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  1. Registriert seit
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    Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Ok, ich versuche, mich kurz zu fassen. In a nutshell: Bei meiner Mutter wurde im April Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Sie ist 80 Jahre alt und hat zwei Einheiten Chemotherapie hinter sich, die sie an sich gut vertragen hat. Ein paar Tage später war sie beim Internisten zur Kontrolle, konnte danach die paar Stufen zur Haustür kaum bewältigen, weil sie keine Luft bekommen hat. Dann rief auch schon der Internist an und meinte, sie müsse sofort in die Klinik, weil sie kaum noch rote Blutkörperchen hatte. Das war vorige Woche. In der Klinik wird sie derzeit aufgebaut, morgen darf sie nach Hause.

    Sie hat allerdings in der Vorwoche nach langen Gesprächen mit meinem Vater beschlossen, dass sie die Chemotherapie nicht mehr fortsetzen, sondern in die Palliativbetreuung wechseln will. Ich muss dazusagen, dass sie seit Jänner chronischen Husten hatte, der nicht und nicht abflauen wollte. Der Hausarzt hat ihr Antibiotika verschrieben, die sie z.T. nicht vertragen hat. Nach sechs Wochen kam mal wer auf die Idee, ein Lungenröntgen zu machen, das nichts ergeben hat. Sie ist dann aus eigenem Antrieb ins Krankenhaus gegangen, wo sie noch mehr Antibiotika bekommen hat, ehe irgendwer auf die Idee gekommen ist, ein Lungen-CT zu machen. Da waren dann Tumorzellen zu sehen. Also wurde ein Ganzkörperscan gemacht, der aber nicht wirklich was ergeben hat. Weil ihre Lymphdrüsen geschwollen waren, wurden Proben entnommen. Und dann hatten wir im April die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs. Die Ärzte meinten, das sei gut behandelbar, und sie hat wie gesagt die ersten beiden Einheiten Chemo gut vertragen.

    Dann kam eben der Zusammenbruch und die Entscheidung, die Behandlung nicht mehr fortzusetzen. Meine Eltern haben das mittlerweile auch mit den Ärzten besprochen, die sich erstaunlich einsichtig gezeigt haben, so nach dem Motto "Sie müssen nichts machen, was Sie nicht wollen".

    Jetzt stehen wir allerdings vor der Situation, dass wir nicht genau wissen, wie lange sie noch ohne Behandlung hat. Und wir - also mein Vater, meine Schwester und ich - müssen irgendwie mit der Situation klarkommen. Wie schafft man das? Mir ist momentan nur noch nach Weinen, und der einzige Grund, dass ich das nicht tue, ist meine Arbeit, die mich so beansprucht, dass ich zumindest tagsüber abgelenkt bin. Aber irgendwann fängt mein Hirn natürlich doch wieder zu grübeln an (deswegen auch dieses lange Posting), malt sich Szenarien aus und landet immer bei der Frage: Wie geh ich damit um?

    Ich mein - natürlich ist ihre Entscheidung zu akzeptieren. Aber niemand bringt einem bei, wie man sich auf sowas vorbereitet. Ich schwanke zwischen Ratlosigkeit, Trauer und Betäubung.

    Sorry, dass das doch etwas länger geworden ist, aber ich bin grad sehr verzweifelt und weiß einfach nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Ich will auf gar keinen Fall versuchen, ihr ihre Entscheidung auszureden. Ich kenn sie gut genug, um zu wissen, dass das zwecklos ist. Ich überlege auch, ob ich meine Therapeutin reaktiviere, die mir schon mal bei Angststörungen und später bei einer mittelschweren Depression geholfen hat. Eigentlich... eigentlich wollte ich das alles nur mal loswerden. Ich spreche zwar mit meinem Mann darüber und schreibe Tagebuch, aber irgendwie... irgendwie ist es nicht genug. Nicht hilfreich genug. Ich glaube, ich wollte mich einfach nur mal auskotzen.


  2. Registriert seit
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Das ist sicher sehr schwer.
    Ich würde tatsächlich die Therapeutin anrufen, manchmal hilft ja schon ein Einzelgespräch, um sich selbst zu sortieren.

  3. Moderation Avatar von frangipani
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Hallo liebe Jehane,

    das Gefühl, sich mal ausserhalb des eigenen Kreises auskotzen zu wolle, kenne ich. Auch das Gefühl, in einer Situation ähnlich deiner sich hilflos zu fühlen. Ich drück dir die Daumen, dass du hier ein paar weitere Anstösse erhältst.

    Meine Situation ist nicht ganz mit deiner zu vergleichen, aber hat ein paar Parallelen. Meine Mutter, 78, alleinstehend, ist chronisch krank (ua COPD) und liegt gerade wegen einer anderen Sache im KH. Nicht lebensbedrohlich, aber wegen ihres Alters schon beunruhigend. Ich lebe seit 19 Jahren 16.000 km weit weg und bin, seit mein Bruder starb, ihr einziges Kind. Sie wird u.a. von Freunden und Verwandten gut betreut, bzw besucht und versorgt. Bis zu ihrem KH Aufenthalt jetzt konnte sie sich auch gut selbst versorgen, was jetzt passiert, müssen wir abwarten.

    Meine Parallele ist, dass der Satz deiner Mutter auch von meiner kommen könnte. Sie hat in den letzten Jahren immer gesagt, dass sie, sollte sie noch Krebs bekommen, keine OPs oder weitere Behandlungen ausser palliativ haben will.
    Das und all ihre Entscheidungen jetzt rund um diesen KH Aufenthalt muss ich akzeptieren, solange sie noch mental fit ist und ich sehe, dass es ihre wirkliche Entscheidung ist (für spätere Situationen gibt es eine Patientenverfügung, die ich zu respektieren habe).

    Das ist der sachliche Teil. Der tiefere Anteil, der psychische, ist für mich irgendwie schwieriger zu greifen. Ich habe da aber auch schon ein paar gute Anregungen bekommen, die ich umsetzen oder beantworten will. Was nicht einfach ist, das gebe ich zu. Unser Verhältnis war zwar nie schwierig, ausser in Pubertätszeiten, aber immer leicht distanziert. Meine Mutter baut schnell Barrieren auf, um keine Gefühle zeigen zu müssen.

    - Warum habe ich Angst, ihre Entscheidungen zu akzeptieren?
    - Würde ich für mich nicht das Gleiche erwarten?
    - Warum habe ich Angst, dem möglichen Abschied ins Auge zu blicken, den sie mit ihrer Entscheidung für sich ganz allein und zu Recht plant?
    - Ist da irgendwas, was noch gesagt werden muss und was im Hintergrund rumort?
    - Ist es 'einfach' das Kind, das nicht loslassen will?
    - Was kann ich tun (auch wenn es schwer fällt), um die letzte Zeit schön zu gestalten? Nicht übertrieben fürsorglich (meine Mutter würde es hassen, zu sehr betüddelt zu werden, mich womöglich noch trösten zu müssen), aber auf Augenhöhe?
    - Kann ich akzeptieren, dass die Sicht aufs Leben mit 80 anders aussieht als mit Mitte 50?


    Wenn du einen guten Draht zu der Therapeutin hast, würde ich sie ruhig mal anrufen.

    Alles Gute
    “We cannot confront these issues alone, none of us can. But the answer to them lies in a simple concept that is not bound by domestic borders, that isn’t based on ethnicity, power base or even forms of governance. The answer lies in our humanity." Jacinda Ardern, 29.3.19

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  4. Avatar von jofi2
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Ich würde Dir raten, Dich an den Hospizverein zu wenden um um eine Beratung zu bitten.
    Sie werden Dir sagen, welche Möglichkeiten es vor Ort gibt, d
    Deine Mutter in der kommenden Zeit zu begleiten (stationäres Hospiz, ambulante Hospizbegreuung, ambulanter Palliativdienst usw.). Hospizvereine sehen ihre Aufgabe nicht nur in der Begleitung der Sterbenden sondern auch in der Unterstützung der Angehörigen, wenn diese das wünschen.
    Lass Dir doch einfach mal einen Beratungstermin geben, dann siehst Du schon, ob Du mit deren Rat und Angeboten etwas anfangen kannst.

    Um Missverständnissen vorzubeugen:
    Der Hospizverein ist auch dann die richtige Anlaufstelle wenn ihr jetzt schon wisst, dass ein stationäres Hospiz aus welchen Gründen auch immer für Deine Mutter nicht in Frage kommt. Das stationäre Hospiz macht nämlich nur einen kleinen Teil der Arbeit des Vereins aus. Die ambulante hospizliche Betreuung (daheim, im Krankenhaus, im Pflegeheim) ist der weitaus größere Teil.
    Ich red halt auch oft nur so dahin und hoffe, dass ein Gedankengang Schritt hält. Und wenn nicht, hat er halt Pech gehabt, der Gedanke.

    (Gerhard Polt)


  5. Registriert seit
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Wie hier schon gesagt wurde, wenn du einen Hospizverein im Ort hast, wende dich an den, die können wirklich weiter helfen.

    Meine Mutter wollte nach ihrer Diagnose auch keine Chemo, war aber mit allem hilflos und konnte sich nicht so richtig vorstellen, was auf sie zukam. Und ich noch weniger. Erst als wir vom ehrenamtlichen Hospizverein unterstützt wurden, bekamen wir Hilfe, die uns wirklich genützt hat.

    Der Hospizverein hat jede Woche einmal meine Mutter besucht, als sie noch zuhause war, und hat die Palliativversorgung koordiniert. Das war unglaublich hilfreich, da meine Mutter sich von mir nichts hat sagen lassen, keine Medikamente zur Schmerzlinderung nehmen, sowie sich nicht mehr waschen wollte und völlig depressiv wurde.

    Professionelle Hilfe ist in der Situation echt Gold wert.


  6. Registriert seit
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Jehane, ich weiß, es klingt hart, aber ich würde versuchen, die Entscheidung Deiner Mutter zu akzeptieren. Und dann, wie hier vorgeschlagen, Dich Durch Hospizverein u. ä. informieren zu lassen.

    Ich habe beides erlebt (allerdings waren es unterschiedliche Lymphom-Formen) - bei meinem Vater, Lymphom erkannt durch Lungenmetastasen, ähnlich Deiner Mutter, es wurde Chemo gegeben - er ist trotzdem (obwohl damals erst 68 und in sehr gutem körperlichen Zustand) ein halbes Jahr nach der Diagnose verstorben. Ich wohnte nicht vor Ort, habe die Auswirkungen der Chemo nicht mitbekommen - aber diese Hoffnung, die da durch die Chemo und die Ärzte geschürt wurde, so dass wir dachten, er hat noch ein paar Jahre - im Endeffekt wäre die Entscheidung "wir machen nichts, und ich verabschiede mich noch in Ruhe von allen, weil ich weiß, dass es zu Ende geht", vielleicht besser gewesen.

    Bei meinem Schwiegervater, der eine Lymphom-Form hatte, die auch unter "Altersleukämie" im Volksmund bekannt ist, hat er alle Behandlung verweitert und nach der Diagnose noch 6 Jahre gelebt (dann war er 84), fünfeinhalb Jahre davon gut und beschwerdefrei, am Ende wurde er etwas schwächer. Nach Aussagen des Arztes wäre auch das letzte halbe Jahr mit Chemo nicht besser gelaufen, er hätte vielleicht in einem Zustand, in dem er selbst nicht sein wollte, länger gelebt.

    Die Dame vom Palliativdienst sagte, dass die Ärzte halt alles anbieten (müssen), aber oft läuft es darauf hinaus, dass der Patient vielleicht noch 3 Monate damit gewinnen würde. Bei einem jungen Patienten, mit Kindern etc. ist natürlich jeder Monat kostbar - aber ich finde, mit 80 hat man auch des Recht zu entscheiden, dass man eben lieber auf die Chemo und die Nebenwirkungen verzichtet und dafür ein paar Monate eher abtritt - wenn überhaupt, so klar ist das oft gar nicht.

    Ich wünsche Dir viel Kraft, Tigerente

  7. Moderation
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Jehane, ruf deine Therapeutin an. Und, Auskotzen bei Leuten, die der Situation weniger nahe stehen als du ist auch gut. Nach innen, in Richtung der Betroffenen, sollte Unterstützung fließen, nach außen, zu weniger Betroffenen, kann man "abladen". Du machst das richtig.

    Man kann eigentlich nicht "damit umgehen". Man kann nichts ändern, man kann nichts besser machen, man kann nur aushalten und nach innen, an deine Mutter und deinen Vater, an Unterstützung geben, was man kann und was willkommen ist. Das ist nicht leicht und das wird nicht leicht. Es ist gut, dann Leute zu haben, bei denen du abladen kannst und die dir geben können, was dir willkommen ist: Ein offenes Ohr, ein Tempotuch, ihre Gegenwart, vielleicht praktische Unterstützung, wenn dir alles zuviel wird, oder was du eben brauchst.
    ** Moderatorin in Sparforum, Freundschaftsforum, und "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

  8. gesperrt
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    onko psychologen helfen den patienten und den angehörigen, sollte in der klinik als ansprechpartner vorhanden sein.
    die sind spezialisierter.

  9. Avatar von bazeba
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Liebe TE,

    ich weiß aus eigener Erfahrung wie schwierig das ist, aber bitte bedenke: Ein Monat/ein paar Monate länger leben - ja, aber um welchen Preis?

    Die letzten Wochen/Monate sollen möglichst lebenswert sein für den Patienten, ein paar unter Nebenwirkungen/Schmerzen herausgeschundene Monate/Wochen/Tage - sind die all das Leid wert?

    Die Autonomie eines Patienten/einer Patientin ist für mich ganz wichtig, so konnte ich es auch gut nehmen, als meine Mutter die Chemo eingestellt hat.

    So weit ich weiß wirken auch die starken Schmerzmedikamente schlussendlich eher lebensverkürzend, aber würden wir als Krebspatient mit starken Schmerzen auf die Schmerzmedikation deshalb verzichten wollen?? Eher nicht, oder?

    En schwieriger Prozess, ich wünsche dir und deiner Mutter alles Gute!
    Never be afraid, never.

  10. Avatar von Spadina
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    AW: Mutter hat Krebs und bricht Behandlung ab

    Mein Vater bekam mit 70 Nierenkrebs, der Tumor war mandarinengroß, Zellen sehr aggressiv. Er verweigerte die Chemotherapie. Lasst mich in Würde sterben, nicht noch mit Glatze und kotzend, war sein Spruch.

    Heute ist dieser Mann 92 und hat auch eine Altersleukämie, einen Hb von nur knapp 6, er verweigert jegliche lebensverlängernde Maßnahme. Geistig völlig klar.

    Jeder hat das Recht, sein Leben so zu leben und somit auch zu sterben, wie es ihm beliebt.

    Das mußte ich auch erst einmal lernen, aber selbst die Ärzte haben großes Verständnis für seine Aussage.

    Akzeptanz. Das Leben ist endlich. Je eher ich begreife und mithelfe, die letzten Tage würdig zu gestalten, desto besser. Hilfe hat seine Grenzen.

    Meine im letzten Jahr verstorbene Freundin hatte Pacreaskrebs. Ihr ging es nicht gut, nach der 1. Chemo ging es ihr noch schlechter. Sie brach die Chemo ab, auch mit den Worten, warum soll ich mich noch mehr quälen, als ich es ohnehin tue?

    Sie lebte noch fast ein Jahr, die letzten Wochen in einem Hospiz, wo man sie wirklich wunderbar begleitete.

    und sie hat wie gesagt die ersten beiden Einheiten Chemo gut vertragen.
    Ich finde solche Aussagen von einer Person von außen immer sehr bedenklich . Ich lese daraus. och, wenn du nur willst, ist ja nicht so schlimm und sowieso... Kneif die A..backen einfach zusammen und dann lebst du noch ... wie lange eigentlich? Woher stammt die Erkenntnis, dies sei wirklich so?

    Ich kenne einige Fälle, wo man aus ärztlicher Sicht quasi versprach, man würde wahrscheinlich wenige Jahre länger leben, aber die Quälerei endete schon wenige Wochen später genau während dieser Chemos....

    Ich sehe gerade bei einer Freundin, die letzte Woche eine Chemo begonnen hat, wie sie tapfer meint, das könne man durchstehen. Aber sie hat Tränen dabei in den Augen und um Schmerzen und Übelkeit zu unterdrücken, nimmt sie noch einen Berg anderer Medikamente. Man redet ihr auch ein, sie vertrage das ja bislang sehr gut....


    Jeder muß für sich entscheiden, wie er im Falle von Krankheit reagieren möchte.
    Hospizberatung ist sehr sinnvoll, auch um zu lernen, zu akzeptieren, mitzufühlen, mit eigenen Gefühlen besser umzugehen.
    Mein Himmel bleibt magisch, wie meine Träume, meine Bilder, mein Leben....
    Ich bin die, die ich bin.

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