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  1. Avatar von ja-aber
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    AW: Postnatale Depression

    Zitat Zitat von kornblume81 Beitrag anzeigen
    Handle so wie du es tun würdest, wenn deine Tochter nach Krebsdiagnose/schwerem Unfall/ Schlaganfall im KH wäre. Also versuche irgendwie hinzukommen! Gerade in dem Fall kann die Mutter emotional so hilfreich sein.
    Ich bin selbst Betroffene. Als mein Baby 5 Wochen alt war, wurde mein Job neu besetzt und die Türme in den USA stürzten ein, da war es endgültig vorbei. Mein Exmann war mir keine Hilfe. Und am allerschlimmsten war die "Hilfe" meiner Mutter!

    Liebe TE! Ich sehe es wie die anderen, helft Eurem Kind. Aber bitte NICHT emotional, sondern am allerbesten PRAKTISCH. Erledigt alles drumherum und lasst sie mit dem Kind in Ruhe. So wäre es mir als Betroffene damals am liebsten gewesen.

    Ich habe damals einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil mir meine Mutter ständig erklärte, wie "man" alles richtig macht und was sie alles schon erledigt hat und ich soll mich nur ruhig ausruhen und schlafen und sie würde alles erledigen, ich müsste mich um nichts kümmern. Dieses ständige Getrigger auf "mit Dir stimmt was nicht, Du bist keine gute Mutter" hat mir erst recht nicht geholfen. Ich WOLLTE das ja alles selbst machen, aber ich KONNTE nicht und der ständige Hinweis darauf hat mich nur noch mehr fertig gemacht.

    Für mich wäre es ECHT hilfreich gewesen, mich auf das Kind konzentrieren zu können. Dieses Gewese und dieses Geschrei und all die Themen, die sonst noch auf mich einstürzten, das war für mich viel zu viel. Ich hätte ein Zimmer gebraucht mit meinem Kind und sonst niemandem, und immer, wenn irgendwas hätte zu tun sein müssen, hätte ich das gern gemacht, einfach irgendwie, für mich. So wurde mir viel "abgenommen" und ich konnte mich immer nur versagend fühlen. Andere schaukelten mein Kind, wickelten es, ich durfte dann doch mal stillen und sollte mich andauernd ausruhen. Ich konnte das nicht. Gewünscht hätte ich mir Halt, Umarmung, Liebe, Geduld. Bei mir herrschte hektische Betriebsamkeit, weil ich nicht "funktionierte", wie eine Mutter zu funktionieren hat.

    Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder einigermaßen normal "funktionierte", und bis heute kann ich mir die 9/11-Bilder nicht anschauen, ohne sofort wieder diese Hilflosigkeit in mir zu spüren. Mein Verhältnis zu meiner Erstgeborenen blieb lange distanziert, und ich kann mich ganz ehrlich an viele Baby-Momente überhaupt nicht mehr erinnern.

    Wäre meine Tochter betroffen, würde ich ihr vor allem signalisieren wollen: Das haben VIELE Frauen, das ist irgendwo normal, Du musst nicht funktionieren wie ein Uhrwerk. Ich schaff Dir den Haushalt vom Hals, Du bist im Wochenbett. Lerne Dein Baby kennen, so wie es ist, heule, wenn Dir danach ist oder lauf rum wie in Waldschrat-Zombie. Es ist okay.

    In dieser Phase ist es aus meiner eigenen Sicht am allerbesten, wenn man der Mutter Zeit gibt, ihr Kind in Ruhe zu erfahren und zu erleben, dass sie es hinbekommt. So wie ich Marte Meo (Mensch, das hätte mir wirklich geholfen!) lese, geht es auch dort darum. Stärken zu erkennen und zu fördern.

  2. Avatar von Paraplumeau
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    AW: Postnatale Depression

    Ja-aber,

    gut, dass du schilderst, wie es dir ergangen ist und was deine Bedürfnisse waren.

    Ich könnte mir aber vorstellen (und habe es so erfahren), dass es eben gerade von der Mutter nicht gewünscht war, dass sie sich nur aufs Kind konzentriert.
    Gerade das war es, was sie nicht wollte.

    In beiden Fällen, die ich miterlebt habe, ist der Vater komplett beruflich ausgestiegen (in gesetzliche Elternzeit gegangen) und beim Kind geblieben.
    Beide Ehen sind im Übrigen darüber zerbrochen, weil die Männer letztlich über das zeitweise Unvermögen der Mütter, ihre Kinder anzunehmen, nicht hinweggekommen sind.
    Das ist traurig, aber leider die Wahrheit.
    Wenn ich anderer Leute Innerstes sehen wollte, wäre ich Gerichtsmedizinerin geworden.

  3. Avatar von ja-aber
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    AW: Postnatale Depression

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Ich könnte mir aber vorstellen (und habe es so erfahren), dass es eben gerade von der Mutter nicht gewünscht war, dass sie sich nur aufs Kind konzentriert.
    Gerade das war es, was sie nicht wollte.
    Vielleicht hab ich es auch blöd ausgedrückt.
    Die Erwartungshaltung an mich war: Mama ist ganz fürchterlich entzückt, dass dieses zauberhafte Erdenwesen bei ihr ist, und sie geht völlig in ihrer Mutterrolle auf.
    Mein Zustand war: was zur Hölle habe ich mir da angetan? Das Wesen war keinesfalls zauberhaft, sondern ein Brüllwürfel, der meine Brustwarzen bluten ließ, mir ging es körperlich gelinde gesagt beschissen.

    Jeder meinte, ich bräuchte nur ein bisschen Ruhe und Abstand vom Kind und Schlaf und Hilfe, dann würde das schon wieder. Aber immer so mit dem Damoklesschwert: Du hast jetzt diese Rolle, wir überbrücken, aber Du hast die jetzt bald auszufüllen.

    Ich fühlte mich wie gefangen in einem Leben, dass ich mir SO nicht vorgestellt hatte, aber sowas von gar nicht. Ich wollte heulen und nicht verzückt schauen. Ich wollte, dass meine Brust aufhört zu bluten. Ich wollte, dass endlich Ruhe ist und dass man aufhört, an mich Erwartungen zu stellen, die ich nicht erfüllen konnte und - die ich auch nicht erfüllen wollte. Dieser ganze Druck: stillst Du schon? Ist der Wochenfluss weg? Warst Du schon bei der Hebamme? Trinkt/schläft das Kind genug? Hast Du schon gewickelt? Ich wurde mir Schwung in eine Milchkuhgluckenmuttertier-Rolle geworfen, mit der ich überhaupt gar nicht klarkam. Am liebsten hätte ich "Delete" gedrückt und wäre wieder Vollzeit im Büro gewesen, ohne das ganze Gewese daheim um mich herum.

    Mir fehlte die ZEIT, mich da reinzufinden, ich fühlte einen unwahrscheinlichen Druck auf mich, das hinzukriegen, weil das ja den Frauen in den Hormonen liegt und man einfach glückselig zu sein hat. Meine einzige Erinnerung an die ersten Wochen ist, dass ich mit zerschundenem Leib (die Geburt hat mich ganz schön gebeutelt, ich hatte auch Hyperemesis, ich fühlte mich wie ein knochenloses schwabbeliges ausgelaugtes Ding) und irgendeinem komischen Gewand mich an den Kinderwagen klammerte, mein brüllendes Kind drinliegend. Davon gibt es Fotos, mit dem stolzen Vater daneben und den glücklichen Großeltern. Ich sehe aus wie ein Zombie und ich fühlte mich auch so. Oder wie ein Alien, gefangen in der falschen Zeitschleife.

    Ich brauchte einfach eine Weile, um zu lernen: ich bin immer noch da, ich bin immer noch ja-aber, ich hab da zwar ein Kind geboren, aber es gibt mich noch. Und dieses Kind stellt sich offenbar als perfektes Baby ähnlich blöd an wie ich als perfekte Mutter. Schläft nicht, heult viel, erbricht, hat seltsame Pickel und abstehende Ohren, macht meine Brustwarzen kaputt anstatt gescheit zu trinken und duftet nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Erst als ich wirklich die Ruhe hatte, DIESES Wesen kennenzulernen und zu erfahren, dass wir zwei jetzt irgendwie das beste aus der Situation machen müssen, da ging es.

    Vielleicht ist es so verständlicher, was ich meinte...

  4. Avatar von Paraplumeau
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    AW: Postnatale Depression

    Ja, es gibt eine Korrelation zwischen hohen Erwartungen und postpartaler Depression.
    Wenn ich anderer Leute Innerstes sehen wollte, wäre ich Gerichtsmedizinerin geworden.

  5. Moderation Avatar von maryquitecontrary
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    AW: Postnatale Depression

    Aus unter anderem den von euch @ja-aber und Paraplumeau genannten Gründen (wobei jede postnatal depressive Frau individuell gesehen werden muss, da gibt es kein Schema F) habe ich die spezifische und ganz speziell gewinkelte Videoberatung (Marte Meo) erwähnt.

    Sie kann genau in dem Bereich der nicht gelingenden Hinwendung zum oder sogar Ablehnung vom Baby sowie den depressiven, selbstanklagenden, ausschließlich negativen Gedanken zu sich selbst als Mutter eine entscheidende und positive Realitätsorientierung bewirken. Und zwar, ohne dass ich das versprechen kann (da eben kein Schema F), oft relativ schnell bei postnataler Depression.


    Natürlich als Zusatz zur Behandlung der Depression, die sich ja teilweise auch psychotisch entwickeln kann und gut ärztlich begleitet werden muss.


    Aber das Ziel ist die Stärkung der Frau als Mutter sowie die Förderung von Kontakt und Bindung. Damit sich möglichst bald eine positive Mutter-Kind Beziehung entwickelt.
    that was the river - this is the sea


    Moderation im Forum "Persönlichkeit"

  6. Moderation Avatar von maryquitecontrary
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    AW: Postnatale Depression

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Ja, es gibt eine Korrelation zwischen hohen Erwartungen und postpartaler Depression.
    Ja, das ist auch meine Erfahrung. Oft auch Frauen, die vorher nie psychiatrische Behandlung benötigt haben und zwar eher leistungsbetont leben, aber da bis zur Geburt eine tragfähige Balance gefunden hatten.

    Gerade mit denen machen wir aber eben sehr gute Behandlungserfahrungen.




    Eine solche Patientin kam zu uns nach dem zweiten Kind und wurde behandelt, kam dann wieder in der Schwangerschaft mit dem dritten Kind und der Angst, wieder depressiv werden zu können. Und nachdem alles gut verlaufen war, bat sie um video-Unterstützung für ihre Beziehung zum ersten Kind. Das war schon sechs, sie war damals ein Jahr depressiv gewesen, bevor es erkannt wurde, und hatte immer empfunden, dass sie keine so innige Bindung zum Erstgeborenen aufbauen konnte. Das wollte sie auch noch bearbeiten und hat das auch erfolgreich getan.
    that was the river - this is the sea


    Moderation im Forum "Persönlichkeit"

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