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    Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Hallo, ich muss mal hier meine Gedanken sortieren (ist gerade ein Thema, das die Familie umtreibt, und evtl. helfen Erfahrungen von außen bei der Entscheidungsfindung).
    Ich kenne es aus meinem Umfeld eher so, dass Menschen sich oft zu spät Gedanken um ihre letzten Jahre machen und dann alles hopplahopp gehen muss, Pflege sehr plötzlich organisiert werden muss u. ä.

    Nun ist es bei uns so, dass meine Schwiegermutter, 81, bis auf übliche altersbedingte Gebrechen fit wie ein Turnschuh (bewegt sich praktisch nur per Fahrrad, was aber ihrer kaputten Hüfte geschuldet ist, das geht besser als laufen), gerade über eine Veränderung nachdenkt. Sie ist erst vor zwei Jahren mit ihrem Mann aus einer Wohnung im 3. Stock ohne Fahrstuhl in eine seniorengerechte Wohnung in einer Altenwohnanlage gezogen. Eine wirklich schöne Wohnung. Im Laufe des letzten halben Jahres ist dann ihr Mann aufgrund einer Erkrankung pflegebedürftig geworden (die Pflege wurde über Pflegedienst und Einsätze der Familie organisiert, was aber nur ging, da das alles zeitlich absehbar war) und vor nun gut 2 Monaten verstorben.
    Meine Schwiegermutter hat in den letzten beiden Jahren in der Hausgemeinschaft Kontakte geknüpft, ist dort aktiv und ansonsten fast jeden Tag in irgendeiner Sache unterwegs - ehrenamtliche Tätigkeit, Kirchenchor, diverse Kartenspielrunden etc. Keinerlei Anzeichen Richtung Demenz, am problematischsten sind ihre Einschränkungen bei Sehen und Hören.
    Nun redet sie seit dem Tod ihres Mannes ständig davon, dass sie sich in der großen Wohnung (2 Zimmer, Küche, Bad) so einsam fühle und gerne in ein Altersheim umziehen würde. Das, was sie sich ausgeguckt hat, ist aber ein reines Pflegeheim. Sie hat überhaupt keine Pflegestufe - vielleicht könnte man Stufe 1 rausholen, wenn man die körperlichen Gebrechen etwas dramatisiert. Sie scheint auf soziale Kontakte zu hoffen - dabei hat sie mehr davon, als 95% ihrer Altersgenossinnen, würde ich sagen. Ihr scheint nicht klar zu sein, dass viele Mitbewohner entweder körperlich sehr gebrechlich sind oder dement.
    Von den Kosten her wäre es so, dass es bei einer Pflegestufe mit der Rente gerade so reichen würde, aber dann bliebe kein Geld mehr, um mal eben die Tochter mit dem Zug in 400 km Entfernung zu besuchen. Die erwachsenen Enkel, die oft und gerne zu Besuch kommen, könnten nicht mehr bei ihr übernachten.
    Wir fürchten, sie redet sich das schön - und wenn sie die jetzige Wohnung erstmal aufgegeben hat, gibt es kein Zurück. Mal ganz abgesehen davon, dass die Familie ohne Not nach den Anstrengungen der letzten beiden Jahre mit Umzug und Pflege ihres Mannes nicht schon wieder den nächsten Kraftakt angehen möchte.
    Meine Schwiegermutter ist generell ein sehr aktionistischer Typ, insofern fürchten wir, dass dieser Plan eher was von "Flucht aus der Trauer" hat - sie steckt ja immer noch mitten in der Trauerphase, und sie hat in ihrem ganzen Leben noch nie alleine gelebt (vom Wohnen zu Hause oder im Schwesternwohnheim direkt in die Ehe), natürlich ist das eine unglaubliche Veränderung.

    Aktuell ist sie aber nach einer Grippe so geschwächt, dass sie wirklich Panik vorm Alleinwohnen hat. Sie hat nette Nachbarn, die nach ihr sehen, wir wohnen 10 min. Fußweg entfernt und kümmern uns auch (sind aber eben auch beide berufstätig und haben Kinder), aber ihr geht es nicht gut, fürchte ich, gerade auch seelisch (weil sie ja eben auch wegen der Grippenachwirkungen ihren üblichen Aktivitäten nicht nachgehen kann).

    Was tun? Hausarzt bitten, eine Reha zu beantragen (stünde ihr nach Pflege des krebskranken Ehemannes und überstandener Grippe vermutlich zu)? Versuchen, einen Kurzzeitpflegeplatz im besagten Pflegeheim zu bekommen, damit sie die Einrichtung mal von innen erlebt und besser entscheiden kann, ob sie so schon leben will? Oder freuen, dass sie sich selbst schon jetzt um einen Heimplatz kümmern will und das unterstützen? Bin gerade etwas ratlos. Ich glaube nicht, dass sie da zum jetzigen Zeitpunkt glücklich wäre - ich glaube wirklich, sie versucht nur, die Trauer nicht aushalten zu müssen (sie war schon immer ein Mensch, der negative Gefühle weggedrückt oder verleugnet hat).
    Mein Mann und ich neigen dazu, dass mein Mann mit ihr dort mal ein Gespräch führt und sie auf die Warteliste setzen lässt und klärt, wie dann weiter verfahren wird, wenn man dann bei freiem Platz doch erstmal noch mal absagt, ob man auf der Warteliste bleiben kann.

    Bin gespannt, was Ihr so schreibt.

    Viele Grüße, Tigerente

    Soll man

  2. Moderation Avatar von Promethea71
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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Ich halte die Idee einer Kur oder einer Kurzzeitpflege für gut.
    Oder auch, wenn keine Kur bewilligt wird, die eines vielleicht dreiwöchigen Urlaubs in einem netten Hotel/Pension im Idealfall mit Anschlussmöglichkeit. Ich weiß eine über neunzigjährige Freundin von mir hatte so etwas über die Caritas letztes Jahr.


    Ich denke es könnte ihr gut tun mal rauszukommen.


    Ein Bekannter von mir hat letztes Jahr gesagt, im Jahr nach einer Trennung oder einem Todesfall sollte man keine lebensverändernden Entscheidungen treffen, die nicht wirklich notwendig sind, weil man da oft noch nicht klar denken kann. Ich denke da ist etwas dran.
    Und das Altersheim läuft ihr ja nicht weg - gute haben allerdings lange Wartelisten.



    Wisst ihr warum sie sich für DIESES Heim entscheiden will?
    Es gibt ja durchaus Altersheime, die eben keine Pflegestufe brauchen, und dem durchaus rüstige alte Menschen wohnen, die einfach weniger tägliche Arbeit haben wollen und mehr Kontakte.
    Letztlich habe ich dazu auch ein sehr interessantes Interview mit der Schauspielerin Jutta Kammann gesehen, die schon recht jung in eine Seniorenresidenz gezogen ist und sich da ausgesprochen wohlfühlt.

    Die Frage ist, ob deine Schwiegermutter sich das leisten kann.
    Man muss nicht über jedes Stöckchen springen ... jedenfalls nicht jeder.
    Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.

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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Zitat Zitat von Promethea71 Beitrag anzeigen
    Wisst ihr warum sie sich für DIESES Heim entscheiden will?
    Es gibt ja durchaus Altersheime, die eben keine Pflegestufe brauchen, und dem durchaus rüstige alte Menschen wohnen, die einfach weniger tägliche Arbeit haben wollen und mehr Kontakte.
    Letztlich habe ich dazu auch ein sehr interessantes Interview mit der Schauspielerin Jutta Kammann gesehen, die schon recht jung in eine Seniorenresidenz gezogen ist und sich da ausgesprochen wohlfühlt.

    Die Frage ist, ob deine Schwiegermutter sich das leisten kann.
    Dieses Heim ist sehr schön und man hört auch über die Qualität nur Gutes. Noch dazu ist es sehr günstig gelegen (ähnlich nah wie die jetzige Wohnung an ihrer alten Wohnung, wo sie 45 Jahre gelebt hat, also mitten im Stadtteil, und nur wenig weiter weg von uns). Irgendwie hat sie sich dieses Heim in den Kopf gesetzt, und das verstehe ich auch. Meine Mutter wohnt mehrere 100 km weit weg von uns und könnte sich einen Umzug in unsere Nähe niemals vorstellen. Ich habe aber schon oft gedacht, sollte sie einmal dement werden und sowieso niemanden mehr erkennen, würde ich auf jeden Fall versuchen, in genau diesem Heim einen Platz für sie zu bekommen.

    Seniorenresidenz ist eigentlich nicht finanzierbar. Das Heim wäre komplett durch sie finanzierbar, wenn sie Pflegegrad 2 oder höher hätte, dann blieben von der Rente noch ca. 300 Euro "Taschengeld" pro Monat übrig, eben aufgrund des Beitrags der Pflegekasse. Die hiesigen Seniorenresidenzen sind alle so teuer, dass die Rente vermutlich für die reinen Wohnkosten reichen würde, aber dann bliebe nichts zum Leben und "Vergnügen" über.
    Vermögen ist auch nur in der Größenordnung "Notgroschen" vorhanden, also so, dass sie mal in Urlaub fahren kann, es kein Drama ist, wenn Waschmaschine oder Kühlschrank den Geist aufgeben, ober große Sprünge kann sie damit nicht machen.
    Die jetzige Wohnung hat ja was von "Seniorenresidenz", das sind alles altersgerechte Wohnungen, und die Wohnungsbaugenossenschaft organisiert da durchaus auch gesellige Aktivitäten. Eine Putzfrau hat sie schon (wollte sie nicht, haben wir und die Tochter ihr aber einfach zum Geburtstag geschenkt, indem wir den Minijob unserer Putzhilfe entsprechend aufgestockt haben), der einzige Unterschied zur Seniorenresidenz ist, dass sie sich selbst mit Essen versorgen muss, was sie aber eigentlich auch gerne macht, weil sie dann nach ihren Vorlieben kochen kann. Und sie ist jederzeit herzlich eingeladen, 1-2-mal pro Woche zum Mittagessen hier aufzuschlagen, wenn sie mag.

    Morgen geht sie zum Hausarzt, wegen der Spätfolgen der Grippe, mein Mann geht mit. Ich bespreche nachher nochmal mit ihm, dass er eine Reha oder so mal anspricht. (Ist bei ihr evtl. etwas komplizierter, da über Postbeamtenkrankenkasse privat versichert.)
    Geändert von Tigerente (04.04.2019 um 19:03 Uhr)

  4. Avatar von WhiteTara
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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Ich arbeite in einem Seniorenwohnheim und bei uns leben ganz unterschiedliche Menschen: von richtig schwer Pflegebedürftige über Menschen mit Demenz bis hin zu sehr selbständigen Senioren mit vielen Kontakten außerhalb des Heims.

    Es ziehen immer mal wieder Senioren ein, die genau diese Beweggründe haben wie sie deine Schwiegermutter wohl gerade umtreiben: allein zuhause kommt man sich verloren vor und wenn man wirklich mal ernsthaft krank ist, dann merkt man "Verdammt, das ist nicht gut, wenn man dann allein ist! Und was, wenn es dann mal ganz schnell gehen muss mit einem Heimplatz; dann doch lieber vorher selbst entscheiden!"
    Man gibt im Wohnheim an der Haustür ja nicht seine Eigenständigkeit auf! Man zahlt viel Geld und nutzt den Rundumservice von Reinigung/Verpflegung/Betreuung/Hilfe und hat dadurch in manchen Punkten den Rücken frei und kann die Zeit anders nutzen. Bei uns ist man auch nicht an festgelegte Essenzeiten gebunden - da kann man sich auch spontan abmelden oder sagen "Bitte etwas für später für mich zurück stellen" Wir haben auch die Möglichkeit, dass dann und wann mal selbst gekocht wird; gerade jetzt, weil jemand unterwegs am frischen Spargel vorbei lief und den dann lieber statt Brot am Abend essen möchte.
    Die vielfältigen Aktionsangebote vom Heim kann man nutzen, macher entdeckt da sogar noch neue Interessen, aber man muss sein vorheriges Sozialgefüge nicht beenden. Erst recht nicht wenn das Heim im gleichen Stadtteil ist, wo man sowieso immer unterwegs ist. Bei uns ist auch Besuch sehr gerne gesehen.

    Ich würde vorschlagen, wenn der Dame nun genau dieses eine spezielle Heim vielleicht auch schon länger durch den Kopf schwirrt: Hin gehen, sich das Haus genauer ansehen, Anmeldung für die Warteliste schon mal ausfüllen (wenn ein Zimmer frei wird, könnte man sich immer noch entscheiden, dass jemand anders erstmal den Vorzug bekommt, weil man sich selbst zuhause gerade noch fit fühlt und einen Umzug verschieben kann) und nachfragen, ob es möglich ist, vielleicht gerade in der aktuellen Situation über Kurzzeitpflege das Heim schon mal kennen zu lernen oder generell Probewohnen möglich ist.

    Beim Arzt genau nach zu haken, ob die Kasse aufgrund der Grippenachwehen Kur/Reha oder auch Gesundheits-Wellness-Aufenthalt finanziert/teilfinanziert halte ich für eine sehr gute Idee!
    LG WhiteTara


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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Vielen Dank für Eure Denkanstöße. Eine Reha will sie nicht, wie sich herausgestellt hat, auch wenn der Arzt gesagt hat, sie müsse erstmal zu Kräften kommen und auch den Trauerfall innerlich verarbeiten (was sie komplett wegdrückt). Für beides wäre Hilfe von außen sicher gut, aber die will sie (aktuell noch) nicht.

    Ich denke auch, wie Promethea schreibt, dass man so kurz nach einen Trauerfall auf gar keinen Fall Entscheidungen über eine einschneidende Veränderung treffen sollte, wenn keine Not vorhanden (und die ist ja momentan nicht da). Die ganze Familie ist ja noch damit beschäftigt, sich erstmal zu sortieren.

    Als der Umzug in die jetzige Wohnung anstand, haben wir eben auch gedacht "okay, das ist gut, hier kann sie jetzt bleiben, bis es alleine nicht mehr geht und ein Pflegeheim fällig wird". Aufgrund der Barrierefreiheit der Wohnung und Kooperation mit einem Pflegedienst ließe sich ja eine (kurze) Wartezeit durchaus überbrücken, weil wir ja ganz nah bei wohnen. Aber sich mal konkret auf eine Warteliste setzen zu lassen, ist sicher eine gute Idee.

    Dass sie selbst nicht so recht weiß, was sie will, sieht man ja auch daran, dass sie vor vier Wochen noch zwei neue Möbelstücke gekauft hat für die jetzige Wohnung (kleinere Sachen, aber nichts, was sie in ein Altersheim mitnehmen würde).


  6. Registriert seit
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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Noch ein Nachtrag: ich habe noch ein wenig recherchiert und festgestellt, dass eine gute Seniorenresidenz im Nachbarstadtteil prinzipiell doch finanzierbar wäre - wenn sie eben mit einer 30-qm-1-Zimmerwohung mit Kochnische zufrieden wäre.
    Meine Schwiegermutter kommt mit Geld nicht so gut klar und sprach immer nur davon, das könne sie sich auf keinen Fall leisten dort - ich vermute aber, sie hatte die 2-Zimmerwohnung eines älteren Verwandten dort im Blick und eben auch die Frage, dort zu zweit mit ihrem Mann zu wohnen - das wäre wirklich eng geworden finanziell.
    Größer wären die Zimmer im angepeilten Pflegeheim ja auch nicht - aber deutlich teurer.

    Insofern werden wir sie vermutlich erstmal ermutigen, sich selbst zu sortieren. Nach Gesprächen gestern, folgend auf einen Arztbesuch gemeinsam mit meinem Mann, ist völlig klar, dass sie sich weigert, sich auf irgendeine Art von Trauerprozess einzulassen. Sie hat ihren Mann wirklich geliebt, war fast 50 Jahre verheiratet und reduziert seinen Tod nun auf ein "ich bin ja froh, dass er gestorben ist, weil sein Leiden ein Ende hatte". Dass es völlig normal ist, dass man trotzdem trauert, weil man den Menschen vermisst, mit dem man bis ein halbes Jahr vor seinem Tod ein schönes Leben hatte, will sie nicht hören.

    Man kann ja schon mal sondierende Gespräche in beiden Einrichtungen führen und sich auf eine Warteliste setzen lassen, denn da es gute Einrichtungen sind, sind sie ja auch voll. Das ist dann immer noch eine Überlegung wert, ob sie in der jetzigen geräumigen Wohnung bleibt, bis evtl. wirklich Pflegeheim ansteht, was mit Pflegegrad dann fianzierbar wäre, oder ob sie (für mehr Geld, aber auch mit mehr Service) in eine halb so große Wohnung in der Seniorenresidenz zieht, wenn da was frei wird. Dort ist auch eine hauseigene Pflegestation angeschlossen, und in so Fällen wie jetzt (akute Krankheit) ist eben auch pflegerische Unterstützung in der eigenen Wohnung für max. 14 Tage am Stück im Preis inbegriffen. Bis dahin ist sicher noch Zeit, auf die aktuelle Wohnung haben sie auch fast 2 Jahre gewartet, bis sie einziehen konnten.

  7. Moderation Avatar von Promethea71
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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Das klingt doch gut.

    Und hinsichtlich der Trauer - ich glaube - aus der Beobachtung, dass alte Menschen einen anderen Bezug zu Tod und Trauer haben.
    Meine älteste Freudin hat mit 80 ihren Mann verloren, mit dem sie über 50 Jahre glücklich verheiratet war.
    Er war körperlich eingeschränkt, daher haben sie viele Dinge nicht gemacht.

    Und sie hat immer gesagt "ich habe ihn sehr geliebt, wir hatten eine wundervolle Zeit miteinander, aber ich habe keine Zeit zum Trauern, ich muss das wass ich noch erleben will, JETZT machen. Sie hat ihre Tochter in Australien besucht, sie ist das erste mal in ihrem Leben zu einem Fussballspiel gegangen, sie geht regelmäßig ins Kino, ins Theater, ins Konzert, pflegt alte und neue soziale Kontakte.

    Sie ist inzwischen 99 und immer noch fit - aber das war mit 80 nicht abzusehen, daher finde ich, dass sie alles richtig gemacht hat, damals sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu rücken und niemand anderen.


    Und wenn man über 80 ist, weiß man einfach, dass die Wahrscheinlichkeit des bald eintretenden Todes oder (schlimmer) der Pflegebedürftigkeit höher ist und der Tod gehört mehr schon zum Leben dazu .... und manchmal hatte ich auch den Eindruck, wenn wieder ein Freund oder Bekannter gestorben war, dass die Verbliebenen aufatmeten und dachten "zum Glück noch nicht ich".


    Jeder verarbeitet das anders und der Tod ihres Mannes wird ja nicht so überraschend gekommen sein.
    Meine Oma, die schon mit 60 Witwe geworden ist, hat in gewisser Weise viel mehr getrauert, weil ihr wirklich potentiell gute Zeit mit ihrem Mann genommen wurde, meine 80jährige Freundin weiß, es wäre nur schlimmer, aber nie wieder besser geworden - und konnte die Zeit, die sie jetzt für sich hatte auch wertschätzen als weitere Phase ihres glücklichen Lebens.


    Für jüngere Angehörige ist das oft schwer zu ertragen.
    Am schlimmsten war es als meine (andere und demente) Oma mit 86 sagte, als wir ihr schweren Herzens mitteilten, dass ihr Mann, mit dem sie einige Wochen vorher den 60sten Hochzeitstag gefeiert hatte gestorben ist ... "ach er war ja auch schon alt und sterben müssen wir alle". Da haben meine Mutter und ich schwer geschluckt. Die Erleichterung, dass es meine Oma nicht in eine schwere Krise stürzte kam erst später.
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    AW: Aus einer Mischung aus Aktionismus und Trauer ins Altersheim?

    Zitat Zitat von Promethea71 Beitrag anzeigen
    Und hinsichtlich der Trauer - ich glaube - aus der Beobachtung, dass alte Menschen einen anderen Bezug zu Tod und Trauer haben.
    Das mag sein - aber hier ist der Fall etwas anders gelagert, glaube ich. Hier ist es so, dass sie innerlich sehr trauert, weil sie ihn wirklich sehr vermisst, aber sich das nicht eingestehen will und das mit Aktionismus versucht zu überdecken.

    Zitat Zitat von Promethea71 Beitrag anzeigen
    Jeder verarbeitet das anders und der Tod ihres Mannes wird ja nicht so überraschend gekommen sein.
    Natürlich kam er nicht überraschend - die Krankheit (von der wir wussten, dass sie in 3-10 Jahren zum Tode führen wird) wurde vor 5 oder 6 Jahren diagnostiziert, und so ab ca. einem halben Jahr vor dem Ende war klar, dass das Ende nah ist (uns allen mehr als meinem Schwiegervater - er war glaube ich in seinen letzten Tagen immer noch verdattert, dass es nun wirklich so schnell ging für sein Gefühl). Genau deshalb sagt sie sich (rational): "Ich darf nicht trauern, weil es war ja am Ende gut so, sein Leiden hatte ein Ende, ich war froh, dass er dann starb." Das waren wir alle irgendwie, so schwer, wie die letzten Monate für uns alle und auch für ihn waren. Aber trotzdem vermissen wir ihn ja. Selbst ich, die ihn ja nur ca. 15 Jahre kannte, denke bei irgendwelchen Anlässen an ihn und muss ein Tränchen verdrücken. Und sie vermisst ihn ja nun auch wahnsinnig, das hört man zwischen den Zeilen schon raus.

    Aber gut, das muss sie mit sich selbst abmachen. Wir halten uns jetzt erstmal an die Devise "keine lebensverändernden Entscheidungen so kurz nach einem Todesfall" und eruieren Möglichkeiten und lassen sie auf Wartelisten setzen. Absagen kann man immer noch.

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