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    Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Vor kurzem stieß ich auf einen älteren Artikel:

    Ausgrenzung: Und keiner kommt zum Spielen | ZEIT ONLINE

    Kurz: ein Ehepaar zieht mit den kleinen Kindern auf's Land und erlebt dort etwas, was sie als "Abgrenzung nach oben" erleben. Einladungen werden nicht angenommen, nicht ausgesprochen, und wenn doch mal einer kommt, zeigt er sich irritiert über die Montessori-Einrichtung im Kinderzimmer. Die Kinder finden auch keinen Anschluss: Monster High und Tablets gegen Tilda Apfelkern.

    Mich hat der Artikel sehr beschäftigt, denn mir geht es nicht anders.
    Vor 7 Jahren sind mein damaliger Mann und ich auf's Land gezogen, 200km weg in ein anderes Bundesland. Mein Exmann hatte ein gutes Jobangebot bekommen. Unser Kind sollte "im Grünen" aufwachsen. Wir kauften eine großzügige Wohnung, die wir liebevoll und individuell renovierten. Ich fand eine gut bezahlte Stelle in einer sozialen Einrichtung. Vor fünf Jahren dann die Scheidung. Wir konnten uns so einigen, dass ich die Wohnung übernahm. Mit unserer Tochter, einem Frühchen, hatten wir öfter Sorgen. Sie litt unter Mittelohrentzündungen, bekam Paukenröhrchen und besucht nun die 2.Klasse der Förderschule.

    Schon zu Beginn fiel mir auf, dass es nicht leicht war, zu den Leuten in unserer kleinen Stadt Kontakt aufzunehmen. Aber ich blieb optimistisch, das wird schon.
    Ich war beim Babyschwimmen, beim Eltern-Kind-Turnen, im Meditationskurs, im Kochkurs, im Spinning.
    Und als ich endlich einen kleinen Kreis guter Bekannter aufgebaut hatte, zogen die sich nach der Scheidung zurück. Eine Alleinerziehendengruppe einige Kilometer weiter löste sich mangels Beteiligung auf.

    Mit meinen Freunden 200km weiter weg telefoniere ich ab und zu und alles halbe Jahr kommt ein Treffen zustande. Aber hier vor Ort klappt nichts.
    Ich muss zugeben, manchmal ermüdet mich die Flachheit der Gespräche. Nach dem Wetter und der Balkonbepflanzung, dem Ergehen der Verwandtschaft oder den neuesten Non-Food-Angeboten bei Aldi geht es auch nicht mehr weiter. Selbst wenn man schon länger bekannt ist.

    Auch zu den Eltern der anderen Kinder in der Schule finde ich keinen Draht. Meine Tochter hat dort Kinder gefunden, mit denen sie sich versteht, aber die Eltern reagieren nicht auf Nachfragen (einige können kein deutsch) oder es bleibt bei lediglich einem Besuch.

    Dabei dachte ich, ich hätte kein Problem mit der Landbevölkerung oder einem Bildungsgefälle bzw., die mit mir. Mein erster langjähriger Freund, der Bruder meiner besten Freundin, hatte mit Hauptschulabschluss eine Lehre im sozialen Zweig gemacht, in seinen Freundeskreis war ich gut integriert.
    Zugegeben, manches fand auch ich ein wenig flach oder derb, aber niemand behandelte mich so, als ob ich meinte, ich sei was "besseres".
    Manchmal überlege ich wegzuziehen, aber ich hänge so sehr an unserer schnuckeligen Wohnung.

    Gibt es hier Leute, die ähnlich Erfahrungen gemacht haben als sie auf's Land gezogen sind?

  2. Avatar von animosa
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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Also wir sind an den Stadtrand gezogen und es wurde besser. Die Menschen sind hier viel bodenständiger. Man kommt leichter ins Gespräch. Bei uns ist es also andersrum.

    Ich kann dir nur empfehlen, dran zu bleiben. Irgendwann platzt der Knoten. Das ist vielleicht nicht so gut, dass du davon ausgehest, die anderen würden dich als was Besseres ansehen. Vielleicht nimmst du dich damit schon zu wichtig. Ich denke nicht, dass sich die anderen so viele Gedanken um dich und deine Herkunft machen. Wahrscheinlich verbaust du dir schon alleine mit diesen Gedanken so einiges.
    Geändert von animosa (20.11.2019 um 22:32 Uhr)


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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Wie kommst Du darauf, dass die anderen Dich als etwas Besseres ansehen? Woran machst Du das fest? Oder siehst eher Du Dich als etwas Besseres an?

    Neu oder ohne echte Kontakte in einer fremden Gegend ist eigentlich immer ein guter Grund für flache Gespräche. Denn mit wem haben wir andere Gespräche? Mit Freunden, die wir schon ewig kennen. Näher kennengelernt haben wir nach dem Umzug eigentlich nur noch über die Kinder. Mit Glück sind da ein paar nette Eltern dabei. In irgendwelchen Kursen habe ich bisher nie Leute für interessante Gespräche kennengelernt.

  4. Avatar von animosa
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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Vorher sind wir von einem Stadtteil, was keinen guten Ruf hatte, in ein Stadtteil gezogen, welches als gut betucht galt. Da kam es mir manchmal vor, wie in einem amerikanischen Kitschfilm. Da wurden von den Mitschülerinnen meiner Tochter zum Teil nur die Kinder eingeladen, die auch Tennis spielten (und ähnlicher Blödsinn). Für mich war das eine ganz fremde Welt. Ich kannte so ein spießiges Denken vorher gar nicht.


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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Zitat Zitat von animosa Beitrag anzeigen
    Da wurden von den Mitschülerinnen meiner Tochter zum Teil nur die Kinder eingeladen, die auch Tennis spielten (und ähnlicher Blödsinn).
    Krass, so etwas gibt es hier in Deutschland?

    Den Zeit Artikel hatte ich übrigens vor zwei Jahren schon einmal gelesen, fand ihn damals unglaublich arrogant. Habe ihn gerade noch einmal überflogen. Und meine Meinung nicht geändert


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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Leider konnte ich nur die Hälfte des Artikels lesen wegen einer Paywall.
    Ich selbst bin ja seit Jahrzehnten eine Wanderin zwischen den Welten - eher Bildung als Stadt/Land.

    Und von dem, was ich vom Artikel noch gesehen habe, habe ich eine ganz gute Vorstellung, was da gelaufen ist - ist superschwer zu erklären.


    Ich habe aus ähnlichen Gründen keine oder kaum gute Gespräche mit einer Grundschulbekannten - sie hat selbst erheblich weniger formale Bildung als ich und hat wenn ich anderer Meinung war (facebook/Politik) immer gleich gesagt ich würde mir was auf mein Studium einbilden.

    Dabei habe ich mein Studium nur ein einziges Mal erwähnt, auf die Frage was ich jetzt mache, und dazu ist mein Studium thematisch weit weg von den Themen wo wir uneins sind.

    Ich habe mich lange gefragt warum ich sie nicht kritisieren darf, sie mich aber schon, zumal sie als Schülerin so eine war, die z.B. Mobbingopfer verteidigt hat.

    Dann fiel mir auf, sie sieht sich aktuell selbst als "unten", das heißt wenn ich sie kritisiere ist das für sie Kritik von "oben", also Arroganz - daher auch der Vorwurf mit dem Studium.


    Da muss man erstmal drauf kommen - passiert aber bei "Dorf" eben auch ganz schnell: Man lädt die anderen Kinder zu einem Bibliotheksbesuch ein und bei den anderen Eltern kommt an "Aha, was wir so mit den Kindern machen, ist für die Frau Akademikerin nicht gut genug!"


    In die Falle laufe ich im Freizeitbereich eher selten (eher in die Gegenteilige) aber der Artikel klingt danach.


  7. Registriert seit
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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    @animosa: es ist eher andersherum. Ich wäre zuerst nie auf den Gedanken gekommen, dass es daran liegen könnte, dass ich als Psychologin arbeite oder als Alleinerziehende eine große Wohnung habe. Wenn Besuche nur einmal kamen und danach auf Nachfrage nichts mehr, ging ich einfach alles durch, was an dem Nachmittag gesprochen wurde. Es fiel nicht nur einmal der Satz: "wir dachten, du bewohnst die kleine Dachgeschosswohnung" oder ein länger gedehntes "Ah", wenn ich nach meiner Arbeit gefragt wurde oder für mich seltsame Rückfragen oder Kommentare dazu erfolgten.
    Oder zu meinem Alleinerziehendenstatus, dass ich sicher bald jemand fände, denn es gehöre ein Mann ins Haus, das täte vor allem dem Kind gut.

    Wenn das Gespräch auf die Renovierungen in der Wohnung kam, gab es auch schon leicht amüsierte Bemerkungen, ob wir uns das angelesen hätten und ob das auch fachmännisch sei.
    Geändert von Adreaa (20.11.2019 um 23:00 Uhr)


  8. Registriert seit
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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Zitat Zitat von Pia1976 Beitrag anzeigen
    Krass, so etwas gibt es hier in Deutschland?
    Ja - aber nicht mal unbedingt absichtlich.

    Da sind die Kinder dann alle im gleichen Tennisverein und freunden sich da an.


    Auf meinem 18. waren auch viele aus meiner damaligen Hobbygruppe - klar, da hatten wir uns ja angefreundet.

  9. Avatar von elli07
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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Zitat Zitat von Adreaa Beitrag anzeigen
    ....Ich muss zugeben, manchmal ermüdet mich die Flachheit der Gespräche. Nach dem Wetter und der Balkonbepflanzung, dem Ergehen der Verwandtschaft oder den neuesten Non-Food-Angeboten bei Aldi geht es auch nicht mehr weiter. Selbst wenn man schon länger bekannt ist....
    Ich kann dich (aus Erfahrung) verstehen, aber diese Leute haben wahrscheinlich schlichtweg keine anderen Themen, die sie interessieren. Auch ich kenne Leute, mit denen kann man sich nur über die Kinder und (inzwischen) Enkel unterhalten, andere Interessen/Themen haben sie nicht. Mit "Abgrenzung" hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. So sind diese Leute eben, das wirst du nicht ändern.

    Abgrenzung gibt es schon immer und letztendlich überall in irgendeiner Form. Ich denke, selbst ist man irgendwo auch nicht davor gefeit.... . Jeder hat irgendwo Grenzen.

    Die Offenheit gegenüber Menschen, die anders leben als man selbst, die aus einer anderen Kultur/einer anderen Religion/Gegend kommen oder was-auch-immer ist beim einen mehr ausgeprägt, beim anderen weniger. Offenheit kann man nicht erzwingen, das ist nunmal so.

    Ich habe als Alleinerziehende (meine Tochter ist inzwischen erwachsen) durchaus Leute kennengelernt,die gegenüber Alleinerziehenden ausnehmend "reserviert" waren, um es mal neutral zu formulieren. Alleinerziehend ist für sie eine Lebensform, die negativ besetzt ist und die betroffenen Mütter von zweifelhaftem Charakter......

    Kinder sind in der Regel unbedarfter, deine Tochter scheint ja Kontakte zu haben. Das wäre für mich erstmal die Hauptsache.

    Ich glaube, ich würde an deiner Stelle in die Stadt zurückziehen, schnuckelige Wohnung hin oder her. Grade Alleinerziehende haben in der Stadt deutlich mehr Möglichkeiten, nicht zuletzt für sich selbst. Aber das ist jetzt nur meine Erfahrung, ich lebe in der Stadt und habe nie wegziehen wollen.......

    Nebenbei: in der Stadt sind nicht alle gebildet und auf dem Land nicht alle ungebildet (was immer das heisst).

    Gruß Elli
    Auf der höchsten Stufe der Freundschaft offenbaren wir dem Freunde nicht unsere Fehler, sondern die seinen (F. de La Rouchefoucauld, 1613-1680)

    Fürchte dich nicht vor einem großen Schritt. Mit zwei kleinen lässt sich keine Schlucht überwinden (David Lloyd George)
    Geändert von elli07 (21.11.2019 um 08:13 Uhr) Grund: Ergänzung


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    AW: Abgrenzung nach oben - die bleiben lieber unter sich

    Hallo Adreaa,

    einige Gedanken dazu:

    1. du schreibst von 200km - kann es sein, dass die Menschen dort "anders" von ihrer kulturellen Struktur sind??
    Wenn du zB Rheinländer bist und ziehst 200km weg, kann es dir sehr schnell "ausgeschlossen" vorkommen, weil die anderen Mentalitäten zT sehr verschieden dazu sind.
    Und 200km ist schon eine weite Entfernung!

    2. du bist Psychologin und das ist ein Beruf, bei dem viele Menschen tatsächlich erst einmal einen Schritt zurück gehen.
    "der Mensch erkennt sofort, wie ich bin"- wird unterstellt und gerade das, möchte natürlich niemand.
    Das es anders ist, wissen die Menschen ja nicht

    Ist natürlich unschön, aber das sollte einem klar sein und man muss für sich selbst entscheiden, wie man seinen Job beschreiben möchte. "im Sozialbereich"- wäre vielleicht eine Alternative und wenn man sich besser kennt und es wird Thema- kann man ja genauer erzählen.


    Wie wäre es denn mit Umzug für dich und deine Tochter, wenn ihr euch dort nicht gut fühlt?
    Gute Schulen für die Tochter gibt es in ganz Deutschland.

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