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  1. Inaktiver User

    Hängt die Kunst tiefer!

    Hab gerade das Buch "Tiefer hängen" von Wolfgang Ullrich gelesen - meiner Meinung nach eine wirklich spannende, luzide Analyse des Kunstbetriebes, die sich angenehm von dem üblichen Blabla unterscheidet.

    Er konstatiert das allgemeine Unbehagen sowohl bei Künstlern wie bei Betrachtern und führt sie darauf zurück, dass der "gefräßige Kunstbegriff" so viele Aspekte in sich aufgenommen hat, dass er schlicht beliebig wird.
    Einerseits wird noch immer das "Genie" beschworen, andererseits sehen sich Künstler als "Forscher", die sich in allen möglichen Kontexten bewegen.

    Während die klassische Moderne mit ihren Aktionen gesellschaftspolitisch wirksam werden wollte, scheint diese Wirksamkeit inzwischen verpufft zu sein oder gar nicht mehr angestrebt zu werden. Kunst ist zwar nach wie vor gesellschaftlich anerkannt, aber sie scheint gesellschaftspolitisch ohnmächtig zu sein. Alles kann als Kunst ausgegeben werden, alles wird akzeptiert.
    Während künsterlische Interventionen früher irritierten (siehe den Wiener Aktionismus, der gerade wieder nostalgisch rezipiert wird), sind "Unangepaßtheit und Subversion" inzwischen zu einem integralen Bestandteil dessen geworden, was Rezipienten von Kunst erwarten. Die Mittel des Protestes sind zu einem Dekor geworden, Kunst wird in der Öffentlichkeit so wahrgenommen, als erfülle sie ihr Kunstsein in Formen der Verweigerung. Damit hat sich die Epoche der Avantgarde erschöpft. Der Schick des Oppositionellen und das Flair von Protest macht Kunst für viele attraktiv und zum Statussymbol, mit dem das "Establishment" seine eigene Offenheit demonstrieren kann.

    Es ist die Frage, ob die totale Entgrenzung des Kunstbegriffs diesen nicht in die völlige Unwirksamkeit und die totale Beliebigkeit führt. Wenn alles Kunst ist und jeder Kunst macht, verschwindet sie dann nicht einfach?

    Hier auch noch ein schöner Aufsatz von Ullrich zu seinen Erfahrungen als Dozent an der Münchner Akademie
    http://www.zeit.de/archiv/2002/44/20...tler_heute.xml

  2. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hallo Sofonisba!
    Das Buch, das Du anführst, werde ich mir zulegen.
    Bin schon neugierig drauf.
    Dass die Etablierten inzwischen Kunst geniessen, die
    scheinbar gegen sie gerichtet ist, sehe ich genauso.
    Nur glaube ich halt, dass sehr, sehr viele Künstler in
    Wirklichkeit auch Etablierte sind und daher ihr Protest
    eigentlich keiner.
    Was den Wiener Aktionismus betrifft, so hat der doch in Wirklichkeit auch zu "seiner Zeit" nichts geändert. Schon
    gar nicht gesellschaftspolitisch. Eine Reihe seiner Teil-
    nehmer lebt nun ganz schön gut und in Wirklichkeit recht
    konservativ. Und wenn Du Otto Mühl betrachtest, so hat
    der nur seine Egoismen (milde ausgedrückt) ausgelebt und sicherlich nichts für eine freiere Gesellschaft getan.
    Gruss Colonna

  3. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hi ihr Zwei,

    das Buch scheint interessant, aber die Thesen sind nicht ganz neu... Wie Du weißt, sofo, befass ich mich z.Zt. mit der Postmoderne und deren TheoretikerInnen haben seit Ende der 70er Jahre die These schon hinreichend durchgekaut, dass die avantgarde Kunst, die ja in die Gesellschaft wollte, sich in der Gesellschaft auflöse. Boris Grois diskutierte vor geraumer Zeit in einem Artikel die Frage, ob es einer Art Zensur bedarf, welche die Flut der Informationen eindämmt und das Wichtige vom Unwichtigen trennt, was, wie wir wissen, früher auch dadurch geschah, dass nicht jedes Wissen so leicht wie heut Zugang zur Öffentlichkeit hatte und deshalb ausgesiebt wurde, was wichtig sein und veröffentlicht werden sollte.

    Vielleicht gibt es keine so auffällige Form für künstlerische Oppositionen mehr, wie zu Zeiten der Avantgarde... und es gibt es im Unterschied zur Zeit vor der Moderne kein geschlossenens Gesellschaftsbild mehr, sondern das berühmte Patchwork aus "Subkulturen"... ich denk schon, dass es noch eine Form der Verweigerung geben kann, nur liegt diese Geste weniger in der Form und im Inhalt, sondern in der Konsequenz und der Tiefe, mit der eine Haltung vertreten wird... je tiefer wir in ein Thema eindringen, desto weniger wird es konsensfähig, denn der Konsens ist immer auch ein Stück Oberflächlichkeit... da seh ich Chancen für Opposition, nur lebt es sich etabliert natürlich leichter und komfortabler - niemand mag mehr auf die Annehmlichkeiten unserer westlichen Gesellschaften verzichten, auch weil solcher Verzicht als hoffnungslos veraltete Form des Protestes belächelt und somit gar nicht von der Öffentlichkeit ernst genommen wird! Und: auch der Protest soll, so sehen es wohl die meisten KünstlerInnen, "in" sein, wobei übersehen wird, dass die Avantgarde anfangs ziemlich "outside" war... Opposition ist auch nur außerhalb der heut vielbeschworenen Netzwerke möglich, denk ich, vielleicht bedarf es dazu sogar einer Art Eremitismus... die KünstlerInnen der Avantgarde waren alle IndividualistInnen und die meisten "Netzwerke", also die "verschworenen" Gruppierungen, waren zerstritten, zerbrachen... Gemeinschaft funktionierte nur, wenn etwas kanonisiert wurde/wird (Gruppenzwang) und so kam es z.B. zum Zerwürfnis zwischen Duchamp und den Neo-Kubisten... das soziale Bedürfnis!!! ist heut offenbar wesentlich größer, als zu Zeiten der einsamen Wölfe namens Paul, Vincent & Co., Einsamkeit als Opposition ist kein Leitbild mehr... :Freches Grinsen:

    Dass die Kunst überflüssig geworden sei, haben schon andere "bilderstürmerisch" festgestellt, etwa Hegel, der ja meinte, das Zeitalter der Vernunft brauche keine Kunst mehr. "Und sie dreht sich doch" :Freches Grinsen: obgleich das kein passendes Zitat ist, weil ja Kunst kein "Naturgesetz" ist - oder etwa doch? :Freches Grinsen:

  4. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Einer der interessantesten Sätze in Ullrichs Buch lautet "Die Werke einer glücklichen Zeit sind nichts für unglückliche Menschen." Wenn ich Ullrich richtig verstanden habe, meint er damit, daß die Kunst in den letzten Jahrzehnten, inmitten von Wohlstand und Freiheit, immer lustiger, banaler, folgenloser geworden ist: Die Künstler produzieren Gags, indem sie andere Künstler persiflieren, kleine Gesten der Irritation liefern etc. Der Wunsch, anderen, gerade unglücklichen Menschen mit der Kunst zu helfen, sie zu trösten, ihnen einen Ausweg aufzuzeigen etc., ist nicht mehr vorhanden, und damit hat die Kunst an gesellschaftlicher Relevanz massiv eingebüßt.

    Dazu noch eine Beobachtung von mir: Die wenigsten Künstler interessieren sich heute noch dafür, ob ihre Arbeit von mehr als nur saisonaler Bedeutung sein kann. Ja, ein Großteil der Kunst ist temporär geworden, was an sich noch nicht schlecht ist, was aber leider zur Folge hat, daß man alles nicht mehr so genau nimmt. Schon bei der Auswahl und Bearbeitung der Materialien fängt das an: Restauratoren in den Museen haben mit keiner Kunst so viel zu tun wie mit der der letzten Jahrzehnte! Aber es scheint den meisten Künstern auch zu reichen, daß sie im Moment ein bißchen Aufmerksamkeit kriegen und was verkaufen können; das Ethos, an die Zukunft zu denken, ist dagegen auf der Stecke geblieben. Eine gewisse Luschigkeit, Schlampigkeit hat sich also bei vielen eingeschlichen. Auch deshalb sind die meisten Preise auf dem Kunstmarkt überhöht, und die meisten Käufer werden früher oder später ein böses Erwachen erleben. Unterschwellig gehen viele noch von der 'Ewigkeit' der Kunst aus und kaufen was, das schon nach ein paar Jahren kaum noch etwas wert sein dürfte. Interessant: Die Galeristen der Jungen Wilden in den 80er Jahren waren die ersten, die den Käufern ein Rückgaberecht verweigerten! Sie wußten schon, warum... Also: Die Kunst gehört wirklich tiefer gehängt!

  5. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Spannend fand ich Ullrichs Feststellung, dass gerade Kunst in der Tradition des ready-made (u.a. das "Wildern" in anderen Lebensbereichen- service art, Sozialprojekte, das Gründen von Firmen als Kunst etc.) mehr als andere Bereiche darauf angewiesen ist, dass das "Betriebssystem" als solches stabil bleibt. Sprich: dass der Rezipient die ihm zugedachte Rolle auch brav erfüllt.

    Zitat Ullrich: "Hier zeigt sich ein in Konventionen erstarrtes System und die neue Version des Akademismus: Mag man- zumindest dem allgemeinen Gestus zufolge - noch so wendig, variabel und unorthodox sein, was Formensprachen, Themen oder Werkbegriffe anbelangt, so ist man andererseits doch darauf fixiert, dass das, was man gerade macht, auch unbedingt und ausschließlich als Kunst wahrgenommen wird. "

    Ich finde, damit hat er völlig recht. Es sind oft nicht die Aktionen selbst, die diese als Kunst ausweisen, sondern die Tatsache, dass sie auch von den Betrachtern als Kunst akzeptiert werden. Sobald diese die Akzeptanz verweigern bzw. das übliche System "ich Künstler - du Betrachter" verlassen, würde vieles von dieser "Kunst" gar nicht mehr als solche wahrgenommen und erst recht nicht wertgeschätzt. Allein die Verweigerung der Rezeptionsrituale würde manchen diesen Kunstrichtungen wohl den Garaus machen.

    Es sind ja nicht nur die Künstler, die gute Aktionen machen, das können auch andere, ohne sich das Mäntelchen der Kunst umzuhängen. Beispiel: ein deutscher Journalist in Bagdad kam auf die Idee, billige Kameras an irakische Kinder und amerikanische soldaten zu verteilen - sie sollten einfach nur fotografieren, was sie wollen und was ihnen wichtig erscheint. Der Journalist sammelt diese Fotos: eine wunderbare Sammlung aus ganz persönlichen Blickwinkeln auf die derzeitige Situation in Bagdad. Ich finde das wirklich toll - ganz ohne Kunstanspruch.

    Ich frage mich manchmal, ob die uferlose Ausweitung des Werkbegriffs in der bildenden Kunst nicht auf lange Sicht in die totale Beliebigkeit führt. Auch das, was Ullrich über die Akademiestudenten schrieb, fand ich typisch dafür: Man macht ein paar nette "Untersuchungen" und irgendwann gibt man das ganze einfach auf.
    In der bildenden Kunst wurden die traditionellen Techniken - Malerei, Zeichnung, Skulptur - marginalisiert und an den Rand gedrängt. Es ist die Frage, ob ihr das nicht mehr schadet als nützt.

  6. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hallo Sofonisba,

    das ist ein schönes Beispiel vom Journalisten in Bagdad! Angenommen, dasselbe hätte ein Künstler gemacht: Natürlich würde er einen großen Artikel im Kunstforum bekommen, die Ausstellung der wieder eingesammelten Fotos würde in den Feuilletons zumindest erwähnt, ein paar Theoretiker schrieben etwas über den fraktalen Blick der Neopostmoderne, die Tradition partizipativer Kunst bzw. die Demokratisierung des Blicks als dem wahren Ort künstlerischer Identität. Und Boris Groys fühlte sich in seiner These bestätigt, daß Künstler heutzutage immer mehr dazu übergehen, den Produktionsaufwand zu delegieren, in diesem Fall weniger an den Rezipienten denn an die Kinder und Soldaten in Bagdad.

    Also: Das Projekt würde kunsttypisch abgefeiert; das wäre es dann aber auch. Denn: Die Kunst ist längst eine Prinzessin ohne Reich geworden. Das heißt: Wenn das Projekt als Kunst lanciert würde, würden sich z. B. der Stern, die Brigitte oder Amica nicht trauen, Fotos daraus abzudrucken. Denn: Kunst ist ja kompliziert, ist Sparte, interessiert nur wenige. Dieser Reflex verhindert oft auch eine entspannte Betrachtung. So sehr vieles also davon profitiert, daß es in den festen Rahmen des Kunstsystems eingespannt wird (weil es sonst gar nicht auffiele oder als nur banal erschiene), so sehr kann anderes auch darunter leiden. Gerade weil, wie Ullrich ja auch schreibt, Kunstbetrachtung in der Moderne zu einem anstrengenden, verkrampften, geradezu streßigen Ritual geworden ist, sind auch nur wenige übriggeblieben, die sich der Kunst überhaupt stellen wollen. Es gibt wohl gar nicht so wenig, was in der zeitgenössischen Kunst passiert, das mehr Aufmerksamkeit und interessantere Kommentare fände, wenn es anders, eben z. B. als journalistisches Projekt präsentiert würde.

    Allerdings, da gebe ich Dir recht, passiert es natürlich häufiger, daß Künstler sich bequem darauf zurückziehen, daß das, was sie machen, ja Kunst ist. Sie begnügen sich also mit dem Rahmen des Kunstsystems, ja mit einer längst fertig ausgebildeten Infrastruktur, und belassen es bei Halbheiten. So nennen sie Experiment oder Versuchsanordnung, was nur ein mikriges Zitieren von Verfahren der Wissenschaft ist, oder fühlen sich investigativ etc., nur wenn sie mal ein paar Interviews oder Originaltöne aufnehmen. Das nervt ganz schön! Oder?

    Fragt sich und andere

    Selavy

  7. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Herrlich, dein Kommentar, Selavy :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:
    Woher kommt eigentlich dein Nick? Von "C´est la vie"?

    Ich muss gestehen, dass ich Kunst auch oft genug als sehr krampfig empfinde. Wenn ich die Ergüsse von Paolo Bianchi im Kunstforum lese, denk ich mir manchmal: Warum tu ich mir dieses eitle Geschwätz an...... :Smirksmile:

    Vielleicht hat es wirklich damit zu tun, dass vieles ohne dieses theoretische Brimborium allzu dünn wäre.

  8. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hallo Sofonisba,

    tja, mein Nick meint tatsächlich "C'est la vie", aber ist natürlich, ähnlich wie bei Dir, nicht ohne kunsthistorischen Bezug Allerdings ist dieser aus dem 20. Jahrhundert. Ob Du draufkommst? :Freches Grinsen:

    Ja, das Lästern über Kunst tut gut. Man vergißt darüber leicht, daß es ja, zumindest ab und zu, auch KünstlerInnen gibt, deren Werk einem imponiert. David Hockney, Thomas Huber, Barbara Kruger wären ein paar meiner Favoriten. Sie gehören zu den wenigen Künstlern, bei denen ich auf neue Ausstellungen und Kataloge gespannt bin. Sonst (und das schockiert mich selbst geradezu) nehme ich, obwohl dem Kunstbetrieb recht nahe stehend, eher nur lustlos zur Kenntnis, was sich so tut. Es gibt z. B. viel mehr SchriftstellerInnen als KünstlerInnen, bei denen ich ungeduldig auf das nächste Werk warte. Und das belegt nur einmal mehr, wie eng das Terrain der bildenden Kunst geworden ist: Nicht einmal den Insidern ginge viel ab, wenn plötzlich keine Ausstellungen mehr stattfänden oder keine neuen Kataloge rauskämen. Geht es da nur mir so?

    Selavy

  9. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    wie gut, dass es google gibt :Smirksmile:

    selavy war Duchamps weibliches Alter Ego, "Rrose Selavy" – phonetisch Rose (Eros), c'est la vie

  10. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Ja, ja, Google macht es einem manchmal fast zu leicht... [img]/community/foren/images/graemlins/frown.gif[/img]
    Meine zweite Frage im letzten Beitrag ist dafür offenbar nicht so leicht zu beantwortren, oder ? [img]/community/foren/images/graemlins/smile.gif[/img] [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img]

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