Liebe Bricom,
angeregt durch einen anderen Strang und einem kürzlichen Erlebnis, möchte ich euch einmal um Rat fragen.
Ich fühle mich unwohl bei größeren Veranstaltungen, sei es Familienfeiern, größere Geburtstage oder wie kürzlich ein sehr großes Seminar von der Arbeit (über 200 Leute). Ich bin extrem unsicher, trau mich nicht an die Leute heran und reagiere überkritisch und sensibel auf Signale, die Ablehnung bedeuten könnten. Ich mag mich nicht einfach zu anderen Leuten an den Tisch setzen und Small Talk halten, weil ich Angst habe, die könnten mich doof finden. Bei diesem Seminar hatte ich abends sogar Angst, zu den Abendveranstaltungen zu gehen und hatte vor jedem Mittagessen Bauchschmerzen, weil ich Angst hatte, alleine sitzen zu müssen. Ich klammere mich dann einerseits an die Leute, die ich kenne, ziehe mich dann aber ebenso schnell wieder zurück, weil ich denen ja auch nicht auf die Nerven gehen will. Schließlich bin ich eine gestandene Frau von 34, das muss ich doch alleine hinbekommen? Bekomm ich aber nicht.
Ich muss dazu sagen, dass ich früher in der Schule auch stark ausgegrenzt worden bin: ich war die typische Streberin, gute Noten, unsportlich, leicht übergewichtig, nicht besonders attrakitv. Das Wort "Mobbing" gab es damals noch nicht, aber meine Klassenkollegen haben mich dermaßen getriezt, dass ich irgendwann heulend zusammengebrochen bin und die Schule gewechselt habe. Es ist danach ein wenig besser geworden, stark gebessert hat es sich nach einem längerem Auslandsaufenthalt nach der 10. Klasse, als in der Oberstufe dieser strikte Klassenverband aufgelöst worden ist.
In der Ausbildung war es auch besser und das obwohl es mir aufgrund einer sehr schwierigen Beziehung damals überhaupt nicht gut ging. Trotzdem hatte ich da ein paar recht gute Freunde. Im Job war es dann wieder schwieriger, was aber auch damit zu tun hatte, dass ich den Job aufgrund einer erneuten schwierigen Beziehung wirklich habe schleifen lassen. Danach ging es dann mal wieder gut, dann wieder schlechter, weil sich da meine Depression angekündigt hatte. Im Studium war ich erst sehr eng mit einer Reihe von Kommilitonen befreundet, die sich dann aber irgendwann als ich schwanger wurde von mir abwandten. Ich habe sie nie gefragt, warum.
Im Job jetzt ist es alles klasse. Ich verstehe mich ausgeprochen gut mit den Kollegen, ich muss nie alleine essen gehen, selbst bei einem Betriebsausflug war es gut, obwohl ich da auch Panik vor hatte. Das war aber alles so gut organisiert, dass ein Herumstehen überhaupt nicht aufkam. Trotzdem habe ich Angst vor der Weihnachtsfeier, vor dem geplanten mehrtägigen Ausflug nächstes Jahr und traue mich nicht recht, meinen Hobbies wieder nachzugehen, weil ich dann auch erst wieder in eine fremde Gruppe reinmüsste.
Ich bin ansonsten kein sehr ängstlicher Mensch, ich bin zur Ausbildung in eine fremde Stadt gezogen, war mehrmals im Ausland und habe in verschiedenen Städten gewohnt. Ich habe mit Ende 20 noch einmal ein Studium begonnen und während des Studiums ein Kind bekommen. Ich denke, das sind alles Dinge, die ein gewisses Risiko beinhalten.
Aber ich habe furchtbare Angst, nicht gemocht und abgelehnt zu werden. Ich habe nur ein paar wenige Freunde behalten, weil ich zu so einer massiven Unsicherheit gegenüber anderen neige. Ich denke immer, ich bin irgendwie komisch, hässlich, nicht witzig, zu laut, zu leise, zu langweilig, zu wenig small-talk geeignet. Und auch wenn es durchaus Situationen gibt, die mir das Gegenteil zeigen, so ist diese Angst sofort wieder präsent, wenn ich nur das kleinste Anzeichen von "Nichtmögen" wahrnehme (was objektiv gar nicht so sein muss).
Von diesem Seminar bin ich jedenfalls heulend nach Hause gekommen - weil ich mich wirklich für sozial total inkompetent gehalten habe.
Kennt das jemand? Kann man da was machen?
Danke fürs Zulesen
Marilyn
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08.11.2008, 16:11Inaktiver User
Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
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08.11.2008, 16:38Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Liebe Marilyn,
nur kurz ein Gedanke:
keiner ist so sicher, wie er wirkt.
Ich weiß nicht, ob es hilft - aber auf solchen Veranstaltungen sind sicher viele interessante, nette Leute, denen es ähnlich geht wie Dir und die sich freuen würden, von Dir angesprochen zu werden (und die Angst haben, von Dir ein Signal der Ablehnung zu bekommen
)
Aber über den Kopf weißt Du ja selbst, dass das keine rationale Grundlage hat.
Wenn Du magst, schreibe ich noch zu SmallTalk - aber auch das weißt Du vermutlich alles über den Kopf.
Gruß, Leonie
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08.11.2008, 16:44Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Rational gesehen magst du recht haben: emotional gesehen bin ich die einzige auf weiter Flur, der das so geht. Auf mich wirken jedenfalls alle anderen immer erheblich selbstsicherer als ich. Und woran erkennt man diejenigen, denen es genauso geht?
Small Talk? Kann ich nicht, ich weiß oft nicht, worüber ich reden soll, wie man das Gespräch am Laufen hält. Das geht mir nicht immer so, manchmal klappt es, aber ich brauche irgendeinen Anknüpfungspunkt und ich habe oft das Gefühl, zuviel über mich selbst zu reden und das interessiert doch eh keinen.
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08.11.2008, 16:58Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Hallo Marylin,
Zitat von Inaktiver User
es geht mir genauso. Ich .. was soll ich sagen - ich glaube, ich akzeptiere es langsam - "dann finden sie mich eben seltsam".
Es ist sauschwer, zwischen "pff, denn eben nich" und ruhigem Offensein für "die Anderen" seinen eigenen Weg zu finden.
Also: der Normalzustand ist für mich eigentlich ersteres -nichts erwarten- und dann muss ich ein bißchen Diziplin haben, mich zu letzterem durchzuringen. Und das möchte ich auch und tu es auch. (Ich übe aber auch schon länger als Du!
)
Oh, das war wirr! Ich wollte sagen: ich erwarte von mir eigentlich nur den Versuch - nicht das Gelingen.
Aber neulich in einer Weiterbildung habe ich auch fast geheult.
Hier wirkst Du übrigens nicht, sei Dir versichert!nicht witzig, zu laut, zu leise, zu langweilig, zu wenig small-talk geeignet.
LG, T.
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08.11.2008, 17:04
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Hallo Marilyn!
Ich war viele Jahre, als Jugendliche, als junge Frau und Mutter und noch bis vor wenigen Jahren genau so unsicher wie du. Wenn ich das meinen Freunden sage, auch den guten alten, die mich schon ewig kennen, zeigen sie mir einen Vogel und wir lachen drüber. Ich, weil sie mir nicht glauben, mich so also nicht kennen und sie, weil sie denken ich koketiere...
In jungen Jahren bin ich für ein halbes Jahr ins Ausland und dann viel selbstsicherer wiedergekehrt. Trotzdem blieb diese Angst, wenn mehr als 2-3 Leute und dazu noch Fremde im Raum waren. Ich hab' echt immer gedacht, alle seien klüger, selbstsicherer, lockerer als ich. Und ich hab' zumindest versucht, auch gelassen rüber zu kommen. Wahrscheinlich hab' ich dadurch auf andere noch arrogant und distanziert gewirkt. Ich weiß es aber nicht.
Geändert - und jetzt komme ich zum Punkt - hat sich mein Verhalten durch jemanden, der mich für sehr klug hielt, für die schönste Frau der Welt, der mein Innerstes nach außen geholt, mich ständig zu Gesprächen aufgefordert hat, sehr stolz auf alles was ich tat und sagte war; kurzum, der mich sehr geliebt hat.
Die Beziehung ging in die Brüche, aber mitgenommen habe ich ein gestärktes Selbstwertgefühl und die Ängste sind weg. (auch wenn ich immer noch nicht zum Reden-Halten geeignet bin, aber das brauch' ich auch nicht)
Andere kochen auch nur mit Wasser und es gibt wirklich sehr viele unsichere Menschen. Inzwischen gehe ich auf unsicher Wirkende zu und spreche sie einfach an. Meistens laufen die Gespräche wie von selbst. Und wenn nicht - auch nicht schlimm. Davon geht die Welt nicht unter!
Lieben Gruß...
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08.11.2008, 17:07Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Hallo Marilyn,
hier im Forum zeigst Du Dich durchaus als sehr selbstbewußt und hast keine Scheu, andere Leute darauf aufmerksam zu machen, wenn Du Dich auf den Schlips getreten fühlst.
Ich denke, daß Du in der Realität das nötige Selbstbewußtsein durchaus besitzt, es vielleicht aber nicht aktivierst.
Grüße,
Kassandra
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08.11.2008, 17:10Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Dann stelle Deinem Gegenüber einfach Fragen.
Zitat von Inaktiver User
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08.11.2008, 17:22
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Was ich nicht so ganz verstehe... du sagst, du hast auch Angst, zuviel über dich selbst zu reden. Sowas tun schüchterne Menschen doch eher nicht... (?)
Manchmal hilft es auch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ich meine damit: es guckt dich nicht jeder an, es interessiert nicht jeden, ob du schön, toll, cool oder interessant bist. Jeder ist halt eine(r) unter vielen.
Und wenn du dich, so am Rand, ein wenig allein und unsicher fühlst, ist das allen anderen völlig egal. Könnte ja sein, dass du zu denen gehörst, die gern beobachten und sich zurückhalten.
also - nur Mut und los, wenn du mitmischen willst. Und wie Kassandra schon sagte, frag' halt irgendwas. Oder sag', dass du keinen kennst und dich am liebsten verkriechen willst, je nachdem. Geht deinem Gegenüber vielleicht auch so. Offenheit kann helfen.
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08.11.2008, 19:16
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
hallo marilyn!
oh, das kommt mir selbst auch alles sehr bekannt vor!
ich bin mir nicht sicher, ob den beitrag hier in "persönlichkeit" die resonanz findet, die er verdient! ich kann ihn ins unterform "ängste..." verschieben, wenn du magst.
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09.11.2008, 15:52
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Genau diese Erfahrung habe ich auch gemacht!
Zitat von wolkenbett
Und ansonsten geht es mir ganz ähnlich wie Dir Marilyn. Große Veranstaltungen schüchtern mich auch meistens ein. Wenn ich aber mit Leuten unterwegs bin, die ich kenne, dann halte ich mich auch an diese und habe nicht den Anspruch an mich, darüber hinaus noch zig andere Leute kennenzulernen. Meist bleiben bei solchen Veranstaltungen doch die Grüppchen für sich.
Ich habe bisher auch die Erfahrung gemacht, dass es mir in überschaubaren Gruppen (so 20-30 Leute) immer recht gut gelingt, die Leute herauszufiltern, mit denen ich was gemeinsam habe. Da hatte ich eigentlich noch nie Probleme, Anschluss zu finden. Von daher zieh ich mir den Schuh, komisch, hässlich, dumm, uninteressant zu sein, auch dann nicht an, wenn ich bei einer Veranstaltung tatsächlich mal alleine rumstehe. Dann ist das eben so, eine Verkettung unglücklicher Umstände und basta.
Ich habe, wie ich in dem Smalltalk-Strang geschrieben habe, auch schon sehr kontaktfreudige Menschen bei Verstaltungen alleine rumstehen sehen. Kürzlich erzählte mir auch eine Freundin, die an sich immer problemlos Anschluss findet, dass sie sich bei einer Veranstaltung einsam und verloren fühlte und mit niemandem gesprochen hat. Sowas kann einfach mal passieren.
Ich finde den Ansatz, ich versuch es und mach mir keine Vorwürfe, wenn ich mal scheitere, sehr gut. Damit nimmt man Druck aus der Sache raus. Und so lange man nicht bei jeder Veranstaltung unbeachtet in der Ecke sitzt, ist das doch gar kein Problem. Manchmal passt einfach der Rahmen nicht oder die Leute oder sonstwas. Ich glaube, sowas hat schon fast jeder mal erlebt.
Ich habe vor einiger Zeit mal einen VHS-Kurs besucht, und mir war vorher auch ein wenig mulmig. Aber ich bin dahin mit der Einstellung, ich will da etwas lernen, und wenn die Leute nett sind, gut, wenn nicht, auch egal. Ich habe mir nicht mal besondere Mühe gegeben, dort Kontakte zu knüpfen. Ein Teil des Kurses ist nach der Veranstaltung immer noch was trinken gegangen, aber mir war das zu spät. Und trotz dieses kontaktverhindernden Verhaltens war ich akzeptiertes Gruppenmitglied, wenn auch nicht Teil der engsten Clique. Aber das wollte ich auch gar nicht sein. Ich wollte einfach nur mal irgendwo sein, ohne mir einen Kopf zu machen, ob die anderen mich mögen, ohne bewusste Anstrengung. Und ich wusste, wenn ich nicht mehr mag, kann ich jederzeit aufhören. Das war richtig entlastend, zu merken, dass ich auch ohne Anstrengung nicht zum Außenseiter werde.
Geh einfach hin zu den Veranstaltungen, und wenn Du allein bleibst, dann sag Dir, gut, war nicht meins hier und hak die Sache ab. Du hast genug positive Erlebnisse, um zu wissen, dass es auch anders geht.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)


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