Moin.
Es geht um meinen lieben Schwiegervater. Er ist über 80 und war bis zum vergangenen Winter körperlich und geistig richtig fit, von kleinen Malessen mal abgesehen. Körperlich gilt das nach wie vor, da ist nur zunehmende körperliche Unruhe und mehr Tagschlaf, weniger Nachtschlaf auffällig.
Leider ist er im Lauf dieses Frühjahrs geistig sehr gealtert. Er hat ein paar abrupte Entscheidungen getroffen, die rational nicht zu verstehen sind und auch nicht begründet wurden - das war sonst nie sein Stil. Er merkt sich Dinge nicht oder falsch, auch solche die die letzten 30 Jahre immer gleich waren. Türen klemmen, Schlüssel passen nicht mehr oder verschwinden ganz, das Portemonaie ebenso, der Computerdrucker weigert sich hartnäckig, die Buchstaben wieder zu löschen, das Telefon macht das Hörgerät kaputt, er muss immer wieder den Autoschlüssel ins Zündschloß stecken um den Schlüssel zu laden und sitzt dafür stundenlang im Auto, dessen Batterie dann immer wieder leer ist - er findet es einfach zum Verzweifeln, dass sich die Dinge gegen ihn verschworen haben. Wenn man ihm zeigt, dass alles heile ist, dann fühlt er sich misverstanden.
Er vertraut zwar darauf, dass seine Lieben ihm helfen wenn er fragt, aber manchmal ist die Frage unsinnig und manchmal will er Unfug, wird dann bei Widerspruch laut und sagt Basta, was sonst auch nicht der übliche Umgangston in dieser lieben Familie war. Alle sind derzeit sehr unglücklich.
Dummerweise benimmt sich meine sonst medizinisch sehr kluge Schwiegerfamilie so, als sei diese beginnende Demenz einfach Schicksal. Mit dieser Haltung bin ich nicht einverstanden, brauche aber Fachwissen um etwas dagegen zu tun. Darum die Fragen:
Was muss man untersuchen, um die Ursachen dieser Altersverwirrtheit zu finden?
Gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die mehr helfen als sie Nebenwirkungen haben, selbst wenn keine andere Krankheit als das Alter gefunden wird?
Für alle Fachbegriffe dankbar -
Halbnomadin
Antworten
Ergebnis 1 bis 7 von 7
-
01.08.2007, 18:08
Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
-
02.08.2007, 13:25
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
Einmal durchchecken beim Hausarzt:
Blutdruck, Puls, EKG
Blut abnehmen incl Cholesterin
Die häufigste Ursache für Demenz sind Durchblutungsstörungen/"kleine Schlaganfälle".
Therapie: Blutdruck einstellen um weitere Schäden zu vermeiden- besser wird es möglicherweise aber nicht mehr.
Wenn man es genauer wissen möchte, zum Neurologen, durchchecken, der ist der Fachmann.
Alles Gute
-
03.08.2007, 10:57
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
Sorry, Nachtmarie, aber häufigste Ursache ist Alzheimer. Und: es gibt keine "Altersvergesslichkeit", Alter an sich ist ja keine Krankheit.
Unbedingt zum Neurologen oder Gerontopsychiater, Kernspin machen lassen, neuropsychologische Untersuchung, nach Diagnosestellung überlegen, ob man Antidementiva einsetzt (bei Alzheimer), auf jeden Fall aber sozial beraten lassen, vielleicht gibts ein Gedächtnistraining oder eine Angehörigengruppe in der Nähe, wo man auch gute Tipps bekommt.
-
03.08.2007, 14:53
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
Hallo Halbnomadin,
da steckt ihr gerade in einer unangenehmen Situation! Ich kenne das aus eigener Erfahrung, weil meine Mutter an Alzheimer erkrankt war und habe mit dem Problem täglich bei meiner Arbeit als Altenpflegerin zu tun.
Als erstes finde ich es ganz wichtig abzuklären, was die Ursache von dieser Verwirrtheit/Vergesslichkeit ist! Das können sehr unterschiedliche Dinge sein: Wie schon angesprochen, kann es sich um eine Durchblutungsstörung im Gehirn handeln (das nennt sich dann vaskuläre Demenz) - da gibt es die Möglichkeit mit Medikamenten die Durchblutung zu fördern und dann können sich die Symptome auch wieder besser.
Es gibt die Möglichkeit, dass es eine Alzheimerdemenz ist. Das lässt sich in mühsamer, differenzierter Diagnose der Wahrscheinlichkeit nach eingrenzen. Alzheimer ist nicht heilbar, es gibt heute aber Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern können. Betroffene Menschen reagieren aber sehr unterschiedlich, wie auch die Erkrankung ganz verschieden verlaufen kann.
Eine andere Mögliche Ursache kann Flüssigkeitsmangel sein. Dies lässt sich am leichtesten beheben, wenn wieder ausreichend Flüssigkeit im Körper ist, werden auch die Symptome zurückgehen.
Ihr müsst klären, wo die Ursache liegt, damit ihr wisst, wie ihr am besten handeln könnt und auf was ihr euch zukünftig einstellen solltet.
Wichtig finde ich, dass ihr den Betroffenen ernst nehmt mit seinen Sorgen - auch wenn er bei völlig unsinnigen Dingen um Rat und Hilfe fragt oder ihr seine Logig nicht mehr nachvollziehen könnt. Auch wenn es euch seltsam erscheint, was er tut oder wissen will - er für sich hat damit wirklich seine Not! Für ihn ist die Welt plötzlich nicht mehr so, wie sie war - ja, wie er es nennt, sie hat sich gegen ihn verschworen! Versetzt euch mal in seine Lage: Ihr meint, etwas zu tun, wie ihr es schon seit Jahren getan habt und plötzlich geht es nicht mehr. Dann fragt ihr jemand anderen um Rat und der sagt dann auch noch "Ja spinnst du denn? Schau, es geht doch!".....dabei seid ihr euch aber sicher, dass es eben bei euch absolut nicht funktioniert hat, als ihr es probiert habt!
Es ist schon schlimm genug, wenn man für sich merkt, dass etwas nicht mehr so läuft wie sonst, aber wenn einem die anderen noch kommen, es ist doch alles in Ordnung, dann ist es kein Wunder, dass man ungehalten und wütend wird, weil man sich nicht verstanden fühlt. Schlimmer noch, was angeblich funtkioniert, wird genau dann, wenn man es selbst wieder ausprobiert natürlich nicht gehen!
Ihr braucht alle viel Geduld miteinander. Es ist auch wichtig, wie man dem anderen vorsichtig erklärt, dass das Fehler nicht im Ding liegt, sondern der betroffene Mensch einfach etwas falsch gemacht hat. Für ungünstig halte ich, zu sagen "du hast das falsch gemacht, so geht das" und es ihm einfach richtig macht. Besser ist, wenn man dem anderen Hilfe anbietet, es gemeinsam mit ihm zu machen - dann kommt der andere sich nicht völlig blöd vor.
Wo wohnt ihr? Es gibt heute in jeder größeren Stadt eine Anlaufstelle für Menschen die von Demenz betroffen sind und deren Angehörige.
Einfach schon mal so zum Lesen, kannst du hier schauen:Alzheimerforum
Deutsche Alzheimer Gesellschaft
Demenz Ratgeber
Es gibt Selbshilfegruppen, wo Betroffene und Angehörige sich austauschen können, wie sie mit der Situation umgehen.
Es werden Stunden angeboten zum Hirnleistungstraining - damit vorhandene Fähigkeiten nicht so schnell verloren gehen, gelernt wird, bereits verlorene Fähigkeiten durch andere zu ersetzen, Probleme geschickt zu umschiffen oder manchmal auch neue Dinge dazu zu lernen.
Es gibt Tagesstätten, wo verwirrte Menschen tagsüber betreut werden könne, wenn sie daheim allein zu viele Dinge fabrizieren, die ihnen gefährlich werden könnten.
Du kannst mir gerne auch direkt mailen.LG WhiteTara
-
03.08.2007, 15:51
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
Hallo,
Danke für Eure Antworten!
Zum Hintergrund noch ein wenig:
in der Großfamilie sind 3 Ärzte (einer davon ist Schwiegervater), 2 MTAs, welche beide als Praxisleitung für niedergelassene Ärzte gearbeitet haben, eine Krankenschwester und ein Pfarrer, nur mein Mann und ich haben unmedizinische Berufe. Medizinische und soziale Fragestellungen sind uns allen selbstverständlich vertraut.
Es sieht aber leider anders aus, wenn die Fragen nicht den Beruf, sondern das eigene Privatleben betreffen. Ich möchte die Familie in Bewegung bringen, damit gegen die Demenz gekämpft wird - den Kampf führen muss meine Schwiegermutter. Sie und derzeit auch mein Mann leben im selben Haushalt, ich ziehe erst in ein paar Monaten dort in die Nähe (hatten Arbeit in unterschiedlichen Städten), und mein Schwager(Arzt) wohnt anderswo.
Der Blutdruck meines Schwiegervaters wird seit Jahren überwacht, der Hochdruck behandelt. Flüssigkeitsmangel kann es nicht sein, er achtet sehr darauf, dass er zu bestimmten Zeiten bestimmte Kannen und Becheranzahlen leer trinkt. Vaskuläre Demenz und Alzheimer sind die Hauptverdächtigen, das stimmt schon. Sog. kleine Schlaganfälle vermute ich eher nicht, denn Schwiegervater klagt nicht über Kopfschmerzen, sagt aber, dass Füße und Rücken ihm weh tun: er verschweigt Schmerzen also nicht.
Dass Hilfen taktvoll und respektvoll sein müssen, ist allen Beteiligten auch im Alltag völlig klar. So laufen viele Handreichungen, weil der Tremor meines Schwiegervaters ihm die Handlungen mühsam macht, die technischen Geräte und klemmenden Türen "repariert" mein Mann schnell. Trotzdem muss Schwiegervater lernen, sich auch mental helfen zu lassen, und das fällt so einem alten, naturwissenschaftlich gebildeten und wirtschaftlich denkenden Kavalier unendlich schwer.
Eure Hinweise werde ich jetzt als Fragen weiterreichen, ich hoffe, mein Schwager klemmt sich dahinter und schickt Schwiegervater zu den richtigen Fachärzten. Wenn sein Arztsohn das sagt, geht er nch am ehesten. Wenn dann die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten klar sind, steht die Netzwerkbildung für Schwiegermutter an, damit sie sich nicht aufreibt.
Mal sehen, was wir tun können. Nochmal Danke für Eure Hilfe!
HalbnomadinGeändert von Halbnomadin (03.08.2007 um 16:00 Uhr)
-
03.08.2007, 22:12
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
@Rivella, hast recht... ich dachte, es wäre andersrum, aber Alzheimer ist tatsächlich häufiger als vaskulär... sagt sogar auch Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Demenz
Wie auch immer, schön ist's jedenfalls nicht, alles Gute für den Schwiegeropa.
-
07.08.2007, 15:52
AW: Altersverwirrt - welche med. Möglichkeiten?
Moin.
Es ist passiert, was ich befürchtete: mein lieber Schwiegervater will sich nicht untersuchen lassen und lehnt weitere Gespräche zum Thema ab. Nun werde ich meiner Schwiegermutter die Adressen zur Angehörigenberatung raussuchen in der Hoffnung, dass diese sich an den täglichen Problemen und nicht an einer genauen Diagnose orientiert.
Schwiegermutter scheint es aber wieder besser zu gehen - sie sieht, dass die Familie zusammenrückt und sie nicht alleine mit einem unlösbaren Problem leben muss. Sie hat wieder zu lächeln begonnen!
Lieben Gruß - HalbnomadinGeändert von Halbnomadin (07.08.2007 um 16:07 Uhr)


Zitieren
