Guten Morgen,
ich habe mich extra mit einem neuen Nick hier angemeldet damit keine Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen sind weil mir das Thema fast ein wenig peinlich ist. Aber da ich niemanden habe, mit dem ich über dieses Thema sprechen kann, habe ich mir überlegt hier zu posten:
Vor einigen Wochen wurde bei meinem Vater Krebs festgestellt. Noch sind die Aussagen vage, wie und wie lange es weitergeht, die Aussagen schwanken zwischen ein und maximal 5 Jahren. Es wurde recht schnell operiert, von der OP hat er sich nicht so gut erholt wie zu erwarten war. Teilweise war er ein Häufchen Elend, so langsam wird es wieder aber es graut mir vor dem Weg, der ihm und uns noch bevorsteht (Chemo, ggf. weitere OPs wenn die Chemo nicht anschlägt etc)
Bei allem Mitleid stelle ich aber auch Wut bei mir fest. Und eigentlich schäme ich mich für dieses Gefühl. Er ist an einer Krebsart erkrankt, die in unserer Familie recht häufig vertreten ist. Und während seine Geschwister alle zur Vorsorge gegangen sind (bei regelmäßiger Vorsorge und Früherkennung lässt sich die Wahrscheinlichkeit, an diesem Krebs zu erkranken, um rund 90 Prozent verringern) war es ihm zu unangenehm. Kann ich nachvollziehen, findet keiner toll. Nur ist die Erkrankung so viel schlimmer.
Ich kann einfach nicht nachvollziehen wie er das Thema einfach aussitzen konnte, zumal alle mit ihm leiden: seine Partnerin (die noch arbeitet und derzeit nur zwischen Krankenhaus und Job pendelt), sein Kinder, die derzeit alle irgendwo im Schwebezustand sind und ebenfalls zwischen Job und Krankenhaus pendeln bzw. das WE auf der Autobahn verbringen um am Samstag oder Sonntag vorbeizuschauen.
Ich selbst plane seit 5 Jahren ein Sabbatical, im nächsten Jahr wäre es endlich so weit und eigentlich wollte ich jetzt die ersten Dinge buchen… Aber daran ist derzeit auch nicht zu denken, so lange ich nicht weiß, wie es weitergeht.
Versteht mich nicht falsch, er tut mir wirklich leid zumal ich mir gut vorstellen kann, was ihm noch bevorsteht. Und trotzdem paart sich dieses Mitleid auch mit Wut, weil die Situation mit ein wenig Glück hätte vermieden werden können… Und nach einigen Wochenenden auf der Autobahn (er wohnt leider nicht um die Ecke) erwische ich mich bei dem Gedanken „schon wieder ein Sonntag, der anders hätte sein können wäre er zur Vorsorge gegangen“.
Kann jemand diese Situation nachvollziehen? Wie seid ihr damit umgegangen? Die Angst vor einer eigenen Erkrankung in absehbarer Zeit ist auch nicht ganz unwesentlich, aber das ist eigentlich schon ein weiteres, neues Thema.
Mirena
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Ergebnis 1 bis 10 von 30
Thema: Neben Mitleid auch Wut
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04.01.2016, 09:53
Neben Mitleid auch Wut
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04.01.2016, 11:46
AW: Neben Mitleid auch Wut
Fühl dich gedrückt. Es ist ein schwieriges Thema.
Lass dir Wut zu. Denn sie hält dich von extremen Aufgeben ab. Leb dein Leben und plane bitte umgehend dein Sabbatical.
Die Erkrankung deines Vaters betrifft ihn, nicht dich. Wenn er nicht weiß, wie es weitergehen soll und wird, dann brauchst du dir erst recht keinen Kopp darum zu machen. In zweiter Linie ist deine Mutter davon betroffen. Sie wird (hoffentlich) ihre Grenzen erkennen und ziehen - sie ist seine Partnerin, nicht seine Betreuerin oder Therapeutin.
Was du tun kannst: Lenk deine Mutter bewusst ab, wenn es schwierig wird, indem du mit ihr einfach mal Stunden außerhalb von Krankheit, OP und Kümmern verbringt.
Rate deinem Vater, dass er die psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Die braucht er nämlich dringend.
Sprich dich mit ihm aus. Sag ihm, dass du seine Blindheit in Bezug auf Vorsorge nicht versteht und er dir das erklären soll. Sprich über gute und schlechte Vorfälle - macht reinen Tisch.
Und leb dein Leben.
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04.01.2016, 12:36Inaktiver User
AW: Neben Mitleid auch Wut
@chryseis
Volle Zustimmung.
Aber das ist für viele Menschen nicht einfach.
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04.01.2016, 13:01Inaktiver User
AW: Neben Mitleid auch Wut
Ich kann Dich gut verstehen und würde das auch total ätzend finden!
Und ja- es betrifft eben nicht nur den, der direkt betroffen ist sondern auch alle drumrum!
Ich vermute, dass diese Wut aber auch ein wenig eingefärbt sein wird von dieser Ohnmacht von dieser schlimmen Krankheit.
Denn irgendwie findet sich das doch sicher immer........Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein......man muss und wird nicht gefragt.......- wie sollte man da nicht auch wütend werden.
Wichtig ist zu wissen, dass hinter der Wut Trauer steckt.
Hinter dieser Hilflosigkeit steckt soviel Traurigkeit über all das, was das nun bedeutet.......und die lässt sich halt in Wut besser ertragen.
Wenn es Dir hilft- brüll da für Dich irgendwann mal raus......schnapp Dir ein Kissen und prügel auf die Couch ein- schrei alles raus, was Dich anko***......lass das zu und es wird Dir danach bestimmt besser gehen.....denn danach werden bestimmt auch Tränen fließen.........können.......
Wenn Dein Vater nicht zu den Untersuchungen gegangen ist- dann doch sicher, weil er Angst vor genau dem hatte, was nun ist.
Ob er sich dasselbe nun sagen wird?
Es ist schlicht sehr traurig- so wie es jetzt gekommen ist und jetzt ist doch auch noch eine ganz kraftraubende Zeit, die noch soviel Energie kostet samt Gefühlen.......- wie soll man davor stehen und sich unbeteiligt fühlen? geht doch gar nicht!
ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft für diese Zeit
kenzia
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04.01.2016, 13:05Inaktiver User
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04.01.2016, 13:06Inaktiver User
AW: Neben Mitleid auch Wut
@kenzia
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04.01.2016, 13:16
AW: Neben Mitleid auch Wut
Hätte hätte Fahrradkette...
Ja Du darfst sauer sein, dass er nicht regelmässig zur Vorsorge gegangen ist, kann ich gut verstehen... Aber dazu kann ich Dir auch sagen, selbst bei regelmässigen Kontrollen wäre es nicht ausgeschlossen gewesen dass der Krebs einen Tag danach gekommen wäre und er auch den gleichen Zustand wie jetzt hätte haben können...
Du bist sauer dass Dein Papa jetzt krank ist, genau jetzt wo Du so viel für Dich tun willst, aber es passt nie wenn ein Anghöriger krank wird...
Diese Wut gehört zu Deiner Angst, er könnte sterben und dass macht Dich stinksauer, völlig nachvollziehbar...
Angehöriger zu sein lässt einen auch Ohnmächtig werden, so hilflos.... Da ist Wut doch wenigstens eine aktive Emotion....Das Leben macht was es will und ich auch!
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04.01.2016, 13:26Inaktiver User
AW: Neben Mitleid auch Wut
Vorab. Als ehemalige Krebspatientin (hoffentlich Geschichte das Thema) kann auch ich Deine Zeilen gut nachvollziehen und ja, Wut, wie in diesem Falle ist auch wichtig, lasse sie im konstruktiven Rahmen raus.
Was ich aber auch bei Dir wissen möchte. Ich komme aus einer "Krebs-Familie" und trotz aller Vorsorge sind 4 Mitglieder binnen 15 Jahren schwer erkrankt, eben auch ich. Wir haben alle überlebt, in der weiteren Familie ging es leider nicht so gut aus, da spielten aber auch Suchterkrankungen eine Rolle.
Was ich sagen will. Meine letzte Vorsorgeuntersuchung fand nur 6 Monate vor Ausbruch der Erkrankung statt, ein hoch aggressiver Tumor, der sich dadurch auch zu erkennen gab, ich spürte ihn, konnte ihn förmlich sehen.
Es gab erst letztlich eine Doku zu dem Thema, wie sinnvoll diese ganzen Vorsorgeuntersuchungen sind. Ergebnis war in etwa - Dland ist ja eine Hochburg in Sachen Vorsorge - dass sich dadurch die Fälle/Todesfälle nicht großartig verändern.
Vielleicht helfen die Gedanken Dir insofern, dass Du diese Wut etwas von Deinem Vater abkoppeln kannst.
Euch alles Gute,
und - als Mutter mit diesem Hintergrund sage ich Dir, ich würde meine Kinder unterstützen, in jeglicher Hinsicht, ihr Leben zu leben und ihre Ziele weiterzuverfolgen. Ich wäre froh, wenn Du Deine Pläne wie gehabt umsetzt.
Ein netter Gruß von
narrare.
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04.01.2016, 13:27
AW: Neben Mitleid auch Wut
Du darfst gerne wütend sein, aber wisse Vorsorge ist keine Garantie. Mein Krebs wurde zum Beispiel nicht erkannt, obwohl ich jährlich zu einer Grunduntersuchung gehe.
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04.01.2016, 13:32


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