Im aktuellen Zeit-Magazin darf Jana Hänsel (Autorin von "Zonenkinder") sich ihren Frust von der Seele reden.
Familie: Unglück im Glück | Gesellschaft | ZEIT ONLINE
"Erst vor Kurzem haben wir verstanden, dass moderner Lifestyle und Kinder einander nicht ausschließen; dass man sein neues Lebensgefühl – im Gegensatz zu dem alten, traditionellen, bei dem die Mutter tatsächlich zu Hause blieb und der Vater um 17 Uhr hungrig von der Arbeit kam – auch zeigen kann."
"Deutsche Eltern haben sich dank dieser Auslandstransfers von der Hässlichkeit der frühen Jahre emanzipiert. Sie fühlten sich plötzlich wie befreit von den alten Vorstellungen ihrer eigenen Eltern, denn sie haben gehofft, sie könnten sich ein Leben mit Kindern in Schönheit aufbauen. Aber hat Schönheit in diesem Leben wirklich einen Platz?"
"Wir lieben unsere Kinder, wir lieben uns, aber wir hassen unser Leben. Wir verachten uns für den Lifestyle, den wir eben noch selbst erfunden haben. Vielleicht weil wir ahnen, dass er nur eine Fassade ist, die uns nicht schützen kann – deshalb bleiben wir im Inneren unsicher und fühlen uns, ja, verloren."
"Früher war man jung und schön, cool und lässig, spontan und unabhängig. Mit großer Mühe schuf man sich ein Leben, in dem man sich treiben lassen und unterwegs sein konnte, in dem man sich nicht festlegen musste. Und lange dachte man, das würde auch mit Kindern weiter so gehen."
Unserem Sohn dagegen soll heute alles offenstehen. Gleichzeitig ist sein sozialer Radius sehr eng, er bewegt sich in einer nahezu künstlichen Welt. In seinem Kindergarten gibt es außer den Erzieherinnen nur eine Mutter, die so etwas wie einem »normalen« Beruf nachgeht. Sie arbeitet in einem Kosmetiksalon. Die anderen: Freiberufler, Künstler. Und so schaue ich meinem Sohn bei einem Leben zu, das mir im Moment logisch erscheint, von dem ich aber weiß, dass ich es als Kind nicht hatte. Was bedeutet das für mich? Was soll ich ihm mitteilen, ihm mitgeben? Meine Verwirrung, meine Ratlosigkeit?"
"Denn unser Problem ist, dass wir denken, wir müssten glücklich sein. Wenn wir es nicht sind, wenn unser Kind nackt durch den ICE läuft, dann passt dieses Gefühl nicht zu dem Lebensstil, den wir uns ausgesucht haben. Und vielleicht liegt hier der Fehler. Vielleicht sollten wir nicht nach einem Lebensstil suchen. Vielleicht reicht Leben ja auch."
Und wieder wird (wie im modernen Lifestyle Journalismus üblich) die Vergangenheit (und das Leben der Anderen) als spießig denunziert und ein moderner Machbarkeitswahn beschworen, bis man von der Realität eingeholt wird. Und das Leben der eigenen Subkultur zur Leitkultur stilisiert (als ob alle Mütter Deustchlands auf dem Prenzlauer Berg wohnen würden).
Ihre Kollegin Katja Kullmann bezeichnete sich und die anderen der Generation "cool und lässig" (in ihrem Buch "Generation Ally") als Lifestyle-Luschen, oberflächlich aus Unsicherheit, die innerliche Leere durch Markenklamotten kaschierend.
Viel Spaß beim Lesen (auch der Leserkommentare in der ZEIT).
Hans
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 101
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17.12.2010, 13:12
Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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17.12.2010, 13:23
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?

Ich finde ja, dass die Hauptkatastrophe ist, dass alles, was mit der Hände Arbeit hergestellt werden muss oder musste, jetzt nicht mehr sichtbar und vor allem nicht mach-bar HIER, sondern ganz woanders stattfindet: genäht wird in Bangladesh, Kühe werden vom Melkroboter "bedient".
Ein Teil des Desasters ist die Massenarbeitslosigkeit, der andere Teil ist die grauenhafte Entfremdung von Muttererde und Fleißarbeit, deshalb mögen wir keine schwarzen Fingernägel und wollen?müssen!wollen?müssen! alle kreativ und flexibel sein.
Leitspruch: Meiner ist designer als deiner.
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
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17.12.2010, 13:27Inaktiver User
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
Kann man alles mitmachen - muß man aber nicht....
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17.12.2010, 13:37
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17.12.2010, 13:42Inaktiver User
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
Ich hab jetzt nur die erste Seite gelesen - das reicht mir schon...

Ich hab wirklich keine Musterkinder, aber so einen Zinnober kann ich mir echt nicht vorstellen.
Mir scheint diese Generation zunehmend neurotisch und hysterisch - dass die Kinder da so austicken wundert mich nicht.
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17.12.2010, 13:58
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
@ewk
Vielleicht ist es doch keine so schlechte Idee, den ganzen Artikel zu lesen.
Mir erscheint das ICE Beispiel auch etwas extrem in seinem Verlauf, aber das ist es ja nicht, worum es in dem Artikel geht.
was mich stört ist diese "wir"- schreibe, das Verallgemeinern einer Erfahrung in einem ganz bestimmten, begrenzten Umfeld.
Ich kann mich damit überhaupt nicht identifizieren, obwohl ich nur wenig jünger bin, in ähnlicher Lage lebe und die Hälfte der Kindergarten-Eltern tatsächlich im Medien - und Kunstbereich arbeiten.
Es verhindert,gesellschaftliche Phänomene etwas differenzierter zu betrachten und fordert Reaktionen - wie man es bei den Zeit-Kommentaren sieht - wie "diese schreckliche Generation" oder "diese schrecklichen Berliner" etc. heraus.
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17.12.2010, 13:59
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
Ich würde es nicht auf eine Generation beziehen, sondern auf eine Subkultur innerhalb einer Generation. Durch die enorme mediale Präsenz des medienorientieren Großstädters erscheint dieser als Norm - dabei ist es meiner Meinung nach nur eine (zahlenmäßig) kleine Gruppe. Die "Normalität" glänzt wie immer durch Unsichtbarkeit.
Interessant finde ich, daß Mitglieder dieser Generation Lifestyle die Probleme durchaus sehen (wie Jana Hensel im Artikel oder Katja Kullmann in ihrem Buch) aber nicht in der Lage sind, sich von diesem Millieu geistig zu lösen.
Trotz gleicher kindlicher Sozialisierung und Alter wie Jana Hensel empfinde ich Leben und Kinderhaben als durchaus harmonisch. Allerdings war es nie mein Ziel, mein Leben in Schönheit aufzubauen (Ästhetik allein ist ja kalt), sondern in Liebe und Wärme. Vor allem (das wird ja auch in den Kommentaren zum Artikel in der ZEIT erwähnt) halte ich mich (ganz als Vertreter der Normalität
) nicht für den Nabel des Universums und kann meinem Leben auch mit ironischer Distanz gegenüberstehen.
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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17.12.2010, 14:05
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
Du hast gut ausgedrückt, was ich dazu empfinde.
Bei den eigenen Erfahrungen und Empfindlichkeiten anzusetzen, finde ich nach wie vor journalistisch interessant, weil es den Blickpunkt offenlegt. Das Gespür dafür zu verlieren, dass man dabei aber nicht über das Leben "an sich" spricht, ist dagegen ärgerlich.
Ich denke es ist zudem einfach stilistische Mode, die sich zuwenig reflektiert.
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17.12.2010, 14:17Inaktiver User
AW: Stehen Kinder einem erfüllten Leben im Wege?
Hab ich dann auch noch gemacht: ich kann damit nix anfangen, beobachte den Typus aber nicht selten.
Egal ob Kolleginnen, Bekannte, Nachbarn oder hier in der Bri: ich empfinde viele in der Generation als ziemlich neurotisch, hysterisch, egozentrisch, kontrollsüchtig, viele auch als sehr haltlos - ich komm mir vor wie 80 wenn ich mich so reden höre, aber für mich ist das eine total fremde Welt, in der die sich befinden.
Das fängt bei der Berufswahl an, wo ich nur staune, wie man so gar nicht den Anspruch haben kann, sich mit seinem Job zu ernähren, Hauptsache der macht Spaß, und dann dilettiert man halt wie tausend andere auch als Schauspielerin, Gestalterin, Bloggerin und was alles die Welt nicht braucht - aber ewig am Jammern dass diese ach so harte Arbeit sich finanziell nicht lohnt, über den Kleidungsstil der mich oft an Kindergartenkinder erinnert und nicht an erwachsene Frauen über Eßstörungen und Therapiewahn und Kindernamen, die eher zu Schoßhündchen als zu Kindern passen, die ja auch mal erwachsen werden.
Gleichzeitig gibt es aber immer noch auch Leute, die durchaus bodenständig sind und diese Probleme eben nicht haben.
Kann sich ja jeder raussuchen, ich seh auch nicht dass man zu so einem Leben gezwungen wär. Beneiden tu ich die jedenfalls nicht, aber dieses Unglück seh ich auch als selbstgeschaffen.
Style ist halt doch nicht alles und man könnte auch andere Werte entwickeln als mit aller Gewalt hip sein zu wollen.
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17.12.2010, 14:20


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