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    Frau Brink nickt

    „Elfriede Brink ist mein Name und ich muss gerne eine Anzeige aufgeben.“

    Fräulein Annabelle vom Stadtblatt hustet vor Schreck zwei Kugelschreiber aus.
    Sie hört eine Stimme, aber sie sieht niemanden.
    Frau Brink räuspert sich.
    „Hier bin ich“, sagt sie.
    Fräulein Annabelle sieht sich um. Niemand außer ihr ist im Büro. Die PC-Boxen sind ausgeschaltet. Auf der Tastatur sitzt, zwischen O und P, eine Fliege.
    Einen Augenblick lang denkt Annabelle Müller etwas sehr Verrücktes.
    Ihr geht es nicht gut.

    „Junge Frau?“
    Die Stimme kommt aus Richtung Kaffeemaschine. Und dann, bevor Fräulein Müller etwas wirklich komplett Verrücktes denken kann, wippt hinter dem Ansichtskartenständer eine Pfauenfeder hin und her. Die Feder gehört zu einem Hut, der Hut zu einem Kopf und der Kopf zu Frau Brink.
    Annabelle hebt ihren schweren Hintern schmatzend aus dem noch schwereren Bürosessel.
    Frau Brinks kleiner Kopf gehört zu einem kleinen Körper, der in einem noch kleineren Rollstuhl sitzt. Die ältere Dame trägt trotz der Julihitze einen Mantel. Von der Hüfte an abwärts ist sie in eine schmutzige Decke gehüllt, die Fräulein Müller an die Schlafzimmervorhänge ihrer Tante erinnert.
    Fräulein Annabelle rollt den Kartenständer auf die andere Seite des Schreibtisches.
    „Entschuldigung“, sagt sie, „nun kann ich Sie besser sehen.“
    „Das macht nichts“, antwortet Frau Brink.

    Fräulein Müller lächelt, ohne zu wissen, warum.
    Es irritiert sie, nur diesen kleinen Kopf unter dem viel zu großen Hut auf der linken Schreibtischkante wackeln zu sehen.
    „Sie wollen also eine Anzeige in unserer Zeitung schalten, Frau …?“
    „Brink. Oberstudienrätin Elfriede Brink. Junior. Arbeitslos. Seit beinahe drei Jahren Hartz-IV-Empfängerin. Aber gestatten Sie mir, Sie zu verbessern.
    Ich will keine Anzeige aufgeben, ich muss. Notgedrungen.“
    „Aha.“

    Einen kurzen Moment lang wirkt Fräulein Müller ratlos. Dann ist sie es nur noch.
    Sie denkt daran, dass der Bürosessel, auf dem sie ihren Allerwertesten nervös im Halbkreis hin und her schiebt, aus Kunstleder ist, in dem man schwitzt, obwohl die Klimaanlage eingeschaltet ist. Sie denkt an ihren Exfreund Janson, der just in diesem Augenblick mit seiner neuen Flamme auf Kreta weilt und es sich gut gehen lässt.
    Annabelle seufzt.
    Ihr geht es nicht gut.

    „Ist Ihnen nicht gut?“
    „Doch, doch. Ich will nur gerade eben nachschauen, ob ich Sie in unserer Kundenliste finde.
    Haben Sie innerhalb der vergangenen drei Monate eine Anzeige bei uns geschaltet?“
    „Eine? Mehrere. Viele. Zu viele.“
    „Aha. Einen Augenblick, bitte. Brink. Brink, Elfriede. Ah, da haben wie Sie. Nüsterweg 3.
    Stimmt die Adresse noch?“

    Frau Brink schüttelt Kopf und Hut.
    „Karl-Marx-Straße 154. Seit dreizehn Tagen. Ich habe dort ein Zimmer auf der Seniorenstation. Betreutes Wohnen. Depressionen und drohende Obdachlosigkeit.“
    Frau Brink lächelt traurig und entblößt dabei viel nacktes Zahnfleisch. Neben den braunen Schneidenzähnen klafft Schwärze.
    Fräulein Annabelle schaut betreten auf ihren PC-Bildschirm.
    „Welche Rubrik?“
    „Bitte?“
    „In welcher Rubrik möchten Sie die aktuelle Anzeige schalten?“
    Frau Brink denkt kurz nach. „Zubehör“, sagt sie dann.
    „Zubehör?“
    „Ja. Ersatzteile.“
    „Oh, ich sehe gerade, Sie sind Teilnehmerin an unserem Vielverkäuferbonussystem. Spartarif B. Prima! Was möchten Sie denn heute verkaufen?“
    „Ich möchte nicht, ich muss.“
    „Aha. Klar. Und was wäre das?“
    „Fleisch“, sagt Frau Brink.
    „Oh“, sagt Fräulein Annabelle. „Ich entdecke da gerade einen Datenfehler. Hier steht: Elfriede Brink, geboren am 16.05.1963.“
    Frau Brink nickt.
    „Nicht, dass es wichtig wäre“, meint Fräulein Müller. „Aber würden Sie mir bitte das korrekte Geburtsdatum nennen? Ich kann es hier sofort korrigieren.“
    „Da gibt es nichts zu korrigieren. Mein Geburtstag ist der 16.05.1963.“

    Frau Brinks kleine Hand schwebt an die große Hutkrempe. Sie lüftet den Hut und deutet eine Verbeugung an.
    Es wächst blonder Flaum auf ihrem Kopf, ganz neu und zart.

    Fräulein Annabelle laufen Schauer über den feisten Rücken. Sie hasst ihre Arbeit an solchen Tagen. Nach Feierabend wird sie diese petrolfarbenen Sandalen kaufen, die ihr seit zwei Wochen nicht aus dem Kopf gehen wollen und eine Reise in die Türkei buchen.
    Ihr geht es nicht gut.
    „Nun gut, Frau Brink. Sie möchten also Fleisch inserieren.“
    „Ich muss.“
    „Stimmt. Welche Art von Fleisch?“
    „Eine Niere.“

    Fräulein Annabelles Finger spielen mit der Maus, ihre Augen sind leere Häuser.
    Die Alte ist verrückt. Meschugge. Total plemplem. Und ich werde es auch werden, denkt sie.
    „Sie wollen also, pardon, Sie müssen also eine Niere verkaufen. Schweineniere wie Rinderlunge?
    Oder vielleicht doch ein Pfund Hack vom Frischpferd?“

    Frau Brink lächelt schwarz.
    Mit einem Male wird es so kalt im Raum wie in einer Dezembernacht.
    Die alte Dame legt ihren Hut auf den Tisch.
    Dann schiebt sie die schmutzige Decke beiseite und schiebt ihren Pullover hoch. Darunter schimmert Haut, so weiß wie Schnee.
    Narben. Wülste. Krater.
    „Meine Brüste gingen an einen wahren Liebhaber“, flüstert sie. „Ich konnte drei Monate lang meine Miete bezahlen. Kennen Sie die Nüsterweg-Siedlung? Es war ein gutes Geschäft.“
    Frau Brink lässt die Decke zu Boden gleiten.
    „Meine Beine“, sagt sie sanft, „vermisse ich nun seit fast einem Jahr. Sie wachsen nicht mehr nach wie mein Haar. Ich habe das gewusst und doch anderes gehofft.
    Ein junger Medizinstudent aus Jamaika hat die Lage wohl realistischer eingeschätzt.“

    Fräulein Annabelle macht ein freundliches Gesicht. Ihr geht es nicht gut.
    Sie denkt an Sandalen, Sonne und Antalya.
    „Also, was soll ich schreiben? Schweineniere günstig abzugeben?“

    Frau Brink nickt.
    1.) Der Unter zwischen einem Schied liegt immer oberhalb.

    2.) Das Brot lebt nicht vom Mehl allein.

    9.) Iss einen Keks.


    Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel herausblicken.
    (Georg Christoph Lichtenberg)

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    AW: Frau Brink nickt

    nich schlecht.

    erinnerte mich bei lesen ein wenig an eine geschichte von gaiman - 'feeders and eaters'.
    I imagine one of the reasons people cling to their hates so stubbornly is because they sense,
    once hate is gone, they will be forced to deal with pain.

    james baldwin



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    AW: Frau Brink nickt

    Danke, Golddrops
    Kleine Tropfen auf heiße Steine ...

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    AW: Frau Brink nickt

    Jetzt ist mir bei dieser Hitze doch glatt etwas kühl geworden, durch den kalten Schauer!

    There are a hundred paths through the world that are easier than loving. But, who wants easier?
    Mary Oliver

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    AW: Frau Brink nickt

    Was machst du am Wochenende?

    Fragt Frank.
    Und da unsere Bekanntschaft einen Punkt erreicht hat, an dem es uns egal ist, ob wir belanglosen Wahrheiten die Ehre geben, sage ich:


    "Saufen. Rumhuren. Das Übliche halt."

    Natürlich lacht Frank.
    Exakt 2,3 Sekunden lang, kurz und flach genug, um jeden Zweifel daran auszuräumen, dass er mir glaubt.
    Nach unserem Telefonat lege ich den Hörer daneben, ein Armutsritual in mehrfacher Hinsicht.

    Der Freitag schickt sich an, in Zeitzone F überzugehen.
    Das F steht für Familie, Freunde und Frohsinn, allesamt rare Gäste in meinem Leben, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, mir freitags mit geplanten Überraschungsvisiten die Laune zu verderben.

    Familienmitglieder und Freunde besitzen allgemeinhin das von Anstand und Loyalität geprägte, totalitäre Gewohnheitsrecht auf volle Gewährung von Narrenfreiheit.
    Das heißt, sie können es sich ohne Weiteres erlauben, sich an den Zaungästen deines Lebens vorbeizudrängeln, um in der ersten Reihe Platz zu nehmen, damit sie beste Sicht auf eine Freakshow haben, deren Höhepunkte sie doch längst kennen.
    Sie können es sich leisten, in den weichen Polstersesseln einzuschlafen, mit Popcorn zu schmeißen oder vornehm-konsterniert in ihre Taschentücher zu hüsteln und zwischen den Akten so gelangweilte Betroffenheitsmienen aufzusetzen, dass die freudige Erwartungshaltung des Restpublikums mit einem Male in kritische Nervosität kippt: Das Wohlwollen der Gelangweilten.

    Da trauen sich dann wirklich nur noch von Zynismus und charakterverwurzelter Verzweiflung aufgepeischte Ex-Frohnaturen an ein befreites Zwischenspiel taktischer Verblüffung.
    Mutter: Und, was treibst du gerade?
    Ich: Wichsen.
    Mutter: Ah, auch „Feuchtgebiete“ gelesen?

    Es folgte eine der üblichen Diskussionen darüber, ob die Roche aus Dummheit zynisch oder aus Zynismus dumm geworden sei.
    Es fielen die Worte Pestseller, fäkale Fehlleistung und Pseudobukowski – und ich dächte mir, dass die einzige Wirklichkeit, die ich an einem Freitag Nachmittag kennen möchte, irgendwo auf dem Grund der Whiskyflasche vor sich hindümpelt, die ich mir aus Kostengründen nicht leisten kann.

    Ich konnte es mir neulich ja nicht einmal leisten, die New York Times zu kaufen, in der auf Seite drei ein Photo von Charlotte Roche prangte, unter dem „Autorin“ stand.
    Als ich das sah, blutete mir ein aus stetiger Erfolglosigkeit geborenes Hirngerinsel die Zwangsvorstellung in den Schädel, jemand könnte auf die Idee kommen, die Etiketten von Mcallan oder Jose Cuervo mit der Bezeichnung „Stoff“ zu versehen.

    Auch davon könnte ich meiner Mutter, meiner Schwester oder eben Frank während eines Freitagstelefonates berichten.
    Da ich es aber hasse, beim Wichsen, beim Betrinken oder Schreiben gestört zu werden, lege ich den Hörer daneben, schalte mein Handy aus und ziehe die Vorhänge zu.

    Muss ja niemand mitbekommen, wenn Elvis das Gebäude verlässt.
    1.) Der Unter zwischen einem Schied liegt immer oberhalb.

    2.) Das Brot lebt nicht vom Mehl allein.

    9.) Iss einen Keks.


    Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel herausblicken.
    (Georg Christoph Lichtenberg)

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    AW: Frau Brink nickt



    genial!!!!

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    AW: Frau Brink nickt

    Bruchrechnung


    Einbrüche. Einsam.
    Zusammenbrüche, noch einsamer.
    Gemeinsamer. Gemein.
    Gemeinhin. Hinzu. Hin zu Aufbrüchen.

    Aufbrüchen zu Umbrüchen.
    Abbrüchen zu Bruchstücken. Kantig. Ohne Haftung.
    Bruchstückhaft. Kahlschlag.
    Vertragsbruch durch Stilbruch.

    Stil los, Leinen Los!
    Schiffbruch. Loser!

    Brecht. Nie Nietzsche. Kant?
    Zu eckig.
    Eckstoß. Weitwurf ins Aus.
    Ende?

    Unendliche Geschichte.
    Momo. Mumu. Mama.
    Papa. Pipi. Popo.
    Für’n Arsch.

    Für’n Arsch, sagt du und hebst den Finger.
    Damit bringst du mich um.
    Den Verstand. Um Kopf und Kragen.
    Um Leib und Leben.

    Um jede Chance. Um jeden Traum.
    Um den Schlaf. Um die Ecke?
    Um Brüche.
    Umbrüche.

    Kreisverkehr statt Rundlauf.
    Verkehr statt Sex. Stattlich. Verkehrt.
    Verkantet. Verkatert. Verlaust.
    Verwanzt vor die Hunde gehen.

    Für die Katz.

    Für den Fortschritt. Im Dauerlauf.
    Rückschritt. Im Schneckentempo.
    Schritt halten. Anhalten. Stillstand.
    Leisetreter. Schweiger! Verbrecher.

    Die Lüge von heute Mittag, sagst du,
    ist die von gestern Abend. Von letzter Woche.
    Und der davor.
    Stopp! Halt! Los!

    Haltlos. Fest. Halt mich fest!
    In deinen Armen. Deiner Liebe. Deine Lügen.
    Deinen Worten, deinen Brüchen.
    Wortbrüchen.

    Keine Zeit. Keine Stimme. Kein Ende.
    Endzeitstimmung.
    Bis zum finalen Schlag. Dem letzten Bruch.
    Durchbruch.
    1.) Der Unter zwischen einem Schied liegt immer oberhalb.

    2.) Das Brot lebt nicht vom Mehl allein.

    9.) Iss einen Keks.


    Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel herausblicken.
    (Georg Christoph Lichtenberg)

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    AW: Frau Brink nickt

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    AW: Frau Brink nickt

    Hand in Hand


    Du bist mein Freund und ich möchte weder, dass du in einem Sarg liegst, noch möchte ich jemals in dem Wissen an dich denken, dass du es tust.


    "Es dunkelt.", sagst du, während wir Arm in Arm durch unser Wäldchen laufen.
    Dein Gesicht ist ein Schatten, deine Nase verschwindet in kleinen Atemwölkchen. Eine Weile laufen wir schweigend auf den Horizont zu, zügigen Schrittes, als könnten wir dadurch den hinter uns kriechenden Abend abhängen. Unsere Schritte fallen lautlos auf den schmalen Weg. Vor uns liegen die Felder im Dämmerschlaf, die kalte Erde verschluckt ihre eigene Silhouette.
    Fast fühlt es sich so an, als wären wir allein auf der Welt. Als könnten wir ewig in die Nacht laufen auf diesem schnurgeraden Weg, eine dunkle Spur nur hinter der Zukunft zurück.

    Langsam verblasst das Rot deines Schals zu einer Farbe, die keine ist.
    Meine Hand liegt wie ein Tier in der Höhle deiner Finger. In den kleinen Pfützen zu unseren Seiten friert das letzte Licht des Tages zu weißem Eis.
    Zerborstene Fenster in ein anderes Leben, doch wir gehen daran vorbei, marschierend wie tapfere Soldaten.
    "Glaubst du, es wird Weihnachten schneien?"
    "Ja.", sage ich. "Irgendwo auf der Welt schneit es doch immer."
    Mein Blick haftet an einem bedeutungslosen Punkt im Geradeaus und doch sehe ich dein Lächeln. Ich sehe es überall und fühle es, als wäre es meines.

    So vieles will ich dir sagen. So viele Sätze brodeln in mir, reiben aneinander und verflüchtigen sich wie Dampf aus einem Kessel beinahe kochenden Wassers.
    "Es gibt keine.", sagst du. Deine Stimme lächelt immer noch.
    "Was gibt es nicht?"
    "Eine Antwort."
    Ich nicke stumm. Auf die wichtigsten Fragen gibt es keine Antwort, nur weitere Fragen, die Antworten auf Unwichtiges sind.

    Wir sind diesen Weg schon so oft gemeinsam gegangen. Nebeneinander, hintereinander, Hand in Hand. In der Mittagshitze schwüler Sommertage, unter dem Gewicht unserer Schulranzen schwitzend und schlurfend. Betrunken auf dem Heimweg von Feiern und Festen, kichernd und grölend.
    Was immer wir auch erlebt hatten, es stand nie in Frage, das Großartigste noch völlig unerschlossen vor uns zu haben. Das Abenteuer Leben lag wie ein Schiff im Hafen der Zukunft und wartete dort auf uns.
    Einmal saßen wir gemeinsam auf einer Bank, teilten uns ein Päckchen Apfelsaft über mehrere Stunden und sprachen unter strahlend blauem Himmel von Dingen, die uns bedeutsam erschienen. Von unserem Leben als Erwachsene, dem Geld, das wir verdienen und den Dingen, die wir uns davon kaufen würden. Von Heirat und Kindern. Von Reisen und großen Taten. All unsere Eroberungen und Erschließungen standen im Konjunktiv unseres kindlichen Begreifens von Möglichkeiten.
    Ganz gleich, ob das Gras grün war, ob der Roggen uns in den Kniekehlen oder an den nackten Schultern kitzelte, die Sonne stand immer hoch über unseren Köpfen, in stetiger Ferne.

    Über das Leben unterhielten wir uns. Wir philosophierten oder sprachen über das Leben anderer wie über eine Krankheit, die wir uns niemals einfangen wollten.
    Nun schweigen wir über dein Leben wie über eine Krankheit. Jede Sekunde, die uns bleibt, scheint zu kostbar, um sie mit Gedanken und Gesprächen über das Sterben zu füllen.
    Sterben ist nicht länger etwas Abstraktes, von dem wir insgeheim glauben, es umschiffen zu können. Es ist dein Sterben und es liegt näher vor uns als der nächste Tag.

    Du bist mein Freund, mein Vertrauter und so ist es umgekehrt. Ich brauche kein Licht, um dich anzusehen. Vielleicht ist mir gerade deshalb danach, mit dir diesen Weg zu gehen, im Gleichschritt mit all deinen Bewegungen, fast so, als wären wir eins, unzertrennlich bis über den Tod hinaus.
    Du bist mein Freund, meine Hand liegt begraben unter der Wärme deiner dünnen Finger und ich muss daran denken, wie wir Nachmittage im Freibad verbrachten. Ich sehe dich bibbernd und zitternd auf dem Fünfmeterbrett stehen, das nasse Haar klebt dir auf der Stirn und du lächelst mir zu, bevor deine Füße zum Sprung aufsetzen.
    Vor ein paar Tagen sah ich dich nackt vor dem Badezimmerspiegel deines Krankenhauszimmers stehen. Weiße, dünne Haut klebte dir zwischen den Rippen und du lächeltest mir zu, obwohl du meinen Blick im Spiegel sahst, mein Entsetzen, das ich nicht verbergen konnte.
    "Das ist der Grunge-Look des Todes.", witzeltest du. "Curt Cobain hätte verdammt was drum gegeben, so auszusehen."

    Neben deinem Bett stand ein Weihnachtsstern, rot wie dein Schal. Ein kleiner Plastikschneemann thronte darin, ein Schild in seinen Händen, auf dem "Gute Besserung" zu lesen war.
    Dieses Schild wird er auch dann noch in Händen tragen, wenn kein Wunsch der Welt dir mehr etwas gilt.
    Du bist mein Freund und ich möchte weder, dass du in einem Sarg liegst, noch möchte ich jemals in dem Wissen an dich denken, dass du es tust.

    Ich umfasse deine Finger und drücke sie fest. Diese Geste ist mir ein Bedürfnis und erscheint mir doch falsch und unfreundschaftlich zu sein. Ich möchte nicht, dass du fühlst, wie ich mich von dir verabschiede, möchte nicht, dass du stark sein musst, weil ich schwach bin.
    Angst habe ich, Angst im Angesicht deiner Angst, die viel kleiner zu sein scheint als meine.
    So sehr fürchte ich mich vor dem Schmerz, den ich nicht mehr mit dir teilen kann.
    Vor den ersten Tränen, von denen ich dir nichts mehr werde erzählen können.
    Wenn du gegangen bist, wird der Weihnachtsstern noch blühen. Dein roter Schal wird nach deinem Rasierwasser und nach diesem Winterspaziergang duften. Dein Handy wird eingeschaltet sein, obwohl du nicht mehr erreichbar bist.
    Du bist mein Freund und ich wünschte, Freundschaft wäre zu mehr imstande als zu einem Begleiten bis zum Absprung.
    Dich im Fallen zu wissen, ohne dass dich fünf Meter tiefer weiches Wasser umfängt, ohne dich wieder auftauchen zu sehen, lachend und atmend, das ist mit das Schlimmste.

    Du drückst meine Hand und räusperst dich, um mit fester Stimme zu schweigen.
    Wir gehen diesen Weg vielleicht zum letzten Mal gemeinsam, erklimmen ein letztes Mal Hand in Hand die Anhöhe, von der wir einen Rundumblick auf die ganze Stadt haben, die versprengten Neubauviertel, die alten Zechenkolonien, die rauchenden Schornsteine der umliegenden Fabriken, die Schulen, Krankenhäuser, Ämter und Restaurants und die dunklen Felder und Wäldchen, die das Lichtermeer umschließen wie eine große unbekannte Hand.
    1.) Der Unter zwischen einem Schied liegt immer oberhalb.

    2.) Das Brot lebt nicht vom Mehl allein.

    9.) Iss einen Keks.


    Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel herausblicken.
    (Georg Christoph Lichtenberg)

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    AW: Frau Brink nickt

    Vielleicht hätte ich mir doch schon längst einen Hut kaufen sollen, damit ich ihn jetzt vor Dir ziehen könnte.

    Danke, Golddrops.
    Kleine Tropfen auf heiße Steine ...

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