+ Antworten
Seite 47 von 47 ErsteErste ... 37454647
Ergebnis 461 bis 468 von 468
  1. Avatar von Zinne
    Registriert seit
    23.02.2018
    Beiträge
    999

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Ingeline, den Geruch kenne ich. Unsere Ahnfrau war in einem klassischen Nachkriegspflegeheim. Linoleumböden, Stationsduschen, ein WC pro Gang.

    An einem bestimmten Eck roch es nach schmutzigen Windeln. An einer anderen nach kaltem Kohl. Und über allem schwebte, nein: walzte dieser dicke, allgemeine Pflegeheimgeruch.

    Zum Glück war die Ahnin bei so etwas schmerzfrei. Immer schon. Hatte es mit der persönlichen Hygiene nie genau genommen. Hatte nie gelüftet und wenig geputzt. Der Geruch im Heim war das einzige, über das sie sich nie beschwert hat.^^

    Ingeline, es ist genau wie du schreibst: Die Familie muss Präsenz und Flagge zeigen. Die Pflegerinnen behandelten unsere Ahnfrau wie eine Königin. Weil sie wussten, dass jeden Tag jemand von uns die Ahnin besuchte und jede Beschwerde Ihrer Hoheit konsequent ans Personal weitergab. (Entsprechend königlich bestückten wir allerdings auch die Kaffeekasse. )

    Die Ahnfrau war übrigens auf eigenen Wunsch hin ins Pflegeheim gegangen, sobald sie alleine nicht mehr zurecht kam. Das hat es uns leicht gemacht.
    Jede Situation hat das Recht auf ihre eigene Antwort.
    (Christoph Peters, "Das Jahr der Katze")


  2. Registriert seit
    02.05.2002
    Beiträge
    713

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Ich halte Euch auf dem Laufenden...

    Meine Mutter hat sich inzwischen sehr gut eingewöhnt im Pflegeheim. Sie geht wieder alleine zur Toilette!
    Unterhaltungen mit ihr sind recht einsilbig. Sie versteht nur noch kurze Sätze ganz deutlich formuliert.
    Essen schafft sie wieder alleine, sie hat auch wieder 5kg zugenommen.
    Nach Ihrem Haus und Garten hat sie nie wieder gefragt...wir erwähnen es auch nicht.
    Im Zimmer geht sie ohne Rollator, bei weiteren Wegen benützt sie ihn.
    Ein anderer Bewohner ist mit ihr 18 Jahre im selben Zugabteil zur Arbeit gefahren. Er besorgt sich immer zusätzliche Naschereien im Laden um die Ecke und versorgt sie mit. Sie erkennt ihn, kann ihn aber nicht mehr einordnen.
    Zu meinen Besuchen bringe ich ihr immer eine Flasche Eierlikör mit...der wird gerne von ihr getrunken.

    Meine Schwestern räumen immer wieder Schränke in ihrem Haus aus...unglaublich, was sich dort alles angesammelt hat.
    Den Rasen mähen sie abwechselnd, um Blumenbeete kümmern wir uns gemeinsam.

    Manchmal fehlen mir jetzt die vielen Telefongespräche mit meiner Mutter...sie wird nie mehr die "Alte" sein.


  3. Registriert seit
    02.05.2002
    Beiträge
    713

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    doppelt
    Geändert von Ingeline (15.07.2019 um 13:29 Uhr)

  4. Avatar von twix25
    Registriert seit
    13.01.2009
    Beiträge
    11.670

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Liebe Ingeline,

    schön von Dir zu lesen

    Ja, es ist ein Abschied auf Raten....sowohl was den körperlichen Abbau angeht, als auch beim geistigen und emotionalen Kontakt.

    Gleichwohl liest sich alles wirklich "gut" und Dank dieses Abschieds auf Raten, kann man sich selber auch verabschieden.
    In Kombination mit der neuen Verbindung zu deinen Schwestern und dem Hausleeren ist dies m.E eine wirklich fast optimal verlaufendenEntwicklung.
    Entschuldige bitte meine Wortwahl, ich bekomme es grade nicht besser formuliert.
    Glaube und hoffe aber, du verstehst wie es gemeint ist

    Das, was du über deine Mutter im Heim schreibst, liest sich auch wirklich gut und es war die richtige Entscheidung.
    So hat sie ein -wie immer auch zeitlich begrenztes -angenehmeres Leben als zu Hause

    Und deine/eure alte Mama zu vermissen, ist ja auch ein Zeichen eurer Verbundenheit
    ************************************************** **************************************

    Ich so : "Och bitte" - Mein Leben so : "Nö!"

    Ich wieder: "Och bitte"

    Mein Leben so : "Naaaa guut"

  5. Avatar von Hillie
    Registriert seit
    16.06.2004
    Beiträge
    31.106

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Liebe Ingeline, das klingt alles so stimmig. Das Ausräumen des Hauses, das Kümmern um die Blumenbeete usw. ist schon Teil der Trauerarbeit.
    Eure Mutter ist eben eine andere geworden.
    Niemand ist mit einem Etikett um den Hals auf die Welt gekommen, auf dem steht "Mensch erster Qualität" oder "Mensch zweiter Qualität". Die Etiketten haben wir Menschen erfunden.
    Anita Lasker-Wallfisch (geb. 1925), eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz



  6. Avatar von Nocturna
    Registriert seit
    29.09.2005
    Beiträge
    13.007

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Deine Mutter ist gut versorgt und hat keine Schmerzen. Wahrscheinlich ist sie in ihrem eigenen Kosmos ganz zufrieden.

    ich kann verstehen, dass das für euch mental nicht einfach ist. Aber der wachste Geist hat nicht viel davon, wenn man Schmerzen hat und den Tag kaum herum bekommt und der nächste auch nicht besser wird. Ich würde meiner Mutter mehr halbwegs akzeptable Tage gönnen, aber die gibt es immer weniger.

    Puh, Altwerden ist wirklich eine heroische Leistung.
    "Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”

  7. Avatar von Zinne
    Registriert seit
    23.02.2018
    Beiträge
    999

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Es ist beindruckend, wie viel Selbstständigkeit sich deine Mutter im Heim erhält.

    Das Verstummen kenne ich von unserer Ahnfrau. Sie fand es in ihren letzten Jahren zu anstrengend, mit Worten zu kommunizieren.

    Stattdessen genoss sie es, wenn wir mit ihr sehr alte Fotoalben aus ihrer Jugend durchblätterten. Ungewöhnlicher- und dankenswerterweise gab es eine Menge Bilder von ihr und ihrer Herkunftsfamilie. Bei der Gelegenheit sagte sie ab und zu -und immer zutreffend - die Namen der Abgebildeten. Vielleicht findet ihr im Haus geeignete Fotoalben für so einen Versuch?

    Ansonsten mochte sie es, wenn jemand aus der Familie friedlich gemeinsam schweigend bei ihr saß. Sehr gerne mit eingeschaltetem lokalen Radiosender mit alter Musik, die sie kannte. Zum Schluss mussten wir allerdings mit einem CD-Player tricksen, weil der Radiosender sein Programm modernisiert hat.

    Ich danke dir sehr für diesen Thread.
    Jede Situation hat das Recht auf ihre eigene Antwort.
    (Christoph Peters, "Das Jahr der Katze")


  8. Registriert seit
    02.05.2002
    Beiträge
    713

    AW: Wie gestalte ich die letzten Jahre meiner Mutter mit

    Jetzt bin ich gerührt von Euren Antworten!

    Da es diese Woche sehr heiß wird, übernehmen meine Schwestern die Besuche bei ihr. Bei fast 38 Grad mag ich diese lange Strecke nicht fahren.

    Ja, es ist ein Abschied auf Raten. Wenn ich von ihr wegfahre, weine ich meistens im Auto. Zum Glück sehe ich ja immer, wie gut es ihr geht, und so kann ich loslassen nach einiger Zeit.

    Fotoalben habe ich einige angeschleppt, da erkennt sie viele Menschen wieder. Sind es neuere Alben, fängt sie an zu raten und schlägt sie wieder zu. Nur die alten Alben zaubern ihr ein Lächeln aufs Gesicht.

    Radiomusik mag sie keine hören. Werden Lieder zusammen gesungen, ist sie eifrig dabei.

    Manchmal beneide ich sie auch, weil sie sich keine Gedanken mehr um ihren Alltag machen muss und immer der Tisch gedeckt ist. ;-)

+ Antworten
Seite 47 von 47 ErsteErste ... 37454647

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •