Es passt am "Rande" auch hierher: Kammerspiele München, November 2008:
Uraufführung November 2008 im Schauspielhaus
In der Nacht vom 25. März 1945 feierten auf Schloss Rechnitz, das unmittelbar an der österreichischen Grenze zu Ungarn liegt, SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Getreue des Nazi-Regimes ein "Gefolgschaftsfest", auf dem getanzt und getrunken wurde und in dessen Verlauf fast 200 jüdische Zwangsarbeiter brutal liquidiert wurden. Der Ortsgruppenleiter verteilte an ausgewählte Gäste Waffen, die Juden mussten sich nackt ausziehen, wurden malträtiert und erschossen oder erschlagen. Gemäß Prozessakten des Landgerichts Wien aus der Nachkriegszeit waren auch die Besitzer des von der SS requirierten Schlosses, Graf und Gräfin Batthyány, beim Fest anwesend, als "Gastgeber der Hölle". Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, war eine Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen. Sie ist wegen der Rechnitzer Mordnacht nie strafrechtlich verfolgt worden. Knapp vor der Besetzung des Schlosses durch die Rote Armee floh die Gräfin mit Zofe, Mann und Geliebten in die Schweiz, widmete sich fortan der Zucht von Rennpferden und starb 1989. Die Suche nach dem Ort des Massengrabes, in dem die Opfer dieser Nacht verscharrt wurden, ist bis heute erfolglos geblieben. In Rechnitz herrscht ein Klima der Angst - während der Ermittlungen in der Nachkriegszeit wurden Zeugen ermordet - und bis heute eine Kultur des geschwätzigen Verschweigens. Man redet zwar über jene Nacht, über Schüsse und über Schreie der Sterbenden, aber man verschweigt die Details. "Die Juden haben eine Klagemauer, wir haben eine Schweigemauer", sagte einmal ein Ortsbewohner.
Elfriede Jelinek versammelt in RECHNITZ (DER WÜRGEENGEL) eine kleine Gesellschaft von Boten, über keinen Zweifel erhabene Berichterstatter. In sprachlich furiosen Suchbewegungen, Schicht um Schicht abtragend, nimmt sie unermüdlich Grabungen vor, um sich dem Krater der Ungeheuerlichkeit dieser Tat und ihrer Verschleierung zu nähern. Jelinek versucht keine detailgenaue Rekonstruktion eines historischen Verbrechens, und dennoch wird jedes Detail dieser monströsen Geschichte zur kalkuliert unkontrollierten Roulettekugel in einem "Casino des Denkens", das die Bedingungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft auslotet. Ein blitzheller Blick zurück auf die Topographie des Nazi-Terrors, zugleich eine Reise durch Jelineks Kopf, ein wilder Assoziationsfluss, rechts und links althergebrachte Gewissheiten einreißend. Elfriede Jelinek, 1946 in der Steiermark geboren, gehört zu den wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart und erhielt 2004 den Nobelpreis für Literatur.
Der Theater- und Opernregisseur Jossi Wieler hat an den Kammerspielen ALKESTIS (eingeladen zum Theatertreffen 2002), DAS FEST DES LAMMS, MITTAGSWENDE (eigeladen zum Theatertreffen 2005), DIE BAKCHEN, ULRIKE MARIA STUART und ÖDIPUS AUF KOLONOS inszeniert. Jossi Wieler, der durch seine ungewöhnlichen Inszenierungen von Stücken Elfriede Jelineks (WOLKEN.HEIM., ER NICHT ALS ER, MACHT NICHTS, ULRIKE MARIA STUART) als Spezialist für diese Autorin gelten kann, wird mit der Uraufführung von RECHNITZ (Der Würgengel) seine Zusammenarbeit mit der Autorin und den Kammerspielen fortsetzen.
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Ergebnis 31 bis 40 von 168
Thema: "Stolpersteine"
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25.09.2008, 06:30Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
Geändert von Inaktiver User (25.09.2008 um 19:51 Uhr)
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30.09.2008, 06:06Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
Aktuelle jüdische Feiertage:
30. September 2008: Rosch ha-Schana (das jüdische Neujahrsfest); Beginn des Jahres 5769
9. Oktober 2008: Yom Kippur (der jüdische Versöhnungstag)
Aus dem jiddischen Gruß „Gut Rosch“ (Rosch „Kopf, Anfang“; also etwa: „Gutes Neujahr“) könnte der deutsche Neujahrswunsch „Guter Rutsch“ entstanden sein. Allerdings sprechen drei Gründe gegen diese verbreitete etymologische Deutung: 1) Der jüdische Neujahrstermin (1. Tischri) ist im September/Oktober. 2) Juden wünschen einander „Schana tova“. 3) Während der Dentalschwund (Ausfall des „t“) häufig begegnet, ist die Entstehung von „Rutsch“ aus „Rosch“ ohne Parallelen.
Ramadan (arabisch رمضان) ging übrigens gestern zu Ende. Das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadans ist nach dem Opferfest der höchste islamische Feiertag. Opferfest (arabisch عيد الاضحى), Eid.Geändert von Inaktiver User (30.09.2008 um 07:56 Uhr)
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30.09.2008, 06:32Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
Ich habe diese Woche eine "Stolpersteinbesprechung", die ich besuchen werde. Ich bin gespannt, wie und ob es weitergeht bei uns.
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30.09.2008, 09:53
AW: "Stolpersteine"
Ja, ein Polarisator, obwohl ich keine feste Meinung zu dem Thema habe.
Zitat von Inaktiver User
Ich dachte noch an einen Friedhof, dem Ort des Friedens, wo die Toten in Frieden ruhen und man nicht über die Grabsteine latscht.
Aber sind Stolpersteine Grabsteine? Es sind eigentlich Lebenssteine, denn dort haben die Leute gelebt. So unauffällig wie sie da im Asphalt liegen, bewegten sich die Menschen in ihrer Stadt.
Das also als "pro" für die Steine auf dem Boden.Der Mensch - ein Sackgassenerfindung der Evolution?
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30.09.2008, 18:16Inaktiver User
Zur Erinnerung an Eugen Banz
Hier ist der Stolperstein zur Erinnerung an Eugen Banz, hier aus einer größeren Entfernung.
Eugen Banz (Jahrgang 1880) war ein selbständiger Schneidermeister in (Stuttgart-) Vaihingen und wohnte in der Schockenriedstraße 11. Aus "politischen Gründen" wurde er 1934 verhaftet und kurzzeitig in Vaihingen inhaftiert. Am 14. Juli 1936 kam er in das Konzentrationslager Welzheim. Von dort wurde im Dezember 1936 entlassen. Aufgrund von Misshandlungen und schlechten Haftbedingungen kam er als todkranker Mann zurück. Bis zu seinem Tod im Robert-Bosch-Krankenhaus am 01. Februar 1942 war er schwerkrank und arbeitsunfähig.Geändert von Inaktiver User (30.09.2008 um 18:20 Uhr)
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30.09.2008, 19:34
AW: "Stolpersteine"
@ tom57
Also ich befürworte das Projekt (in einigen Städten ist es schon lange gang und gäbe) und somit auch das Nichtvergessen ALLER Opfer, in welcher Form auch immer. Sind es halt Stolpersteine oder auch Gedenktafeln oder nur Geschichten, die "nur" weitererzählt werden. Ich schaue und höre immer hin, wenn ich sie sehe oder höre und bleibe dann auch berührt und denkend stehen, egal, wer mich dann auch so umrennt oder gar umschreit. Manchmal geschieht es aber auch, wenn ich sie gar nicht sehe, sondern sie nur spüre und erahne, all die vergangenen Qualen, es ist dann nur eine andere Form, aber deshalb auch nicht weniger wert.
Gleichzeitig möchte ich aber bedenken, dass es doch eher eine Vergangenheit ist, die natürlich auf keinen Fall ins Vergessen geraten sollte ! Und das ist ja auch der Sinn dieser Stolpersteine! Das Nichtvergessen und die ewige Mahnung.
Aber die Gegenwart und dessen Zukunft sollte eben dabei auch nicht aus den Augen verloren werden, bei all der Trauer und Bestürzung. Das nur mal so als ein Gedankenanstoß und ganz bewusst als s. g. „Bricom-Stolperstein“ der völlig anderen Art HIER bewusst „niedergelegt“.
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30.09.2008, 19:48Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
Deswegen erinnerte ich auch an Yom Kippur und an das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadans.
Zitat von kaafee
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30.09.2008, 20:09
AW: "Stolpersteine"
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies
aus dem wir nicht vertrieben werden koennen.
Die Hoffnungslosigkeit ist schon die
vorweggenommene Niederlage." (Karl Jaspers)
Also das fällt mir spontan dazu ein!
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30.09.2008, 20:51Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
...wird auch Zuckerfest genannt.
Zitat von Inaktiver User
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04.10.2008, 20:24Inaktiver User
AW: "Stolpersteine"
Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.10.2008, Nr. 40 / Seite 25Am 6. Juli haben wir über den "Fall Embde" berichtet, die Geschichte eines Bildes des Malers Johann J. August von der Embde, das bis 1940 der Jüdin Laura Baumann aus Kassel gehört hat und unter ungeklärten Umständen vom Museum in Kassel angekauft wurde. Kurze Zeit später nahm sich Baumann das Leben. Ihr Enkel, Karl Ernst Baumann, bekam von der "Beratenden Kommission für die Rückgabe NS-verfolgungsbedingter Kulturgüter" im Juni anstelle der Restitution des Bildes, die wegen der ungeklärten Kaufumstände nicht beschlossen wurde, eine Entschädigung von 10 000 Euro zugesprochen. Karl Ernst Baumann ist achtzig Jahre alt und nach zwei Schlaganfällen gesundheitlich nicht in bester Verfassung. Bis heute hat er keinen Cent überwiesen bekommen, was man von Seiten des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst mit einem Missverständnis, internem Abstimmungsbedarf sowie, zur Sicherheit, auch noch mit der sommerlichen Urlaubszeit entschuldigte. Was Karl Ernst Baumann vom hessischen Ministerium allerdings bekam, ist der freche Hinweis, dass er, sollte er staatliche Transferleistungen in Anspruch nehmen, den Erhalt der Summe von 10 000 Euro dann tunlichst bei der betreffenden Stelle anzugeben habe.
Dass inzwischen eine weitere Enkelin von Laura Baumann gefunden wurde, die also auch Anspruch auf Entschädigung hat, erwähnte das Ministerium, das dies von Baumanns Rechtsanwalt mitgeteilt bekam, jedoch mit keinem Wort. Man hofft dort offenbar, die Zeit möge diese Geschichte von alleine regeln, sind ja auch nicht mehr die Jüngsten, diese lästigen Nachkommen von in der Nazizeit verfolgten Menschen.


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