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  1. Avatar von Raratonga
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    Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Ich habe eine Frage, die mich sehr beschäftigt:

    In meinem Freundeskreis gibt es eine erwachsene Tochter, die schon immer schwierig war:

    Erst waren es Schulprobleme, verursacht durch eine katastrophale Arbeitshaltung. Durch massive Unterstützung der Mutter wurde das Abitur geschafft.
    Dann gab es immer große Kontaktprobleme, nie eine beste Freundin etc.

    Jedes Studium und jede Berufsausbildung wurde abgebrochen.

    Dann Magersucht, Psychiatrie, insgesamt mind. 1 Jahr stationär. Auch Diagnose Borderline.
    Plötzlich sagte sie, sie wolle ein Mann sein.

    Es ging etwas aufwärts, verschiedene berufliche Praktika wurden gemacht, ein männlicher Name angenommen und das schien die Lösung der Probleme zu sein. Die geschlechtsangleichenden OPs erfolgten diesen Sommer, nun sind die angestrebten Berufswege wieder doch nichts für ihn, er ist wieder in der Psychiatrie, "weiß nicht wer ich bin" und es klang an, als wäre die Geschlechtsumwandlung doch ein Fehler gewesen...

    Ich bin so erschüttert über dieses Schicksal! Außerdem habe ich große Sorge, dass er/sie sich jetzt umbringt. Als völlig ahnungsloser Laie frage ich mich schon, wie man eine Geschlechtsumwandlung durchführen kann, wenn doch so viele andere Diagnosen bestehen? Ist es nicht geradezu "Mode" heutzutage das vermeintlich falsche Geschlecht für alle möglichen Probleme verantwortlich zu machen?

    Da ich dieses "Kind" von klein auf kenne, kann ich nur berichten, dass seitens der Mutter gravierende Erziehungsfehler gemacht wurden, aus meiner Sicht.
    Ihm wurde alles abgenommen, es wurde extrem überbehütet (was dieselben Folgen hat wie Vernachlässigung), es musste niemals die für die Konsequenzen seines Handelns einstehen und die Mutter hat ihre eigenen Bedürfnisse nach einer geborgenen Kindheit auf dieses Kind projiziert.
    Gleichzeitig war der Vater streng, unnahbar und hatte hohe Leistungsanforderungen an das Kind.

    Dieses "Kind" macht jetzt noch die mangelnde Anerkennung des Vaters für ihr/sein Schicksal verantwortlich, vor ein paar Jahren war es die Existenz der 12 Jahre jüngeren Pflegetochter, "wo sie ihre Mutter doch noch soo gebraucht hätte".

    Was sagen Menschen dazu, die sich mit diesem Schicksal, im falschen Körper geboren zu sein, auskennen?
    Danke für Eure Antworten!

  2. Moderation Avatar von maryquitecontrary
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    AW: Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Nur kurz, prokrastinierenderweise , und ohne Anspruch, mich "auszukennen":

    Es ist nicht einfach, sich als Fachpersonen zusammen gemeinsam mit den Betreffenden darüber klar zu werden, wie die schwierigen inneren Zustände/Gefühle, wie die Ablehnung des eigenen Körpers, wie die Ablehnung des Frauseins, wie die Schwierigkeiten in nahen Beziehungen und mit sozialen Kontakten "wirklich" zu verstehen sind.


    Es gibt eben kein objektives "wirklich", es gibt nur Versuche, die Zusammenhänge und das Erleben, auch in bezug auf Geschlechtsidentität, so genau wie möglich zu explorieren und sich klar darüber zu werden, was eine Änderung des Geschlechts bedeuten wird.

    Manche Menschen haben ein sehr klares und mehr isoliertes Erleben davon, dass sie sich zum anderen Geschlecht zugehörig fühlen, bei anderen ist das Erleben und die Problematik mehr komplex und schwieriger zu verorten. So mag es sich ja bei der Tochter deiner Freunde verhalten.



    Ich weiss nicht, wie das in Deutschland gehandhabt wird. In Norwegen, wo ich lebe und arbeite, ist die Geschlechtsumwandlung selbst zentralisiert und zusammengefasst in einer Klinik in Oslo. Die Vorarbeit dazu, meist über etliche Jahre, erfolgt aber wohnortnah. Dort ist auch (noch) die Diagnose Transsexualität zu stellen, bevor über eine eventuelle Umwandlung entschieden wird. (Im ICD-11, dem neuen Diagnosemanual der WHO, ist diese Diagnose nicht mehr enthalten. Ich weiss aber noch nicht, wie das den Prozess beeinflussen/verändern wird). der zentralen Klinik in Oslo ist schon vorgeworfen worden, die Kriterien für eine Umwandlung zu eng zu fassen, aber die Argumentation dafür ist eben genau, dass man vermeiden will, eine Umwandlung einzuleiten, die dann hinterher bereut wird und zur Belastung wird.

    In meiner Abteilung arbeitet ein Kollege eng mit Kindern/Jugendlichen zusammen, die sich falsch in ihrem Körper fühlen und bei denen eventuell eine Geschlechtsumwandlung ansteht. Mein Eindruck ist, dass ehr genau geguckt und eng mit den betreffenden und Familien zusammengearbeitet wird.



    Vielleicht melden sich ja noch Leute, die von den deutschen Vorgaben/Handhabung berichten können, das würde mich auch interessieren.
    that was the river - this is the sea


    Moderation im Forum "Persönlichkeit"


  3. Registriert seit
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    AW: Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Wie die Regelungen in Deutschland genau sind, weiß ich zwar auch nicht, aber ich kenne Blogs von Betroffenen aus Deutschland und bei allen war es ein sehr langer Weg, bis sie das OK für eine Geschlechtsangleichung bekommen haben. Das ging auf keinen Fall "mal eben so" oder ähnlich fix wie eine Standard-OP.

    Die Betroffenen haben auch fast alle zwischendurch - auch nach den Anfängen der Geschlechtsangleichung - von Zweifeln daran berichtet, ob das wirklich der richtige Weg für sie ist und waren etwas ambivalent, auch wenn sie letztlich die Angleichung wollten.

    Der einzige, der keine Zweifel hatte, war jemand, der als Kind von seiner Mutter sexuell missbraucht worden war und auch deshalb Probleme mit seinem ursprünglich weiblichen Körper hatte. Das hat mich zugegeben etwas gewundert, dass der nichts davon schrieb, dass vor der Geschlechtsangleichung sonderlich auf diesen möglichen Grund für die Unzufriedenheit mit seinem weiblichen Körper eingegangen worden ist. Aber kann natürlich sein, dass das durchaus Thema in den Gesprächen war und er nur nichts darüber im Blog geschrieben hat.

    Die Leute von den Blogs waren so im Alter von 18 bis Mitte 20 ca..

    Ich denke persönlich auch, dass man bei einer so gravierenden, lebensverändernden Entscheidung immer mal Zweifel bekommen kann. Und manchmal gibt es kein klares Richtig oder Falsch.

    Kann ja auch sein, dass jemand mit so einer Geschlechtsangleichung zusätzliche Erwartungen verknüpft hat, die sich später nicht erfüllen, weil eben nicht alles vom körperlich sichtbaren Geschlecht abhängt in punkto Lebenszufriedenheit. Man bekommt z. B. nicht automatisch Freunde, einen Job oder ein Zugehörigkeitsgefühl in Gruppen, "nur" weil man den Körper anpassen lässt.

    Je nachdem wie alt jemand ist und wie der ursprüngliche Körper beschaffen ist, kann es auch sein, dass die Angleichung nicht derart gelingt, dass die körperlich-optische Angleichung überzeugend ist gegenüber Mitmenschen. Es ist außerdem natürlich ein Unterschied, ob man bereits mit dem Körper zur Welt gekommen ist und zB einen ganz normal entwickelten Körper hat, nur eben dass der als falsch empfunden wird, und nach der Angleichung eine "Nachahmung" eines anderen Körpers im Rahmen dessen, was eben medizinisch derzeit möglich ist. Es ist aber nie ganz so, als wenn derjenige bereits mit dem Körper zur Welt gekommen und aufgewachsen wäre.

    Am besten dran sind in dem Punkt die, bei denen vor der Pubertät Hormone gegeben werden. Das ist wohl noch am nächsten dran dazu, bereits mit dem Körper zur Welt gekommen zu sein von der körperlichen Entwicklung her. (Auch nicht nur auf das Sexualleben bezogen und die Funktions- und Empfindungsfähigkeit der Genitalien).

    Es gibt auch Transsexuelle, die irgendwann zu dem Schluss kommen, dass sie keine körperliche Geschlechtsangleichung möchten aus diesen Gründen und lieber ihren insofern gesunden Körper behalten möchten.

    Und selbst wenn eine Angleichung gewünscht und durchgeführt wird, ist das auch wenn sie gewollt wird immer noch eine große Umstellung erstmal, alleine vom ungewohnten Körpergefühl und der hormonellen Umstellung her. Selbst wenn man das möchte, muss man sich ja trotzdem erstmal daran gewöhnen. Und so Hormonumstellungen sind sicher auch nicht nur angenehm, sondern bringen auch Nebenwirkungen mit sich.
    Geändert von Dystopie (26.09.2018 um 17:30 Uhr)

  4. Avatar von Raratonga
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    AW: Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Danke ihr Beiden, das hilft mir schon einmal die Sache besser einzuschätzen. Dass Zweifel auch normal sind und dass es vor allem Zeit braucht, sich umzustellen, überzeugt mich sehr. Immerhin war die OP erst vor kurzem.

    Und dass vielleicht Hoffnungen damit verknüpft waren, alles möge sich sofort und automatisch zum Besseren wenden leuchtet mir auch ein. Ich hoffe sehr, dass alles noch gut wird bzw. besser.


    Übrigens kenne ich sogar ein Kind, bei dem im Alter von 10 Jahren Magersucht aufgetreten ist und das insgesamt 1 Jahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stationär behandelt wurde. Dabei kam heraus, dass sie ein Junge ist bzw. sein will.
    Sie bekommt aber jetzt erst einmal Hormone, um die Pubertät aufzuhalten, um Zeit für eine Entscheidung zu gewinnen, lebt in der neuen Schule aber seit der Klinik bereits als Junge. Ohne Hormone. Jetzt ist er aber in die 7. Klasse gekommen, lange wird das nicht mehr gehen.

  5. Avatar von cpeg
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    AW: Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Guten Tag,

    aus der Praxis kann ich sagen, dass es tatsächlich Fälle gibt, in denen "Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung" bereut werden.
    Das kommt allerdings recht selten vor.

    Manche "Betroffene" gehen davon aus, dass das Durchlaufen eines Anpassungsprozesses "alle Probleme löst". Doch ich möchte betonen, dass alte Erfahrungen und Probleme mitgenommen werden in ein - von vielen Menschen als neu empfundenes Leben.

    Ich halte eine Therapie/Begleitung im Rahmen eines transsexuellen Prozesses für wichtig, die sich an den Anfordernissen der Menschen orientiert, also nicht nur vor OP, um die Bescheinigungen zu bekommen, die notwendig sind, sondern bei Bedarf auch nach OP.

    Herzliche Grüße
    cpeg
    Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben!

  6. Avatar von cpeg
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    AW: Geschlechtsumwandlung bereuen - ist das möglich?

    Guten Tag,

    hier mal - noch ohne Kommentar - ein Artikel dazu:

    Mann, Frau und jetzt wieder Mann

    https://mobile2.12app.ch/articles/25579742

    Gruß
    cpeg
    Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben!

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