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  1. Inaktiver User

    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Wäre es nicht besser, seinem Bewegungsdrang mehr entgegenzukommen? Man könnte ihm jemanden organisieren, der mit ihm spazieren geht oder einen Hometrainer, ein Laufband, eine Sportgruppe.


  2. Registriert seit
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von peka62 Beitrag anzeigen
    Eins weiß ich aber sicher: er will sicher nicht fixiert werden. Er war immer ein Mensch mit hohem Bewegungsdrang an der frischen Luft, Gartenarbeit, Radfahren, Schwimmen, Wandern. Besprechen kann man es jetzt aufgrund seiner Demenz nicht mehr mit ihm, er spricht nur noch selten verständliche Worte, ob er irgendwen (außer vielleicht seiner Frau) erkennt, ist fraglich.

    Ich habe jetzt noch nicht mit der Pflegedienstleitung gesprochen, suche noch Argumente. Ich habe mich belesen, laut Studien wird die Sturzgefährdung durch Fixierung nicht reduziert (natürlich schon während der Fixierung, aber niemand kann 24 h fixiert werden). Außendem ist es ein Eingriff in die grundrechte, der allein durch Sturzgefährdung nicht gerechtfertigt ist.
    Meines Erachtens liegst du mit deiner Einschätzung (keine Fixierung) vollkommen richtig. Kennst du schon folgende Websites?

    Wie kann ich FEM vermeiden? | Ein Angebot des ZQP

    Leitlinie FEM | Mehr Freiheit wagen!

    Mit denen dort verfügbaren Informationen kannst du deine Argumentation untermauern. Es gibt dort übrigens auch eine spezielle Broschüre für Pflegende:

    http://www.leitlinie-fem.de/download...de_2014_RZ.pdf

    Man muß sich allerdings auch bewußt sein, dass ständige Unruhe kombiniert mit Sturzgefahr eine extreme Herausforderung für die Pflegekräfte (und auch für die Mitbewohner) bedeutet. Viele Pflegekräfte leiden geradezu selbst mit und machen sich Vorwürfe, wenn sie Bewohner stürzen und sich verletzen sehen. Und natürlich ist es Aufregung und Mehrarbeit, ganz auf die Schnelle Verband, Arzt, Krankenhaus etc. zu organisieren. Was nun keinesfalls den Griff zu FEM rechtfertigen soll. Man sollte es aber im Hinterkopf behalten. Pflegekräfte sind nunmal auch Menschen. Noch dazu Menschen, die unter extrem schwierigen Bedingungen, Stichwort Pflegenotstand, einen sehr anspruchsvollen Job machen.

    Zitat Zitat von peka62 Beitrag anzeigen
    Für mich gehört ein Sturz zum allgemeinen Lebensrisiko. Und, so hart es sich anhört, mir ist lieber, mein Vater stirbt an den Folgen eines Schädelhirntraumas als dass er möglicherweise jahrelang fixiert wird.

    Hat jemand Erfahrung, aus persönlicher Betroffenheit oder beruflich ?
    Mit meinem Vater gab es zeitweise ähnliche Probleme. Allerdings nicht so ausgeprägt wie bei deinem. Mit ihm konnte man auch durchaus noch kommunizieren. Er wollte jedoch, wenn er seine Autonomie bedroht sah (was eher am Parkinson als an den Pflegekräften lag), oft nicht kommunizieren (seufz).

    Bei uns war es wichtig, dass ich dem Pflegeteam immer wieder sehr klar gesagt habe, dass wir als Familie, ganz ähnlich wie du es auch schreibst, lieber Stürze als freiheitsentziehende Maßnahmen in Kauf nehmen. Dass sie von uns als Familie im Verletzungsfall absolut keine Vorwürfe befürchten müssen. Denn Angehörige, die höchstens einmal im Jahr zu Besuch kommen, aber beim kleinsten Sturz noch am gleichen Tag mit Anwalt, Gericht und Schadensersatzforderungen auf der Matte stehen, gibt es wohl auch des Öfteren.

    Ich habe dem Pflegeteam auch von unseren Erfahrungen mit kurzfristigen Fixierungen bei Papa erzählt. Im Krankenhaus, Delir nach Operation, da wurden (ungefragt, und sogar noch gegen meinen expliziten Einspruch als Vorsorgevollmacht-Nehmerin, grrr ...) auch die Bettgitter hochgezogen. Ganz besonders davon, dass ich dort mehrfach beobachtet hatte, dass Gitter bei Papas Autonomiedrang die Gefahr wirklich erhöhen. Weil er, sobald er einen Rappel kriegte, tatsächlich versuchte, drüber zu klettern (und so auch einmal, wenn ich da nicht gerade gekommen wäre, wirklich haarscharf vor einem Sturz kopfüber war).

    Ansonsten kann man, falls euch das irgendwie möglich ist, über entlastende Alternativangebote für alle Beteiligten nachdenken. Gäbe es evt. die Möglichkeit, Physiotherapie für deinen Vater verschreiben zu lassen, damit er seinen Bewegungsdrang in gesicherterem Rahmen ausleben kann und evt. wieder stabiler auf den Beinen wird? Könnten Familienmitglieder oder sonstige privat bezahlte Kräfte öfter in's Heim kommen und mit ihm Sitzrad fahren, über die Gänge oder durch den Garten gehn? Sowas hätte auch Vorbildfunktion für die Pflegenden, sie würden sehen: Diese Familie meint es ernst, wenn sie sagt, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen (denn als Familienmitglied und auch als Physio kann man einen hinpurzelnden Senior ja doch nicht komplett halten).

    Manche Medikamente "zur Ruhigstellung" können übrigens auch paradox wirken. Gerade wenn Wechselwirkungen zwischen mehreren Präparaten, oder zwischen Präparat und Krankheitsbild dazukommen. Wir hatten das mal mit einem Neuroleptikum, das Papa nicht etwa, wie vom Doc beabsichtigt, ruhiger werden, sondern so richtig abdrehen ließ. Wurde bei den Medikamenten neulich irgendwas geändert? Evt. auch mal die Beipackzettel aller Medikamente (nicht nur der Psychopharmaka) durchforsten. Und noch mal mit dem behandelnden Neurologen sprechen. Oder evt. eine Zweitmeinung einzuholen. Weniger (Pillen) ist gerade bei Senioren im Bereich Medikamente nämlich oft mehr (gewünschte, gezielte Wirkung).

    Und ganz wichtig halt wirklich der Hinweis von @merav: Nachts das Bett ganz runter, eine Seite an die Wand, an der anderen Seite Fallschutzmatte (oder alte Matratze) davor legen.

  3. Avatar von WhiteTara
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Ich bin eigentlich gerade etwas erschöpft im Feierabend angekommen, bei dem Thema rüttelt es mich wieder auf und ich muss nun doch noch dazu schreiben:

    Mir sträubt sich alles, wenn ich lese, dass die Mitarbeiter vom Heim verlangen, dass du eine Fixierung im Rollstuhl und im Bett beantragen sollst
    --> Wozu bitte Fixierung im Rollstuhl, wenn der Mensch in der Lage ist zu gehen ????? Wundert mich überhaupt gar nicht, dass der Mann sich mit Händen/Füßen und allen Mitteln, die er noch ausschöpfen kann, dagegen wehrt "festgehalten/eingesperrt" zu werden! Meine klare Meinung als Altenpflegerin mit Gerontopsychiatrie Weiterbildung und Jahren an Berufserfahrung an meinem Arbeitsplatz, speziell für psychisch kranke und demente Senioren --> Ja, es ist oftmals schwierig mit den Dementen, ich raufe mir selbst oft genug die Haare im Job, aber diese Menschen sind nicht verblödet! Sie bekommen viele Alltagsdinge nicht mehr geregelt; aber sie tun nichts - absolut gar nichts, um uns andere zu nerven/uns das Leben schwer zu machen. Sie tun Dinge und verhalten sich so, wie es für sie in der Situation eben gerade Sinn macht. So chaotisch und unsinnig uns das oftmals erscheinen mag, dahinter steckt ein Sinn/ die eigene Logik des Betroffenen....und so lange wir diesen Sinn nicht erkennen, wird es auch schwierig, das Verhalten in andere Bahnen zu lenken. Jeder von uns würde auch auf die Barrikaden gehen, wenn man uns morgens nicht aus dem Haus lässt, wo wir doch zur Arbeit wollen und vor allem auch sagen würden "Wir müssen doch los, der Arbeitgeber erwartet uns doch!" Wir würden alle Hebel in Bewegung setzen, damit wir nicht zu spät zum Job kommen. Und erst recht anderes herum: Wie würden wir reagieren, wenn wir abends nach getaner Arbeit heim wollen und jemand dann mit so fadenscheinigen Argumenten ankommt "Ach, trinken Sie doch noch einen Kaffee! Bleiben Sie hier, es gibt gleich Abendessen! Schön dass sie da sind, wir setzen uns zusammen hin!" --> Neee, da würde jeder von uns klipp und klar sagen "Hey, Sie spinnen ja, lassen Sie mich jetzt gehen !!!!" -> Für die Dementen das jeweilige Verhalten seinen Sinn und so gut wie nichts, kann sie dann davon abbringen, das was sie nun gerade für sinnvoll/logisch/nötig halten zu tun !!!! Wenn man uns, von etwas unbedingt abhalten will, dann werden wir auch irgendwann unwirsch und wenn es nichts nutzt, dann werden auch wir aggressiv gegen den anderen, der uns in die Quere fährt.

    Ich kann nachvollziehen, dass aggressives Verhalten ein Problem darstellt, wenn sich das gegen andere Senioren und auch Mitarbeiter richtet. Und zerstörte Dinge sind auch kein Pappenstil. Dennoch sehe ich in Fixierung keine Lösung --> das macht das Drama nur noch schlimmer! Und es gibt diverse Untersuchungen, dass Fixierungen die Sturzgefahr nicht mindern, sondern Verletzungen sogar noch häufiger auftreten können, weil die fixierten, uneinsichtigen Menschen dann mit allen Mitteln/aller Kraft versuchen, sich zu befreien und dadurch dann sogar mitsamt dem Rollstuhl umkippen oder sich andere Verletzungen zuziehen.
    Es ist übrigens schon unerlaubte Freiheitsentziehung, wenn man lediglich die Bremsen am Rollstuhl für längere Zeit fest zieht, damit jemand nicht allein damit herum rollen kann !!!

    Was ist das für ein Arzt aus der Psychiatrie, der ins Heim kommt? Ist der auf demente Menschen spezialisiert oder betreut der einfach alle psychiatrischen Patienten? Medikamente sind häufig kompliziert bei Demenz, weil manches völlig konträr wirken kann. Sonst ruhig stellende Wirkstoffe scheinen dann erst recht völlig aufzuputschen, anderes wirkt auch in geringer Dosierung so sedierend, dass die Menschen gar nichts mehr machen, auch nicht mehr in der Lage sind selbst zu essen. Das ist immer ein Drahtseilakt von zu viel/zu wenig.
    Wieso sollte man nachts nicht aufstehen und herum laufen, wenn man wach ist ? Mache ich auch manchmal und ich finde das völlig NORMAL

    Ich bin der Meinung, es sollten erstmal alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, deinem Vater überhaupt im Alltag angemessen zu begegnen und ihn auch ernst zu nehmen mit seinem Bewegungsdrang und dem was er - wenn auch seltsames - tut oder auch noch sagt. Demente haben ein sehr gutes Feingespür für ihr Gegenüber: wer Ihnen wohl gesonnen ist/sie ernst nimmt/wem sie vertrauen mögen und sie spüren sofort, wenn der andere nur mit aufgesetzter, falscher Freundlichkeit ankommt - so etwas durchschauen sie intuitiv! Sie kapieren zwar meist nicht mehr was da falsch gespielt wird, können es nicht benennen und nicht sagen "Quatsch, das meinst du doch ganz anders; du flunkerst mich nur an" sondern sie spüren nur " da ist etwas nicht echt/ da ist was komisch" und schwupps ist man verständlich dann misstrauisch/vorsichtig/erstmal gegen alles, was angeboten wird, weil man dem Gegenüber nicht richtig traut. Da scheint mir im Vorfeld leider schon vieles falsch gelaufen zu sein, weshalb sich dein Vater nur noch in der Rolle des Rebellen handlungsfähig fühlt.

    Helfen können
    -passende Angebote, die Bewegungsdrang zu lassen oder eben Bewegung in eine gezielte Richtung lenken

    -wahrnehmen und überhaupt mal heraus finden, was evt neben Bewegungsfreude an sich hinter der vielen Bewegung stecken könnte (manchmal drückt irgendwo der sprichwörtliche Schuh...und den muss man finden! Und sei es nun der echte Schuh, weil zu unbequem und es nicht mehr deutlich gemacht werden kann, dass der Schuh drückt) Da können irgendwelche Schmerzen oder auch Trauer/Verlustangst oder sonst was als Ursache hinter stecken. Es ist nicht einfach, sich selbst zu erleben, wie man immer tüddeliger wird und die Welt um einen herum immer unverständlicher und feindlicher, weil nichts mehr klappen was und sich scheinbar alle gegen einen verschworen haben. Das bringt immensen Stress für die Betroffenen

    -andere Fachleute ins Boot holen/Meinungen+Erfahrungen ausloten; es gibt Fachärzte, die sich speziell nur mit solchen problematischen Demenzpatienten auseinander setzen

    -auch verrückte Ideen spinnen und ausprobieren; erfinderisch sein um etwas zu finden, womit man an den Mann überhaupt im guten Sinne an ihn heran kommt, damit er auch mal wieder schöne Momente erlebt und nicht nur immer "auf der Flucht vor denen sein muss, die ihn einsperren wollen"

    Sturzgefahr -> ja, besteht...besteht erst recht, wenn jemand laufend in Bewegung ist und Gefahrenquellen nicht mehr richtig einschätzen kann
    Ja, Stürze können passieren und ja, wenn es blöd läuft, dann kann das auch schlimme Folgen oder gar den Tod nach sich ziehen --> aber das ist ein normales Lebensrisiko - passieren kann immer etwas! Jeder der Kinder hat, kennt das: man passt auf/ist immer auf der Hut/versucht die Augen überall zu haben und rabauz, obwohl man daneben stand, stürzt das Kind und verletzt sich.
    Können wir nicht gänzlich verhindern, aber wir können Sorge tragen, dass mögliche Sturzfolgen geringer ausfallen: wie schon erwähnte Hüftprotektoren, die so manchen Oberschenkelhalsbruch schon verhinderten. Sturzmatten oder Fallkissen vor dem Bett -> aber bei ansonsten gehfähigen Menschen kann auch das sehr kontraproduktiv wirken: die fallen weniger, wenn sie nachts normal aufstehen können, statt auf so einer Sturzmatte wackelig dann herum staksen und unbedingt drüber wollen und dann anschließen von der Matte auf den Boden stürzen, weil man auf dem Ding ja nicht laufen kann
    Bewegung fördern mit Physiotherapie (ausprobieren, was klappt: der eine Mann ist kooperativer, wenn eine hübsche Lady mal 20 Minuten nur für ihn da ist; ein anderer macht plötzlich alles mit, wenn 2 Kerle kumpelhaft zusammen hocken und der Physiotherapeut ihn auf der Ebene viel mehr zur Kooperation bewegen kann)
    Herausfinden, was an Bewegung passt - Arbeitsdinge wie schwere Wagen schieben/im Garten wirtschaften/mit Werkzeug hantieren oder an frühere Interessen wie Wandern anknüpfen und draußen wirklich mal wieder richtig lange marschieren/ Krafttraining im Sportstudio...
    Stürze vermeiden wir am ehesten, indem wir gut in Bewegung bleiben -> das gilt für jeden, egal ob jung oder alt, dement oder nicht

    Auch die Tücke mit dem Essen oder nicht essen wollen, kenne ich zu genüge und meist ganz banal: Wer nicht isst, dem schmeckt es entweder nicht (Geschmacksempfinden verändert sich im Alter und mit Erkrankungen); man kann es schlicht nicht essen (weil zu harte zum Beißen oder immer alles unter die Zahnprothese rutscht und dann drückt oder man nicht mehr weiß, wie man mit dem Besteck umgeht, durch Medikamente verursachte Trägheit/Appetitlosigkeit oder ähnliches) oder es ist typische Bockigkeit, dass jemand eben genau zu diesem Mittel "Hungerstreik" greift, weil er keinen anderen Weg mehr sieht

    Peka, du kannst mir auch gerne eine private Nachricht schicken...wenn du nicht alles öffentlich hier erzählen/fragen magst.

    Ich vermute einfach aus Erfahrung, dass längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden und dein Vater schlichtweg "unpassend betreut/behandelt wird"...auch wenn die Mitarbeiter/Ärzte nur das tun, was sie für angemessen halten und niemandem etwas Böses wollen, sondern auch nur nach einer besseren Lösung suchen. Es kann leider eine Syssiphosarbeit sein, bis man einen guten Weg gefunden hat -> aber nur weil man den noch nicht fand, heißt es nicht, dass es ihn nicht gäbe

    Rechtschreibfehler dürfen behalten werden...es ist schon spät Fehlende Worte im Satz sind zu entschuldigen
    LG WhiteTara
    Geändert von WhiteTara (09.04.2019 um 00:28 Uhr)


  4. Registriert seit
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von WhiteTara Beitrag anzeigen
    Meine klare Meinung als Altenpflegerin mit Gerontopsychiatrie Weiterbildung und Jahren an Berufserfahrung an meinem Arbeitsplatz, speziell für psychisch kranke und demente Senioren --> Ja, es ist oftmals schwierig mit den Dementen, ich raufe mir selbst oft genug die Haare im Job, aber diese Menschen sind nicht verblödet! Sie bekommen viele Alltagsdinge nicht mehr geregelt; aber sie tun nichts - absolut gar nichts, um uns andere zu nerven/uns das Leben schwer zu machen. [...] Ich kann nachvollziehen, dass aggressives Verhalten ein Problem darstellt, wenn sich das gegen andere Senioren und auch Mitarbeiter richtet. Und zerstörte Dinge sind auch kein Pappenstil. Dennoch sehe ich in Fixierung keine Lösung [...viele, viele sehr gute Vorschläge ...] Ich vermute einfach aus Erfahrung, dass längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden und dein Vater schlichtweg "unpassend betreut/behandelt wird"...auch wenn die Mitarbeiter/Ärzte nur das tun, was sie für angemessen halten und niemandem etwas Böses wollen, sondern auch nur nach einer besseren Lösung suchen.
    Amen. Möge es noch viele, viele Pflegende mehr von deiner Sorte geben!

    Und mögen wir als Gesellschaft endlich die Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen in den Seniorenheimen entscheidend verbessern. Denn dann (ich fürchte nur: wahrscheinlich erst dann) wird es dort auch viele von deiner Sorte geben.

    Es gibt sie ja jetzt schon. Sie rennen sich halt in der Alltagsroutine die Hacken ab. Und gerade von den Guten sind leider viel zu viele bald ausgebrannt. Oder weiterqualifiziert, und dann andernorts tätig.

    Tatsächlich können wir Angehörige aber auch dazu beitragen, die "Guten", die moderner denkenden, qualifizierten Kräfte in den Heimen zu unterstützen. Zum Beispiel indem wir uns gegen FEM / für Alternativen aussprechen. Denn soweit ich sehe gibt es dort oft zwei Fraktionen: Die eine Gruppe kennt FEM noch als sinnvoll. Der anderen Gruppe ist vollkommen bewußt, dass FEM hochproblematisch und eigentlich nicht mehr 'state of the art' ist.
    Geändert von britwi (09.04.2019 um 01:49 Uhr)

  5. Avatar von WhiteTara
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von britwi Beitrag anzeigen
    Amen. Möge es noch viele, viele Pflegende mehr von deiner Sorte geben!
    Wir arbeiten dran und bilden fleißig aus! Nicht nur in der Altenpflege: in meinem Arbeitsbereich sind auch regelmäßig Azubis der Familienpflege und Studenten der Heilpädagogik und Sozialpädagogik, die dann auch vieles von unserer Arbeit speziell für demente Menschen in ihren Bereich mitnehmen können.

    Mein erster Lehrmeister in dem Bereich war allerdings meine eigene Mutter: Ich war gerade mal erst 13Jahre alt als bei ihr Alzheimer diagnostiziert wurde. Und das zu einer Zeit als das Wort in der Allgemeinheit so gut wie unbekannt war, Selbsthilfegruppen für Angehörige oder Tagespflege gab es in der ganzen Region nicht und selbst die meisten Pflegekräfte wurschtelten sich irgendwie mit den Dementen so durch. Unser Haushalt besaß keinen Computer und Internet kannte ich damals auch nicht. --> Das - teils sehr mühsames, manchmal leidvolles und auch überforderndes "Learning by doing", aber wuppten das in der Familie gemeinsam und betreuten und pflegten die Mama ganze 15 Jahre bis zu ihrem Tod zuhause: der ambulante Dienst kam nur zur Beratung vorbei.
    Ich kenne also auch gut die andere, ganz private Seite und Betroffenheit.....auf die Profiseite wechselte ich erst viel viel später.
    So manches wäre damals einfacher und weniger unglücklich verlaufen für uns und vor allem auch unsere Mutter, wenn wir aus den heutigen Hilfeangeboten und dem inzwischen bestehenden Wissens- und Erfahrungsschatz über diese Erkrankung hätten schöpfen können.
    Meine Nerven lagen oft blank als Teenager und junge Erwachsene, aber ich lernte auch etwas sehr Kostbares für meine jetzt tägliche, praktische Arbeit --> das Leben hat dennoch viele schöne Momente, wenn wir das, was noch alles möglich ist in den Fokus rücken und nicht immer nur leidig betonen, was alles nicht mehr geht oder eben quer läuft.

    --> und diese schönen Moment, die pure Lebensfreude sind, sind auch die vielen kleinen Lichtblicke im Arbeitsalltag, der wirklich manchmal arg bestimmt wird davon, dass Personal fehlt (und sei es nur gerade wegen einer Grippewelle oder Ferienzeit) und man laufend den Spagat übt, zwischen Vorgaben/Anforderungen und individuellen Wünschen/Bedürfnissen der Menschen. Ich hätte meinen Job sicher auch schon längst hin geschmissen, wenn es nicht immer wieder diesen Zauber des Moments gäbe, dass wir - Senioren und Mitarbeiter - einfach gemeinsam Leben erleben, zusammen lachen und tolle Sachen machen (wobei "toll" dann auch mal sein kann, die Badezimmerkacheln mit Prothesenzahncreme gemeinsam zu beschmieren )
    Gerade bei Demenz, muss man lernen, nicht in den üblichen Kategorieren von gut/sinnvoll/logisch/ordentlich etc. zu denken und sich als Nichtbetroffener auf eine ganz andere Welt einlassen. Dann klappt vieles stressfreier

    Bei uns im Wohnheim, wo ganz unterschiedliche Senioren leben, gibt es auch immer wieder Angebote für Senioren mit Demenz+Angehörige+Mitarbeiter, um angeleitet von jemand geübten genau dieses "lebendige, freudige Leben" gemeinsam wieder zu entdecken.

    britwi - Weiterbildungsmöglichkeiten sind gegeben, selbst in der Ausbildung bekommen die Anfänger schon so manches standardmäßig mit auf den Weg. Ich fürchte es hakt dann an der Stelle, das neue "gelernte" auch wirklich in der Praxis umsetzen zu können. Es fällt immer sehr schwer, den gewohnten Trott zu verlassen und Neues konsequent um zu setzen...erst recht, wenn vor Ort womöglich die Rahmenbedingungen nicht so geeignet erscheinen wie in der Theorie oder einem die möglichen Mitstreiter fehlen. Mein Team stößt da auch immer wieder an Grenzen, wo wir dann Chaos und Stress haben, hinterher aber denken "menno, das hätte es nicht gebraucht, das wäre auch besser gegangen" und prompt rappelt man beim nächsten Mal wieder in die gleiche Tücke voll rein
    Wie sagt man so schön: Hinfallen ? Macht nichts, aufstehen, Krönchen richten, weiter geht es! --> So ist das in meinem Job auch oft: Läuft was quer? Kann passieren, noch mal anders anfangen oder weiter machen -> nicht aufgeben, das wird schon noch!
    LG WhiteTara

  6. Avatar von WhiteTara
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von britwi Beitrag anzeigen

    Tatsächlich können wir Angehörige aber auch dazu beitragen...
    Wir Pflegekräfte können auch dazu beitragen, den Angehörigen besser zu zu hören, sie mit ihren Sorgen und Nöten ernst zu nehmen und sie in das Geschehen - egal ob über ambulanten Pflegedienst oder im Heim - geschickter ein zu beziehen. Manche Dramen spielen sich genau da ab: Angehörige möchten A oder sind sich völlig unsicher, was nun überhaupt ginge, Mitarbeiter wünschen sich B, Ärzte sagen C, Therapeuten meinen D, soziale Betreuung hofft auf E, im Internet liest man F, irgendjemand anders erzählt von G.....und was die Betroffenen vielleicht möchten, ist niemanden klar und versuchte auch niemand heraus zu finden, weil jeder seinen eigenen Ansatz/Hintergrund für eine Lösungsmöglichkeit im Kopf hatte
    LG WhiteTara

  7. Avatar von Apprenti
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Wäre es nicht besser, seinem Bewegungsdrang mehr entgegenzukommen?
    Bei meiner dementen Schwiegermutter stand in dem "normalen" Pflegeheim auch eine Fixierung an: wegen Eigen- und Fremdgefährdung.

    Mein Mann und seine Geschwister haben sich dann jedoch entschlossen sie in einem spezial Heim für Demenzkranke unter zu bringen. Dort wurden Wege so angelegt, dass die Patienten stundenlang (wenn sie es wünschen) in einer 8 laufen können. Du kannst ja mal nach Pro 8 googlen. Und die Heime sind auch geschlossen (ich hoffe, das fällt nicht unter Werbung).
    Apprenti

  8. Avatar von WhiteTara
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von Apprenti Beitrag anzeigen
    Du kannst ja mal nach Pro 8 googlen. Und die Heime sind auch geschlossen (ich hoffe, das fällt nicht unter Werbung).
    Jeder Tipp kann helfen und so lange du keine direkten Links einstellst, ist das auch erlaubt.

    In unserem Neubau hat der Demenz-Wohnbereich auch so eine endlos-Spaziermöglichkeit; eine geschlossene Abteilung ist es aber nicht
    Es gibt leider auch krasse Situationen, wo Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung nötig wird, weil für den Moment gar nichts anderes machbar ist. In unserem Wohnheim war das bei unzähligen Senioren in nun bald 17 Jahren aber nur bei genau 2 Menschen der Fall! Was mich auch immer wieder in dem Idealismus bestärkt "Es muss doch auch ohne Einsperren/Fixierung gehen, wenn wir nur den richtigen Weg finden"
    Mein aktueller Arbeitsplatz im EG und alltägliche Wege der Senioren von ihrem Zimmer zum gemeinsamen Aufenthaltsraum mit den Tagesgästen (von Mo-Fr), wo dann auch die Mahlzeiten eingenommen werden, führen immer auch am Eingangsbereich und somit dem Weg nach draußen vorbei. Selbst Senioren, die schon mit fortgeschrittener Demenz bei uns eingezogen sind, hatten sehr schnell allein durch Beobachtung heraus, dass sich die Tür mit einem Schalter an der Wand öffnen lässt. Sie sind auch höchst geschickt im Verschwinden: sitzen einfach auf dem Sofa beim Aquarium, beobachten, plaudern mit anderen und passen dann genau den Moment ab, wo kein einziger Mitarbeiter in Sichtweite ist und von draußen jemand ins Haus kommt und dann huschen sie mit einem freundlichen "Guten Tag" am Besucher vorbei hinaus Niemand kommt auf die Idee, den Menschen, der bei Schietwetter ordentlich mit Jacke bekleidet ist und auch noch so freundlich grüßt am Weggehen zu hindern, weil jeder denkt -> der will sich mal die Beine vertreten oder schnell etwas einkaufen-> ist doch toll, wenn die Senioren noch selbständig sind!
    Wir Mitarbeiter haben dann zwar den Zinnober, entscheiden zu müssen, ob wir jemanden dennoch einfach laufen lassen (auch Demente machen tatsächlich manchmal wirklich nur einen Spaziergang bis zur Straßenecke und kommen allein wieder zurück!) oder ob jemand schnell hinterher sausen kann (dass man gemeinsam spaziert und dann sanft zurück dirigiert). Wir müssen entscheiden, wie lange wir warten, wenn jemand nicht allein zurück kommt oder wir auch mal gar nicht mit bekamen, dass jemand entwischte und man nicht mal weiß, wie lange derjenige dann schon fort ist; wann wir Angehörige informieren oder es nun doch an der Zeit wäre die Polizei um Hilfe zu bitten --> je öfter man so etwas erlebt, desto gelassener und entspannter wird man auch als Mitarbeiter Toi Toi Toi unsere Ausreißer hatten bisher immer einen sehr wachsamen Schutzengel dabei und vielfach sind die Menschen auch auf altbekannten Wegen unterwegs - zur alten Wohnung, zu den Kindern, zum Friedhof die Gräber pflegen oder in die Kirche ; so dass der mögliche Suchradius eingegrenzt werden kann.
    Wenn es kurios läuft, kennen auch alle Mitarbeiter der Polizeiwache Süd bereits unsere Pappenheimer, weil wir öfter mal um Hilfe bitten müssen. Es kann schon mal peinlich werden, wenn man jede Woche 3-4 mal oder gar 2x am Tag Senioren mit der Polizei suchen lassen muss -> das war bisher aber kein Grund, diese in eine geschlossene Abteilung zu verdammen. Auch da zeigt die Erfahrung --> meist ist das nur eine begrenzte Phase und legt sich manchmal schneller als man ahnt.
    Die Senioren kommen jedenfalls immer ganz entspannt und irgendwie glücklich von ihren Allein-Ausflügen zurück. Und sind auch immer sehr freundlich zu den Polizisten, die sie heim brachten, bieten gerne noch Kaffee an. Auch unbeteiligte Passanten oder Bewohner des Stadtteils sind mittlerweile viel aufgeschlossener und handlungssicherer, wenn "komische Senioren" auffallen - man versucht sich zu kümmern; einige bringen die Verwirrten persönlich zurück ins Heim, andere rufen die Polizei. Die Tücken der Demenz sind immer mehr allgemein bekannt und dann trauen sich auch Fremde, überhaupt irgendwie zu helfen statt weg zu schauen.

    Wir können so gut es geht Vorsorge treffen, wenn jemand ungewollt allein unterwegs ist:
    Ortungsarmbänder (bisher bei uns noch nicht im Einsatz, aber in vielen Fällen garantiert hilfreich)
    Fotokopie von Ausweis in Geldbörse/jeder Jackentasche/Handtasche oder was der Mensch gewöhnlich mit nimmt, wenn er raus geht
    Name und Telefonnummer auf Gehstöcken und Rollatoren/Name und Heim im Mantelkragen
    Sich die Zeit nehmen, auch oft gemeinsam spazieren zu gehen, damit wir wissen, in welche Richtungen die Menschen intuitiv laufen wollen; die Plätze kennen, wo sie gerne verweilen oder etwas irgendetwas für sie interessant ist
    Kontakte sammeln, damit im Heim und bei Angehörigen die Telefonnummern von früheren Nachbarn/der Bäckerei/altem Arbeitsplatz oder anderen Hinwendungsorten bekannt sind
    in eigener Sache Öffentlichkeitsarbeit im Stadtteil rund ums Heim betreiben, damit evt Supermärkte/Cafés/Restaurants/Marktbeschicker wissen, wen sie außer Polizei anrufen können, wenn ihnen jemand Verwirrtes auffällt; denn oftmals wird man ja in naher Umgebung vom Heim(oder der eigenen Wohnung, wenn die Menschen noch zuhause leben) aufmerksam auf ungewöhnliches Verhalten.
    LG WhiteTara

  9. Avatar von fritzi72
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Dem Heim kannst Du auch entgegenhalten, dass gar nicht wahrscheinlich ist, dass das Betreuungsgericht die Fixierung anordnen würde, hier ist mal ein Link, in dem die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erläutert wird, letzter Absatz bezieht sich auf Alten- und Pflegeheime.

    Diese ist nämlich das sog. letzte Mittel bei akuter Gefahr.
    Wenn eine Notsituation eintritt, in der ad hoc eine Fixierung notwendig werden sollte, kann sich das Heim in dieser Situation selbst an das Betreuungsgericht wenden. Das schon quasi als Präventivmassnahme nur mal so auf Dich abzuwälzen, empfinde ich als sehr unfair.
    Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich an die Ankunftshalle in Heathrow. Es wird immer behauptet, wir leben in einer Welt von Hass und Habgier, aber das stimmt nicht. Mir scheint wir sind überall von Liebe umgeben. Oft ist sie weder besonders glanzvoll noch spektakulär, aber sie ist da. Väter&Söhne, Mütter&Töchter, Ehepaare, Verliebte, alte Freunde.
    Ich glaube, wer darauf achtet, wird feststellen können, dass Liebe tatsächlich überall zu finden ist

    Intro "Tatsächlich Liebe"

  10. Avatar von WhiteTara
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    AW: Freiheitsentziehende Maßnahmen bei Demenz ?

    Zitat Zitat von fritzi72 Beitrag anzeigen
    Das schon quasi als Präventivmassnahme nur mal so auf Dich abzuwälzen, empfinde ich als sehr unfair.
    Ist ja sowieso nichtallein pekas Entscheidung...es werden ja auch Heim-Mitarbeiter, Ärzte gehört und jemand von Gericht macht sich vor Ort selbst ein Bild. Es wird ein wenig so hingestellt wie "Kümmern Sie sich mal darum, damit hier im Heim endlich Ruhe ist"
    Du hast völlig Recht fritzi, es ist kein guter Weg, die Verantwortung einfach peka in die Schuhe schieben zu wollen
    LG WhiteTara

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