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  1. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @ sofo:
    Was Du aus der Madame zitierst, ist ja göttlich. :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: Bitte verrate uns doch die Namen der drei Galerien, in denen man das empfohlene Outfit dann testen kann. Man müßte zum nächsten Vernissagen-Termin ja wirklich mal hingegen und einen kleinen Check machen... :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img]

    Deine Kritik an Santiago Sierra kann ich nachvollziehen: Die Kunsthaus-Arbeit ist wohl wirklich nicht besonders, zumal die Belastungsgrenze gewiß ohnehin bei 350 t liegen dürfte. Sonst wär's zu riskant, denn wenn alle Besucher gleichzeitig auf- und niederhüpfen würden, müßte es auch schon krachen... :Freches Grinsen:
    Es gibt aber einige gute Arbeiten von Sierra, wie ich finde. Als politischen Künstler finde ich ihn hinreichend 'gemein', damit eine Debatte in Gang kommen kann. Wenn er z. B. nach Leuten suchte, die sich eine Linie über den Rücken tätowieren ließen oder einen Tag lang eine einstürzende Wand festzuhalten hatten, dann testete er immer, wie billig er Freiwillige finden würde. Das verriet dann jeweils etwas über die Not von Menschen in einem Land, die sich für einen Hungerlohn u. U. lebenslang schädigen lassen. Natürlich zynisch etc., aber doch auch eindrücklich und ausnahmsweise mal wirklich provokant.

    @pucky:
    Ich weiß nicht, was von Eder du ergooglet hast. Seine Kataloge finde ich auch nicht schlecht, aber die Aquarelle von Frauen & Katzen sind doch wirklich bescheuert, oder? Weder besonders gut gemalt, in einer Schundästhetik, und auch von der Motivwahl äußerst fragwürdig. Da mag nun jemand sagen, das ist doch alles ironisch. Aber was soll eine Ironie, die zugleich die finstersten Klischees bestätigt, die ja leider bei vielen immer noch in Umlauf sind (die Frau als Kätzchen etc.)?

    @Geisterfahrer
    Ja, auf Monopol sind wir wohl alle schon gespannt, und mir schwant Übles. Seit ich kürzlich bei einer artlounge eingeladen war (einem exklusivem Club), dessen Hauptattraktion darin besteht, daß Künstler für die Mitglieder kochen, kann ich mir auch vorstellen, was für einen Kunstbegriff Herr Illies hat. :Freches Grinsen: Einiges davon hat er ja schon letztes Jahr verraten, als er für den SPIEGEL die Ausstellung "Deutschemalereizweitausendunddrei" im Frankfurter Kunstverein hochlobte, die aber nicht mehr bot als mieses Rundgangniveau. Da war ich wirklich entsetzt, sowohl von der Ausstellung als auch von Illies' Dreistigkeit. (Aber ich weiß, der Kunstvereins-Leiter ist ein guter Freund von ihm... :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img])

    Damit mal wieder genug gelästert für heute... :Freches Grinsen:
    Nächste Woche wird anstrengend bei mir, ich weiß nicht, ob ich dazukomme, hier mal vorbeizuschauen [img]/community/foren/images/graemlins/frown.gif[/img]

  2. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @selavy,
    die drei Galerien sind:
    Arndt & Parnter / Zimmerstraße 90 / Berlin
    Michael Neff / Hanauer Landstr. 52 / Frankfurt
    Philomene Magers + Monika Sprüth / Schellingstr. 48 / München
    Viel Spaß beim Gucken
    :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

    Was Serra betrifft, hast du ganz recht, die alten Arbeiten hatten sehr viel mehr Provokationspotential.
    Die Arbeit für das KUB wirkt auf mich so, als ob ein Provinzmuseum einfach nur einen bekannten Namen einkaufen wollte (das Geld dafür ist offensichtlich da, und die Strategie geht auf).
    Was der einzelne Künstler daraus macht, ist leider sehr unterschiedlich, da zeigt sich m.E. auch die "Seriosität" von Künstlern - Olafur Eliasson und Anish Kapoor haben jeweils wirklich tolle und eindrucksvolle Arbeiten für dieses Museum geliefert.
    Serra hat wohl auch das Problem, dass seine Provokationen nur in einem sozialen Umfeld funktionieren, das er kennt. Um in Österreich so gezielt provozieren zu können, müßte er sich erst mal längere Zeit mit Land und Leuten auseinandersetzen. Also versucht er sich mit einer "architekturbezogenen" Arbeit, die völlig zahnlos ist, weil jeder weiß, dass der "Nervenkitzel" keiner ist.

    Von Eder hab ich ein paar Aquarelle gefunden - ach du meine Güte :Freches Grinsen:
    http://www.eigen-art.com/Kuenstlerse..._WV376-380.pdf

  3. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    GEISTERFAHRER, das „gefühlte Künstlersein“ finde ich sehr gut erfühlt :Freches Grinsen:

    SOFO, den Artikel „Frühlingswind aus Berlin“ fand ich auch sehr interessant. Und PLUI, deine links zu Ullrich übrigens auch :Lachen:

    SELAVY, ich habe z.B. den Dead Star von Martin Eder entdeckt – den finde ich schon toll – wenn ich mir vorstelle in dem Raum zu stehen – für mich vermutlich beeindruckend.
    http://www.hfbk-dresden.de/fotos/pre...bilderEder.htm

    SOFO, SELAVY, ok – die Aquarelle von Frauen und Katzen finde ich auch nicht so toll :Freches Grinsen: – aber gibt es nicht von vielen guten Künstlern solche Merkwürdigkeiten ?

    Liebe Grüße von Pucky

  4. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @ Geisterfahrer

    Super-Beitrag :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

    Meine Kollegin und ich haben Tränen gelacht.

    Genevieve

  5. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Nun ja, vielleicht seh ich es anders, wenn ich Ullrichs Buch gelesen hab. Mit erschien K. Wendts Aufsatz jedoch verständlich... :Freches Grinsen:


    Selavy, nix gegen Kultur, aber dann auch nichts gegen das anders verführerische und irritierende Ideal des Aus- und Aufbruchs, des Ursprünglichen, Nativen, das auch heut noch immer funktioniert. :Freches Grinsen:

    Dass die Kunst alltäglich wird und dadurch verschwindet, ist zwar als Idee in den Programmen der Avantgarden vorgesehen und würde im Idealfall ein Verschwinden der Professionalisierung, also eine Demokratisierung des Kunstmachens bedeuten, aber praktisch ist das aus vielfältigem Grund noch nicht/nie gegeben. Die Entprofessionalisierung war ja auch ein politisches Ideal der alternativen demokratischen Bewegungen, nur hat sich gezeigt, dass sie in einer arbeitsteiligen, hochentwickelten Gesellschaft unmöglich oder nur quasi in Symbiose mit der gesellschaftlichen Komplexivität möglich ist, zumal permanente Revolution (permanente Amateurhaftigkeit = permanente Beschleunigung) einen immensen, sozusagen den Erhalt übersteigenden Energieaufwand erfordert, wie uns ja Einsteins Gleichung zeigt (o.k., die gilt vielleicht nicht für Prozesse unterhalb der Lichtgeschwindigkeit :Freches Grinsen:). Der Dilettantismus funktioniert in komplexen Gesellschaften und vielleicht gar überhaupt nur als ästhetisches Spiel, aber nicht als Überlebensstrategie. Als verführerische Koketterie kann er jedoch durchaus eine Notwendigkeit geltend machen. Natürlich entwickelt sich eine auf Rationalität basierende Gesellschaft substanziell auch ohne Verführung fort... oder doch nicht? [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:


    Die Arbeit von Sierra im KUB find auch ich im ersten Moment nicht so ganz spannend. Dass die Gefährdung der Architektur symbolisch bleibt, find ich nicht problematisch - Sierras Arbeiten sind ja immer symbolisch, obgleich in ihnen reale Handlungen vollzogen werden. Mir fehlt hier aber die unmittelbare Ambivalenz. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass sich - ausgenommen vielleicht bei der Vernissage - 100 Leute zugleich auf einer Etage aufhalten. Die aus seinen anderen Arbeiten bekannte symbolisierte Grenzsituation ist aber auch in der KUB Arbeit enthalten. Die Museums-Architektur kann für das Betriebssystem Kunst und die durch seine Strukturen geschaffene Exklusivität stehen und so ist die Arbeit für mich eine symbolische Forderung nach Demokratisierung dieses Betriebs. Gewiss bezieht sie sich stärker, als andere Sierra-Arbeiten, speziell auf dieses Betriebssystem, da sie ja dessen Repräsentanz durch Architektur zum Inhalt hat, aber das ist meiner Ansicht auch ein Verweis auf dessen Exklusivität. Dadurch, dass die BesucherInnen zugleich Ausstellungsstücke sind, entsteht auch wieder diese Big Brother TV Situation, in der Voyeurismus und Exklusivität eine Rolle spielen. - Ich hoff, ihr empfindet meine persönliche Analyse nicht als belehrend. :Freches Grinsen:


    Die Eder-Aquarelle mag ich zwar nicht, find sie dennoch schon neu. Solch spezifische Kombination von linkisch-dilettantischem Naturalismus, parodistisch-schlampig eingesetzter Aquarellstilistik und zugleich Anti-Aquarell-Ästhetik hab ich bislang bei Aquarellen noch nicht gesehen und das irritiert, find ich. Die Dead Star Arbeiten konnt ich auf den Abbildungen nicht so gut erkennen, doch erscheinen sie mir literarischer als die Aquarelle...


    Sofo, solche Orte, wie sie eure Gruppe benutzt, find ich als Kontexte auch deshalb reizvoll und anspruchsvoll, weil sie an sich schon so gefährlich süffisant sind. [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img]


    Geisterfahrers sanfte Ironie ist köstlich und dazu passen als Gegenstück für die RezipientInnen-Seite hervorragend die Modetipps für Vernissagen. Soviel modische Styling-Dekadenz hat aber schon wieder etwas Lustvolles, Verführerisches, find ich. Ich be-, über- oder untertreib bei diversen Anlässen lustvoll dieses Spiel der kunstvollen Selbstinszenierung zuweilen auch gern. Was und wie, das ist vom Anlass abhängig. :Freches Grinsen:


    Liebe Grüße von
    Advocatia D(J) :Cool:

  6. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Puh, endlich wieder mal hier im Forum! :Smirksmile:

    Danke Sofo für die Angabe der Galerien! Da werde ich wirklich mal vorbeischauen (allerdings nur, wenn mich auch das Programm interessiert, denn die Kostümchen etc. kann man/frau ja auch anderswo immer wieder sehen :Freches Grinsen:).

    Und Dir, Plui, danke für die schöne Verteidigung von Sierra! Ich bin ganz froh darum, da ich ihn ja eigentlich mag und nur der Bregenz-Arbeit bisher nicht sonderlich viel abgewinnen konnte. Nun 'rettest' Du sie für mich in gewisser Weise doch noch. Vor allem der Zusammenhang von Voyeurismus und Exklusivität, auf den Du hinweist, gefällt mir ganz gut dabei. Man stellt sich vor, wie die Besucher im Museum stehen und sich gegenseitig anschauen, immer leise damit kalkulierend, daß nun gleich alles einstürzt... :Freches Grinsen:

    Deine Verteidigung von Eder kann ich dagegen noch nicht nachvollziehen. 'Neu', 'irritierend' sind Deine Qualifizierungen, worauf ich nur sagen kann: Etwas ist nicht schon deshalb gut, weil es irgendwie neu ist, und erst recht finde ich die meisten Irritationen alles andere als fruchtbar, sondern einfach nur lästig oder ärgerlich. (So auch in diesem Fall.) Das sind mir also zu pauschale und nichtssagende Adjektive. [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img]
    Im übrigen würde ich die Neuheit sogar relativieren. Klar, 'sowas' hat vielleicht noch niemand im Kunstkontext gemacht, es war aber absolut vorhersehbar, daß es geschehen würde. (Nach der Readymade-Formel, wonach gerade alles, was hinreichend wenig nach Kunst aussieht, in den Kunstkontext transferiert wird. :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:) So wie vor ein paar Jahren die unscharf gemachten Pornofotos von Thomas Ruff. Sowas ist einfach Zeitgeist, deshalb langweilt es mich auch eher. Demnächst bekommen wir wahrscheinlich von irgendeinem Kunststar den 11. September visuell aufbereitet oder die Ästhetik von Ultraschallfotos vorgesetzt... :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:

    Nen netten Tag wünscht

    Selavy

  7. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    hallo plui,
    deine analyse der arbeit von sierra kann ich akzeptieren - mir fehlt aber trotzdem der "biss". das ganze war innerhalb der stadt als eine serie von vier vernissagen aufgezogen - der besucher schlenderte von einem veranstaltungsort zum anderen (bei den anderen drei ausstellungen handelte es isch um "normale" präsentationen) und eine der stationen war eben mal "symbolisches gruseln" im KUB :Freches Grinsen:
    das ist mir zu wenig. ich finde, hier wird kunst zum partygag.

    @all
    subversiver und lustiger finde ich folgendes künstlerduo: die brüder riklin aus st. gallen.
    http://www.layrwuestenhagen.com/deut...3/riklins.html

    ihre "sonderaufgaben" bestanden u.a. darin, 2 stunden eine entlaufenes kaninchen in der stadt zu suchen, autos zu enteisen oder die lust am stricken zu fördern.
    das finde ich witzig, weil es sich um banale dinge handelt, die plötzlich in einen anderen kontext transferiert werden.

  8. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Liebe Mitposterinnen,

    die Zufälle, die mich durchs Leben treiben, führten dazu, dass ich im Oktober 1992 hautnaher Zeuge einer umfang- und aufwandreichen KUNSTAKTION wurde, die viele tausend Kilometer von Deutschland entfernt in den endlos scheinenden Weiten der kasachischen Steppe stattfand. Die Aktion hieß „West in Space“. Und wenn das Kunstkonzept, das ihr zugrunde lag, heute auch etwas überholt wirkt und die ganze Angelegenheit nach elfeinhalb Jahren sozusagen verfolgungsverjährt ist, will ich dennoch etwas dazu schreiben. Denn die Umstände der Aktion, das Ineinandergreifen und das sich Ergänzen der verschiedenen Protagonisten und ihrer Interessen, machen doch einiges über eine Spielart des Kunstbetriebs und seine Mechanismen deutlich.

    Die Akteure waren: ein multinationaler Konzern, beziehungsweise seine deutsche Niederlassung, eine marode staatliche Behörde, ein paar Werbe- und sonstige „Agenturen“, die Geld und oder Renommee aus der Aktion ziehen wollten, sowie ein bekannter und eine Handvoll halb bekannter Künstler, die ebenfalls Geld und oder Renommee aus der Aktion ziehen wollten. Wobei man getrost davon ausgehen kann, dass sowohl die Agenturen als auch die Künstler eher am ersteren denn am letzteren interessiert waren.

    Der Konzern war das Tabakunternehmen Reemtsma, die Behörde war „Glavkosmos“, die Raumfahrtbehörde der ehemaligen Sowjetunion. Der bekannte Künstler war der renommierte russische Literat Tschingis Aitmatow und die Handvoll halb bekannter Künstler wurde von dem aus Ostberlin stammenden und in Hannover lebenden Maler Andora angeführt.

    Die KUNSTAKTION bestand im wesentlichen aus dem Bemalen eines Teils der Außenhaut einer russischen Trägerrakete vom Typ Sojus Fregat sowie aus einem Friedensgedicht, das Aitmatow beigesteuert hatte und mit dem der ganze Kram offenbar geadelt werden sollte – ebenso wie mit Aitmatows „guten Namen“, wie es in der „American Express“-Werbung immer so schön heißt.

    Außerdem wurde der TV-Satellit, den die Rakete ins All bringen sollte, noch mit einem Mikrofilm beladen, auf dem allerlei Krimskrams abgebildet war, den irgendwelche normale Menschen auf eine Anzeige von Reemtsma hin eingesandt hatten. Auch dieser Krempel wurde kurzerhand als Teil der KUNSTAKTION deklariert, die „dem Frieden und der Völkerverständigung dienen“ sollte. Auch ich beteiligte mich deshalb gerne daran, so dass seither ein auf Mikrofilm verkleinertes Foto meiner damaligen Münsterländerhündin Senta mit der Inschrift „Senta grüßt Laika“ in einigen tausend Kilometern Höhe über der Erde kreist. In einem Satelliten, der irgendwelche sibirischen Turkvölker mit den Segnungen modernen Fernsehkonsums verköstigt.

    Was waren die Interessen der einzelnen Protagonisten und wie kamen sie zum Zug?

    Reemtsma gab das Geld. Die wollten deshalb auch am meisten haben, das war klar. Schließlich hatten sie zum Beispiel den ganzen Tross, mich eingeschlossen, auf der Rückreise in Moskau in dem damals frisch eröffneten und im übrigen sehr empfehlenswerten Hotel „Baltschug Kempinski“ einquartiert. Das war ein ganz gutes Indiz für den Anspruch an den von der KUNSTAKTION für Reemtsma zu leistenden Gegenwert.

    Das Werbeverbot für Zigaretten im TV zwang die Tabakfirmen, ständig neue Werbeformen zu finden und nutzbar zu machen und KUNST war Anfang der neunziger Jahre ein durchaus beliebtes Instrument nicht nur der Tabakindustrie, Produkte zu „unterstützen“, hauptsächlich durch das Bereitstellen und oder Schaffen eines günstigen medialen und imagefördernden Klimas.

    „West in Space“ bedeutete 1992 einen Quantensprung in dieser Nutzbarmachung von Kunst. Der Aufwand war enorm, der Ertrag für Reemtsma aber wohl auch. Weil die Aktion so spektakulär war, war der mediale Widerhall außerordentlich groß, es gab sogar einen Bericht in der ARD-Tagesschau, wie mir nach meiner Rückkehr berichtet wurde. Auch TV-Teams von SAT1 und RTL waren auf der Reise dabei. Zum anderen wurde der Start der bemalten Rakete von professionellen Werbekameraleuten aufgenommen und zu einem Kinowerbespot verarbeitet. Das Zeug, das von Andora und seinen Kollegen auf die Rakete gemalt worden war, trat dabei in seiner Nutzbarmach-Bedeutung allerdings deutlich zurück im Vergleich zu dem riesigen WEST- Schriftzug, der ebenfalls auf der Rakete prangte.

    Insgesamt dürfte Reemtsmas Kosten-Nutzen-Rechnung aufgegangen sein. Die Firma führte später auch noch weitere „West in Space“-Aktionen mit den Russen durch, aber nicht mehr so spektakuläre (ohne Raketenstart) und auch nicht mehr mit so eindeutigem Kunstbezug.

    Die russische Raumfahrtbehörde Glavkosmos befand sich 1992 bereits in einem ähnlich desolaten Zustand wie heute. Es gab zwar ein GUS-internes Agreement, dass die Russen das seit dem Zerfall der SU im „fremden“ Kasachstan liegende Kosmodrom Baikonur weiter nutzen durften. Der Zustand des Raketenzentrums war jedoch jämmerlich, das war offensichtlich. Ein maroder Schrottplatz von der Größe Schleswig-Holsteins. Dass die Alteisenhaufen, die dort herumrosteten, ins Weltall gelangten, grenzte an ein Wunder. Glavkosmos war dankbar für jede Kopeke und dass es bei der Aktion um Kunst ging, interessierte bei denen keinen. Sie hätten auf ihren Raketen wohl auch für Hundefutter oder Dosenbier werben lassen. Außer Hakenkreuzen hätte man da wohl alles draufmalen dürfen, wenn man nur ein paar Dollars mitgebracht hätte.

    Das rückte die eigentlichen Gastgeber während der KUNSTAKTION ein wenig in eine entwürdigend wirkende Position. Augenfällig wurde das noch einmal beim Abflug aus Leninsk, wie die Stadt am Rande des Kosmodroms eigentlich richtig heißt. Während auf dem Rollfeld ein paar Hühner herumliefen und gackerten, stand ein mit einem überdimensioniertem Schraubenzieher bewaffneter Mechaniker auf einer großen Leiter und schraubte am hinteren Leitwerk der Iljuschin herum. Die lapidare Auskunft lautete: „Maschin kaputt“. Das bedeutete, wie es dann hieß, dass aus Moskau eine Ersatzmaschine kommen müsse, um uns abzuholen, und dass für diese Ersatzmaschine zunächst eine Besatzung aufgetrieben werden müsse. Schließlich hieß es auch noch, dass diese Aktion zusätzliche Kosten von etlichen Zehntausend Dollars verursachen werde.

    Es entstand ein lautes Palaver. Der Reemtsma- Delegationsleiter sagte den Russen schließlich, dass er beziehungsweise seine Firma keinen weiteren US-Cent über den vereinbarten Festpreis hinaus zahlen werde. Darauf zogen sich die Russen zur Beratung zurück. Als sie nach ein parr Minuten wiederkamen, hieß es nur: „Wir starten.“ In Moskau erfuhren wir dann, dass nur eines von drei Triebwerken funktioniert hatte.

    Die Künstler: Aitmatow ließ sich in Leninsk nicht blicken. Der tauchte erst in Moskau auf der sehr coolen Party auf. Warum er, der wirklich Weltgeltung besitzt, sich an der Aktion beteiligt hat, blieb mir ein Rätsel. Ich weiß nichts darüber, ob und wenn ja wieviel Geld er bekam. Andora war damals mit jemandem bei Reemtsma befreundet, wurde wohl ein wenig wie ein hauseigener Künstler mit verschiedenen Aufträgen alimentiert. Obwohl er und sein Künstlerselbstverständnis in der Szene sicher nicht satisfaktionsfähig waren und sind, mochte ich sein damaliges Zeug ein wenig, weil es so schön bunt war. Mittlerweile macht er Uhren und Schmuck, betätigt sich als eine Art Kunsthandwerker.

    Ich selbst habe von der grotesken KUNSTAKTION in Kasachstan auch etwas mitgenommen: Im Kosmodrom Baikonur kaufte ich für zehn US-Dollar (damals zirka 14,50 Mark) eine schöne Armbanduhr mit einem dunkelblauen Ziffernblatt. Das trägt den Schriftzug Baikonur und zeigt eine Rakete vor dem Start. Die Uhr trage ich heute noch. Ich habe sie gerade erst wieder für 60 Euro überholen lassen, weil ich sie so mag.

    Gruß Geisterfahrer


  9. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Danke für eure Zustimmung betreffs Sierra - und ich dachte doch, ich hätt eher schön teuflisch-advokatisch gelästert. Seufz-seufz ... wie schwer doch Oppositonsbildung sein kann.

    Selavy, der Einwand mit dem Qualitäts-Argument zu der von mir behaupteten Eder-Neuheit ist gewiss klassisch und war auch vorhersehbar - und nun würden wir im Stil eines Wahrheitsfindungsdiskurses darüber streiten, ob diese Aquarelle schon deshalb qualitativ Neues sind, weil ich die vielleicht subjektive Aussage gemacht hab, Aquarelle so noch nicht gesehen zu haben?

    Geisterfahrer, die subtile Ironie in deinen Geschichten mag ich. Die hier ist wieder eine schön erzählte und die Pointe mit der Uhr überführt überdies die Geschehnisse aus ihrer Hyperrealität theatralisch-schön in einen gegenwärtig-ambivalenten Traum-Wirklichkeits-Zustand. Die PR-Aktion erinnerte mich übrigens ein wenig an die Skurrilität der Kuhbemalaktionen, die sofo kürzlich erwähnte.

    Eigentlich wollt ich noch mehr schreiben, aber zuerst einmal noch etwas anderes, das ihr unten als eigenes Posting findet. Seid mir aber nicht zu verdutzt... :Freches Grinsen:

    LG
    Plui

  10. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Es gibt sie doch! Unsichtbare außerirdische Satelliten in der Umlaufbahn sollen ja unseren Planeten obskuren Theorien zufolge bekanntlich beobachten. Wenigstens trifft das auf unseren Tiefer hängen Thread schon zu. :Freches Grinsen: Juhu! Wir diskutieren nicht allein, wie uns diesmal die folgende Botschaft von Wolfgang Ullrich beweist, die ich überraschend bekam. Ich stell die Mail hier mal herein, den Artikel könnt ihr euch anschauen unter

    http://us.f1f.yahoofs.com/bc/407649b...e1kdAB_Kv_z3m8

    Ich denk mal, das Posten von Mail und Adresse geht für W. Ullrich so schon in Ordnung, denn die Öffentlichkeit in unserem kleinen Forum ist ja recht begrenzt...


    Liebe Frau W...,

    Fanpost aus München für Sie! Kürzlich wurde ich auf das Brigitte-Forum über mein Büchlein "Tiefer hängen" aufmerksam (gemacht) und nahm in den letzten Wochen als still-neugieriger Leser wahr, was da so alles Pro und Contra geäußert wird. Und ich war nicht nur beeindruckt vom ungewöhnlich hohen Niveau der Diskussion, sondern auch begeistert von den Themen, die Sie ansprechen. Denn: Aufgrund meines Zeit-Artikels über den Dilettantismus, auf den 'Selavy' ja auch hingewiesen hatte, bekam ich einige Anfragen, noch mehr zum Thema zu schreiben. Und so lag es nahe für mich, das Brigitte-Forum zum Rahmen eines Aufsatzes zu machen, der nun demnächst in der Schweizer Zeitschrift proLitteris erscheinen wird (und dann wohl noch als Radioessay beim SWR).
    Ganz ohne schlechtes Gewissen habe ich das nicht gemacht, da ich ja durchaus Gedanken aus dem Tiefer-hängen-Thread 'geklaut' habe ;-) Daher will ich Ihnen nun zumindest meinen Text zukommen lassen - und Sie bitten, ihn nach Möglichkeit auch Ihren Mitdiskutantinnen weiterzuleiten. (Ich konnte via Google nur Ihre Mail-Adresse ausfindig machen, daher wende ich mich auch nur an Sie.)
    Um meinen 'Diebstahl' wiedergutzumachen, biete ich Ihnen sowie Sofonisba und Selavy jeweils eine Einladung zum Abendessen in einem Lokal Ihrer Wahl an! Ich weiß nicht, wo Sie wohnen (und ob Sie wollen), bin aber ziemlich viel auf Reisen in der gesamten Republik, so daß sich ein Treffen wohl schon mal arrangieren ließe.
    Ich hoffe, in meinem Aufsatz nicht zu entstellend geworden zu sein - manches mußte ich natürlich aus Gründen der 'Dramatik' etwas zuspitzen...
    Mit herzlichen Grüßen
    Ihr
    Wolfgang Ullrich


    Dr. Wolfgang Ullrich
    Stiftsbogen 136
    81375 München
    089-704415
    Ullrich@ideenfreiheit.de


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