Liebe Juna40,
mein Vater machte eine ähnliche Geschichte wie deiner durch.
Weihnachten 2011 wurde er mit 68 Jahren operiert, bekam allerdings gleich 2 Ausgänge (Darm und Blase).
Er hätte es sich, hätte er die Wahl gehabt, bestimmt nicht ausgesucht, aber er musste damit zurechtkommen. Meine Mutter half, wo es ging, aber natürlich ist ein „Leben mit Beuteln“ total anders als ein „Leben ohne Beutel“.
Bis dahin war ich auch sehr froh, dass sich unser Verhältnis geändert hatte – ähnlich wie bei dir. Die letzten ca. 10 Jahre waren überraschenderweise recht harmonisch, er war da auch schon im vorzeitigen Ruhestand, und wir wohnten auch 350 km auseinander, sahen uns also nicht andauernd. Trotzdem eine schöne Zeit.
Leider verstarb er (nicht am Krebs !!!!) Ende Mai 2015 nach einem halben Jahr Kampf.
Und während dieses Kampfes bei ihm zu sein, sooft es eben ging, konnte und wollte ich mir nicht ersparen. Es tat sooo weh, aber ich wusste, es wäre das letzte, was ich für meinen Papi tun kann.
Wir hatten noch ein paar schöne Jahre gehabt, dafür bin ich dankbar.
Nimm deinen Vater ruhig mal öfter in den Arm, auch wenn er dich komisch anguckt oder gar wegschiebt. Beim nächsten Besuch versuchst du es nochmal, er wird es hoffentlich irgendwann verstehen. Du musst dir wenigstens keine Vorwürfe machen.
Und deine Mutter ist bestimmt nicht erst seit gestern mit ihm verheiratet, die ist doch nicht völlig unvorbereitet. Die beiden sind über 70, da haben sie sich sicherlich auch mal Gedanken gemacht, was ist wenn………
Es tut weh, die eigenen Eltern leiden zu sehen, gleichermaßen, ich weiß das sehr gut. Es zerreißt dir das Herz. Aber irgendwann hört es auch auf, immer gleich weh zu tun.
Ich wünsche dir viel Kraft für das, was noch vor dir liegen (kann). Sei bitte auch darauf gefasst, dass es in beide Richtungen ausgehen kann - tut mir leid.
Lilithblack
P.S. Während ich das hier schreibe, habe ich schon wieder Tränen in den Augen………………….
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22.07.2015, 12:56
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Wo die geistige Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.
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22.07.2015, 17:45
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Hallo Juna40 und alle anderen,
das Mitleiden mit meiner schwer chronisch kranken Mutter (seid 6 Jahren) macht mich auch manchmal völlig fertig und zeitweilig hat es mir eine Menge Lebenskraft geraubt. Ich habe gemerkt, daß mein eigenes Wohlergehen oft von ihrem (subjektiven) Befinden abhängig ist und je nachdem, wie hoffnungsvoll oder deprimiert sie ist, geht es mir besser oder schlechter.
Mir ist klargeworden, daß ich bei allem Mitgefühl versuchen muß, etwas emotionale Distanz herzustellen, was mir (vielleicht durch die lange Zeit, die sie schon krank ist) allmählich ein bißchen besser gelingt.
Eine zeitlang, als ich mich gar nicht abgrenzen konnte und wegen ihrer Traurigkeit auch schwer deprimiert war, hat mir eine Übung aus einem Buch über Buddhismus ganz gut geholfen.
Und zwar soll man das Gefühl, das einen überwältigt benennen und eine Weile lang wie ein Mantra leise vor sich hin sagen:
"Da ist Sorge." (Angst, Trauer, oder was auch immer es ist.)
Dadurch daß du sagst "Da ist" und nicht "ich habe", passiert etwas im Gehirn, das dich ein wenig von dem Vereinnahmtsein von dem Gefühl befreit. Es ist dann nicht weg, aber es fühlt sich auf einmal irgendwie ok an, da es da ist.
Man gewinnt etwas Abstand zu dem Gefühl und ist ihm nicht mehr so ausgeliefert.
Das klingt viellicht seltsam, aber versucht es eventuell einfach mal.
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21.07.2016, 08:21Inaktiver User
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Hallo,
ich habe diesen Strang vor über einem Jahr eröffnet und mich dann leider selbst nicht mehr gemeldet in der Zeit- und Energieknappheit zwischen Selbständigkeit, eigenes Leben und Sorge um die Eltern. Ich würde gerne noch allen danken, eure Erfahrungen und Gedanken haben mir sehr geholfen!!
Mein Papa hatte sich wieder gut erholt von den Strapazen der Prostata- und Darmkrebs-OP mit Not-OP und anschließend noch Narbenbruch-OP. Leider wurden diese Woche Lebermetastasen festgestellt, die Ärzte wollen das "volle Programm" (Chemo m. anschließender OP, wenn möglich) auffahren und ich frage mich, was der arme alte Kerl wohl noch alles mitmachen muss und was es überhaupt bringen wird. Verstehe aber auch, dass er nicht einfach zuschauen kann, wie der Krebs weiterwächst... Ich habe jedenfalls das Gefühl, mir hat jemand mit der Faust in den Magen gehauen. Versuche immer, mich abzulenken, aber es kommt immer wieder. Nach der Ersterkrankung konnte man ja noch hoffen, dass er noch einige gute Jahre hat, aber hiermit ist die Krankheit nun ins nächste Stadium gegangen.
Meine Eltern reden immer noch so, als würde er halt jetzt wieder seine Behandlungen machen und danach ist alles wie vorher und sie fahren wieder in Urlaub usw. Das tut mir im Herzen weg, das zu hören und gleichzeitig zu wissen, dass es wahrscheinlich nicht so kommt.
Viele Grüße
Juna
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21.07.2016, 15:05
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Juna, sprich es ihnen gegenüber - ganz vorsichtig, ganz beiläufig - an, dass es vielleicht auch anders kommen könnte. Am besten in Frageform. Z. B. wenn davon die Rede ist "nach der Behandlung in den Urlaub" dann frage "und was wäre / was machen wir / wie würde es euch / uns gehen, wenn es doch anders käme"?
Wenn darauf von ihnen "ach, das wird wieder!" kommt, dann mach' deine Sorge erstmal mit Dir selbst aus. Versuch es trotzdem immer mal wieder ganz vorsichtig, das Thema anzusprechen. Vielleicht erfährst Du aber auch, dass sie sich genau dieselben Sorgen machen. Und dass durch Deine Frage ein Gespräch darüber zwischen euch möglich wird.
In Familien, in denen es schwere Erkrankungen gibt, wird nämlich gerne mal ein Tanz um einen unsichtbaren Elefanten aufgeführt. Jedes Familienmitglied versucht, sich den anderen gegenüber optimistisch zu geben. Man möchte das Gegenüber nicht mit Sorgen oder negativen Gedanken belasten. Eltern wollen die Kinder schützen, Kinder die Eltern, Partner einander. Und so trägt dann jeder ganz still für sich alleine die (durchaus berechtigte Sorge) vor Leid und Tod. Der Elefant steht dick und fett und für alle unübersehbar mitten im Raum. Alle tänzeln um ihn herum und tun so, als wäre er gar nicht da.
Dabei kann miteinander darüber reden nicht nur die Sorgen deutlich leichter zu ertragen machen. Es kann auch helfen, Entscheidungen für den Fall x vorzubereiten (was würdest Du wollen, wenn es blöderweise doch nicht gut ausgeht? wie weit würdest Du bei der Behandlung gehen wollen? wie und wo würdest du gepflegt werden wollen, wenn es erforderlich wäre?)
Alles Gute, britwi
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22.07.2016, 09:33Inaktiver User
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Hallo britwi,
Danke für deine Antwort. Ja, ich habe auch das Gefühl, dass ich die Rolle übernehmen sollte, einige Tatsachen auszusprechen, wobei ich sagen muss, dass ich es auch kaum aushalte, so zu tun als ob alles ok wäre. Bin bisher auch auf jede Bemerkung meines Vaters eingegangen (also z. B. dass ich auch nicht wisse, ob er übernächstes Jahr noch lebe, oder dass ich glaube, dass es nach dem Tod nicht vorbei ist).
Ich wollte zuerst mit meiner Mutter sprechen, wenn ich mal mit ihr allein bin. Die Verdrängung kommt eher von ihr, glaube ich. Mein Vater weiß schon, was Sache ist, kommt aber mit seinen zaghaften Versuchen, es auszusprechen, nicht durch, zumal meine Mutter schon immer wesentlich mehr redet als er.
Mich schreckt der Gedanke daran, dass mein Papa irgendwann stirbt und nicht mehr da ist, weniger als der daran, was dazwischen liegt...
Viele Grüße
Juna
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22.07.2016, 09:45
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Liebe Juna,
soviel Normalität wie möglich und soviel Rücksicht wie notwendig... Dieses Lebensmotto hilft mir seit 13 Jahren seid mein Mann an einem chronischen Krebs erkrankt ist.
Deine Eltern machen das gut, sie sehen jetzt Therapie und dann Urlaub, ein Ziel, Licht am Horizont, ob es dazu kommt weiss kein Mensch aber sie sind sich eines bewusst, wir leben jetzt und heute, morgen ist morgen.
Warum jetzt schon traurig sein als ob Dein Papa schon gestorben wäre? Er ist noch da, er ist hier, jetzt kannst Du noch tolle Augenblicke mit ihm haben dass ist gänzlich vorbei wenn er gestorben ist...
Ich kann das leider nicht diplomatischer schreiben, aber ich habe für mich gelernt und umsetzen können, traurig werde ich erst wenn er Tod ist...
Klar hat man Bange Momente, klar ist man sauer das das Leben so ist wie es ist, aber ich kann es nicht ändern und negative Emotionen... Es wäre gelogen wenn ich sagen würde das wäre immer einfach, nö, aber es nutzt nix....Das Leben macht was es will und ich auch!
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22.07.2016, 10:21
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Vielleicht funktioniert diese Form der Verdrängung ja für beide, kleine Urlaube können ja auch drin sein.
Das war bei meinen Eltern Gottseidank anders, vor allem bei meinem Vater. Da hab ich zwar bei manchen Sprüchen erstmal geschluckt in dem Moment, hab aber verstanden, dass er irgendwie thematisieren möchte, was passiert und bevorsteht.
Wir wussten, dass er keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte und was nach seinem Tod zu erledigen war. In eurem Fall wäre eine Patientenverfügung wahrscheinlich sehr sinnvoll.
Mitleid, das ist eine zweischneidige Sache. Einerseits ist das natürlich gut gemeint und menschlich, andererseits kann es den anderen fertig machen. Mitleid oder geschockte Reaktionen von anderen ziehen den Kranken unter Umständen mit runter, man spiegelt sich gegenseitig.
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22.07.2016, 15:59Inaktiver User
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Liebe Veranoazul, du hast ja so recht, Danke für die Erinnerung. Dabei habe ich mich so aufgeregt und mir genau das Gleiche gedacht, als eine Freundin von mir sich bei der Erstdiagnose sich schon verhalten hat, als wäre mein Papa gestorben. Ich sehe wirklich gerade ziemlich schwarz, es ist so leicht, sich in jeder freien Minute diesen schlimmen Gedanken und Katastrophisierungen hinzugeben.
Ja, sogar mir als Angehörige geht es so, dass ich gerade mit den Freunden am besten klarkomme, die eher pragmatisch und ohne allzu viel Angst und Schrecken reagieren, wenn ich das von meinem Papa erzähle. So möchte ich es ihm gegenüber eigentlich auch halten, soweit möglich.
Patientenverfügung habe ich mit meinen Eltern ausgefüllt, als mein Vater krank wurde, allerdings nur dieses Standardformular.
Gruß
JunaGeändert von Inaktiver User (22.07.2016 um 15:59 Uhr) Grund: Zitat kaputt
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22.07.2016, 19:25
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Hallo,
ich habe deinen Beitrag erst jetzt entdeckt und das alles tut mir natürlich schrecklich Leid für dich und deine Familie.
Bei meinem Papa hat man im Januar 2010 einen Tumor im Gallengang festgestellt, darauf folgte OP und Chemo, jedoch hatte er während der Chemo-Therapie einen Schlaganfall und war seitdem halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen, vom Krebs her galt er eigentlich als geheilt, jedoch wurden dann im Oktober des selben Jahres Lebermetastasen festgestellt. Ab da war die Behandlung nur mehr palliativ, aber trotzdem mit Chemo und ich muss ehrlich sagen, ich bin mir nicht sicher, ob seine letzten Monate nicht ohne Chemo mehr Lebensqualität gehabt hätten. Er ist dann 2010 kurz vor Weihnachten gestorben.
Und so schrecklich wie dieses Jahr für mich war, ich war damals erst 21 Jahre alt, habe ihn teilweise zuhause gepflegt, aber es hat mich sehr geprägt und es gab sehr viele tolle Momente. Ich habe so viel Zeit wie möglich mit meinem Papa verbracht, ich war ihm so nah wie nie zuvor, wir haben Dinge gemeinsam als Familie unternommen was wir davor nie gemacht haben, wir haben zusammen gehalten und waren alle für einander da und auf eine komische Art war das wunderschön und ist mir eine wunderbare Erinnerung, auch wenn ich ihn jetzt noch an jedem einzelnen Tag vermisse.
Bei meinem Onkel wiederholt sich das alles leider gerade etwas und seine Töchter, vor allem eine, die meint sie weiß nicht wie sie mit ihm umgehen kann, deswegen besucht sie ihn fast nie, weil sie Angst hat vor ihm zu weinen und Schwäche zu zeigen obwohl er der "Arme" ist, jedenfalls weiß ich, dass sie das eines Tages sowas von bereuen wird.
Deswegen nutzt die Zeit, macht das beste daraus. Die Krankheit kann man nur sehr schwer bis gar nicht aufhalten und es ist furchtbar, aber noch ist er da und auf das sollte man sich konzentrieren.
Liebe Grüße und alles alles Gute, fühl dich gedrückt von mir!
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23.07.2016, 16:15Inaktiver User
AW: Vater krebskrank - Mitleid, Angst, Hilflosigkeit...
Sparkle89, schön, wie du das beschreibst, dass du es so in Erinnerung hast und dass Trauer und Fülle im Leben oft so nah beieinander liegen!
Ich war heut mit meinem Partner bei meinen Eltern. Wir haben auch ein bisschen geredet, interessanterweise jeder Elternteil nur, wenn der andere kurz nicht im Raum war, sie schützen sich wohl gegenseitig. Er würde sich wünschen, es gäbe eine Pille, die er nehmen kann, um sein Leben zu beenden, bevor es richtig schrecklich wird. Ich verstehe das vollkommen und möchte solchen Gesprächen auch auf keinen Fall ausweichen. Gut, dass er das ausgesprochen hat. Außerdem hat er neulich gefragt, ob ich mich mit Cannabis auskenne, hat er irgendwo gelesen, dass Krebskranke das nehmen. Mein Vater ist ein ganz einfacher und sehr konservativer Mann und ich fand es trotz des traurigen Anlasses amüsant, dass er auf sowas kommt.
Gruß
Juna


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