Hallo,
folgenden Artikel habe ich in einem Blog gefunden
Studium generale: Familienpolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Es wird künftig eine neue Gesellschaftsform kommen, in der nicht mehr die Berufsarbeit das Gravitationszentrum unserer Gesellschaft sein wird wie in den letzten Jahrzehnten, sondern dieses Gravitationszentrum wird - wie früher - wieder die Familie sein.
Wenn man sich die agrarische Gesellschaft anschaut - das wird einem erst jetzt klar -, dann ist in dieser alles strukturiert danach, daß Menschen Kinder haben. Um diese Tatsache herum ist das ganze Leben, die Arbeit, die Wirtschaft, das Sozialleben und so vieles andere gegliedert und strukturiert. Hier ist das eigentliche Gravitationszentrum dieser vorindustriellen Gesellschaft. Deshalb ist diese auch so kinderfreundlich. Deshalb erscheint uns ländliches Aufwachsen von Kindern auf dem Bauernhof geradezu als die idealste Form von Kindheit.
Die bürgerliche Gesellschaft hat nie richtig berücksichtigt, daß die Kinder, die sie "verbrauchte", bis Mitte des 20. Jahrhunderts vornehmlich auf dem Land aufgewachsen waren. Sie hat sich deshalb darüber nie groß Gedanken gemacht. Es waren immer genug Kinder da, die auf dem Land aufgewachsen waren. Heute gibt es keine agarische Schicht mehr im Westen.
Auch wenn man sich die Raumordnung in Städten anschaut, die Architektur und vieles mehr, dann sieht man, daß dort überall an alles gedacht wurde, an wirklich alles, nur an eines nicht: an Kinder. Die hier und dort eingestreuten Kinderspielplätze sind die Feigenblätter modernen Großstadt-Lebens. Ebenso - und komplementär dazu - die Altersheime.
An Stelle dessen haben wir überall Autos. Autos, Autos, Autos. Der berufliche Arbeitsplatz räumlich, psychologisch und in jeder nur denkbaren anderen Hinsicht vollständig getrennt von allem, was mit Familie und Kindern zu tun hat. Die Familie nicht mehr Mittelpunkt und Gravitationszentrum des gesellschaftlichen Lebens, sondern ebenso am Rand der Gesellschaft wie auch Arbeitslose am Rand der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Anerkennung stehen
Auch ich sehe die Trias von Industrialisierung (Arbeitsteilung, Trennung von Arbeitsort und Familienort), Emanzipation (Angleichung der Berufsbiografie den Frauen an die der Männer in den Industriegesellschaften) und Trennung der Lebenswelt der Generationen als Ursachen für die heutigen demographischen Probleme in Europa und das Vereinbarkeitsproblem.
Da alle drei Ursachen überwiegend positive Folgen hatten (Wohlstand, Gesundheit, Gleichberechtigung, anti-patriarchalische Impulse), können und wollen wir die Geschichte sicher nicht zurückdrehen.
Wie also wäre eine Re-Kombination des Ortes von Familienwelt und Arbeitswelt machbar?
Hans
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31.01.2012, 12:27
Familienpolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Geändert von ikara (31.01.2012 um 19:57 Uhr) Grund: Tippfehler aus Überschrift entfernt!
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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31.01.2012, 13:50Inaktiver User
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Sehr interessante Frage.
Meine spontane Antwort - zumindest für Akademiker - wäre: flexible Arbeitszeiten und Telearbeit.
Ich denke freilich, dass es nicht allein eine Frage der Kombination von Arbeitsort und Ortes der Familienwelt ist. Die Arbeit an sich hat sich grundlegend gewandelt. Während Stall ausmisten und Kleinkinder hüten vermutlich irgendwie kombinierbar war, sind in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft andere Berufsbilder präsent. Konzentrierte Computerarbeit bzw. Beratungsleistungen gegenüber Dritten lassen sich mit nebenbei herumwuselnden Kindern eher schlecht vereinbaren.
Aber die These, in der Agrargesellschaft sei 'alles danach strukturiert gewesen, daß Menschen Kinder haben' halte ich auch nicht für zutreffend. Damals war alles danach strukturiert, dass die Menschen genug zum Essen auf dem Tisch hatten. Halbe Kinder wie meine Mutter waren es, die mit 10, 12 Jahren ihre Geschwister großzogen. Kinder hatten zudem Freiheiten, die mit entsprechenden Unfallgefahren korrespondierten. Das sind Verhältnisse/Risiken, die heute niemand eingehen möchte. Damit möchte ich unsere heutigen Verhältnisse nicht schön reden. Aber wie Du bereits angedeutet hast, waren die 'goldenen Zeiten' eben auch nicht so golden.
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31.01.2012, 14:01
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Ich denke ja, die Agrargesellschaft hatte noch für 70/80 Jahren so viele Kinder weil es keine Verhütungsmittel gab. Hätte es damals schon die Pille gegeben hätten viele Bauern ihr Kinderkriegen bestimmt gesteuert. Lieber weniger Kinder und dafür überleben alle.
Gut, die religiösen Überzeugungen müssen dies auch zulassen. Sonst hat man auch weiterhin viele Kinder die man kaum ernähren kann.
Zum anderen wurden viele Helfer auch in der Landwirtschaft gebraucht. Mit den heutigen Maschienen ist dies ja nicht mehr notwenig.
um mir mal Gedanken über deine Frage zu machen:
Homeoffice wurde ja schon angesprochen. Ebenso Mehrgenerationenhäuser vielleicht. Und - um auch mal auf die Alten zu kommen- die Möglichkeit, ohne finanzielle Abstriche auch seine pflegebedürftigen Angehörigen über Jahre hinweg zu pflegen. Genauso wie Kinder groß zu ziehen.Wie also wäre eine Re-Kombination des Ortes von Familienwelt und Arbeitswelt machbar?
Was du aus dem Artikel über Architektur geschrieben hast - dem kann ich zustimmen, wenn ich an die neue Hafencity in Hamburg denke. Gut, da ist mittlerweile eine Schule eröffnet - die sieht von weiten genauso aus wie all die Bürogebäude außenrum. Schrecklich ist das.Die Bricom bildet mich immer noch
- formerly known as marimekko
_clementine_fruchtig süß & kernarm
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31.01.2012, 14:09Inaktiver User
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Über Homeoffice etc. kann man sicher einen Teil der Arbeit nach Hause zurückholen - aber es gibt Bereiche, da geht das einfach nicht. Der Mann meiner Tagesmutter kann schlecht die Züge, die er wartet, mit nach Hause nehmen. Aber niemand würde bezweifeln, dass er eine für die Gesellschaft wichtige Arbeit macht - schließlich sollen funktionierende Züge fahren, so dass Leute weniger auf's Auto angewiesen sind.
Ich sehe an meinen Kindern schon, wie wichtig es ihnen ist mitzukriegen, was die Eltern machen - selbst wenn sie so klein sind, dass sie es noch nicht so richtig verstehen. Als ich vorgestern Klausuren korrigierte, kam mein Großer (5) an und fragte, ob er mir helfen kann. Ich habe ihn dann die Punktzahlen mit dem Taschenrechner addieren lassen - dauerte dreimal so lange, als wenn ich es im Kopf gemacht hätte, ich musste ihm die Zahlen diktieren, aber er fühlte sich unglaublich wichtig und genoss das Kuscheln auf meinem Schoß.
Aber es ist eben so, unsere Arbeitswelt ist eine andere als in der Agrargesellschaft, und ein zurückholen der Arbeit nach Hause geht nur in kleinen Teilen/Bereichen.
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31.01.2012, 14:10
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Ich sehe in dem Zitat sehr viel rückblickende Heile-Welt-Illusion.
Waren die agrarischen Familienstrukturen tatsächlich so idyllisch? Alles kreiste m. E. nicht um die Familie, sondern um die Anforderungen des Hofes, der ja alle nötigen Lebensmittel + Bekleidung + das Geld, um Fehlendes dazu zu kaufen, produzieren musste. Wegen ihrer Arbeitskraft waren Kinder geschätztes Hofmitglied. Die Anforderungen des Hofes gingen immer vor. Schulbefreiung bei Ernte, für Hütekinder etc., etc.
Ein Teil der Kinder durfte nicht heiraten, weil sie als Öhm und Hilfskräfte auf dem Hof gebraucht wurden oder weil die Aussteuer nicht da war. Kinder wurden aus ihren Geburtsfamilien herausgenommen und von kinderlosen Hofbesitzern adoptiert. Berufswunsch? Der Älteste, gebietsweise der Jüngste, bekam den Hof. Der rest musste sehen, wie er unterkam. Wenn die Seniorenfamilie wohlhabend war, gab's ein Extra-Gebäude als Altenteil und festgelegte Versorgung. Wenn nicht, waren die Senioren von der Gnade der mittleren Generation abhängig, sobald sie den Hof übergeben hatten. Wir hatten im Lesebuch die Geschichte vom "Tröglein"...
Die demographischen Probleme in den sog. entwickelten Ländern begannen m.E., als die Menschen bei der Fortpflanzung nicht mehr von der Biologie abhängig waren, sondern die Chemie zur Hilfe nehmen konnten und plötzlich die Wahl bei ihrer Lebensgestaltung hatten. Meine Großmutter (gebildete Großstädterin, Jahrgang 1896) habe ich oft gehört, dass sie mich darum beneidet, nicht Monat zu Monat Angst haben zu müssen, dass "es" passiert ist.
Re-Kombination von Familienwelt und Arbeitswelt? Theoretisch müsste das Homeoffice perfekt sein. Aber es stellt hohe Anforderungen an die Beteiligten, gerade weil man nicht ganz in Büro und nicht ganz zuhause ist.
In der Praxis fürchte ich, dass die Entwickung zu Lasten der Frauen geht. Sie vereinen Familien- und Arbeitswelt im Homeoffice, die Männer sind wieder unter sich im Büro und nehmen allenfalls mal ihren Teil der Elternzeit wie ein Sabbatjahr, damit der nicht verfällt.
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31.01.2012, 14:33
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Stimmt schon,
viele Berufe können einfach nicht im Home- Office gemacht werden. Und die wo von daheim aus arbeiten sind eben nicht vor Ort und müssen aufpassen, dass wichtige Informationen/ Entwicklungen nicht an ihnen vorbei gehen.
Mir ist der Artikel auch etwas zu weichgespült. Nur noch Autos in den Städten, naja in den meisten Städten sieht man tatsächlich mehr.
Und ich bezweifle ob es "früher" so viel mehr Kinderspielplätze gab (mal die 70/80 Jahre und die neue Kulturpolitik abgesehen) - spielen ist ja auch etwas, was Kindern erst seit - ich schätze jetzt einfach mal - 150/ 200 Jahren "erlaubt" ist.
Wahrscheinlich müsste man, gemäß dem Artikel, wieder generell mehr "back to the roots", also sich auch wieder mehr selbst versorgen mit eigenen Hühner und Schrebergärtchen mit eigenem Gemüseanbau (die Schrebergärtchen bsw. sind auch fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden... aber gut, ot jetzt).Die Bricom bildet mich immer noch
- formerly known as marimekko
_clementine_fruchtig süß & kernarm
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31.01.2012, 14:53Inaktiver User
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Ich würde sogar noch weiter gehen: selten so einen reaktionären Stuß gelesen.
Die Agrargesellschaft als Vorbild ? Da würde ich sofort die Beine in die Hand nehmen und weit, weit weg rennen....
und außerdem, wo soll der neue Kindersegen denn so plötzlich herkommen ? Bleibt mittlerweile nicht fast jede zweite Frau in D kinderlos ? Oder wars jede zweite Akademikerin ? Und was soll eine Akademikerin in einer Agrargesellschaft ?
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31.01.2012, 15:01
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Ich sehe die Situation auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der unbestreitbare zivilisatorische Fortschritt hat uns viele Vorteile gebracht, die wir nicht aufgeben wollen. Er hat das menschliche Zusammenleben aber auch zum Negativen verändert.
Zwei Dinge sind es, die ich kritisch sehe. Einmal die materielle Orientierung, die Effektivitätserwartung, unser Denken in betriebswirtschaftlichen Begriffen auch im Familienleben. Und damit zusammenhängend unsere schon fast zwanghafte Zeitorientierung. Höher, schneller, weiter.
Unter beidem leiden vor allem die, die diesem System schutzlos ausgeliefert sind, unsere Kinder. Effektivitäts- und Zeitdruck sind allgegenwärtig, unser Leben ist so furchtbar schnell und organisiert. Mir tun meine Kinder leid, daß sie so wenig Zeit und Gelegenheit zum Träumen und versunkenen Spielen haben. Das Gefühl der Getriebenheit, welches junge Menschen immer wieder artikulieren, es ist direkt unserer Lebensweise geschuldet. Damit geht jedoch viel an Zufriedenheit und damit Lebensglück verloren.
Leider geht es auch in der Familienpolitik nur um Geld. Mit Geld kaufen wir uns Zeit, die wir verwenden, um in dieser Zeit Geld zu verdienen. Eigentlich absurd.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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31.01.2012, 15:07
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
Ich denke, es ist klar, daß niemand ernstlich dahin zurück will. Es geht darum zu verstehen, was sich in den letzten 200 Jahren verändert hat.
90% aller jungen Frauen und Männer wünschen sich Kinder. Daß so viele kinderlos bleiben, spricht dafür, daß unsere Art zu leben nicht erlaubt, diese Wünsche zu erfüllen. Dadurch wird viel Glück verhindert. Es ist also schon interessant, sich zu fragen, was prinzipiell anders sein müßte, damit die Menschen neben ihren Berufswünschen auch ihre Familienwünsche realisieren können. Und eine Forcierung der Arbeitsteilung in die Familie hinein scheint mir keine wirkliche Lösung.
Hans----------------------------------------------------------------
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31.01.2012, 15:26Inaktiver User
AW: Familienplolitik: Die Agrargesellschaft als Vorbild
In vorindustriellen Agrargesellschaften waren Kinder in erster Linie Arbeitskräfte. Punkt, Schluss.
Kinder hatte man, weil man erstens Sex hatte und zweitens Arbeitskräfte brauchte und drittens (aber das galt nur für den Ältesten bzw. je nach Region den Jüngsten) einen Erben brauchte. Punkt, Schluss.
Arm aber glücklich? (ein weiterer Zwischentitel im Artikel) Quatsch.
Glücklich war, wer als Erbe einen Hof übernehmen konnte, der genug zum Leben abwarf. Oder der es schaffte, sich in der Stadt eine neue Existenz aufzubauen, weit weg von den Zwängen der Dorfgemeinschaft und der Feudal- bzw. Grundherren, die bestimmten, was man als Bauer zu tun hatte. Der Spruch "Stadtluft macht frei" kommt nicht von ungefähr - es zog die Leute vom Land in die Städte, weil dort ein besseres Leben auf sie wartete (oder zumindest die Hoffnung darauf).
Wer dieses Glück nicht hatte - und das war die Mehrheit - führte ein miserables Leben am Rande des Existenzminimums als Tagelöhner, (Halb-)Höriger auf dem Grund des Feudalherrn oder als Söldner.
Kurz zusammengefasst:
selten so einen reaktionären Stuß gelesen.


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