Irgendwie bin ich anders.
Da seid ihr und hier bin ich. Ich fühle mich abgenabelt von der Welt, getrennt von anderen Menschen.
Ich möchte euch ein wenig von meinem Leben erzählen, denn irgendwie habe ich das Gefühl, das es nicht wirklich gesund ist.
Ich fühle mich sehr einsam. Nicht nur heute oder seit kurzem, sondern schon so lange ich denken kann. Allmählich frage ich mich, ob ich mich nicht angesichts meines Alters (37) langsam mit meiner Einsamkeit arrangieren sollte. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass es nicht wirklich etwas zu arrangieren gibt, denn das Bedürfnis nach Nähe halte ich für ein menschliches Grundbedürfnis und ich kann mich nicht wirklich damit abfinden …
Kurz zur Vorgeschichte: vor kurzem habe ich erfahren, dass ich einen Tag nach meiner Geburt aus gesundheitlichen Gründen für zehn Tage von meinen Eltern und meiner Zwillingsschwester getrennt wurde. Kontakt konnten sie während dieser Zeit nicht zu mir aufnehmen. Nach diesen zehn Tagen durfte ich wieder zu ihnen, jedoch wiederholte sich das ganze drei Wochen später noch einmal für die gleiche Zeitspanne.
Bislang maß ich dieser Geschichte keine nähere Bedeutung bei. Jedoch habe ich mich schon immer gefragt, woher meine für mich unerklärlichen, scheinbar irrationalen, tiefen Einsamkeitsgefühle rühren. Kaum entwickeltes Urvertrauen angesichts dieser Geschichte könnte vielleicht eine Ursache dafür sein.
Später: während meiner gesamten Schullaufbahn war ich Außenseiter, hatte so gut wie keine Freunde. Ich war als Kind und Jugendliche unendlich einsam.
Nach der Schulzeit änderte sich dies etwas, jedoch habe ich nie wirklich enge Freundschaften knüpfen können.
Meiner Zwillingsschwester erging es da ganz anders: sie war und ist sehr beliebt, hat viele Freunde, einige Freundschaften sind sehr eng. Ich beneide sie wirklich darum.
Zur Zeit bin ich solo. Vor wenigen Monaten hatte ich mich in einen Mann verliebt, er sich jedoch nicht in mich, und diese Geschichte nahm dann einen für mich ziemlich schmerzhaften Verlauf, woraufhin ich den Kontakt beendete.
Seitdem verspüre ich keine Lust mehr, mich auf einen Mann einzulassen, obwohl ich mir Familie wünsche und gewissermaßen Torschlusspanik habe.
Nach dieser schmerzhaften Liebesgeschichte wurde mir noch mal umso mehr bewusst, wie alleine ich eigentlich bin. Trotzdem: seitdem suche ich ganz bewusst das Alleinesein auf , denn ich habe keine Lust mehr, mich auf Menschen einzulassen. Ich bin einfach unglaublich traurig und enttäuscht. Ich möchte nicht mehr um Freundschaften ringen und hoffen, dass Menschen sich auf mich einlassen wollen. Ich habe kaum noch Vertrauen.
Gleichzeitig habe ich wirklich Panik vor Einsamkeit – eine uralte, riesengroße Angst erfasst mich alleine schon bei dem Gedanken an Einsamkeit. Ich befürchte aber, dass ich mich mit meinem Rückzug immer weiter in die Einsamkeit hinein manövriere und mich zum seltsamen Kauz entwickle.
Ihr seht – es beißt sich die Katze in den Schwanz: ich bin unendlich einsam, habe aber auch Panik vor dem Gefühl der Einsamkeit. Mich auf Menschen einzulassen fällt mir sehr schwer.
Wie geht Freundschaft überhaupt? Wie macht man das?
Ich fühle mich in meinem gedanklichen Käfig wie gefangen und möchte doch nichts lieber, als vertrauensvolle Beziehungen aufbauen können.
Ja, ich weiß wie wirr und unlogisch sich meine Worte lesen. Ich wüsste aber gerne, was eure Gedanken dazu sind. Ob ihr Gedanken dieser Art vielleicht ansatzweise selber kennt und Denkanstöße für mich habt, wie ich aus diesem Teufelskreis aussteigen könnte …
Danke!
*Kekse und Kakao hinstell*
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Thema: Abgenabelt von der Welt ...
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01.11.2008, 00:01
Abgenabelt von der Welt ...
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01.11.2008, 01:57Inaktiver User
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Ich denke, man kann und sollte sich in keinem Alter mit der Einsamkeit arrangieren, sehr wohl kann man aber das Alleinsein in jedem Alter als etwas schönes und positives erleben.
Der „Fluch der Individuation“, wie das der von mir sehr geschätzte Klaus Mann formuliert hat, ist aber eine allgemein menschliche Erfahrung, auch wenn das in unserer Zeit kein populäres Thema ist. Der Wunsch nach Entgrenzung, danach in einem großen Ganzen oder in der Liebe und der übergroßen Nähe zu einem ganz bestimmten Menschen ganz und gar aufzugehen und so von diesem ewigen „Auf-sich-selbst-Zurückgeworfensein“ befreit zu werden, ist eine menschliche Grundsehnsucht und ihrem Wesen nach eine hoffnungslose Sehnsucht. Die meisten Menschen übertönen und übertünchen das nur, was Du überdeutlich spürst.
Wahrscheinlich bist Du wirklich sensibler, bewusster und damit tatsächlich „anders“ als andere. Aber Du bist damit ganz bestimmt nicht allein. In der Geschichte, in der Literatur gibt es überall Spuren von solchen „besonderen Menschen“. Auch wenn das in Deinem augenblicklichen Schmerz sicherlich kein Trost ist. Vielleicht kann es Dir eine Ablenkung sein?
Ich vermute, dass Du aufgrund dieses noch relativ nahe zurückliegenden Liebeskummers immer noch sehr verletzt bist, vielleicht auch tendenziell depressiv, und daher momentan vielleicht auch dazu neigst, die Dinge generell etwas schwärzer zu sehen, als Du sie in einer etwas lichteren Gemütsstimmung wahrscheinlich sehen würdest.
Es gibt nicht nur Partylöwen und Gesellschaftsmenschen auf dieser Erde und selbst bei Menschen, die einen großen Freundeskreis haben, kann man leider nicht per se davon ausgehen, dass sie wirklich in der Lage sind, sich auf einen Menschen einzulassen.
Schauen wir uns doch einmal in der Gesellschaft um: die meisten Beziehungen sind doch total oberflächlich! Es gibt Menschen, die sich „Freunde“ nennen, aber im Grund nichts voneinander wissen. Ich persönlich denke, dass es mit dem Vertrauen und dem Vertrauen-Können in unserer Gesellschaft insgesamt nicht besonders gut aussieht. Irgendwie sind doch die meisten Menschen mittlerweile in der Abwehrstellung, wenn es um echte Nähe geht, weil sie fürchten übervorteilt oder verletzt zu werden.
Vielleicht bist Du aufgrund der langen Zeit in Deiner sensiblen Entwicklungsphase (und damit meine ich jetzt vor allem die Schulzeit) in der Du, wie Du schreibst, ein Außenseiter warst, einfach ein wenig reflektierter und bewusster gegenüber menschlichen Beziehungen als andere und gibst Dich daher mit diesen gängigen oberflächlichen Beziehungen/Freundschaften nicht zufrieden? Aber verpasst Du dabei wirklich so viel..?
Dennoch: Ein Leben als Eremit ohne jeglichen Kontakte dürfte die meisten Menschen auf die Dauer unglücklich und wahrscheinlich sogar krank machen. Da solltest Du einfach Dir selbst zu Liebe auf Dich aufpassen. Du hast doch einen großen Vorteil gegenüber anderen: Du kennst Dich sehr genau, wie man in Deinem Text überdeutlich spürt. Daher glaube ich, dass Du selbst Dein bester Ratgeber und Kompass aus dieser Situation bist.
Im Grunde ist es doch leider ebenso einfach wie anstrengend: Wenn Du Kontakt zu Menschen in Deinem Leben haben möchtest, dann musst Du den Kontakt suchen oder zumindest Kontaktmöglichkeiten schaffen. Daran führt meiner Meinung nach kein Weg vorbei. Natürlich musst Du nicht jeden Tag unter Menschen gehen. Wie wäre es mit einem festen Termin 1-2mal pro Woche? Gibt es ein Hobby, dem Du in einem Verein nachgehen könntest? Oder interessierst Du Dich für gesellschaftliche, karitative Projekte? Vielleicht möchtest Du eine neue Sprache lernen?
Aber setz Dich nicht unter Druck. Wichtig ist doch letztlich nur, dass Du Dich gut fühlst. Also sei gut zu Dir, lass es Dir gut gehen! Versuch Dich zu überwinden unter Menschen zu gehen, wenn Du merkst dass Du unter dem Alleinsein zu leiden beginnst und es zur Einsamkeit wird.
Wenn Du aber feststellen solltest, dass Du das Bedürfnis hättest unter Menschen zugehen, es aber tatsächlich nicht KANNST, weil etwas in Dir blockiert, dann würde ich an Deiner Stelle wirklich mal mit einem guten Therapeuten/ einer guten Therapeutin dieser Blockade nachgehen. Einfach, um Dir selbst etwas Gutes zu tun.
Du hast ja schon einen sehr interessanten Gesichtspunkt in dieser frühen Trennungserfahrung während Deiner ersten Tage auf dieser Welt entdeckt. Ich bin zwar nicht fachlich kompetent, aber laienhaft könnte ich mir schon vorstellen, dass diese Erfahrung in Deinem Unterbewusstsein Spuren hinterlassen hat.
Dennoch denke ich, dass Du das nicht als unausweichliches Schicksal annehmen solltest. Kein Mensch ist zur Einsamkeit verdammt, man kann etwas dagegen tun, wenn man es wirklich möchte!
Aber letztlich, versuche bitte auch nicht zu viel zu problematisieren: Evtl. brauchst Du momentan einfach eine Phase besonderer Zurückgezogenheit, um die Erlebnisse der letzten Monate zu verarbeiten? Ich glaube Dir nicht, dass Du Dein ganzes Leben lang „einsam“ warst, denn diese schmerzende Einsamkeit hättest Du nicht so lange ausgehalten, sondern Dir schon längst Hilfe gesucht. Du bist vielleicht ein Einzelgänger und kein Gesellschaftsmensch. Aber damit bist Du bestimmt nicht allein.
Ich wünsche Dir, dass Du die Einsamkeit überwinden und zu einem positiven und genussvollen Alleinsein zurückfinden kannst.
Alles Gute für Dich und ein Prost von Kakaotasse zu Kakaotasse
Geändert von Inaktiver User (01.11.2008 um 02:12 Uhr)
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01.11.2008, 09:32
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Hallo Pusteblum,
dem sehr schönen Posting von Moringana gibt es sehr wenig hinzuzufügen.
Vor allem diesen Satz:
finde ich sehr wichtig. Gut allein sein können und Einsamkeit sind zwei sehr verschiedene Dinge. Und mir ist in Deinem Posting nicht so ganz klar geworden, wieviel von Deiner Einsamkeit frei gewählt ist und wieviel auf dem Umstand zurückzuführen, dass Du Dich augrund von Enttäuschungen von dem Menschen zurückgezogen hast.Ich denke, man kann und sollte sich in keinem Alter mit der Einsamkeit arrangieren, sehr wohl kann man aber das Alleinsein in jedem Alter als etwas schönes und positives erleben
Ich selbst bin ein Mensch, der ein gewisses Maß an Alleinsein für sich braucht und das auch genießt. Ich bezeichne mich als kontaktfreudige Einzelgängerin. Sprich, ich habe ein stabiles soziales Umfeld aus Familie, Freunden, Arbeitskollegen, in dem ich mich gut aufgehoben fühle. Trotzdem verbringe ich auch ganz bewusst Zeit mit mir allein und vermutlich auch mehr als manch anderer.
Aber um das Alleinsein zu schätzen, braucht man die innere Gewissheit, dass es sich um eine bewusste Entscheidung handelt und nicht aus der Not heraus geboren ist. Und es ist auch ein Unterschied, ob man im Grunde gerne allein ist und nur das Gefühl hat, das sei nicht normal. Oder ob man sich insgeheim sehr intensiv nach Geselligkeit, Austausch und Kontakt sehnt, nur für sich keinen Weg findet, daran teilzuhaben.
Du schreibst, dass Du in der Schulzeit immer Außenseiterin warst und vor kurzem von einem Mann enttäuscht worden bist. Aber wie sieht es ansonsten mit Deinem aktuellen sozialen Umfeld aus? Wie sähe Dein Leben im Idealfall aus? Und ist das wirklich Dein Wunsch, oder eher der Wunsch, einem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen? Wie fühlst Du Dich von Deinen Eltern wahrgenommen, im Gegensatz zu Deiner kontaktfreudigen und beliebten Schwester?
Ich finde es immer wichtig, dass man zunächst einmal für sich selbst klärt, wie man eigentlich leben will. Erst danach kann man sich daran machen, die bestehenden Defizite zu beheben.
Möglichkeiten, andere Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften und Beziehungen zu schließen, gibt es immer. Aber das muss man auch wirklich wollen und bereit sein, sich darauf einzulassen.
Darüber hinaus birgt jeder soziale Kontakt die Gefahr, enttäuscht zu werden. Aber nur, indem man sich immer wieder darauf einlässt, lernt man auch, schnell Menschen zu identifizieren, die zu einem passen, Enttäuschungen nicht immer persönlich zu nehmen und die eigene Erwartungshaltung fein auszubalancieren. Das sind Techniken, die die meisten von uns bereits in der Kindheit lernen. Und ich habe oft erlebt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit starke Außenseiter waren, genau damit ein Problem haben. Aber ich bin davon überzeugt, dass man auch in fortgeschrittenem Alter noch viel lernen kann. Niemand ist dazu verdammt, auf ewig mit den Auswirkungen seiner Vergangenheit zu leben.
Viele Grüße,
Malina, die gerne einen Keks nimmtDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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01.11.2008, 09:49
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Hallo Pusteblum(e),
hier wurde schon viel wichtiges gesagt, deshalb möchte ich dir nur noch sagen: Du hast ernsthafte Probleme, die die Möglichkeiten eines Internetforums übersteigen. Ich möchte dir eine Therapie ans Herz legen, dort kannst du mit einem kompetenten Therapeuten deine Lage besprechen und versuchen, mit seiner Hilfe einen Weg für dich zu finden, der dich zufriedener macht. Viel Erfolg!
Gruß
BlauerHimmel
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01.11.2008, 09:56
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Liebe Pusteblum,
ich kann gerade nicht alle Posts meiner Vorschreiberinnen durchlesen. Was mir aber beim Lesen deines Posts in den Kopf kam: Wie ist die Beziehung zu deiner Zwillingsschwester? Kann sie in irgendeiner Form Motor für deinen Weg aus der Einsamkeit sein?
Ich habe eine ältere Schwester, die ihre Schulzeit ähnlich beschreiben würde wie du und bis heute Probleme hat, Freundschaften aufzubauen, während ich eigentlich ein sehr ausgefülltes Sozialleben habe (zumindest im Freundschaftsbereich
). Ich konnte sie oft nicht verstehen und hatte leider auch als Schwester Probleme mit ihrer eher "sperrigen Art".
Meine Schwester hat sich professionalle Hilfe geholt, die sie zwar nicht zu einem total sozialen Menschen gemacht, ihr wohl aber sehr geholfen hat, besser mit Menschen umzugehen und vor allem SICH besser zu fühlen.
Ich weiss nicht, ob dir dieser kleinen Beitrag hilft. Aber ich finde - und da kann ich mich den Vorschreiberinnen nur anschließen - mit der Einsamkeit abfinden, kann keine Option für dich sein. Und es gibt viele andere
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01.11.2008, 10:58Inaktiver User
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Liebe Pusteblum,
deine Geschichte hat mich sehr berührt! Ich finde mich selbst in einigem wieder und möchte dir davon erzählen:
...
Auch mir fehlt dieses Urvertrauen, welches man wohl in den ersten Monaten erleben muß und was nicht wirklich substituiert werden kann.
Ich habe mich immer einsam gefühlt in meinem Leben, mal mehr, mal weniger. Ich war meistens Aussenseiter, aus verschiedenen Gründen, aber hauptsächlich wohl wegen meiner Persönlichkeit. Einerseits interessiere ich mich sehr dafür, wie andere Menschen denken und fühlen und ich bin auch empathisch. Manchmal bin ich empfindlich und kann nur schwer mit Ablehnung und Ausgrenzung umgehen. Andererseits bin ich gerne allein und kann zuviel Nähe kaum ertragen.
Was ich wohl nie schaffen werde, ist das echte "Networking", das soziale Rudelverhalten. Dazu bin und fühle ich mich zu "anders". Ich ecke oft an, weil ich es nicht schaffe, mich anzupassen oder mich selbst zu verleugnen. Manchmal tut es weh, aber letztendlich: so bin ich eben, und es ist gut so.
Diesen Zwiespalt muß ich irgendwie aushalten, damit leben wie mit einer krummen Nase oder einem schlechten Gehör. Je entspannter ich mich so akzeptiere, wie ich nun einmal bin, desto besser geht es mir dabei. Ich würde sagen: ich habe mich für mich selbst entschieden.
Nur in Zeiten des Umbruchs, der Veränderung - da habe ich eben Probleme mit meinem "anders sein", weil mein emotionales Handwerkszeug vielleicht nicht so gut ist wie das von den Netzwerkern. Allein ist schon härter!
Ich hatte in den letzten Monaten eine Ehekrise zu bewältigen, zwei Todesfälle in der Familie und auch bei mir hat das in dieser Zeit meine dunkle, traurige Seite befördert. Es hilft nichts: du mußt kämpfen, herausfinden, was du brauchst und was dir gut tut, und wo es sich dir anbietet: zugreifen!
Aber wie schon Moringana unter anderem schön beschrieben hat: von unserer Sorte gibt es doch einige, und es gibt nichts schöneres, als sie zu erkennen und ihre Bekanntschaft zu geniessen, auch wenn es flüchtig und nicht von Dauer ist.
Geändert von Inaktiver User (01.11.2008 um 15:14 Uhr) Grund: Zuviel Details
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01.11.2008, 12:26
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Hallo Pusteblum,
ich bin auch Zwilling und musste nach der Geburt für drei Monate im Krankenhaus bleiben. In dieser Zeit habe ich laut meiner Eltern nur geschrieen.
Bei mir ist es allerdings etwas anderst gelaufen.
Ich hatte schon immer sehr intensive Freundschaften meine Zwillingsschwester gar nicht, ihr scheint das nicht wichtig.
Und doch spüre ich bei mir auch eine tiefe Sensibilität, Verlustsangst u.s.w dass kann ich gar nicht richtig beschreiben.
Meine Ruhe und mein inneres Zuhause habe ich erst durch die Liebe meines Mannes gefunden, obwohl ich es davor so sehr wollte, ich konnte es nicht.
Gruß Krete
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01.11.2008, 16:43Inaktiver User
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Hallo Pusteblum,
deine Gefühle kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch ich kämpfe immer wieder mit dem Zwiespalt, dass ich aus meiner Einsamkeit heraus möchte, aber doch Angst davor habe, Nähe zuzulassen.
Ich habe für mich festgestellt, dass mich meine Kindheit und Jugend leider in dieser Hinsicht sehr geprägt haben. Ich war schon damals irgendwie 'anders', zwar nicht wirklich eine Aussenseiterin, aber eben auch kein wirklicher Teil des Ganzen.
Und ich habe in der Zeit oft die Botschaft vermittelt gekriegt (manchmal direkt, manchmal unterschwellig), dass ich etwas ändern muß, um akzeptiert/geliebt zu werden.
Ich war aber damals nicht in der Lage, ohne Hilfe von außen etwas zu ändern (wie soll man das als als Kind auch leisten können?) und habe auch nur wenig Unterstzützung von meinen Eltern erfahren.
Diese Dinge haben sich irgendwie eingeschliffen, der Gedanke, ich könnte trotz meines Andersseins gemocht werden erscheint mir absurd. Deshalb habe ich den Mechanismus entwickelt, Menschen von vorneherein auf Distanz zu halten. 'Die/Der wird mich eh nicht mögen' ist so ein typischer Gedanke, der mich davon abhält, mich näher auf andere Menschen einzulassen.
Ich habe jetzt beschlossen, eine Therapie zu beginnen, und hoffe, dass ich dort diese Gedankenmuster zum Teil eliminieren kann.
Hast du schon mal über eine Therapie nachgedacht?
Das ist sicher nicht die Lösung aller Probleme, aber ich denke, gerade wenn man sich in so einem gedanklichen Tief befindet, kann es helfen.
Wie ist denn dein Kontakt zu deiner Schwester und zu deinen Eltern? Geben sie dir das Gefühl, gemocht zu werden?
Alles Gute,
bootsfrau
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01.11.2008, 18:30Inaktiver User
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Hallo Pusteblum,
deine Überschrift hat mich sofort angesprochen und auch in deinem Text finde ich mich mehr als einmal wieder ...
ich wurde als Baby von meiner leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben, kam aber erst im Alter von 6 Wochen zu meinen Adoptiveltern; wo und wie ich diese ersten 6 Lebenswochen verbracht habe, ist immer noch unklar, obwohl ich inzwischen meine leibliche Mutter gefunden habe, allerdings noch nicht persönlichen Kontakt hatte.
In der Familie meiner Adoptiveltern war auch keine allzu herzliche Atmosphäre, obwohl ich überzeugt bin, meine Eltern haben es versucht, konnten aber nicht.
Bzgl. Urvertrauen habe ich da schon oft darüber nachgedacht, ob es einen Zusammenhang gibt.
Ich war ebenso wie du in der Schule und als Teenager eine Außenseiterin, habe mich auch schon immer schwer getan, neue Kontakte zu schließen.
Oft habe ich das Gefühl, es gibt Menschen, denen "fliegen" neue Bekanntschaften/Freundschaften einfach so zu, und andere, so wie ich, müssen sich enorm bemühen, und am Ende verläuft es dann wieder negativ.
Einsamkeitsgefühle sind mir auch nicht fremd; die früheste Erinnerung an dieses Gefühl hatte ich schon im Grundschulalter.
Ich habe eine gescheiterte Ehe hinter mir, und fühle mich trotz Kind weiterhin einsam.
Die letzte - richtige - Beziehung ist schon Ewigkeiten her.
Aber derzeit habe ich auch wieder eine Phase, wo ich empfinde, daß ich in irgend einer anderen "Welt" lebe, als andere Menschen.
Wobei ich aber zu der Sorte Mensch gehöre, die wirklich gerne mehr Anschluß und Geselligkeit hätte, nur leider nicht weiß wie.
Probiert habe ich schon so vieles, hängengeblieben ist so gut wie nix ...
An eine Therapie o.ä. will ich gar nicht denken, obwohl schon manches mal Vorstellungen in meinem Kopf rumspuken, wie es wohl wäre, wenn ich sowas machen würde.
Meiner Meinung nach gibt es eine hohe Dunkelziffer an einsamen Menschen, die diese Einsamkeit nicht freiwillig gewählt haben, sondern aus verschiedenen Gründen in ihr gefangen sind.
lg,
mystar
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02.11.2008, 00:15
AW: Abgenabelt von der Welt ...
Reich beschenkt fühle ich mich durch eure Antworten - vielen Dank dafür!!
Moringana - vielen Dank, nun habe ich auch Klaus Mann kennenlernen dürfen. Dass der „Fluch der Individuation“ eine allgemein menschliche Erfahrung ist, ist wahrscheinlich so. Nur sitzt jeder auf seiner eigenen, kleinen Insel und man bekommt nicht wirklich mit, dass dies für andere ebenso ein Thema ist.
Zitat von Inaktiver User
Manchmal spreche ich bei anderen Menschen bewusst das Thema Einsamkeit an und frage nach, ob sie sich zuweilen auch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Häufig antwortet man dann mit einem lapidaren "Ja klar, manchmal fällt mir halt die Decke auf den Kopf und weiß ich nichts mit mir anzufangen ..." Da dies aber bei weitem nicht den Empfindungen entspricht, die ich meine, bohre ich dann noch ein wenig nach, und komme häufig zu dem Schluss, dass diese tiefen Langzeitempfindungen vielen Menschen fremd sind. Nicht nur, dass sie das persönlich so nie erleben, nein, sie können es auch nicht nachempfinden.
Das kann ich gar nicht beurteilen. Dazu habe ich in andere Beziehungen zu wenig Einsicht. Ich sehe nur, dass ich mir die Nähe, Freundschaften, die andere haben, ebenso für mich wünsche.
Zitat von Inaktiver User
Das habe ich auch schon häufiger versucht, mir einzureden, tröstet aber nicht.
Zitat von Inaktiver User
Wie gesagt ziehe ich mich zur Zeit ziemlich zurück. Ich hoffe, dass ich es selber spüre, wann der Zeitpunkt gekommen ist, wieder mehr in die Welt hinaus und auf andere zu zu gehen.
Zitat von Inaktiver User
Ich gehe täglich unter Menschen. Ich habe Energie für zehn und gehe zahlreichen Hobbys nach: das Ausleben meiner Kreativität, Sport, Theaterspiel, Gesangsunterricht, Tanz und Party, Ausstellungen, VHS-Kurse, etc.
Zitat von Inaktiver User
Manch einer wundert sich, woher ich so viel Energie hole, all diesen Dingen nachzugehen. Man kann mich also nicht wirklich als Couchpotato bezeichnen.
Vieles mache ich jedoch alleine.
Das Ding ist, dass sich aus all den Begegnungen mit anderen Menschen (und ich kann durchaus gut auf andere zugehen) keine engen Beziehungen ergeben. Bestimmt liegt das auch darin begründet, dass ich Angst vor wirklicher Nähe habe und dies bestimmt auch ausstrahle, wie ich befürchte.
Ich mache eine Therapie. Die Tiefe des Einsamkeitsgefühls kann ich aber noch immer nicht wirklich greifen. Ich wünsche mir pragmatische Tipps, die mir helfen, dieses Gefühl endlich zu überwinden. Leider ist meine Therapeutin nicht dazu in der Lage, mir einen entsprechenden Schlüssel an die Hand zu geben. Bin drauf und dran, diese Therapie an den Nagel zu hängen ...
Zitat von Inaktiver User
Ja, soweit meine Laienpsychologie. Im Normalfall bin ich kein Freund davon, Probleme endlos zu "psychologisieren" und in den Tiefen von Vergangenheit zu graben, sondern präferiere ein "Butter bei de Fische", also Ärmel hochkrempeln und Lösungen suchen, aber bei diesem Problem stoße ich wirklich an meine Grenzen, denn, wie bereits oben erwähnt, ist dieses Gefühl so tief und irrational, dass ich es einfach nicht greifen kann.
Zitat von Inaktiver User
Ich möchte es wirklich, weiß aber nicht, wie das geht!!
Zitat von Inaktiver User
Danke nochmal!
Euch anderen werde ich morgen antworten, heute ist's schon zu spät um meine Gedanken zu ordnen.
Euch allen eine gute Nacht!Geändert von Pusteblum (02.11.2008 um 00:20 Uhr)


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