Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 20
  1. User Info Menu

    Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Ich bin spät Mutter geworden, mit 44. Das Thema hatte ich mit 40 eigentlich ad acta gelegt.
    Es kam anders und es war zunächst ein Schock. Unerwartet, Sorgen um genetische Defekte, Alter, und der Vater: Der hat sich gegen das neue Leben entschieden, von Anfang an.
    Ich konnte mich während der Schwangerschaft an den Gedanken gewöhnen, aber zur gleichen Zeit hing ein Fragezeichen, wie es weitergehen würde , wie ein Damoklesschwert über mir.

    Alles in allen ist alles gut gelaufen, komplikationslose Schwangerschaft, Kaiserschnitt , ja leider. Aber wir sind gesund.
    Das Kind habe ich allein zur Welt gebracht und das waren die ersten Momente, in denen ich diese Einsamkeit wie ein Schwert in meinem Magen gespürt habe. Ich konnte keinem die Hand „zerdrücken“, wenn der Wehenschmerz unerträglich wurde. Keiner der genauso der Geburt entgegenfieberte wie ich.
    Die Momente nach der Geburt nicht zu erwähnen.
    Es gibt viele Formen alleinerziehend zu sein. Wenn man Glück hat, ist der Vater im Leben der Kinder präsent und war bei der Geburt dabei… wenigstens das. Aber manchmal ist da niemand, auch nicht, wenn man nachts zur Notaufnahme muss oder man gar nicht weiss, was man machen soll, wenn das Kind fiebert, nachts um drei.

    Alleinerziehend zu sein heisst für mich: Alles- allein zu machen. Entscheidungen treffen, Ängste allein auszuhalten, wie: "Was wäre, wenn ich ausfalle? Wer würde sich kümmern?"... und ganz zuletzt mich an die Idee zu gewöhnen auch im Alter niemanden neben mir auf dem Fernsehsofa zu haben.
    Wenn ich mich traue in ruhigen Momenten nach Innen zu schauen, sehe ich ein Schlachtfeld: "Was ist bloß alles passiert, dass es dazu kommen musste? Welche Verantwortung trage ich an dieser Situation?" Viel Biografiearbeit, Familienaufstellungen… aber dennoch bleibt Vieles unbeantwortet.

    Das ist diese Wolke, die jeden Tag über mir schwebt und dieses Fragezeichen: Warum will er sein Kind nicht einmal kennen lernen?
    Es gab keinen Streit. Er ist einfach verschwunden. Die Stille seines Verschwindens klingt jeden Tag in mir nach, ist manchmal so unerträglich laut in meinem Kopf. Ich weiß bis heute nicht wo er ist.

    Die Coronazeiten haben alles verschärft, aber dennoch oder gerade deswegen, habe ich Auswege gefunden, kleine mentale Blasen durch Kunst und Musik zu schaffen, die meine Seele aufsteigen lassen und in einem oder anderen Moment mit mir auf die Reise gehen. Das war so bereichernd: Man muss nicht weit gehen um Abstand zu bekommen.
    Mein Sohn ist mittlerweile sieben Jahre alt, und ich spreche mit ihm über seinen Vater, er kennt ihn von Bildern, und er hat eine „eigenartige“ Präsenz in unserem Leben. Wir haben sein Bild zwischen denen der Familiengalerie aufgestellt. Er wird nicht totgeschwiegen, hat eher die Präsenz von einem Phantom.
    Manchmal träume ich von ihm, dann ist er oft in einem anderen Raum in einem mir unbekannten Haus. Er schweigt mich an und seine Tür ist immer verschlossen.

    Das Aufwachen nach diesen Träumen ist ungleich schwer, als wäre er gerade erneut verschwunden. Aber da wartet der Alltag und fordert mir den mittlerweile verinnerlichten Pragmatismus ab, der große Gefühle des Leidens schrumpfen lässt. Vielleicht die meine, ja unsere Rettung.
    Da ist jemand der jetzt wichtiger ist, eben auch morgens um sechs, jemand der eine positive Mutter verdient, die nicht alles bieten kann, aber alles gibt, dass er dem Leben vertrauen kann und auch, trotz alledem, an Happy Ends glauben darf.
    Darin sehe ich meine Aufgabe, ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, ganz im emotionalen Sinne.

  2. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?



    mitfühlende Grüße!


    "wie umgehen mit dem Phantom..."?

    So wie Du es schilderst und praktizierst- auf Deine persönliche und individuelle Weise!

    Zitat Zitat von AnjaWilhelime Beitrag anzeigen

    Das ist diese Wolke, die jeden Tag über mir schwebt und dieses Fragezeichen: Warum will er sein Kind nicht einmal kennen lernen? .

    es ist, wie es ist

    auf manche unserer Fragen im Leben werden wir (leider) wohl nie eine Antwort bekommen....

    vielleicht kannst Du versuchen, es nicht als gegen Dich/Dein Kind gerichtet aufzufassen?
    Er hat vermutlich so gehandelt wegen seiner Geschichte und seiner Sichtweisen


  3. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Zitat Zitat von AnjaWilhelime Beitrag anzeigen
    ...

    Alleinerziehend zu sein heisst für mich: Alles- allein zu machen. Entscheidungen treffen, Ängste allein auszuhalten, wie: "Was wäre, wenn ich ausfalle? Wer würde sich kümmern?"... und ganz zuletzt mich an die Idee zu gewöhnen auch im Alter niemanden neben mir auf dem Fernsehsofa zu haben.
    Nicht böse sein, aber, wenn es dich so stresst, allein zu erziehen, warum hast du dich für die Schwangerschaft entschieden?
    Dem Vater des Kindes wird doch wohl schon ziemlich früh eingefallen sein, dass er das nicht unterstützt.

    Davon abgesehen, verstehe ich nicht, was der oben zitierte letzte Satz mit den Thema alleinerziehend zu tun hat.
    Aber nun denn... irgendjemand wird dir wohl gesagt haben, dass das jetzt bis an dein Lebensende so bleibt.

    Bei mir war es jedenfalls nicht so, selbst nicht bei meiner Mutter.
    Für immer ab jetzt!
    "Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein.
    Bei allem was du machst. Und wenn's so richtig Scheiße ist dann ist
    wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am Allerschönsten ist,
    da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment." ♫



  4. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Zitat Zitat von AnjaWilhelime Beitrag anzeigen
    Warum will er sein Kind nicht einmal kennen lernen?
    Weil er sich gegen Kind(er) entschieden hat, wie Du schreibst, und zwar von Anfang an.

    Also müsst Ihr das Thema ja besprochen haben?

    Es gilt, zu respektieren, dass es Menschen gibt, die eben kein Kind haben möchten.

    Letztlich sieh es positiv: Du hast niemanden, der Dir reinredet. Weder in die Erziehung, noch gibt es Wallung mit Besuchen. Du hast die alleinige Entscheidungshoheit für und über Deinen Sohn.

    Ja, Du bist für ihn der Fels in der Brandung und musst in Personalunion alle verschiedensten Personen abdecken. Ist oft kräfteraubend und nervig; aber zum Glück ein Vorübergang.

    Alles Gute Euch beiden .

  5. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Er hat schon Kinder und war nicht klar dagegen bis es dann konkret wurde.
    Aber ja es gibt immer 2 Seiten der Medaille.
    Danke für dein Feedback.
    Anja

  6. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Macht Dir in erster Linie zu schaffen, dass Deinem Kind der Vater fehlt oder vermisst Du selbst auch den Kindsvater als Partner?

  7. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Liebe Anje,

    ich war von der Schwangerschaft an alleine (der Vater wollte eine Abtreibung, da habe ich mich getrennt).

    Heute ist meine Tochter 20 Jahre alt und ich habe erst jetzt den Schmerz darüber, dass an meiner Seite kein liebender Vater/Partner war, wirklich gefühlt bzw. zugelassen. Das hat etwas mit mir gemacht und ich denke, es hat auch Einfluss auf meine Partnersuche.

    Das alleine entscheiden war für mich nie ein Problem, das hätte mit dem Vater nicht gut geklappt.

    Aber die emotionale Seite des Ganzen ist nicht zu verachten.
    Du wirst wahrscheinlich nicht dein Leben lang alleine bleiben. Das sage ich, obwohl ich die letzten 20 Jahre überwiegedn ohne Partnerschaft verbracht habe und den Gedanken, dass das nun immer so bleibt, gut kenne.

    Ich wünsche dir und deinem Kind alles Liebe .
    Never be afraid, never.

  8. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Danke für eure Antworten.

    Ich würde mich immer wieder für mein Kind entscheiden. Der Text beschreibt Momentaufnahmen. Gedanken, die mir dann und wann durch den Kopf gehen. Beschreibt Tage, an denen man unter der Last begraben scheint. Natürlich ist nicht alles negativ. Vielleicht hätte ich das Positive mehr betonen sollen.
    Man weiss nie, wie es kommt, jeder hat seine Biografie und kann sich mit anderen nicht vergleichen.
    Das passiert sehr schnell und man macht sich angreifbar für andere, wenn man solch einen Text veröffentlicht.
    Ich kann sehr gut verstehen, wenn man einen Schmerz so lange Jahre in einer "Schublade" versteckt hält.
    Es gibt Dinge, die brauchen eine lange Zeit, bis man sie ansehen kann und das kann auch zur Konsequenz haben, solange nicht offen für einen neuen Partner zu sein.

  9. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Hallo AnjaWilhelmine,

    auf mich wirkt dein Beitrag sehr leidvoll.

    Es ist eine Momentaufnahme und doch ein Dauerzustand- und ich frage mich, inwieferv dieses ununterbrochene Leiden dein Leben und das deines Sohnes belastet- beschwert?

    Wir reden von einer inneren Haltung, von einer Wahl, die du triffst- wie du das Leben an-nehmen möchtest.
    Offenbar seit 7 Jahren nur mit dem Leiden-Mantel "ich bin alleinerziehend".

    Im Gegensatz zu dir, bin ich erst durch Trennung alleinerziehend geworden und WIE sehr man alleine ist- ist wirklich zT unbeschreiblich.

    Ja- es ist manchmal unsagbar schwer und wie man dann doch immer wieder Situationen rumbringt- kann man manchmal im Nachhinein gar nicht mehr glauben oder verstehen.
    Und das man sich jemanden an seiner Seite wünscht, ist ganz klar- natürlich jemanden, der MIT begeistert ist

    Im Gegenzug ist es auch nicht unangenehm, dass einem keiner "reinquatscht", das Leben so läuft, wie man es selbst regelt und man keine Kompromisse eingehen muss.
    Diesen Fakt sollte man sich durchaus bewusst machen, denn Probleme in dem Bereich sind in Beziehungen nicht selten und können auch sehr belasten.

    Dass du den Vater in euer Leben mit hinein nimmst, finde ich gut. Viel besser als ihn totzuschweigen.
    Dass er geradezu eine Phantomrolle eingenommen hat- das hast du "kreiert" und stelle ich mir alles andere als förderlich vor.

    Du sprichst von der Einsamkeit, als wäre es unumkehrbar- dabei kannst du noch unzählige neue Partner finden und mit ihnen "Familie" leben.
    Diese Option scheinst du gar nicht im Blick zu haben!
    Oder in 15 Jahren bist du wieder alleine und dein Sohn in der Welt- auch dann ist noch genug Zeit für einen neuen Partner.

    Für mich hängst du wie in einer Endlosschleife und aussteigen- möchtest du nicht?
    Dafür wird diese Last, die du fühlst (und die geht viel weiter als nur die Last der Alleinerziehenden) ganz sicher einen festen Platz in eurer Beziehung haben.
    Ich würde dir empfehlen, das Verlassenwerden, den Abschied, die Trauer professionell begleitend anzusehen und den Weg für dich und deinen Sohn FREI zu machen.
    Das wirkt nach einer sehr unguten Dynamik, die du ganz sicher gut verändern kannst.
    Dein Sohn hat durchaus schon ein Paket zu tragen- ohne Vater groß zu werden - er hat aber momentan noch einiges mehr "zu tragen".

    Also alleine schon für ihn, würde sich doch lohnen, dein Thema aufzulösen, stimmts?

    alles Gute für dich- euch
    kenzia
    Geändert von kenzia (04.10.2021 um 16:35 Uhr)

  10. User Info Menu

    AW: Alleinerziehend oder wie umgehen mit dem Phantom des abwesenden Vaters?

    Liebe Anja Wilhelmine,

    Ich denke, ich kann mich gut in dich hineinversetzen. Einerseits die unvorstellbare Enttäuschung, die Du vom Vater Deines Kindes erlebt hast und die Du Deinem Kind kaum erklären kannst. Andererseits das Alleinerziehend-Sein, das teilweise auch kein Zuckerschlecken ist. Und natürlich auf einem ganz anderen Blatt Dein Kind, das schöne Leben das Ihr beide zusammen habt, die Liebe und Familienform, die Euch verbindet.

    Genau dabei würde ich ansetzen: diese Dinge genau auseinanderzuhalten. Und jedesmal wenn Du denkst und fühlst “oh Mann, was für eine unvorstellbare Kränkung, diese Kerl will sein tolles Kind nicht mal kennenlernen!”, darf das sein. Es ist aber was total anderes und strikt zu trennen von “oh Mann, alleinerziehen ist echt manchmal schwierig”. Warum?

    Dem ersten ist nämlich nicht viel hinzuzufügen, das kann irgendwann heilen oder auch nicht. Das zweite kann sich aber noch voll entwickeln. Alleinerziehen ist eine Lebensform, die so schön, schrecklich, anstrengend, erfüllend und wunderbar sein kann wie andere Lebensformen. Die wenigsten suchen sich das aus. Aber jeden Tag baust du mit Deinem Sohn, in Eurer Wohnung; in Eurer Arbeit und Schule, in Eurer Großfamilie und Eurem Freundeskreis, in Eurem Urlaub und an Eurem Esstisch, die einmalige, unvollkommene, liebende Intimität Eurer Familie auf. Du klingst sehr liebevoll, wenn Du vonDeinem Sohn schreibst. Das hat viel Potential zum Glücklichsein, und hin zu einer Situation, in der Du das trotz allem bejahen kannst. Da spielt die Musik, auch wenn nicht alles super ist und es ist immer wieder schwierig bleibt. Alles Gute auf Deinem Weg!

Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •