Liebe Community,
ich erhoffe mir hier einen Erfahrungsaustausch mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind.
Mein Vater, 86, hat ein kriegstrauma das nie behandelt wurde und ist deshalb psychisch krank.
Er ist zudem eine schwierige Persönlichkeit, eher ein Patriarch und die ganze Familie ist immer nach seiner Pfeife getanzt ( er ist ja krank) einschließlich mir.
Meine Mutter ist aufgrund der vielen Sorgen sehr abgemagert und weint viel, gleichzeitig setzt sie ihm keine Grenzen. Früher nicht und heute nicht.
Ich denke, das sie mitlerweile Anzeichen von Demenz hat. Ich weiß nicht, ob sowas auch durch die schwierige Situation befördert werden kann.
Nun ist bei meinem Vater ein körperliches leiden dazugekommen, er hatte eine OP und muss immer wieder ins KH.
Diese Termine nehme ich mit ihm wahr.
Wir hatten ein sehr schwieriges Verhältnis das sich nun verbessert.
Er ist sehr dankbar dass ich mich kümmere, er ruft oft auch an und erzählt mir dass er wieder einen depressiven Schub hat.
Ein Pflegedienst ist organisiert, ich habe eine Überweisung zum Psychiater ( wegen Medikation) wo er aber nicht hinmöchte.
Es ist ein Kreislauf.
Er jammert und gleichzeitig will er sich nicht behandeln lassen und keine Medikamente nehmen.
Leider äußert sich seine psychische Krankheit in religiöser Richtung.
Meine Großmutter hatte einen religiösen Wahn, mein Bruder war ebenfalls in der Psychiatrie.
Ich kann mich ganz gut abgrenzen, mache mir jedoch Gedanken woher und wie ich Energie bekomme da ich denke, dass das nur der Anfang ist.
Ich wohne 36 km weg, habe eine zehnjährige Tochter und arbeite in einer 4 Tage Woche.
In meiner Beziehung kriselt es seit langem, mein Partner unterstützt mich außer mit der Kinderbetreuung in dieser Situation nicht.
Ich freue mich über Austausch mit Gleichgesinnten oder Tipps wie ich mit dieser Situation gut klarkomme.
Vielen lieben Dank!
Greeneyeredhair
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 30
-
30.07.2017, 20:39
Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
-
30.07.2017, 22:17
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
So langsam regt mich diese Kriegsgeneration auf. Jahrelang kämpfen sie mit ihren Kriegstraumen, bis nichts mehr geht. Behandeln lassen wollen sie sich nicht. Bei meinen Großeltern beiderseits wäre das ein Tabu gewesen, dafür durften dann auch öfter die eigenen Kinder zur "Traumabewältigung" herhalten.
Egal, ob Kinder und Enkel dauerhaft eine große Last und große Schwierigkeiten bei der Versorgung haben. Sie machen weiter wie bisher und akzeptieren keine Veränderung. Jahrzehntelang.
Interessiert deinen Vater deine Situation mit Tochter, Arbeit und Partner?
-
30.07.2017, 23:07
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Hallo killeshandra,
Danke für deine Worte.
Ja, mir geht es ähnlich.
Trotz aller Tragik ist es aus meiner Sicht so, dass die tatsache, dass er sich nicht helfen lässt, selbstgewählt.
Schlimm ist, dass er sich quasi an meiner Mutter abgearbeitet hat- die jedoch aufgrund ihrer Biografie gehst die richtige war.
Im Moment ist er in seiner Situation gegangen und meine interessiert ihn nicht mehr.
Das war bis vor kurzem anders.
Die Tatsache dass er keine Hilfe will und sich bewusst entscheidet zu leiden hilft mir, mich abzugrenzen.
-
01.08.2017, 15:58
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Von mir bekommt diese verlorene Generation mein Mitleid. Gekämpft hat sie auch nie gegen ihre Traumen, "man" kämpfte nicht dagegen. Das war Erziehungssache (die Generation ist sicher noch viel stärker als wir in ihrer Erziehung gefangen, wir stellen heute viel mehr in Frage) und wehe, wenn jemand etwas gesagt hätte. Die Standardantwort war doch: "So wie Dir ging es Millionen von Männern/Frauen, also jammer nicht".
Was meint ihr, warum auch die vergewaltigten Frauen nie darüber gesprochen haben, ihre Söhne und Männer auch nicht. Alle wussten es, es "durfte" nicht darüber gesprochen werden.
Aus dem Korsett kommt man dann sicher nicht ausgerechnet im Alter heraus.
Allerdings fällt mir auch nichts ein, wo die Kinder/Enkel damit eine besondere Last hätten. Ich bin/war Kind einer Generation, die im Krieg gekämpft hat. Meine Kindheit und auch mein späteres Verhältnis zu meinen Eltern hatten darunter nicht zu leiden.
Ich erinnere daran, dass die Behandlung/Betreuung von Kriegsheimkehrern auch heute noch kein Standard ist und vor 10, 20 Jahren für die damals Betroffenen auch nur schleppend anlief.
-
01.08.2017, 18:26
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Hallo Greeneyeredhair ,
ich denke, du machst schon eine ganze Menge. Mit dem Vater Termine wahrnehmen, Pflegedienst organisieren, vielleicht auch noch Papierkram erledigen. Laß dich bitte nicht unterbuttern und setze deine Grenzen. Ich finde deine Familie geht vor.
Warum äußer ich mich so? Ich hatte vor einigen Jahren meine Mutter neben meinem behinderten Sohn gepflegt, weil mein Bruder mit Bandscheibenvorfall hatte. Das hieß mindestens 3x die Woche vormittags bis mittags meine Ma aus dem Bett holen, waschen, anziehen, Frühstück vorbereiten, Haushalt machen. Gut ich habe nicht gearbeitet. Meine Mutter war auch nicht vor Ort, mußte da also hinfahren. Ab Mittag eigener Haushalt, Kinder versorgen, Therapiebesuche meines jüngsten, Hausaufgaben überwachen. Null Zeit gehabt, weil ich manchmal noch abends zu meiner Mutter gefahren war und machte sie bettfein. Irgenwann sagte ich zu meinen Geschwistern, holt euch einen Pflegedienst. Pflege ist ein Energiefresser. Ist es
heute bei mir auch noch. Aber zwei pflegebedürftige, dass ist mehr als eine Hausnummer.
Laß dir nicht alles aufladen. Kümmere dich um dein Kind und bringe die Sache mit deinem Lebenspartner auf die Reihe.
Das ist viel wichtiger.
LG Jedimeisterin
-
01.08.2017, 18:57
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Forthhandaccount, hier hat die TE sehr wohl eine Last zu tragen, weil ihr Vater seine Kriegstraumen nie behandeln ließ. Auch wenn "man" das damals nicht tun konnte und durfte.
Aber seit mindestens den 70er / 80er Jahren setzte ein Umdenken ein.
Vergewaltigungen und andere traumatische Erlebnisse sind schon lange nicht mehr das Tabu, das sie nach dem Krieg waren. Dazwischen liegen bis heute 72 Jahre, seit den 80ern immerhin noch 37 Jahre. Diese Generation hätte also durchaus die Möglichkeit gehabt, sich noch vor dem hohen Alter behandeln zu lassen. Viele haben das abgelehnt, auch schon vor Jahrzehnten. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie, sich diesbezüglich Hilfe zu holen wäre ein Tabu gewesen.
Soll jetzt die TE unter einer solchen Einstellung leiden müssen?
Und ihre Mutter, die vom Vater offenbar tyrannisiert wird? Mit einer Demenz ist sie sicher nicht mehr fähig, sich gegen ihren Mann zu behaupten.Geändert von Killeshandra (01.08.2017 um 19:11 Uhr)
-
01.08.2017, 19:12Inaktiver User
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Wer sagt denn, dass sie das muss? Sie versucht doch, eine für sie passende Balance zwischen Abgrenzung und Fürsorge zu finden.
-
01.08.2017, 19:15
-
01.08.2017, 19:41
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Ich sehe die Last nicht, sie hilft ihrem Vater bei den Terminen. Das macht man ggf. so. Das ist bei alten Eltern oft nicht einfach.
Das Umdenken greift doch gar nicht mehr bei dieser Generation. Ich würde auch nicht von den 70ern oder 80ern reden, wenn die Vergewaltigung der Ehe mal gerade in den 90ern Thema war. Vergewaltigung kein Tabu mehr? Das kann man auch heute noch anders sehen.
Ich versuchte vor zwei, drei Jahren mit einem alten Mann über die Erfahrungen seiner Mutter im Krieg zu sprechen. Da war aber die Hölle los.
-
01.08.2017, 19:44
AW: Psychisch Kranker Vater,demente Mutter-woher bekomme ich Energie
Weil er jammert? Oder habe ich etwas überlesen? Das halte ich für ein recht häufiges Verhalten von sehr alten, kranken Menschen. Da spielt sicher die eigene körperliche Belastung eine Rolle, Schmerzen, Unzulänglichkeiten - ich sehe einfach gerade nicht den Bezug zum Kriegstrauma.
Was heißt psychisch krank, ist er in Behandlung deswegen? Warum spricht der Arzt es nicht an, wenn ein unbehandeltes Kriegstrauma das Problem einer Krankheit ist?Geändert von Fourthhandaccount (01.08.2017 um 19:53 Uhr)


Zitieren
