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  1. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    oh ja, Du bist hart und gnadenlos, selavy... ok, also Königin B4 - B5 ...

    Bei der letzten Dokumenta hab ich die Aufforderung, mir ein Wassereis zu kaufen, dankend abgelehnt und erst später erfahren, dass dies Teil einer Konzept-Arbeit ist. :Freches Grinsen: Das "Service-Angebot" mit der Scater-Bahn fand ich sofort sympathisch... und es war mir recht egal, ob es Kunst ist oder was immer... Was bedeutet schon "Ready Made und Kontext Kunstraum"... ? ... um diesen Dialog ging es bei jener Arbeit eigentlich nicht, auch nicht bei der mit dem Wassereis ... sie können ja auch gezeigt werden, weil sie etwas Interessantes sind - innerhalb oder jenseits von Kunst, was soll's ... Spielt es z.B. wirklich eine so gewichtige Rolle, ob z.B. jemand wie Buren seine Streifen innerhalb eines speziellen Kunstraumes einrichtet? Ich hab sie auch an anderen Orten "funktionierend" gesehen... [img]/community/foren/images/graemlins/tongue.gif[/img]

    Einerseits führt der "dilettantische Strang" der Moderne theoretisch ja zwangsläufig zum Aufheben des professionellen Kunsttums, auch wenn der rührige Beuys meinte, seine Aussage dahingehend einschränken zu müssen, dass "allgemeine Kreativität" nicht bedeute, dass alle "Bildende KünstlerInnen" sind. :Freches Grinsen: So etwas zeigt bedingt, dass, wie ihr schon sagtet, die Professionalisierung der Kunst andererseits vom Betriebssystem am Leben erhalten wird. Das sind natürlich ganz klar zwei unterschiedliche Bereiche.

    ...die AdressatInnen und die Aussage Hegels... Zugegeben - wir wissen es theoretisch inzwischen hinlänglich, nicht zuletzt in aller Deutlichkeit durch unseren lieben Herrn Wittgenstein, dass Sprache ein Spiel ist und ihre Ausdrucksformen durch keine absolute Referenzebene legitimiert werden können, somit die Interpretation einer Form partiell eine Sache der Kanonisierung bleibt ... das hatten wir ja auch bereits im "non-sozial"-Strang u.a. anhand sofos "China-Beispiel" recht schön analysiert. :Freches Grinsen: Selavy, Du argumentierst natürlich etwas "boshaft" :Freches Grinsen: ...

    >>die readymades von duchamp stammen aus den jahren 1917 und danach - dh. diese tradition ist schon recht angejahrt.<<
    ja, an sich schon, doch ist, meiner Meinung, alle Kunst heut unumgänglich "geistiges" Ready Made, da sie unausweichlich auf schon vorhandene Kunstkonzepte bezug nimmt... der Geist der Moderne schwebt nun einmal über den Wassern :Freches Grinsen:

    >>und ich denke auch, dass in einer zeit wie der unseren, in der massive ökonomische und gesellschaftspolitische umbrüche stattfinden, eine "konservative" wendung fast unvermeidlich ist. <<
    tja, tja ... weniger Staat, mehr freie Wirtschaft als Gesundungsrezept ... :Freches Grinsen: Ob sich Kunst von selbst trägt kann natürlich kein alleiniges Qualitätskriterium sein, das ist ein Argument des Marktes ...

    Mal schauen, ob ich noch Links zu anderen gelungenen Beispielen bei Google find. Die Service Art ist ja inzwischen auch schon ein alter Hut - Felix Res Ingold z.B. hat ja vor etwa 15 Jahren einen Hubschrauber Bringdienst bei einer der Venedig-Bienalen eingerichtet.

    Liebe Grüße
    Plui

    PS - zu Kunst von AmateurInnen: das Peinliche an deren Zeugs ist, dass sie so bemüht Kunst machen wollen, bei KünstlerInnen-Dilettantinnen ist es umgekehrt. :Freches Grinsen: Aber andererseits sind die klassischen "QuertreiberInnen" der Moderne SeiteneinsteigerInnen und von Seiten der "studierten Modernen" gab es auch immer ein Interesse an Dingen, die nicht eindeutig /oder keine etablierte Kunst waren...

  2. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    hallo plui,
    interessant, deine beispiele der service-art.
    hier greift m.e. sehr stark das, was ullrich in seinem buch anspricht: das "kunstgerechte" funktionieren des rezipienten in einem von ihm als "kunst" eingestuften kontext.

    und dieser kontext ist interessanterweise äußerst konservativ: der white cube oder - wie im fall der documenta - eine etablierte veranstaltung, die auch funktioniert, wenn sie sich außerhalb von museumsräumen abspielt. allerdings nur dann, wenn wie bei der documenta vom veranstalter ganz klar definiert wird, welche veranstaltung dazu gehört und welche nicht. (wassereis verkaufen funktioniert nur unter dem label "documenta" als kunst, im normalen stadtleben ist es belanglos).

    dass betrachter gelernt haben, sich "kontextbewußt" zu verhalten, wissen wir alle. ein schönes beispiel dafür ist das betriebssystem "religion". in kirchen wird alles zum "heiligen" objekt - jeder alte knochen zur reliquie und jede kerze zum bittgebet. interessanterweise gab es aber eine "aufweichung" in die richtung, dass viele menschen kirchen nicht mehr als stätte religiöser einkehr besuchen, sondern als kunstbesucher. und sie verhalten sich, wie man es von einem guten kunstbetrachter erwartet: devot.

    und genau diese devotheit bringen sie kunst generell entgegen. manchmal hat man den eindruck, die betrachter gehen geradezu von der maxime aus
    je weniger ich ein werk verstehe, desto mehr muss es wahre kunst sein.
    und es hat etwas rührendes, wie selbstverständlich gutmeinende rezipienten davon ausgehen, dass der künstler ihnen mit seiner arbeit wirklich was mitteilen will, dass er eine botschaft rüberbringen möchte, die der rezipient zu entschlüsseln hat.

    ullrich weist darauf hin, dass die erweiterung der kunstterrains ohne diese stabilen rezeptionsrituale sogar unmöglich gewesen wäre. gleichbleibendes verhalten des rezipienten bietet eine gewisse garantie dafür, dass bereits als kunst akzeptiert wird, was nur irgendwie (durch den kontext) als solche offeriert wird. er meint, die künstler hätten sich nur dadurch von ihren werkkonventionen emanzipieren können, weil gleichzeitig das verhalten der rezipienten durch konventionen fixiert blieb.
    das heißt auch, dass der betrachter einseitig den preis für die befreiung der kunst von der regelästhetik zu leisten hat.


  3. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Folgenden Text habe ich im Netz gefunden – unter:
    http://home.t-online.de/home/humanist.aktion/kunst.htm

    „Picasso soll am 2.Mai 1952 in Madrid eine Rede gehalten haben, in der er sagte: "Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen."

    Jetzt frage ich mich – was wäre die Kunst ohne die Spaßmacher? :Freches Grinsen:

    Den Aufsatz von Ullrich fand ich sehr interessant. Vor allem der Absatz mit den offenen Grenzen zwischen den Disziplinen geht mir durch den Kopf. Ist das nicht unser aktuelles gesamtes Leben? „Als wäre das Leben ohne Grenzen und man selbst auf Dauer 17“. Meiner Meinung nach nicht unbedingt zu bequemen Fluchten führend – sondern auch verunsichernd oder schwer Stress erzeugend. [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img]

    :Lachen: Liebe Grüße von Pucky

  4. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @ plui:
    So viele Beispiele mit guter Service-Art sind das ja gar nicht, da habe ich jedenfalls offenbar nicht zu viel verpaßt. :Freches Grinsen:
    Man muß auch unterscheiden, ob jemand wirklich eine Dienstleistung anbietet, so wie Christine Hill bei ihrem Second-Hand-Schop auf der dX, oder ob jemand ein Fake inszeniert, wie Res Ingold, der damit mehr die Form der Wirtschaft zum Thema macht. Das ist ist Zweifelsfall subtiler, wenngleich natürlich auf die Dauer auch etwas wenig...
    Noch zu Deiner Bemerkung:
    "zu Kunst von AmateurInnen: das Peinliche an deren Zeugs ist, dass sie so bemüht Kunst machen wollen, bei KünstlerInnen-Dilettantinnen ist es umgekehrt"
    Ich denke, bei KünstlerInnen ist's nicht umgekehrt, sie wollen natürlich auch unbedingt Kunst machen, nur haben sie vielleicht eine etwas andere Vorstellung davon als die AmateurInnen, was Kunst ist oder als solche ankommt. Z. B. treibt sie die Vorstellung, Kunst könnte nur sein, was möglichst nicht so aussieht. Und damit landen sie sofort wieder bei einer Readymade-Variante, d. h. transformieren etwas in den Kunstbetrieb, was dort bisher keinen Platz hatte. Jüngstes Beispiel: Der Erfolg der Kalenderblattaquarelle von Martin Eder, die aussehen, wie Bilder aus einem Ratgeberbuch für Aquarellmalerei. Also, es gibt das Paradox: Gerade was nicht nach Kunst ausieht, sieht besonders danach aus. :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:

    @ sofo:
    Ja, ein schöner Gedanke, daß der Betrachter in seiner Geduld und seinem Rezeptionskonservativismus die Bedingungen dafür bereitstellt, daß die Künstler tanzen können. Aber sind wir hier nicht gerade dabei, den Vertrag zu kündigen? So kritisch, wie wir uns hier im Forum meist äußern, obwohl wir grundsätzlich kunstinteressiert sind, scheint mir das 'principle of charity', von dem Ullrich schreibt, infrage zu stehen. Ich jedenfalls gehe mittlerweile eher mit einem 'principle of suspicion/distrust' in eine Galerie oder Ausstellung. Ein Werk muß mich erst überzeugen, viel Kredit gebe ich ihm erstmal nicht. Und das unterscheidet mich (uns?) vom üblichen Betrachter der Moderne. Oder?

    @ Pucky:
    Auf der Basis dieses Picasso-Zitats hat Ephraim Kishon zwei schreckliche Bücher gegen die moderne Kunst geschrieben ("Picasso war kein Scharlatan", "Picassos süße Rache"), schrecklich deshalb, weil er die Rede als Outing eines Schamlosen begreift, das er gleich auf die gesamte moderne Kunst bezieht. Die Bücher beinhalten nur Ressentiments und eine Hetzpropaganda sowie Gegenüberstellungen im Stil der Entarteten-Kunst-Kampagne der Nazis. Das ist schade, weil das Picasso-Zitat ja durchaus eine ausführliche Interpretation verdient. So glaube ich auch, daß die moderne Kunst kaum noch dazu in der Lage ist, Trost oder Erhebung zu spenden. Allerdings muß man auch fragen, ob das noch nötig ist, ja ob es nicht genügt, dafür die alte Kunst zu haben, während die moderne Kunst vielleicht ganz andere Aufgaben hat(te) bzw. haben wollte: Ausdruck einer Unzufriedenheit, eines Protests in der Avantgarde, und in der Gegenwart im Gegenteil vielleicht eher Lebensfreude und Zufriedenheit. In beiden Fällen wäre Trost kein Thema! (Auch dazu hat Ullrich ja in "Tiefer hängen" geschrieben, siehe meinen bereits einmal zitierten Satz: "Die Werke einer glücklichen Zeit sind nichts für unglückliche Menschen").

  5. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Och, Picasso ist mit seiner Äußerung, denk ich mal, ein wenig übermütig oder frustriert gewesen, weil ihm alles so leicht gefallen ist. Vielleicht ist er zu alt gestroben? (Too old, to rock 'n roll?) :Freches Grinsen:

    Die/der stabile BetrachterIn ist in der Kunst der Moderne selbstverständlich sehr wichtig, weil die Rezeptionsseite interpretatorisch an der Entstehung eines Kunstwerkes beteiligt ist und sich die Moderne durch ihre Abwendung von der Tradition eine neue Art von RezipientInnentum züchten musste. Interessant ist ja, dass die Kunst der Moderne und der Postmoderne sich selbst reflektiert bzw. reflektiert wird, wogegen das bei Kult und Tradition nicht der Fall ist...

    Ja, stimmt, meine Auswahl von "Service Art" ist wohl recht persönlich gefärbt :Freches Grinsen:... Ein wenig provokant würd ich mal sagen, dass es eine Frage des individuellen Stils ist, ob jemand Service-Art macht. Mich befriedigt solche Art von Kunstmachen persönlich nicht so.

    Service Art berührt meiner Meinung nach auch den Bereich des Sozialen. Sie ist für mich eher aus dem Netzwerkgedanken heraus zu begreifen. Der Laden bei der letzten Documenta hatte auch einen politischen Hintergrund, ebenso wie die Eis-Aktion des Brasilianers, der in anderen Aktionen z.B. Cola Flaschen mit Parolen bedruckt und dann wieder in den Warenkreislauf integriert hat - eine zwitterhafte Arbeit, die ohne den Kunstkontext funktioniert, doch auch in ihm. Deshalb auch mein Rollerbahn-Beispiel, wir könnten z.B. auch David Hammonds Schneeball-Flohmarkt nehmen... klar, sind wir im Sinn der Moderne dafür sensibilisiert, so etwas auch außerhalb der Kunsträume wahr zu nehmen... ist doch toll... :Freches Grinsen: Stimmt dies etwa nicht mit einem modernen Leitsatz überein, dass Kunst im Kopf entstünde?

    Kunst-Institutionen, z.B. die Documenta, sind auch ein Medium, das die Wahrnehmung auf solche Aktionen lenkt, ihnen eine Öffentlichkeit gibt und die Kunst macht umgekehrt bewusst, dass der Kunstraum auch nur ein Medium ist. Der Kunstraum ist doch seit jeh kontextuell. Nur so lang Bilder und Skulpturen Teil des Kultes oder der Tradition sind, stellt sich die Frage der Kontextualität nicht, tatsächlich sind sie aber dabei auch schon kontextuell ...

    Das mit dem Dilettantismus von "AmateurInnen" ist eine interessante Frage: wollen die "Hobby-KünstlerInnen" dilettantisch bzw. nicht-kümnstlerisch sein oder wollen dies eher die KünstlerInnen? Ich sag mal keck: "Hobby-KünstlerInnen" bewegen sich doch zumeist "Stil nachahmend" im Kontinuum Kunst, aber bei "professionellen" modernen KünstlerInnen war es ja ein Muss, die etablierte Kunst und deren KünstlerInnentum und Inhalte als Tradition abzulehnen, so dass sie sagen konnten, an Kunst als "Tradition" nicht interessiert zu sein... :Freches Grinsen:

  6. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    die aussage von picasso finde ich durchaus hellsichtig. er war unglaublich begabt darin, zeitströmungen zu erspüren und er war ein ausgezeichneter geschäftsmann, der seinen erfolg der tatsache verdankt, dass er es schaffte, sich jahrzehntelang an die spitze der moderne zu setzen, indem er immer neue stile kreierte. trotzdem halte ich ihn keineswegs für einen scharlatan - picasso beherrschte alle mittel souverän. persönlich finde ich viele der arbeiten, die in museen hängen, schluderig gemalt und ziemlich austauschbar - ich schätze ihn als grafiker und zeichner sehr viel mehr.

    ob es mehr die amateure oder eher die profis sind, die "bemüht kunst machen" ist eine interessante frage. ich denke, sie wollen es beide - sie befinden sich nur an unterschiedlichen stellen des zeitspektrums.
    ich finde die profis in dieser hinsicht nicht weniger "unfrei" als die amateurinnen - sie sind nur einen schritt avancierter, was ihre theorien betrifft, bewegen sich aber genauso bemüht in den gerade modischen regelwerken.

    in einem der örtlichen gratis-blättchen hier sind mir am wochenende zwei PR-berichte aufgefallen:
    einer handelte davon, dass ein geschäftsinhaberpaar - sie verkaufen gartenmöbel - zusammen mit einem mentaltrainer ein buch geschrieben hat (titel:"ort der ruhe und freiheit" :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:). das buch wurde im rahmen einer art von vernissage - eröffnung der neuen gartenmöbel-ausstellung - der interessierten öffentlichkeit vorgestellt.
    hier wird ganz eindeutig ein setting aus dem kunstbetrieb imitiert.

    der zweite bericht war über die beiden inhaber einer firma, die kunstdrucke herstellt und vertreibt. diese firma "tarnt" sich als internetportal für künstler und verspricht diesen geld durch lizenzeinnahmen - in wirklichkeit macht sie den künstlern den markt kaputt, denn wer kauft sich noch ein original, wenn er eine täuschend echte "reprografie" billig bekommt. diese firma zieht hauptsächlich aufträge an land, in dem sie die einkäufer von hotels und öffentlichen gebäuden davon überzeugt, dass die beschädigungsgefahr für originale in ihrem bereich viel zu groß sei, dass sie also mit reprografien viel billiger und besser bedient seien - und alles sieht aus wie echt.
    das interessante daran ist, dass der geschäftsführer cool behauptet, das konzept bestehe nicht aus kommerziellen aspekten, sondern es solle eine verbindung von kunst und wirtschaft herstellen.
    auch hier werden starke anleihen beim kunstbetrieb gemacht: der nimbus, den kunst noch immer besitzt, wird für rein kommerzielle zwecke nutzbar gemacht und gleichzeitig wird - in bester kunsttradition - behauptet, es ginge keinesfalls um kommerz.

    der zeitgenössische kunstbetrieb scheint diesen leuten das feld kampflos zu überlassen - schließlich ist man ja schon einen schritt weiter: man hat diese etablierten formen der kunstvermarktung längst verlassen und imitiert seinerseits andere betriebssysteme.
    der nächste schritt könnte eigentlich nur sein, dass künstler einen kommerziellen kunstvermarkter imitieren und das zu kunst erklären :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: :Freches Grinsen: da schließt sich dann der kreis......


    ich hab letzte woche mit einem kunsttheoretiker über die von uns diskutierten themen gesprochen. er war der meinung, kunst entstünde immer dann, wenn einer für sich beschließt, kunst zu machen. es sei nur eine frage der geistigen haltung. in seiner vorstellung wird weder der rezipient noch das betriebssystem zur schaffung von kunst gebraucht. ich fragte ihn, ob er das nicht einfach langweilig finde, sich zu sagen "jetzt mach ich kunst" - und das wars dann.
    beispiel: ich sitze hier am PC und mache interaktive kunst, weil ich mein posting jetzt zu kunst deklariere. daneben trinke ich einen kaffee, ist auch kunst - und so weiter und so fort. nach einer viertelstunde wird mir das zu langweilig, denn was soll das? es hat in der realität keinerlei auswirkungen, der einzige gag daran ist, dass der kunstbegriff mal wieder für was anderes verwendet wurde. es ist beliebig und damit langweilig.

    und das ist meiner meinung nach das problem beim erweiteren kunstbegriff: je mehr bereiche er umfaßt, desto unwirksamer und tautologischer wird das ganze.

    interessant finde ich die tatsache, dass die "alten strukturen" während dessen eine große aufwertung erfahren: die zahl der museumsbesucher steigt ständig, das interesse an kunst nimmt nicht ab. es ist also ein großes bedürfnis seitens der betracher da, kunst im etablierten kontext zu genießen (etabliert sind auch ausstellungen in fabriken, abbruchhäuseren etc.)

    den erweiterten kunstbegriff ist meiner erfahrung nach nur für leute interessant, die sich innerhalb des systems bewegen und sich mit allen schlenkern der kunsttheoretiker befassen. außenstehende finden diese theorien - auch wenn man sie ihnen erklärt - einfach nur banal, halten sie für fruchtlose gedankenspielereien.

  7. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Ja, das seltsame 'Kunstwollen', das so viele fast wie eine Krankheit befällt. Zwischen Amateuren und Profis sehe ich gar keine grundsätzlichen Unterschiede, vieles ist tatsächlich Willenssache, d. h. wer sich als KünstlerIn gibt, weil er/sie sich so sieht, kann es schaffen, auch so wahrgenommen zu werden. Oft sind es weniger die Werke als das Auftreten des Künstlers/der Künstlerin, was darüber entscheidet, wo die Sache landet. Wer auf sich hält, zeigt seine Sachen natürlich gar nicht erst in einer Mehrzweckhalle. So etwas wie die (schon angesprochenen) Aquarelle von Martin Eder sieht man jede Woche auf Sonntagsmalerausstellungen; dort fallen sie nicht weiter auf. Bei Eigen & Art in Berlin aber staunt man darüber, und Eder ist dort gelandet, weil er einfach durch sein ganzes Auftreten behauptet hat, Künstler zu sein. Er konnte sein 'Kunstwollen' besser kommunizieren als andere. Insofern hat Dein Bekannter, sofo, schon recht: Kunstmachen ist eine Entscheidungssache (und damit eben eine Willenssache). Kunst zu studieren heißt heute vor allem, die Kontexte zu kapieren und zu schauen, wie man/frau an die Stelle kommt, an die man/frau will. Das Werk selbst ist dabei nur ein Faktor.

    Übrigens: Das Kunstwollen zeigt sich ja auch in bizarrer anderer Weise. Ich habe einige Freundinnen, die Künstlerinnen sind und immer wieder an Männer geraten, die letztlich mehr die Künstlerin als die Frau in ihnen suchen. Oft sind es Männer, die selbst gerne Künstler wären oder sich gar als solche fühlen, und die sich das dadurch bestätigen wollen, daß sie mit einer 'echten' Künstlerin zusammen sind. Schrecklich sowas, diese seltsame Verführungsmacht der Kunst, daß sich Menschen davon völlig paralysieren und deformieren lassen. Ich werde das nie verstehen.

  8. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    Picasso schätz ich als Grafiker auch mehr, find, dass seine Malereien tendenziell eher aus einem grafischen Empfinden heraus entstanden sind. Hellsichtig find ich ihn auch, es ist aber auch bekannt, dass er gern ein Spielchen mit dem Publikum gemacht hat. Seine Grundhaltung ist sicher ironisch, denk ich.

    Ja, diese These, dass jemand dann KünstlerIn ist, wenn sie/er sich als solche/r fühlt, kenn ich vom Studium her, von einigen Kunst-Profs auch noch. Es waren aber eigentlich eher die (männlichen) Praktiker, die solch schlichte Statements abgaben. Mich verwundert, so etwas von einem Theoretiker zu hören. :Freches Grinsen: Sicherlich ist die Haltung in der Moderne ein wichtiges Element und das erklärt meiner Meinung auch die Bedeutung, die der modernen Kunst als "AugurInnen-Tätigkeit" und so als Wahrheitsträgerin zugewiesen wird - wie übrigens auch der Literatur. Wichtig find ich den Aspekt, dass dadurch, dass in der Moderne alles zu Kunst erklärt werden konnte, ja auch eine sozio-kulturelle Revolution stattfand - jede/r kann Kunst machen, es ist keine Frage eines besonderen Talents oder Geschmacks usw. ... :Freches Grinsen: Interessant wär mal, zu untersuchen, ob es ein Schichten- und Bildungsgefälle der RezipientInnen bzw. KünstlerInnen gibt. Dass bestimmte künstlerische Aktionen eher etwas für einen eingeweihten Kreis sind, find ich auch - war aber in der Moderne immer schon so, ob nun Picasso einen Fahrradsattel zum Stierkopf umfunktioniert oder sonst was geschieht. Es musste zunächst ein Kontext etabliert werden, durch den das Werk erklärt wird. Immerhin hat es Jahrzehnte gebraucht, bis die KlassikerInnen der Moderne nun von den Massen im Museum bestaunt/akzeptiert werden. Ich frag mich, wie sehr die Absegnung durch die Kunstgeschichte/Institution eigentlich die Akzeptanz - sicherlich betrifft diese mehr das Phänomen, weniger die Einzelwerke - der Kunst bei der breiten Masse beeinflusst! Vielfach wird doch nur aus Bildungsdünkel ins Museum gegangen... Natürlich diskutieren wir hier mit einem ganz anderen Bewusstsein und viel mehr InsiderInnenwissen. :Freches Grinsen:

    Oft wird ja auch sehr wertvoller Schmuck nur im Tresor aufbewahrt und die getragegen Stücke sind Reproduktionen. Offenbar ist es aber wichtig, das Original dennoch zu besitzen - dadurch erhalten die Kopien erst ihre Legitimität, denk ich. :Freches Grinsen: Vielleicht können KünstlerInnen ja nun doppelt verdienen - am Verkauf des Originals und an den Lizenzen?

    Am Beispiel des Unternehmer-Ehepaars zeigt sich meiner Ansicht der Unterschied zwischen Amatuer und Profi: die professionellen KünstlerInnen imitieren nicht Kunst oder künstlerische Strukturen, sondern andere Bereiche von Wirklichkeit... sie bringen Kunst zum Verschwinden; AmateurInnen sind im Gegensatz dazu an einer Anerkennung durch etablierte Kunst-sturkturen, Institutionen etc. interessiert, um ihre Arbeit als Kunst legitimiert zu sehen. Natürlich suchen auch die Profis letztlich nach Legitimation, aber sie kokettieren zugleich mit der Infragegstellung des etablierten Systems, find ich bzw. wissen sie, dass dessen Infragestellen zum guten Ton gehört und beziehen dann ihre Arbeit auf diesen Kontext. :Freches Grinsen: Ich glaub kaum, dass kein/e AmateurIn eine künstlerische Arbeit machen würde, die nicht in Kontexten wurzelt, durch die sie eindeutig als Kunst etabliert ist. :Freches Grinsen:

    Eigentlich besitzt das Ready Made schon die Autonomie eines klassischen Kunstwerkes - die theoretische Seite muss bei der Rezeption moderner Kunst eben immer mit einbezogen werden, ja, vielleicht ist sie sogar wichtiger, als der visuelle Aspekt, zumindest gleich wichtig. Ich find das nicht enttäuschend. Zen-Kunst z.B. ist auch nur durch ihren theoretischen Background angemessen zu begreifen. Der originale Zen-Purismus lässt seine Objekte ja recht ärmlich erscheinen und vieles würde ohne den Kontext sicher unbeachtet bleiben. Und der dilettantische Aspekt der Moderne: vielleicht bedarf es dessen unendlicher Wiederholung, dieses stetigen (Rituals des) Erinnerns an den Aspekt der Unsicherheit im Dasein? :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

  9. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @selavy
    deinen hinweis auf die partner deiner freundinnen finde ich amüsant - bisher waren es doch eher die frauen, die vom status ihrer partner profitieren wollten :Freches Grinsen:
    für mich selbst finde ich es nicht unbedingt erstrebenswert, einen partner aus dem "kunstmilieu" zu haben. mein eindruck ist, dass bei paaren, bei denen sich beide im selben umfeld bewegen, der blick für andere lebenswirklichkeiten leicht verloren geht. und es nichts heilsamer, als von einem "außenstehenden" ab und zu von den hehren höhen der kunst auf den boden runtergeholt zu werden :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

    @plui
    was das schichten- und bildungsgefälle betrifft: natürlich gibt es das, und wie. ich denke, die grundlagen dafür werden schon in der kindheit gelegt - in der art, wie zu hause über kunst gesprochen wird. wenn künstler in arbeiterkreisen als "dummschwätzer" gelten, die sinnloses zeug machen, das keiner braucht, ist der zug schnell abgefahren. aber auch in bürgerlichen milieus finde ich immer wieder eine große schwellenangst vor der beschäftigung mit kunst - sogar bei akademikern.

    ich vermute, dass der kunstbetrieb nach außen sehr hermetisch und "inzestuös" (huhu, geisterfahrer :Freches Grinsen:) wirkt. viele leute - auch akademiker - haben eine regelrechte scheu vor kunstveranstaltungen, weil sie immer im gefühl leben "ich versteh da nichts/wenig davon". so, als ob sie bei einer vernissage über ihr kunstwissen geprüft würden [img]/community/foren/images/graemlins/frown.gif[/img]

    die kunst hat es trotz aller versuche, sich das "normale leben" einzuverleiben nicht geschafft, diese barrieren abzubauen. vielleicht will sie es auch gar nicht, weil genau diese schwellenangst ihre exklusivität bewahrt? lebt der betrieb nicht in hohem maße davon, als exklusiv und undurchschaubar zu gelten?

    es ist auffallend, dass bei fernseh- und zeitungsinterviews von politikern und managern die leute in den meisten fällen vor einem großen gemälde platziert werden. damit soll ihre zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen schicht demonstriert werden - bürgerlich, akademisch, wohlhabend. kunst ist noch immer ein distinktionsobjekt.
    ich stelle mir gerade vor wie es wirken würde, wenn schröder mal in einem klassisch kleinbürgerlichen wohnzimmerambiente interviewt würde - anbauwand in gelsenkirchener barock, wandbehang mit röhrendem hirsch, nippes, teddybären und fotos der ganzen verwandtschaft. das signal wäre doch ein völlig anderes, oder?

    was das unternehmer-ehepaar betrifft: deine analyse ist völlig richtig. und ich frage mich manchmal, ob in ein paar jahrzehnten die amateure versuchen, die strategien nachzuahmen, die profis jetzt anwenden. für den bereich der installation ist das ja teilweise schon zu besichtigen: siehe stacheldraht und stofffetzen weiter oben :Freches Grinsen: da wird es ja noch härter, denn während bei malerei und zeichnung noch gewisse regeln galten, wird bei installationen hemmungslos gebastelt.....

    manchmal bin ich verblüfft, wieviel "mimikry" auch bei ausgebildeten kollegen getrieben wird. sprich: da werden dinge produziert, die so aussehen, wie man sich zeitgenössische kunst vorstellt - wenn man aber nachhakt, stellt sich raus, dass die leute manchmal überhaupt kein konzept haben, sondern nur ein gutes gespür dafür, was gerade "in" ist :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

  10. Inaktiver User

    Re: Hängt die Kunst tiefer!

    @plui:
    Ich meinte nicht, daß es genügt, sich als KünstlerIn zu fühen, um auch schon ein(e) solche(r) zu sein. Nein, es geht um den Auftritt, was ja z. B. Oskar Bätschmann in seinem Buch "Der Ausstellungskünstler" oder Wolfgang Ruppert in seinem Buch "Der moderne Künstler" eindrucksvoll beschrieben haben: Die Akademie als Sozialisierungsanstalt, wo man (heute) kaum noch Werktechniken lernt, sondern ein Rollenverhalten. Das unterscheidet den Profi dann auch vom Amateur, der nicht weiß, wie man sich bei einer Vernissage benimmt, ja welche Orte, Preise etc. am statusträchtigsten oder aber klare Knock-outs sind. Es mag sein, daß auch die Amateure als KünstlerInnen etabliert sein wollen (wie Du schreibst), aber ihnen fehlt es an Kontextwissen – eher als an technischem Know-How oder an Originalität (um es etwas zu pauschal zu formulieren). Immerhin fiel fast jeder Star der Kunstwelt in den letzten Jahrzehnten dadurch auf, daß er/sie den etablierten KünsterInnen-Begriff gestört bzw. weiterentwickelt hat. Dies belegt die Wichtigkeit dieses Aspekts! [img]/community/foren/images/graemlins/smile.gif[/img]

    Übrigens: Deine Begründung des Dilettantismus mit der Unsicherheit des menschlichen Daseins habe ich noch nicht verstanden. Kannst Du mir da noch ein bißchen nachhelfen? :Freches Grinsen: [img]/community/foren/images/graemlins/confused.gif[/img] :Freches Grinsen:

    @ sofo:
    Von Wolfgang Ullrich gibt's das Buch "Mit dem Rücken zur Kunst. Die neuen Statussymbole der Macht", wo er ausführlich auf das Phänomen eingeht, das Du so schön beschreibst: Politiker und Manager, die sich zusammen mit moderner Kunst fotografieren bzw. filmen lassen, um von der Aura der Kunst zu profitieren, ja um selbst als innovativ, risikobereit, engagiert, kompromißlos etc. zu erscheinen. Und die damit vor allem auch, so Ullrichs These, Macht ausüben wollen, da sie sich mit etwas zu identifizieren scheinen, das dem 'einfachen' Angestellten oder Bürger schwer verständlich erscheint. Also: Wer sich mit so was Kompliziertem wie moderner Kunst auskennt und daran Freude hat, muß schon was Besonderes sein, mehr intellektuelle Fähigkeiten als andere haben und insofern ganz zu Recht an der Spitze von Staat oder Wirtschaft stehen. :Freches Grinsen: Ullrich führt aus, wie kein anderes Statussymbol heutzutage eine so positive und zugleich machtstabilisierende Funktion besitzt wie gerade die moderne Kunst.

    Ja, die Mimikry auch bei professionellen KünstlerInnen ist sagenhaft: Leuchtkästen, Euro-Paletten als Sockel, Schraubzwingen bei Videoinstallationen, Zeichnungen auf eingerissenem, verflecktem Papier etc. etc. Man müßte mal all die Codes sammeln, mit denen in der Kunst der Gegenwart Kunsthaftigkeit suggeriert wird. Das gäbe bestimmt eine schöne Fibel, sozusagen einen Ratgeber für KünstlerInnen und solche, die es besser nicht werden würden. :Freches Grinsen: :Freches Grinsen:

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