. Ich spreche fünf Sprachen fließend.
Oder wie klingt dagegen diese Version...
Da ich die ganze Oberstufenzeit nachlässig gewesen war, musste ich vorm Abi richtig ranklotzen, um die Note rauszureißen. Im Ausland ließ ich die Sau raus und machte dabei ein paar Erfahrungen, die ich mir hätte sparen können. Als Studentin war ich ständig knapp bei Kasse und konzentrierte mich mehr auf Partylife denn auf meine Seminare. Ich hauste jahrelang in wahlweise kalten oder hässlichen Zimmern und hatte manchen unausstehlichen Mitbewohner. Den Alltag verbrachte ich damit, zwischen Uni, diversen Jobs und weiteren Terminen hin- und herzuhetzen. Zwischendurch merkte ich, so klappt's nicht, und büffelte nächtelang durch.
Mit meiner Doktorarbeit kämpfte ich und kriegte es anfangs nicht hin, mir meine Zeit frei einzuteilen.
Jobmäßig griff ich ein paar Mal ins Klo, hatte u.a. einen cholerischen Chef und penetrante Kaffeeautomatenschwätzer zu ertragen.
Ich überziehe des öfteren mal mein Konto und gebe sträflich viel Geld für ein Paar Jimmy Choos aus, die eigentlich mein Budget strengen.
In manchen Phasen bin ich rettungslos überfordert, komme überall ein paar Minuten zu spät, und mache nichts 100 %.
Mein Französisch ist mies.
...
das merke ich mir - gelegentlich fliegt mich so eine Anwandlung eben doch an. Aber von außen sieht's eh immer anders aus als von innen. Und damit, dass andere Leute besser organisiert, disziplinierter oder in manchen Dingen begabter sind als ich, habe ich mich abgefunden <seufz>
Anbel
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22.11.2008, 19:55Inaktiver User
AW: Tausendsassa
Sehr schön Eure beiden Versionen eines einzigen Lebens, Malina und Anbel.
Ich könnte auch sagen, dass ich bis ich 30 war nur wahllos herumgejobbt, 4 Lehrstellen, 3 Studiengänge abgebrochen habe oder aber
dass ich auf dem Weg zu meinem Traumberuf die abenteuerlichsten Arbeiten angenommen und durch die Schule des Lebens gegangen, was mir heute alles zugute kommt.
Letztens auf dem Klassentreffen sagte ich zu K.:"habe das immer bewundert, wie viele Sachen du kannst, Malen, Fremdsprachen, sportlich usw."
K. antwortet grinsend:"Ja, ich kann alles, aber nur halb."
Ich:"Stimmt doch gar nicht. Du kannst es vielleicht nur nicht so gut verkaufen."
K. nachdenklich:"Stimmt, mein Bruder kann nix richtig, aber das verkauft er gut."
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22.11.2008, 22:03
AW: Tausendsassa
Zitat von Inaktiver User
Jaja, die Frauen und ihr Selbstbewusstsein - ist doch oft zu traurig. Ich habe drei Jahre in Prag gelebt und da immer wieder mitbekommen, wie Männer nach zwei Monaten von sich behaupteten, Tschechisch zu sprechen, während Frauen nach drei Jahren gerade mal ein Glas Wein im Restaurant bestellen konnten...
@Anbel:
Eine sehr schöne Geschichte! Es ist doch immer wieder faszinierend, wie sehr man sich seine Lebensgeschichte selbst zurechtstricken kann.
Und was man von sich selbst glaubt, glauben irgendwann auch andere.
Faszinierte Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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22.11.2008, 23:18Inaktiver User
AW: Tausendsassa
Hallo!
Danke für eure tollen Beiträge
Die verschiedenen Lebens-Versionen finde ich auch total klasse. Das hilft mir vielleicht weiter, meinen eigenen Lebenslauf ein wenig aufzumotzen
Denn was ist wohl der erste Schritt, um eine Stellung abzubekommen? Lebenslauf und Bewerbung? Ich muss mich und mein bisheriges Leben gut verkaufen. Das würde ich vielleicht sogar noch hinkriegen. Das großen Probleme kommen dann, wenn ich da arbeite und nix auf'n Appel kriege, die Kunden sich über mein seltsames Gebrabbel am Telefon beschweren, die Kollegen mich komisch finden und der Chef nur mit mir rumhaust 
Aber es geht ja auch um zwischenmenschliche Kontakte. Jeder möchte natürlich wissen, mit wem hat er es grade zu tun. Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, als was ich mich gut darstellen kann. Ich biete kein gescheites Profil und habe regelrecht Angst davor, danach gefragt zu werden, was ich denn so den ganzen Tag mache und überhaupt. Ich würde z. B. niemals behaupten, ich könne perfekt Englisch, wenn ich es nicht wirklich perfekt beherrsche. Wahrscheinlich würde ich das niemals von mir behaupten, denn auch Deutsch kann ich nicht wirklich perfekt. Kann z. B. immer noch nicht die neue Rechtschreibung.
Es gibt eine ganze Menge Leute, die mehr Dinge beherrschen als ich und die sie auch viel besser beherrschen. Auf jeden Fall. Ich frage mich nur manchmal, wie die das alles machen. Bei 5 Fremdsprachen z. B. muss ich die regelmäßig pflegen und nutzen. Und wie schafft man das denn, wenn man noch 100 andere tolle Hobbies, einen großen Freundeskreis, beruflich sehr erfolgreich ist, für die Figur ackert, gerne kocht, super gepflegt aussieht... Das frage ich mich halt schon. Denn sogar Leute, die mit einer Fremdsprache aufgewachsen sind, die fahren in das entsprechende Land und brauchen erst mal ein paar Tage, bis sie mal wieder einen graden Satz in der Sprache rauskriegen.
Vielleicht sehen das manche Zeigenossen tatsächlich nicht so eng. Wenn sie eine normale Unterhaltung in einer Fremdsprache führen können, heißt es, sie sprechen die Sprache perfekt. Dazu würde ich z. B. noch zählen, dass ich mit wirtschaftlich ausdrücken kann oder auch literarisch entsprechend gebildet bin oder so ähnlich. Versteht wohl jeder was anderes drunter... Allerdings im Zeitalter, wo es Menschen gibt, die sage und schreibe 3 (!) Muttersprachen haben... Nun, der Wettbewerb wird eben immer härter
Liebe Grüße
Flauschhase
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23.11.2008, 10:59Inaktiver User
AW: Tausendsassa
Hallo flauschhase,
Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Bis vor einiger Zeit habe ich das, was andere Menschen so erzählt haben einfach ohne es zu hinterfragen hingenommen.Und wie schafft man das denn, wenn man noch 100 andere tolle Hobbies, einen großen Freundeskreis, beruflich sehr erfolgreich ist, für die Figur ackert, gerne kocht, super gepflegt aussieht..
Das lag wohl daran, dass ich selber immer eher zum Understatement neige (genau wie du würde ich niemals behaupten, perfekt Englisch zu sprechen, auch wenn mein Englisch objektiv betrachtet ziemlich gut ist) und unbewußt anderen unterstellt habe, dass sie ähnlich drauf sind.
Aber wie die kreativen Lebensläufe hier im Strang zeigen
, es kommt auf die Darstellung an. Und viele Menschen haben das 'Sich-selbst-verkaufen' anscheinend im Blut.
Ich habe eine Freundin, die das fast perfektioniert hat. Wenn man sie reden hört, könnte man meinen, ohne ihre Arbeit wäre die Firma bereits in Konkurs gegangen, weil sie als fast einzige unter lauter Kretins ihren Job gut macht. Sicherlich macht sie ihren Job gut - aber sie ist eben auch nur eine normale Angestellte in ihrem Bereich und nicht Top-Managerin.
Zufälligerweise habe ich einige Zeit mit ihr in der gleichen Firma gearbeitet und kann daher einige 'Fakten', die sie so verbreitet gut einordnen. Aber andere Menschen sind vielleicht erstmal schwer beeindruckt.
Sicherlich gibt es Menschen, die einfach sehr begabt und/oder sehr diszipliniert sind, aber diese Menschen sind die Ausnahme. Und Menschen, die wirklich viel können haben es normalerweise nicht nötig, sich zu profilieren, d.h. schmieren einem ihre Fähigkeiten nicht ständig aufs Brot.
Bei den meisten Menschen, die sich so vieler Dinge rühmen, würde ich aber erstmal gedanklich ein bißchen was abziehen.
Übrigens kenne ich viele Menschen, die Understatement mehr schätzen als übertriebene Selbstdarstellung, vielleicht tröstet dich das.
Beruflich sollte man natürlich darauf achten, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, aber auch da bin ich bisher mit Ehrlichkeit (wenn auch vielleicht an manchen Stellen ein bißchen 'gepimpt'
) ganz gut gefahren.
Viele Grüße,
bootsfrau
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23.11.2008, 11:45Inaktiver User
AW: Tausendsassa
Richtig!
Zitat von Inaktiver User
Ich bin Übersetzerin und habe bewusst nur ein Sprachenpaar (NL >D)und übersetze bewusst nur in meine Muttersprache. Einige Kollegen, ob in Russland oder Holland, behaupten Englisch als Muttersprache zu haben oder Deutsch, damit sie mehr Kunden bekommen. Wenn man das mal bei einigen genauer abklopft, sind sie noch nicht einmal "Near native speaker" und daher einfach nur Dampfplauderer.
Merkwürdig, dass sie (oft mit realem Namen) dieses Spielchen in heutigen Zeiten, wo jeder Forumsbeitrag -auch für potenzielle Kunden - jahrelang abrufbar ist, durchziehen.Sie werden oft genug entlarvt und argumentieren dann, dass man nicht alles so genau sehen sollte.
Passive Kenntnisse von 5 Sprachen ist schon drin, aber es ist absolut selten, dass jemand aktiv 5 Fremdsprachen sprechen und schreiben kann wie ein Muttersprachler.
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23.11.2008, 14:26
AW: Tausendsassa
Hallo zusammen,
wie schon geschrieben, ist vieles bei scheinbaren Tausendsassas eine Frage der geschickten Selbstdarstellung. Auf der andere Seite tun sie aber auch was dafür, ihr Image aufrecht zu erhalten. Meist sind diese Menschen schlank, sportlich, gepflegt, modisch gekleidet, d.h. sie machen schon rein äußerlich etwas her, so dass man ihnen die Erfolgsvariante ihrer Lebensgeschichte auch bedenkenlos abnimmt.
Und hier kann man auch ansetzen, wenn man sich selbst zu Tausendsassa entwickeln will, denn die genannten Dinge hat man schon selbst in der Hand.
Hinzu kommt die soziale Komponente: Tausendsassas sind meist umgänglich, beliebt, haben Freunde und können sich in unterschiedlichen sozialen Situationen zurecht finden. Auch das kann man üben und an sich arbeiten.
Man wird dann vielleicht immer noch kein müheloser Tausendsassa, der all diese Dinge instinktiv schon richtig macht, aber man entwickelt sich dennoch weiter. Und warum soll man nicht von denen lernen, die man beneidet?
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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24.11.2008, 11:52Inaktiver User
AW: Tausendsassa
Oh je, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?
Zitat von Inaktiver User
Du kennst doch bestimmt diesen alten Mann, der in seiner Scheune tausende Sachen sammelt, sie nicht wegwerfen kann und mit seinen handwerklichen Fähigkeiten auch aus der letzten Blechbüchse ein Kleinod zaubert für seinen Enkel? Der ebenso eine große Bibliothek in seinem Wohnzimmer hat und jedes seiner Bücher auswendig zu kennen scheint? Der Leute und Länder liebt, für sein Leben gerne reist und sich gerne auf neue, fremde Situationen einlässt? Der ebenso im Internet zuhause ist und wie ein Jungspund technische Neugierde besitzt? ...
Hat dieser Mensch in seinem Leben ALLES erreicht? Was ist alles? Hat dieser Mensch mehr erreicht als andere oder neigt er eher dazu, sich angesichts seiner tausend Interessen und Baustellen zu verzetteln? Ist dieser Mensch so vielseitig interessiert und engagiert, weil er Angst hat vor Stillstand und Langeweile in seinem Leben? Oder liebt er das Leben in all seinen Farben und seinem Facettenreichtum und trinkt gierig davon, als wäre morgen sein letzter Tag?
Ein Tausendsassa ist in meinen Augen jemand, der sehr vielfältig interessiert ist, der vieles beginnt, nicht aber unbedingt beendet, wie schon gesagt. Es sagt auch nichts darüber aus, ob er sein Können, seine Fähigkeiten bis zur Perfektion beherrscht. Ein Tausendsassa ist für mich etwas anderes als ein Alleskönner und Allesmacher.
Es geht also nicht darum, eine Bedeutung dieses Begriffs um zu definieren aus mangelnder, inneren Größe. Ich verstehe diese Bezeichnung einfach nicht so übermächtig und absolut, wie es die TE in ihrem Eingangspost schildert.
Wer sind DIE? Ich kenne keine Menschen, wie von Flauschhase geschildert. Ich kenne die, die einiges wirklich gut können, was ich neidlos, vielleicht auch sehnsüchtig, anerkenne und mir manchmal in dem entsprechenden Bereich als Vorbild nehme.
Zitat von Inaktiver User
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24.11.2008, 18:18
AW: Tausendsassa
pepina, das finde ich eine sehr schöne beschreibung
also, ich persönlich. mein ganz individueller eindruck.
es gibt keine nach oben begrenzte tausendsassa-skala (die dann bei 1000 ihr definiertes ende hätte)
und ich glaube auch, der "tausendsassa"-eindruck ist meistens der des betrachters. ich habe selten bis nie von jemandem gehört, der sich selbst als einen solchen bezeichnet hätte.


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