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  1. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hallo Geisterfahrer,
    dein Bericht über die kasachische Kunstatktion ist amüsant und wahrscheinlich auch bezeichnend für den Pragmatismus, mit der man im Osten mit sowas umgeht - Hauptsache, es springt Geld dabei raus. Und für westliche Unternehmen war es vor elf Jahren sicher noch "chicer", eine Aktion in Kasachstan zu machen.
    Was ich dabei interessant finde, ist der Versuch, Kunst noch mit so etwas wie dem politischen Tagesgeschehen zu verbinden (Raketenstart).

    Mir scheint die Kunst inzwischen viel autistischer geworden zu sein. Aktuellstes Beispiel: die 3. Berlin Biennale. Die meisten Kritiken waren schlecht (sogar das Kunstforum meldete vorsichtig ein paar Bedenken an).
    Mein Eindruck war: hier bohren sich ein paar junge Leute selbst in der Nase und halten ihre Popel für bewundernswürdig. Die Ideen waren dürftig, über große Teile nichts als Selbstbespiegelung und Nabelschau. Und alles war brav an den herrschenden Theorien entlang produziert.
    Im obersten Stock des KW saß eine Frau um die dreissig und hielt einen neo-feministischen Vortrag, um sie herum standen ein paar sehr junge Frauen. Die 70er scheinen nicht nur die aktuelle Mode zu beflügeln, auch das Denken macht eine Rolle rückwärts. Mir geht es damit wie mit den Stoffmustern: ich wende mich mit Grausen, weil ich schon die Originale erlebt habe :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

    All das wirkte auf mich seltsam autistisch und abgehoben - so, als ob wir nicht mitten in einem massiven politischen und ökonomischen Umbau steckten. Mag sein, dass mir dieser Gegensatz zwischen Kunstmilieu und Tagesgeschehen auch deswegen so auffiel, weil ich in der Nacht zuvor an der polnischen Grenze bei Frankfurt in eine Schlepperfahndung der Polizei geraten war.

    All die gesellschaftlichen Umbrüche scheinen in der Kunst kaum Spuren zu hinterlassen. Statt dessen üben sich gerade junge Künstler in ununterbrochener Selbstbefragung.

    Was die Uhren aus der ehemaligen Sowjetunion betrifft: Vor ca. 20 Jahren wurden solche Uhren auf dem legendären Riemer Flohmarkt in München verkauft. Ich hab noch welche mit der Aufschrift "Glasnost" und "Perestroika".

  2. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Liebe Mitposterinnen,

    den „Kraut Art“- Artikel von Ulrike Knöfel im (gerade noch) aktuellen „Spiegel“ fand ich etwas unbefriedigend. Vor allem deshalb, weil Knöfel zwar zum Schluss „Contemporary Fine Arts“ mit der Aussage zu Wort kommen lässt, dass es eine „unglückliche Idee sei, Kunst auf einen Trend und eine Art Mode- und Lifestyle-Strömung zu reduzieren“ – sie selbst, Knöfel, zuvor auf den gut 250 Zeilen ihres Artikels aber gerade genau das getan hatte.

    Sicher mag YGA (Young German Art) eine Trademark im Kommen sein. Aber umso mehr werden die von Sofonisba im Vorposting aufgeworfenen Fragen interessant. Ich denke man muss sich bei der Beurteilung der Künstler nur davor hüten, sie zu sehr mit der Elle eigener Ansprüche zu messen. Leute unseres Alters (Liebe Sofonisba, wir sind ja wohl nicht weit auseinander) geraten sonst schnell in den Ruch, so zu sein wie Leute, die sich darüber mokieren, dass die Musik, die im Radio, MTV etc zu hören und zu sehen ist, nicht mehr so „schön“, „gut“, „heiß“, „angenehm“ oder „gekonnt gemacht“ ist wie die, die zu der Zeit gespielt wurde, als man selber 25 war.

    Die Marktmechanismen im Kunstbetrieb sind eben schlichtweg irre, da gibt es nichts Planbares, und wenn es jetzt en vogue ist, deutsch, ostdeutsch oder zumindest in Ostdeutschland ausgebildet worden zu sein, dann ist es eben so, und es macht dann ein paar Leute zu Stars, die es vor fünf oder zehn Jahren nicht geworden wären und die es in zehn Jahren nicht werden würden. Die Menschen ändern sich kaum, ihr Talentpotenzial auch kaum, eben nur ihre Wahrnehmung durch den Markt.

    Am Mittwoch voriger Woche besuchte ich mit einem Freund gegen 0.30 Uhr ein auch von jungen Künstlern frequentiertes Lokal am Hamburger Hafenrand, das „Golden Pudel Club“ heißt. Wir wollten zu einem Konzert. Aber der Musiker, zu dessen CD-Cover-Foto-Produktion mein Freund seinen Sportwagen verliehen hatte, kam uns schon kurz nach unserem Eintreffen mit den Worten entgegen: „Ich geh erstmal was essen.“ Er verließ den Club und auch ich mochte danach nicht mehr lange bleiben, weil mit seiner Rückkehr nicht vor einer Stunde zu rechnen war. Und da er bei seinem eigenen Konzert wohl anwesend sein sollte, drohte der Beginn desselben sich noch genauso lange hinzuziehen.

    Ich trank deshalb nur ein Bier. Aber die Zeit reichte, um durch ein paar flüchtige Gespräche und Blicke das eigenartige Fluidum, das dort und an ähnlichen Orten in ähnlich großen Städten herrscht, wieder deutlich zu spüren. Alle machen irgendwas und manche werden damit was. Am meisten „werden“ wurde wohl die schöne Kroatin Angela Richter, die auch noch kurz reinschneite. Denn ihr lieber Mann Daniel malt auch. Er wurde zwar nicht in dem „Spiegel“-Artikel erwähnt. Dafür wird er aber gerade in der „New Blood“-Ausstellung bei Saatchi in London gezeigt. Und das ist doch allemal mehr wert, oder?

    Gruß Geisterfahrer

    PS. Liebe Sofonisba, solche Uhren kannst Du auch heute noch kaufen, am Checkpoint Charlie in Berlin zum Beispiel "massenhaft". Dass meine Raketenuhr aus Baikonur etwas besonderes ist, von dieser Illusion mag ich mich dennoch nicht verabschieden.

  3. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    SOFO, ich habe natürlich gleich nach den Brüdern Riklin gegoogelt – und drei witzige Fotos von ihnen gefunden.
    http://www.visarteost.ch/mitglieder/riklinpatrik.html

    dazu schenke ich allen Interessierten einen link vom Schweizer Radio DRS – da hört man ein ausführliches Interview mit Frank und Patrik zu unserem Thema. Mir hat es sehr gut gefallen :Lachen:.
    http://www.drs.ch/index.cfm?gbAction...80A9397CD5324E

    Donnerstag, 01.04.2004. Reflexe. Die Gebrüder Riklin – kulturelle Qurerdenker aus St. Gallen.

    GEISTERFAHRER, die Beschreibung der Kunstaktion „West in Space“ liest sich sehr interessant.

    PLUI, SOFO, SELAVY, ... wow … ihr erzählt doch von eurem Abendessen mit W. Ullrich. Meine Güte ist das toll :Freches Grinsen:

    liebe grüße von heidi

  4. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Hallo Plui,

    das klingt ja wirklich aufregend :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:
    Doch leider läßt sich der Link zu dem Artikel für mich nicht öffnen. Ob Du's nochmal versuchen willst?
    Und nun sind wir wohl alle ganz befangen, wenn wir so unter Beobachtung stehen...
    Ich warte jedenfalls erstmal mit weiteren Kommentaren, bis ich gelesen habe, was da über uns so alles steht :Freches Grinsen:
    Schönen Abend noch

    Selavy

  5. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    http://www.free-webspace.biz/penelop...%20Ullrich.doc

    Hab ich auch schon bemerkt, versucht es noch mal unter obiger Adresse!
    Was über uns in dem Artikel steht, ist eigentlich ganz gut beobachtet und analysiert, find ich, und auch amüsant.

    Sofo, die Brüder fand auch ich sehr köstlich.

    Später zu allem mehr...

    Ein schönes Osterfest wünsch ich euch allen. [img]/community/foren/images/graemlins/smile.gif[/img]

    LG
    Plui

  6. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Danke für die Links. Es war dieses Interview auf DRS 2, das mich auf die Brüder Riklin brachte.

    Euch allen (incl. Herrn Ullrich :Freches Grinsen:) schöne und erholsame Osterfeiertage!

    Nachtrag: Lieber Geisterfahrer, ich stimme dir zu, man soll die junge Kunst nicht aus dem eigenen - womöglich nostalgischen - Focus heraus beurteilen. Vielleicht spielt da auch die Erwartung mit, von den ganz Jungen etwas Neues, Eigenes zu sehen und keine "Coverversionen".

  7. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Danke, Plui, für den Link der jetzt funktioniert hat!!! [img]/community/foren/images/graemlins/smile.gif[/img] Ich habe mich gleich an die Lektüre des Aufsatzes von Wolfgang Ullrich gemacht und finde es schon ziemlich unglaublich, was uns da 'widerfahren' ist. Nun sind wir also sowas wie literarische Figuren mit unserer Diskussion der letzten Wochen. :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: Abgesehen von unseren Kurzcharakteristiken am Anfang, die ich etwas holzschnittartig finde, gefällt mir der Text sehr gut. Es ist schon ein tolles Erlebnis, die eigene Diskussion nochmal von einem 'Profi' gespiegelt zu bekommen, angereichert mit neuen Argumenten und interessanten Verweisen sowie Zitaten. :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:
    Am besten gefällt mir der Abschnitt über Netzwerk-Eitelkeiten. Hier spricht mir Ullrich aus dem Herzen. Ich bekam neulich die Projektanträge der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin zum Lesen, die fast ohne Ausnahme genau so aussehen, wie Ullrich es beschreibt: Allianzen aus Künstlern, Theoretikern und ein paar anderen Kunstinteressierten, die etwas zusammenschmieden, was auf den ersten Blick oft sogar ganz interessant aussieht (z. B. Dark Tourism Tours, d. h. Tourismus an Orte, wo Terroranschläge etc. stattgefunden haben), dann aber eben doch ziemlich fragwürdig ist, wenn es an die Durchführung geht. Da werden dann irgendwelche Umfragen gestartet oder Exponate aufgestellt, doch eine klare ästhetische Lösung scheint gar nicht angestrebt. Theoretisch ist's auch recht dünn, und ich frage mich sowieso, wieso man Theorie in Vitrinen und Schautafeln darstellen und entwickeln will, wo doch jeder weiß, daß hier ein Buch und überhaupt die Sprache das ungleich effizientere Medium ist. À propos: Die Sprache in diesen Anträgen! Sowas Unsinnliches und Unoriginelles findet man selten. [img]/community/foren/images/graemlins/shocked.gif[/img] Eine Mischung von modischem akademischem Slang und einer Verbeugung gegenüber der Bürokratie und ihren Floskeln. Wenn schon auf dieser Ebene jeder ästhetische Anspruch fehlt...
    Nun, was machen wir nun Plui und Sofo? Nehmen wir das Angebot von Ullrich an und lassen uns zum Essen einladen? [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen: Ich könnte es mir schon vorstellen; wäre ja eine nette Gelegenheit, den Autor mal persönlich kennenzulernen. [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img] Nur wird man uns alle schwerlich unter den berühmten einen Hut bringen. So müßte Ullrich also wohl dreimal blechen und uns der Reihe nach 'abklappern'. :Freches Grinsen: Auch eine amüsante Vorstellung... :Freches Grinsen:
    Auf jeden Fall: Eine gelungene Osterüberraschung, gar ein Kuckucksei??? :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:
    Fragt sich mit herzlichen Wünschen

    Selavy

  8. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Liebe Penelopeluisa, Sofonisba und Selavy,

    nachdem ich auch den Beitrag von Ullrich gelesen habe, kann ich nur sagen: Glückwunsch an Euch:

    1. zum Erheben in den Rang literarischer Figuren. Wie man es auch immer dreht und wendet: das hat doch was.
    2. zu so einem interessierten und interessanten Mitleser. Hoffentlich schmecken die Essengehessen.

    Gruß Geisterfahrer

    PS. Großartig wäre es, wenn der DRS-Beitrag in Schwiezerdütsch wäre. In dieser so liebenswert skurrilen Sprache würde ich ihn erst recht gerne hören. In Hochdeutsch aber natürlich auch.

  9. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Ein herzlicher Gruß an alle SchreiberInnen (ja mit großem I ) dieses kleinen aber feinen Forums ,

    das wurde aber auch Zeit, dass Eure herrlichen Gespräche endlich auch über das kleine Briforum hinaus gewürdigt werden !
    Ich freue mich .

    Auch ich danke Euch für beste Unterhaltung , interessante Informationen - einfach gutes Kopffutter ! Mein Dank gilt neben Plui, Sofo und Selavy, auch Geisterfahrer und Pucky oder wer immer sich noch einklinkt . Ich liebe diese interessante Mischung.

    Frohe Ostern Euch allen !

    Mitleserin Linwen


  10. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Uuups, die Mail von Herrn Ullrich an Plui war mir doch glatt entgangen - ich hatte mich schon gefragt, von welchem Essen ihr da schreibt :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

    Schön, dass das Net so viele Kommunikationsmöglichkeiten bietet. Interessant wäre ja, wenn sich mal die ganze Runde hier um einen Tisch versammeln würde. Das stelle ich mir allerdings etwas schwierig vor, denn nach dem, was ich bisher mitgekriegt habe, sind wir locker zwischen Bodensee und Hamburg verteilt. :Freches Grinsen:

    Ihren Artikel finde ich sehr interessant, Herr Ullrich. Eine spannende Weiterentwicklung der hier angesprochenen Gesichtspunkte.

    Ich möchte gern noch mal auf das Posting von Geisterfahrer heute morgen bezüglich des "Kraut"- Artikels im SPIEGEL zurück kommen.
    Das Label YGA demonstriert m.E. sehr schön die Mechanismen des Betriebes - inclusive des Tricks, sich an eine bereits bestehende Marke (YBA) zu hängen.
    Interessant sind die Kriterien für das jeweilige "Casting" der Künster. Es geht weniger um die Werke selbst als um einen interessanten Aufhänger - und der scheint zunehmend geografischer Natur zu sein, gestützt auf aktuelle politische Strömungen.

    Zitat des Galeristen Lehmann aus Dresden: "In den Jahren nach der Wende hat sich die gesamte Welt verändert und womöglich bilden die Deutschen so etwas wie ein kollektives neues, ein skeptisches Lebensgefühl besonders überzeugend ab."

    Der Scheinwerfer der politischen Berichterstattung richtet sich verstärkt wieder auf den Osten (s. auch SPIEGEL-Titel) und damit geraten auch "Ostkünstler" ins Rampenlicht. Dass "Ostausbildung" in der Malerei oft auch technisch gekonnte Umsetzung beinhaltet, scheint zusätzlich attraktiv zu sein.
    Natürlich versuchen auch sogleich Leute von außen, in den Scheinwerferkegel zu springen: Knöfel verweist dabei auf die Schottin Lucy McKenzie, die in Glasgow und Karlsruhe ausgebildet wurde.

    So gesehen wären die Marktmechanismen doch nicht so ganz willkürlich - in den Focus des Interesses geraten Künstler aus Gegenden, von denen in den Medien verstärkt gesprochen wird.

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