Ich kann voll und ganz nachvollziehen wie Du Dich fühlst. Auch ich habe immer das Gefühl von anderen besonders beobachtet zu werden, die Art wie ich spreche, wie ich aussehe, wie ich angezogen bin. Mir graut es auch schon wieder vor unserer Weihnachtsfeier, zumal auch ich den Small-Talk nicht besonders gut beherrsche.
Aber das seltsame an mir ist, vor einen großen Menschenansammlung kann ich eine Vorlesung halten. Beispielsweise in der Kirche. Ich gehe zwar nicht oft in die Kirche, aber bei der Kommunion meines Sohnes wurde jemand gesucht der in der Kirche einen langen Text vorliest. Alle haben sich gedrückt, selbst diejenigen die sonst immer große Sprüche abdrücken. Ich habe mich bereit erklärt und hatte absolut keine Scheu in der Kirche meinen Text vorzulesen, und die Kirche war mehr als voll.
Genauso wie vor ca. 1 Jahr eine Großveranstaltung unserer Firma. Es waren an die 300 Leute dort ( vorwiegend Ärtze und Juristen ). Der Chef suchte jemanden, der zur Lockerung der Veranstaltung einen Text vorliest. Sämtliche Mitarbeiter ( überwiegend studierte, bin die einzigste Teilangestellte, das kleinste Rädchen sozusagen ) schauten betreten zur Seite, einige gingen gar aus dem Raum als der Chef anfragte. Ich habe mich bereit erklärt und den Text fehlerfrei mit ruhiger, sicherer Stimme vorgelesen.
Warum ich das kann? Es sind alles fremde Leute, eine große Masse quasi die da vor mir sitzt. Mir ist dann gar nicht bewußt das die Leute mich anstarren und auf meine Stimme hören. Im Gegensatz zu einem kleinen Raum wo ich mit mehreren Leuten zusammen sitze. Dann kriege ich kaum den Mund auf, fühle mich sehr unsicher, weiß nicht was ich sagen soll.
Keine Ahnung was mit mir los ist. Bin mittlerweile Mitte 40 und habe es aufgegeben meine eigene Psyche zu verstehen.
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12.11.2008, 11:32
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
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12.11.2008, 13:36Inaktiver User
AW: Angst und Unsicherheit bei großen Veranstaltungen
Liebe Marylin,
ich kann Dich auch gut verstehen. Wie einige andere Posterinnen hier im Strang wäre ich anhand Deiner Beiträge allerdings nie darauf gekommen, dass es ausgerechnet Dir auch so geht.
Bei mir war es tatsächlich so, dass ich mich oft vor Veranstaltungen gedrückt habe - Abendessen mit Kunden z.B. Wobei ich früher nicht in der Position war, wo ich zu solchen Abendessen unbedingt gehen musste. Seit einem Jahr schon, ich freue mich immer noch nicht drauf, aber teilweise macht es inzwischen sogar Spaß.
Ich drück(t)e mich auch, wo es ging, vor Familienfeiern, die über den Rahmen von Eltern / Schwester hinausgingen. Ich habe z.B. 2 Cousinen, die rd. 8 Jahre älter sind als ich. Beide sind topgekleidet, topgepflegt und -frisiert - und ich fühlte mich schon als Teenager dort immer wie ein Aschenputtel. Für 5 Jahre wohnte ich sehr weit weg "von zu Hause" und konnte diesen Treffen so sehr leicht entgehen, aber seit wir wieder in annehmbarer Entfernung wohnen, finden öfters Familientreffen statt, zu denen ich auch eingeladen werde und inzwischen auch hingehe. Immer noch mit dem Gefühl "was soll ich denn da, ich hässliches Entlein", aber ich gehe hin und teilweise war es ganz nett.
Auch ich habe einen Mann zu Hause, der mich auf Händen trägt und mir dauernd sagt, wie toll und klug und schön ich bin. Ich glaube ihm auch, dass er so empfindet. Und manchmal hilft mir dieses Wissen, manchmal nicht.
Ich bin sowieso mehr eine Ruhige, daher fällt es den Kollegen weniger auf, wenn ich mich bei Feiern mehr am Rand aufhalte und mehr zugucke als etwas beizutragen. In Besprechungen sage ich furchtlos meine Meinung und diskutiere sie auch gern. Die Teilnehmer sind da dieselben, nur der Rahmen ist anders, und ich fühle mich auch gleich anders. Dass ich nichts trinke, ist inzwischen (bei dieser Gruppe) akzeptiert, zum Glück! Mir macht es (in diesem Kollegenkreis) inzwischen sehr viel Spaß, auch mal einen Abend mit ihnen zu verbringen, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht, weil ich nicht viel dazu beitrage.
Ich bezeichne mich selbst gern als "Spaßbremse", mit einem kleinen ironischen Zwinkern. Ich fühle mich auf Parties halt nicht wohl und halte mich da zurück - viele Leute empfinden mich dann als "Langweiler". Oder ich denke, dass sie so empfinden, muss ja gar nicht so sein, ich frage sie ja nicht.
Online geht's mir übrigens so wie Dir: Ich bin zwar von Natur aus Diplomatin
, aber im Internet oder auch im Sprachchat unseres online Spieles nehme ich kein Blatt vor den Mund. Speziell im Teamspeak mache ich in unserer Gruppe oft die vielen Scherze, die mir im Real Life nie über die Lippen kämen (wobei das bei diesen Leuten auch geht, wenn ich sie im echten Leben treffe - allerdings kannte ich sie zuerst nur online).
Ein Patentrezept gibt es wohl nicht. Außer niemals aufzugeben, zu Seminaren / Betriebsfeiern / großen Familienfeiern hinzugehen und sich dabei immer wieder zu sagen, dass die schicke Cousine vermutlich hässlich geblümte Baumwollschlüpfer unter dem hübschen Kostümchen trägt, ergo auch nur mit Wasser kocht und sich vielleicht ganz genau so fühlt wie ich.


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