+ Antworten
Seite 6 von 20 ErsteErste ... 4567816 ... LetzteLetzte
Ergebnis 51 bis 60 von 193
  1. Moderation Avatar von maryquitecontrary
    Registriert seit
    03.04.2003
    Beiträge
    6.399

    AW: Gewalt unter der Geburt

    @Sasapi: ein Hoch auf solche erfahrenen und gelassenen Hebammen wie deine Großmutter!


    Ich weiß ja nicht, wie es um die Hebammen heute bestellt ist, aber bei den Ärzten sehe ich, dass das klinische Wissen, das früher gehütet und sorgfältig weitergereicht wurde, immer weniger erhalten bleibt - während die technischen Methoden zunehmen. Das fängt ja schon bei einer gründlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung an. ( Als ich während des Studiums - an einer deutschen Uni - zu einem Praktikum in England war, fiel mir damals schon auf, wieviel mehr Wert dort auf die klassischen praktischen Untersuchungsmethoden gelegt wurde).


    Das Problem: wenn solches Wissen einmal verloren geht, ist es kaum noch wiederzugewinnen, und die Versuchung, relativ schnell eine weitere technische Stufe hochzuschalten (wie im Audiobeitrag beschrieben - erst zur Sicherheit CTG, dadurch unbeweglicher, Nachlassen der Wehentätigkeit, ergo Oxytocin-Tropf, dadurch mehr Schmerzen, ergo PDA, gleichzeitig auch mehr Stress fürs Kind, ergo: operative Geburt rückt näher...)...



    Mir hat das Hören des Beitrages wirklich Unwohlsein beschert, so traurig und so vorhersagbar waren die Verläufe.



    Und was mich immer wieder stark verwundert und allmählich auch fassungslos macht: wie man im Jahre 2017 noch immer so tun kann, als seien Körper und Seele getrennte Entitäten, als sein die Psyche bei einer Geburt nicht auch ein wesentlicher Faktor ... Auch dass keine kompetente Hilfe hinterher zu finden war - die eine Frau hatte doch eine akute posttraumatische Reaktion, und das mitten im Wochenbett. Sowas gehört fachlich begleitet! - und wer als Geburtshelfer das nicht weiß, der muss sich dringend weiterbilden!!


    Ich arbeite ja in der Kleinkindpsychiatrie, da haben wir nicht selten depressive Mütter, manchmal auch psychisch belastete Frauen bereits in der Schwangerschaft. Wenn man zum Beispiel schon vom ersten Kind her weiß, dass die Schwangerschaft bei dieser Frau besonders zur Instabilität führt. Und wo wir auch manchmal traumatische Geburtsverläufe aufarbeiten, gemeinsam mit der Gyn.

    Da habe ich es tatsächlich erlebt, dass ich zu einer schwangeren Patientin in den Kreißsaal gerufen wurde, was nicht eigentlich zu meinem Job gehört Die Frau hatte die Hebammen dazu bekommen, mich anzurufen, ich sitze ja nur ein Haus weit entfernt, das wusste sie. Ihre Wehen waren praktisch vollständig wieder abgeklungen, weil sie so Angst hatte, und sie wollte mich gerne sehen. Ich kam dahin, war einfach nur ruhig und auf die Gebärende bezogen und habe ihr in dieser Situation Zuversicht gegeben, dass sie es schafft und es anders wird als beim ersten Mal. Dann setzten die Wehen wieder ein...

    Noch heute, mehrere Jahre danach, spricht sie davon ... es war enorm wichtig für sie, diese Unterstützung zu bekommen.



    Während des Hörens habe ich nochmal reflektiert, wie beruhigend es für mich gewesen ist, meinen Mann mitzuhaben, der ja auch Arzt ist und der sich im Zweifelsfall in meinem Interesse einsetzen würde. Der war immer mein Fels in der Brandung - aber natürlich können sich medizinisch unbewanderte Männer da auch ganz schön hilflos fühlen, wie dort auch beschrieben,, und das kann später für die Beziehung richtig schwierig sein. Und man kann schließlich keine Geburtsmedizin machen, die nur für Mediziner halbwegs adäquat ist, und manchmal nicht mal das (siehe Beispiel der Ärztin).
    that was the river - this is the sea


    Moderation im Forum "Persönlichkeit"

  2. Avatar von overknee
    Registriert seit
    23.12.2015
    Beiträge
    1.963

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Meine Entbindungen sind ja nun schon sehr lange her. Aber es war nicht unnormal, dass man die Gebärende unpersönlich, fast wie ein Tier gesehen hat (wobei ein Tier würde man dabei wohl auch streicheln).
    Bei der 3. Entbindung war es am Schlimmsten. Ich war ja nun nicht ganz unerfahren und für damalige Verhältnisse eine Spätgebärende mit 27.
    Mein Sohn rammte während des Pressvorgangs immer Richtung Steißbein, bekam die Kurve nicht, weil er sehr groß war. Die Herztöne wurden langsamer.
    Der Chefarzt stand neben meinem Bett und sagte zur Hebamme: wenn die Kinderärzte das hier sehen würden, würden die schon Alarm schlagen und fragen, warum wir nichts unternehmen.
    Dann plötzlich kam irgend ein "Befehl" an das Personal, es wurde ein Gyn-Stuhl unten rangefahren, Beine angeschnallt, er griff in mich rein mit silbernen Besteck, holte meinen Sohn raus und knallte ihn mir auf den Bauch. Drehte sich um und ging weg.
    Beim reingreifen habe ich gebrüllt. Eine Schwester sagte später zu mir, ich hätte noch viel zu wenig gebrüllt. Der Chefarzt denkt immer, die Frauen sind gar nicht bei sich, er könne machen, was ihm passt.
    Da er gleich in Urlaub ging danach, habe ich ihm einen bitterbösen Brief geschrieben. Nie eine Antwort bekommen. Natürlich nicht. Gottvater (Axxxlxxxx)

  3. Inaktiver User

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Das liest sich alles schon schlimm, da möchte ich nicht wissen, wie das ist, wenn man das erlebt.

    Ist nicht als Affront gemeint, nur bin ich gerade froh, das nie erleben zu müssen (habe keinen Kinderwunsch).

  4. Avatar von Sortie_Echo
    Registriert seit
    28.05.2017
    Beiträge
    2.093

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Viele bekommen vielleicht genau wegen solcher Geschichten keine oder weniger Kinder als geplant.

  5. Avatar von marylin
    Registriert seit
    27.03.2007
    Beiträge
    5.423

    AW: Gewalt unter der Geburt

    So wie es auch bei anderen Krankenhausaufenthalten Pfusch, Fehlentscheidungen und unfreundliches unkompetentes Personal gibt, gibt es das ganz sicher auch bei Entbindungen - keine Frage.

    Aber es ist auch so, dass bei werdenden Müttern heute völlig falsche Erwartungen geschürt werden - es soll eine schöne Geburt werden, ohne "böse" Schmerzmittel, ganz natürlich.... Vorher und danach tanzt die Hebamme um einen rum - ist unglaublich geduldig und verständnisvoll. Ärzte und Hebammen im Kreissaal kümmern sich nur um die Gebärende und haben ihr gefälligst jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Und natürlich muss der werdende Vater auch noch mit von der Partie sein....

    Leute, warum kann man eine Geburt nicht als das sehen, was sie im Regelfall ist - unglaublich anstrengend und schmerzhaft. Dann muss man im Nachhienein nicht an sich zweifeln und ist auch nicht enttäuscht, wenn man nicht die Traumgeburt hatte.

    Und bei den allermeisten wird den Müttern sicher keine Gewalt angetan, dass gebären weh tut, dass manchmal ein Dammschnitt sein muss (der zu meiner Zeit generell ohne Narkose/Betäubung genäht wurde - war auch nicht nötig), dass die Wehen mitunter eingeleitet werden müssen - dafür kann die Hebamme und die Ärzte nichts. Der modernen Medizin und der Möglichkeit, im KH entbinden zu können, ist es zu verdanken, dass es viel weniger tödliche Verläufe gibt.

    Deshalb kann ich auch nicht verstehen, wie heute manche Mütter auf Biegen und Brechen ins Geburtshaus (ohne anwesende Ärzte) wollen oder gleich zuhause entbinden möchten. Eine Hebamme kann (und will) vieles nicht unternehmen während der Geburt, was ein Arzt entscheiden würde - im Übrigen doch wohl meist im Sinne von Mutter und Kind. Also ich bin heilfroh, dass es Krankenhäuser und Ärzte gibt zum Gebären, nur eine Hebamme wäre mir zu unsicher.

    Ich hatte auch keine Hebamme vor oder nach der Geburt, damals ging man halt zur vorher Gyn und danach zum Kinderarzt. Hat mir nichts gefehlt. Aber damals bekamen die Frauen eben recht jung Kinder, da machte man sich nicht so viele Gedanken und die Ansprüche von heute gab es nicht.
    Bevor man anfängt zu reden, könnte man sich überlegen:
    Ist es wichtig?
    Ist es wahr?
    Und ist es besser, als die Stille?


  6. Avatar von Sortie_Echo
    Registriert seit
    28.05.2017
    Beiträge
    2.093

    AW: Gewalt unter der Geburt

    @ Marylin:

    Hast du das Feature gehört?

  7. Avatar von marylin
    Registriert seit
    27.03.2007
    Beiträge
    5.423

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Zitat Zitat von Sortie_Echo Beitrag anzeigen
    @ Marylin:

    Hast du das Feature gehört?
    Ich habe in der PDF gelesen - und ich sage ja, klar, das gibts und das ist schlimm. Und natürlich muss man sich dagegen wehren. Aber ich glaube nicht, dass 50% der Frauen so behandelt werden
    Bevor man anfängt zu reden, könnte man sich überlegen:
    Ist es wichtig?
    Ist es wahr?
    Und ist es besser, als die Stille?


  8. Avatar von Sortie_Echo
    Registriert seit
    28.05.2017
    Beiträge
    2.093

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Zitat Zitat von marylin Beitrag anzeigen
    Ich habe in der PDF gelesen - und ich sage ja, klar, das gibts und das ist schlimm. Und natürlich muss man sich dagegen wehren. Aber ich glaube nicht, dass 50% der Frauen so behandelt werden
    Vielleicht hast du ja doch noch die Zeit dafür, auch wenn es fast eine Stunde geht.

  9. Moderation Avatar von maryquitecontrary
    Registriert seit
    03.04.2003
    Beiträge
    6.399

    AW: Gewalt unter der Geburt

    @Marilyn: im Grunde geht es da aber nicht um absonderliche Spezialfälle, sondern um initial ganz unauffällig verlaufende Geburten, die - mutmaßlich, medizinisch glaubwürdig - durch die Technisierung einen alptraumhaften Verlauf bekommen.


    Und die Risiken sind lange bekannt. Es ist nicht so, als ob der Einsatz der Maßnahmen immer indiziert wäre - da gibt es Ermessensspielraum, Personaldecke, Dienstpläne und nicht zuletzt die Erfahrenheit der Geburtsbegleiter spielt da mit rein, und dann führt, wie beschrieben, eins zum anderen.

    Ich bin selbst Ärztin und im medizinischen Paradigma ausgebildet, aber ich kann absolut die Schwachstellen und die Mängel sehen. Und Mangel gibt es oft an den "weichen" Faktoren, Zeit, Kommunikation, Zutrauen, die man auch weniger messen kann. Wohingegen die Technik bereitsteht und eben viel zu oft nicht begründet werden muß. Das führt zu bestimmten Abläufen, und die haben Konsequenzen.


    Ich habe mich schon während meiner eigenen Schwangerschaften schon damit auseinandergesetzt (und entsprechend vorgesorgt). Das sind ja keine neuen Erkenntnisse.
    that was the river - this is the sea


    Moderation im Forum "Persönlichkeit"


  10. Registriert seit
    21.04.2014
    Beiträge
    12.153

    AW: Gewalt unter der Geburt

    Man muss auch mal sehen, in den Niederlanden entscheiden sich 30 Prozent der Frauen für eine Hausgeburt, Krankenhausgeburten sind ambulant, d.h nach 2 bis 4 Stunden geht es nach Hause, es sei denn, es ist was Gravierendes.. aber nur dann. Dort wird man schon von der Kraamhuulp erwartet, eine Art "Haushaltshilfe", die einem 8 Tage lang von morgens bis abends zur Verfügung steht. Ab dem ersten Kind. Die Hebamme kommt alle zwei Tage, da ist die Ausbildung auch umfangreicher als hier, auch die Vorsorge liegt überwiegend bei den Hebammen. Zum Gyn zu gehen ist eher ungewöhnlich.
    Die Säuglingssterblichkeit ist nicht höher als hier, es gibt aber kaum Kaiserschnitte und sehr viel weniger operativ beendete Geburten.....

+ Antworten
Seite 6 von 20 ErsteErste ... 4567816 ... LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •