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Thema: Kriegsenkel


  1. Registriert seit
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    Kriegsenkel

    In den Weihnachtsferien habe ich zum ersten Mal mit dem Thema ‚Kriegsenkel‘beschäftigt, weil ich das Buch mit gleichem Titel gelesen habe. Ich war überrascht und erleichtert, gleichzeitig irritiert so viel quasi aus meinem Leben zu finden.
    Meine emotionslose Mutter ist Jahrgang 1930, seit ich denken kann, habe ich nicht verstanden, warum sie wirklich null Interesse an mir hatte und mich eigentlich in allen Situationen einfach hat stehen lassen.
    Das große Schweigen in meiner Familie hat mir auf keine meiner Fragen eine Antwort gebracht. Erst jetzt kann ich manches unter dem Aspekt Kriegsfolgen sehen, werde aber wohl trotzdem den Kontakt zu ihr abbrechen.

    Wie geht es euch? Ich bin Jahrgang 54 und dachte, dass ich meine Probleme im Griff habe...
    Nachdenklich,
    Langbein


  2. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Hey, das Thema interessiert mich sehr.
    Meine Oma ist Jahrgang 1925 und erzählt mir immer viel von der Nachkriegszeit und ihren Auswirkungen.
    Meine Mutter ist sehr geprägt dadurch und das wiederum hat in meiner Entwicklung Spuren hinterlassen.
    Ich verstehe das jetzt alles, habe mich auch schon therapeutisch damit beschäftigt.
    Hast Du das schonmal überlegt?

  3. Avatar von aurora18
    Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Langbein Beitrag anzeigen

    Meine emotionslose Mutter ist Jahrgang 1930, seit ich denken kann, habe ich nicht verstanden, warum sie wirklich null Interesse an mir hatte und mich eigentlich in allen Situationen einfach hat stehen lassen.

    Meine emotionslose Mutter ist Jahrgang 1940 und ich tippe auf Kriegstrauma .. einiges hat sie mir erzählt .. von klein auf habe ich von ihr gehört, wie sehr sie ihre Mutter (Jahrgang 1907) gehasst hat .. sie sagte mir, dass keine normal liebende Mutter, Kinder auf die Welt setzt, wenn ein Weltkrieg tobt .. für sie war ihre Mutter gestört und egoistisch ...
    Meine Mutter wurde in Potsdam geboren. Sie war 5 als sie, 1945, mit ihrer Mutter (damals 38), ihrer kleinen Schwester (3) und der an Alzheimer erkrankten Oma (70), nach NRW fliehen mussten .. dort war ihre Kindheit auch nicht einfach ..
    Heute fällt mir ein, dass in meiner Kindheit/Jugend, unser Kühlschrank und Vorratskammer niemals leer waren .. sobald etwas fehlte, hat sie es sofort doppelt und dreifach ersetzt .. Sie und ich waren niemals richtig schlank ..
    Carpe Diem


  4. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Ich habe mich schon vor langer Zeit mit dem Thema angefangen zu beschäftigen und mich in einem Forum belesen.
    Das mit den Vorräten kenne ich ganz ausgesprägt von meinen ehemaligen Schwiegerleuten. Immer mindestens drei Stück Butter und x Packungen Bohnenkaffee auf Vorrat.
    Meine Mutter ist Jahrgang 1938, war ein ersehntes und geliebtes Kind.
    Ich habe bis heute keine Antwort auf meine Frage gefunden, weshalb sie Mädchen grundsätzlich (und mich noch eine Stufe mehr) abgelehnt hat, warum sie völlig herzenskalt und unempathisch ist.
    Von ihrer sehr gefühlvollen Mutter hatte sie das jedenfalls nicht.
    Das Böse, das wir tun, wird uns Gott vielleicht verzeihen,
    aber unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.
    Karl Heinrich Waggerl

  5. Avatar von Ivonne2017
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Mathildchen Beitrag anzeigen
    Ich habe mich schon vor langer Zeit mit dem Thema angefangen zu beschäftigen und mich in einem Forum belesen.
    Das mit den Vorräten kenne ich ganz ausgesprägt von meinen ehemaligen Schwiegerleuten. Immer mindestens drei Stück Butter und x Packungen Bohnenkaffee auf Vorrat.
    Meine Mutter ist Jahrgang 1938, war ein ersehntes und geliebtes Kind.
    Ich habe bis heute keine Antwort auf meine Frage gefunden, weshalb sie Mädchen grundsätzlich (und mich noch eine Stufe mehr) abgelehnt hat, warum sie völlig herzenskalt und unempathisch ist.
    Von ihrer sehr gefühlvollen Mutter hatte sie das jedenfalls nicht.
    Das ist wie bei uns. Jg. 35 und ein sehr geliebtes und verhätscheltes Kind.
    Möglich, dass es um Konkurrenz geht? Meine Oma war auch sehr liebevoll.

    Das mit den Vorräten kenne ich sogar von mir als Kriegsenkel. Wegwerfen kann ich auch schlecht. Daran arbeite ich gerade.

  6. Avatar von PhoeNixa
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    AW: Kriegsenkel

    Liebe Langbein,
    grad wurde meine ausführliche Antwort auf dein Eingangspost gekillt.

    Ich versuche mich daher in einer Kurzfassung.

    Mutter: Jahrgang 25, hart, unempathisch, unversöhnlich, gepaart mit gruseliger, aber undurchdringbarer Doppelmoral. (Vor allem mir gegenüber, aber auch konsequent gegen andere Frauen, vor allem aus der Verwandtschaft)

    Kontaktbruch, als ich eine junge Frau war , allerdings nicht vollständig. Das hat sie nicht zugelassen. Sie war auch stur.

    Abstand, Therapieerfahrungen und Entwicklung eigener Werte haben es mir später ermöglicht, sie über 3 Monate täglich im Krankenhaus zu besuchen, bevor sie nach einer Herz-OP, die wegen ihrer Allergien 8x(!) verschoben wurde, gestorben ist.

    Nein, ich bin bis heute nicht wirklich im Reinen mit ihr, da ist noch immer und immer wieder ein Teil Traurigkeit und Wut, Ohnmacht und Enttäuschung.

    Aber ich bin im Reinen mit mir, mit meinem Tochterverhalten. Ich habe es geschafft, anders zu sein als sie, ein Stück versöhnlicher, mitfühlender, zugewandter.

    Deshalb bitte ich dich, um deinetwillen, den angedachten Kontaktabbruch zu überdenken.
    Sie hätte diesen Schritt vielleicht verdient.
    Doch welches Bild von dir selbst hast du verdient?

    Ganz liebe Grüße, PhoeNixa

    Das Buch werde ich mir übrigens schnellstens besorgen.
    Auch Umwege erweitern unseren Horizont


  7. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Hallo Langbein,

    die Thematik Kriegskinder, Kriegsenkel ist riesig!
    Dazu gibt es viele Bücher und ja- natürlich hat der Krieg und seine Erlebnisse auf nachfolgende Generationen einen Einfluss.

    Das Verhalten der Eltern besser verstehen, Hintergründe erkennen- kann ein hilfreicher Schritt sein um seine alten Themen aufzuräumen. (generell- nicht nur auf den Krieg bezogen).
    Das persönliche Gespräch- das Nachfragen (nicht nur beim Betroffenen sondern auch bei anderen Beteiligte, wie zB Bruder)- sollte dabei immer ganz vorne stehen, denn das eigene Erleben der Mutter kann noch ganz andere Erkenntnisse bringen.

    Dort, wo Gespräche nicht möglich sind, sind Bücher zu dem Thema sehr gut und können viele Antworten geben.

  8. Avatar von Klecksfisch
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    AW: Kriegsenkel

    Ich bin 1954 geboren und habe mich viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe wirklich Bauklötze gestaunt als ich das Thema "Schwarze Pädagogik" entdeckte. Das hat vieles erklärt.
    Ich bin eine Raupe und du ein Reh. Doch ich werd ein Schmetterling und du wirst Filet.

    Die Sache mit dem streiten ist die, wenn man etwas zurückhält, arbeitet es auf lange Sicht gegen euch (Dalai Lama)

    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)


  9. Avatar von aurora18
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    469

    AW: Kriegsenkel

    Meine Oma war auch sehr liebevoll und großzügig zu uns Enkeln .. als Kind habe ich sie mir als Mutter gewünscht .. mit 18 wollte ich von Zuhause ausziehen und zu ihr .. leider verstarb sie als ich 16 war ..
    Carpe Diem

  10. Avatar von GuteLaune
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    7.080

    AW: Kriegsenkel

    Ich bin knapp übr 60. In meiner Kindheit wurde über den Krieg nur in sehr spezieller Weise gesprochen. Es gab die Zeit vor und nach dem Krieg, es gab die Formulierung "in der schlechten Zeit", es gab "die Flüchtlinge", die wenig Ansehen genossen, und es wurde gelegentlich vom "Hamstern" bei den Bauern auf dem Land erzählt. Fronterlebnisse, psychische Leiden, Vergewaltigungen.... das war kein Thema. Mir eindringlich in Erinnerung sind etliche armamputierte Männer, die in unserer Stadt Kioske betrieben. (Das es damals spezielle "Versehrten-Kioske" gab, wusste ich als Kind nicht).

    Erst im hohen Alter hat meine Mutter angefangen, das eine oder andere aus ihrer Kindheit zu erzählen (Jahrgang 1931), die sie in einer Großstädt verbracht hat, in der Flieger-Alarm an der Tagesordnung war. Sie erzählt mit sehr großer Sachlichkeit - vielleicht ihre Art, sich zu schützen. In den letzten Jahren ist mir der Grund für manche sehr spezielle Verhaltensweise von ihr deutlich geworden. Ohne hier ins Detail zu gehen, wird mir seither manches klarer, auch was meine eigene Beziehung betrifft.
    Nur ein Beispiel: Wer als 13-Jährige von der eigenen Mutter immer wieder versteckt wird, um nicht russischen Soldaten in die Hände zu falllen und vergewaltigt zu werden, kann wohl nicht anders, als diese Ängste dann auf die eigenen Tochter zu übertragen. Es war für meine Mutter in meiner Jugendzeit und ist heute bei meiner mittlerweile erwachsenen Tochter immer noch ein Riesenthema, wenn wir alleine unterwegs waren, womöglich auf fremdem Terrain oder gar nachts. Als Jugendliche hat mich das enorm genervt. Heute kann ich es verstehen, weil ich die Gründe kenne - oder zumindest ahne.

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