Ich kann diese Diskussion irgendwie gar nicht verstehen. Fast kommt's mir manchmal so vor, als würde da Neid und Mißgunst gegenüber den Armen (und das sind ja wohl Hartz IV- Empfänger) durchklingen. Arm sein ist aber nicht besonders lustig und froh damit, zum armen Rest einer Gesellschaft zu gehören, die doch sehr durch Konsum und den Wert der Arbeit geprägt ist, sind wohl die wenigsten.
Und wenn es dann doch so verlockend erscheint: Einfach mal selbst ausprobieren. Sich wochenlang mit unfreundlichen Arbeitsamtmitarbeitern herumschlagen, die einen behandeln, als wäre man das letzte. Und dann lebt mal von 345 Euro UND nehmt am gesellschaftlichen Leben teil UND bewerbt euch vernünftig. (Und passt bloß auf, dass man euch eure Armut und Unzufriedenheit nicht ansieht, Versager und Erfolglose mag nämlich niemand.)
Wer in Hartz IV gelandet ist, der hat doch schon mit tausend Problemen zu kämpfen. Dass viele dann in Depression versinken und sich nicht mehr herausretten können, die z.B. nicht über eine gute Ausbildung, ein starkes soziales Netz oder einen großen angeborenen Optimismus verfügen, ist mir vollkommen verständlich.
Abgesehen davon: Was ist denn auch so schlimm dran, wenn sich der ein oder andere in die soziale Hängematte legt und sich damit zufrieden gibt, nicht zu arbeiten: Gibt es vielleicht einen Arbeitskräftemangel? Bei 4 Millionen Arbeitslosen werden zwangsläufig immer welche drunter sein, die komplett chancenlos sind.
Und Citronella, es ist ganz klar sehr beachtlich, was deine Eltern und du geschafft haben. Aber: Die guten Zeiten sind doch längst vorbei, ein Aufstieg wie er dir und z.B. auch meinen Verwandten geglückt ist, ist heute nur noch sehr schwer denkbar. Früher konnte man nur mal als Beispiel auch als Volksschüler mit einer Ausbildung zur Polizei, heute braucht man mindestens ein gutes Abi.
Hauptschüler sind doch heute wirklich fast chancenlos.
Laetitia
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04.11.2006, 18:30Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Geändert von Inaktiver User (04.11.2006 um 18:36 Uhr)
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04.11.2006, 19:37Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Danke für dein Anerkennen.
Zitat von Inaktiver User
Wenn ich in meine eigene Familie schaue, überkommt mich manchmal die Wut. Nicht alle meine Geschwister hatten die Lust oder die Kraft, sich zu erheben. Wir hatten alle die gleichen Voraussetzungen. Einige meiner Geschwister fühlen sich wohl - ohne Ausbildung und ohne Job.
Ähnlich ist es bei den von mir betreuten Jugendlichen: einige fühlen sich wohl und wollen an ihren Verhältnissen nichts ändern. Andere wiederum strampeln sich ab und kommen trotzdem nicht hoch.
In einem Punkt stimme ich dir voll und ganz zu: viele Mitarbeiter der ARGEn behandeln ihre Kunden wie den letzten Dreck! Da wird schikaniert und drangsaliert. Manche führen sich auf wie kleine Herrgötter.
Allerdings denke ich nicht, dass Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt die Verlierer sind. Das kann und will ich so nicht stehen lassen. Immerhin sehe und erlebe ich es hautnah mit. Meine Jugendlichen haben eine Chance: sie müssen den Betrieb von sich überzeugen. Wir haben schon Jugendliche ohne HSA in die Ausbildung bekommen, im letzten Monat waren es drei, die in diesem Jahr noch mit einer Ausbildung anfangen können. Im letzten Jahr haben wir knapp 80 % unserer Jugendlichen in Ausbildung vermittelt, davon war nur einer mit FOR, alle anderen hatten entweder den HSA oder einen Sonderschulabschluss, einige hatten gar keinen Abschluss.
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04.11.2006, 22:51
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Was ist denn so schlimm daran, wenn sich Leute ohne Ausbildung und Job wohl fühlen und zufrieden sind? Wo es doch sowieso nicht genug Jobs für alle gibt?
Zitat von Inaktiver User
Sollte das nicht unser eigentliches Lebensziel sein - sich wohl fühlen und zufrieden sein? Das kann doch nicht verboten sein, nur weil jemand bei der Jobsuche erfolglos war!
Wir haben nicht alle die gleichen Voraussetzungen und Lebensziele. Wenn aber jemand aus dem Grunde seines Herzens sagen kann, dass er sich wohl fühlt und zufrieden ist - das ist doch super! Soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden (dürfen).
Ich finde die heutige Mentalität ziemlich besch.... Da ist jemand glücklich und zufrieden, wird aber von missgünstigen ARGE-Mitarbeitern und einigen Mitbürgern ständig drangsaliert und geärgert. Warum? Sollen jetzt genau die einen der knappen Jobs aufgedrückt bekommen? Damit danach wirklich alle unglücklich sind? Die einen, die gern arbeiten würden, aber keinen Job bekommen und die anderen, die einen ungeliebten Job machen müssen und ohne glücklicher wären.
Solange sich die Gesellschaft und ihre Arbeitswelt nicht grundlegend ändert, wird es nicht genug Jobs für alle geben. Also lassen wir doch diejenigen, die ohne Job glücklich sein können, in Ruhe und verteilen die knappe Arbeit auf diejenigen, die sie wirklich gern machen möchten.
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04.11.2006, 23:52
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Hallo, ich glaube die heutige Mentalität hat sich nicht gross geändert und ist wohl eher eine typisch deutsche Mentalität. Den Vorwurf vom Drückeberger und Faulenzer gab's doch schon immer. Ich lebe seit längerer Zeit im Ausland und finde doch viele Dinge erschreckend deutsch mittlerweile, die mir früher nicht so aufgefallen sind, weil ich im gleichen Nebel hockte. Andere glücklichsein lassen finde ich einen guten Vorschlag, ist aber kein erklärtes "Staatsziel". Fällt den Deutschen meist schwer, weil sie selbst sich nicht glücklich sein lassen. Dann habe ich mich beim Lesen der Beiträge gefragt, was wohl passieren würde, wenn konsequent das Wort "Staat" mit "wir" ersetzt würde? "Wir sollten mehr kostenlose Kindergartenplätze schaffen", klingt doch ganz anders als "der Staat sollte". In einem anderen Beitrag stand der Satz, dass "ein derartiger Aufstieg heute nur noch schwer denkbar ist". Auch so eine deutsche Gewohnheit, die Macht der Gedankenkraft zu unterschätzen. Was nicht denkbar ist, ist auch nicht machbar. Und weil sich die Deutschen beim Denken von bestimmten Gedanken immer wieder so schwer tun, haben sie's dann schwer, sind nicht glücklich und suchen dann einen Schuldigen etc. Hat alles historische Gründe, aber doch erschütternd wie dolle sich die Gewohnheiten und Defizite halten.
Lieben Gruss
orava
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05.11.2006, 01:32Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Hallo Orava,
da du mich schon zitierst: Ein gesellschaftlicher Aufstieg, wie er noch in den 70.ern möglich und gang und gäbe war, den gibt's heute nicht mehr. Mein Vater hat es nach 8 Jahren Volkschule und einer technischen Ausbildung (während z.B. seine Brüder "einfache" Arbeiter geblieben sind) zum Beamten geschafft, durch Fleiß und Anstrengung.
Heute könnte er mit seiner Schulbildung höchstwahrscheinlich nicht mal ne Ausbildung machen.
Ich habe im Vergleich zu meinen Eltern unheimlich viel Geld (vorwiegend von ihnen) in meine Ausbildung gesteckt. Ich bin aber immer noch sehr weit von ihrem Lebensstandart (und meinen Lebenszielen) entfernt, und da geht's mir nicht anders wie sehr vielen anderen Akademikern in Deutschland. Ok, dann wirf mir ruhig meine "deutsche Mentalität" vor, dann aber bitte auch den Franzosen ihre französische (da sind die "trente glorieuses" nämlich auch vorbei), da sieht's auch nicht anders aus oder gleich ganz Europa seine europäische. In den entwickelten Volkwirtschaften Europas gibt's nun mal ein Überangebot an gutausgebildeten Arbeitskräften, mit allen Konsequenzen für die Betroffenen.
Und dass man hierzulande viel vom Staat erwartet: Na und? Wir sind schließlich kein Bananenstaat, in dem die staatliche Ordnung kaum funktioniert. Der einzelne kann nun mal schwer bestimmte Dinge wie zum Beispiel ein funktionierendes Kinderbetreuungssystem alleine durchfechten. Wenn es das staatlicherseits nicht gibt, muss man sich halt sonst irgendwie durchwursteln, aber das Ideal sieht eben anders aus. Nämlich, dass sich die Allgemeinheit (oder nenn es der Staat), die ja auch ein Interesse an der Reproduktion der Gesellschaft hat, sich drum kümmert. In Ländern wie Frankreich, Norwegen oder Schweden funktioniert dies hervorragend, in Deutschland eben nicht.
Und erzähl mir doch bloß nicht das Märchen von dem Tellerwäscher, der Millionär wird (ich nehm mal an, dass du in den USA wohnst), die meisten bleiben schlichtweg Tellerwäscher. Dann fühle ich mich nämlich gezwungen, meine ganzen USA-Klischees auszupacken, ich böse Deutsche ich.
Laetitia, die Deutschland eigentlich wirklich ganz gut findet (abgesehen von der miesen Jobsituation) und hier bleiben will.
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05.11.2006, 13:27Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Grundsätzlich ist es schön, wenn jemand mit seiner wirtschaftlichen Lage zufrieden ist. Andererseits sehe ich es nciht ein, das ich mich für solche Schmarotzer lrumm legen muss. Wenn ich mir anschaue, wieviel Zeit ich mit der Arbeit verbringe und wievile Geld ich dafür bekomme, dann regt mich das auf. Mehr als 50 % meines Gehaltes sind gesetzliche Abzüge (StK V).
Zitat von Ebayfan
Anders ist es, wenn der Rentner sich nach einem erfüllten Arbeitsleben zurücklehnt und die Ernte seiner Arbeit genießt.
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05.11.2006, 16:49
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Keiner wird gezwungen, in Steuerklasse 5 zu arbeiten. Es ist doch klar, dass die sich nicht rentiert. Der Sinn dieser Steuerklasse ist doch, den mitarbeitenden Ehegatten vom Arbeitsmarkt zu vergraulen und zur Kinderaufzucht abzustellen.
Wenn die Arbeitsplatzbesitzer mal etwas kürzer treten würden - alle miteinander - und nicht soviel und solange arbeiten würden, dann gäbe es auch mehr Arbeitsplätze für die ganzen "Schmarotzer". Wie wäre es denn mal mit 30 - 35 Stunden/Woche für alle?
Wobei ich zugeben muss, dass mich die Gleichung glücklicher Arbeitsloser = Schmarotzer unglaublich wütend macht. Ein Mensch, der aus seiner Situation das Beste macht ist also ein Schmarotzer? Toll!
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06.11.2006, 10:19Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Wenn die Arbeitsplatzbesitzer mal etwas kürzer treten würden - alle miteinander - und nicht soviel und solange arbeiten würden, dann gäbe es auch mehr Arbeitsplätze für die ganzen "Schmarotzer". Wie wäre es denn mal mit 30 - 35 Stunden/Woche für alle?
Ebayfan, solche Ökonomen, die solche Lösungen flächendeckend parat haben, braucht die Welt!!
Mathilde
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06.11.2006, 14:01Inaktiver User
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Einerseits ist es ja schon so, dass die Arbeit immer mehr verdichtet wird, egal in welchem Bereich, so dass teilweise 1 Person die Arbeit von früher 2 mitmacht.
Oder Praktikanten, 400-Euro-Kräfte o.ä. eingesetzt werden.
Andererseits scheint die 35-Stunden-Woche auch keine Lösung zu sein. In Frankreich ist sie ja eingeführt, aber die Arbeitslosigkeit ist dort auch nicht geringer als hier. Für den einzelnen, insbesondere für Frauen mit Kindern, hat diese Regelung aber enorme Vorteile, weil sich Leben und Arbeiten so sehr viel besser miteinander vereinbaren lassen. Würde ich auch gerne haben.
Laetitia
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06.11.2006, 16:16
AW: Diskussion zur Unterschichtsdebatte
Sag mal, ist das Dein Ernst? Ich erwarte von Jedem, der sich in der sozialen Hängematte befindet ein Engagement möglichst schnell wieder da raus zu kommen. Denn Demjenigen geht es gut, weil ICH arbeite und Steuern zahle.
Zitat von Ebayfan
*kopfschüttel*
Pati


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