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Thema: Kriegsenkel

  1. Avatar von Sprachlos
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Sariana Beitrag anzeigen
    Meine preußisch-calvinistisch-protestantische Erziehung, das Funktionieren, Gefühle unterm Deckel halten, Wohlstand nicht nach außen zeigen, angestrengtes Wohlverhalten (was sollen denn die Nachbarn denken ...), Disziplin bis zur Selbstverleugnung.
    Erst die Arbeit, dann das Vergnügen ... Sich nicht "so wichtig" nehmen, also auch weit über die eigenen Schmerzgrenzen gehen sowohl physisch als auch psychisch.
    Das nur als Beispiele.
    Was hat das denn mit diesen Kriegs-bzw. Fluchterfahrungen zu tun? Du schreibst doch selbst, dass es sich preußisch-calvinistisch-protestantische Erziehung handelt, die gab es unabhängig davon und schon vorher.
    Kreativität kommt von der Freiheit zu scheitern. Und die Freiheit zu scheitern kommt vom Experiment. (Peter Gabriel)

  2. Avatar von Sariana
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Sprachlos Beitrag anzeigen
    Was hat das denn mit diesen Kriegs-bzw. Fluchterfahrungen zu tun? Du schreibst doch selbst, dass es sich preußisch-calvinistisch-protestantische Erziehung handelt, die gab es unabhängig davon und schon vorher.
    Ich hatte auf Schillerlockes Frage geantwortet.
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)


  3. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Sariana Beitrag anzeigen
    Meine preußisch-calvinistisch-protestantische Erziehung, das Funktionieren, Gefühle unterm Deckel halten, Wohlstand nicht nach außen zeigen, angestrengtes Wohlverhalten (was sollen denn die Nachbarn denken ...), Disziplin bis zur Selbstverleugnung.
    Erst die Arbeit, dann das Vergnügen ... Sich nicht "so wichtig" nehmen, also auch weit über die eigenen Schmerzgrenzen gehen sowohl physisch als auch psychisch.
    Das nur als Beispiele.
    Was ich meinte, war ein detailliertes Beispiel, bei dem der Großvater einen Mord begangen hatte und der Enkel .... (erinnere mich grad nicht)

    Deine Beispiele gehen eher in Richtung "Erziehungskultur". Ob sich das als genetisches Erbgut nachweisen lässt?
    Gruß Schiller

  4. Avatar von Antje3
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von bifi Beitrag anzeigen
    Vor einiger Zeit las ich, dass Traumata weitervererbt werden. Literatur dazu gibt es, habe den Autorennamen vergessen. Weiß das jemand hier?
    Sorry für OT, melde mich nochmal.
    Ich kenne die Bücher von Sabine Bode, die könntest du gemeint haben.

    Mir haben sie viel zum Verständnis geholfen.
    Wer glaubt, daß Abteilungsleiter Abteilungen leiten, glaubt auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten..


  5. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele von meinen Freunden die Kinder und Enkel von Geflüchteten sind. Da kenne ich jemand 20 Jahre und dann kommen wir irgendwie darauf zu sprechen.

    Also muss damit immer noch ein grosses Tabu verbunden sein. Vor Kurzem wieder: ich sprach mit einer Freundin, die ich schon seit 30 Jahren aus dem Studium kenne. Ich dachte immer, ihre Familie wäre aus der Gegend, wo wir aufgewachsen sind. Als sie mir plötzlich von der Flucht ihrer Eltern und Grosseltern erzählt hat war ich total überrascht. Ich hätte eher gedacht, so etwas erzählt man sich in dem ersten Jahr einer Freundschaft!


  6. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von annakathrin Beitrag anzeigen
    Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele von meinen Freunden die Kinder und Enkel von Geflüchteten sind. Da kenne ich jemand 20 Jahre und dann kommen wir irgendwie darauf zu sprechen.

    Ich dachte immer, ihre Familie wäre aus der Gegend, wo wir aufgewachsen sind. Als sie mir plötzlich von der Flucht ihrer Eltern und Grosseltern erzählt hat war ich total überrascht. Ich hätte eher gedacht, so etwas erzählt man sich in dem ersten Jahr einer Freundschaft!
    Ich käme nie auf die Idee, neuen Bekannten, auch nicht denen, die irgendwann zu Freunden werden, von der Flucht meiner Eltern aus Schlesien oder Ostpreussen zu erzählen.
    Das könnte sich ergeben oder auch nicht.
    Gemeinsamkeiten aus den Familien lassen sich doch sowieso erst erkennen, wenn der Kontakt längerfristig andauert ..zB. beim Essen.
    Die Königsberger Klopse meiner Oma waren unverwechselbar ...dann esse ich dieselben bei einer Bekannten ..ach, sind das die echten Königsberger ...und so könnte sich vielleicht ein Fluchtgespräch ergeben.
    Jedenfalls ist das meine Erfahrung.
    Es ist immer JETZT

  7. Avatar von Sariana
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Schillerlocke Beitrag anzeigen
    Was ich meinte, war ein detailliertes Beispiel, bei dem der Großvater einen Mord begangen hatte und der Enkel .... (erinnere mich grad nicht)

    Deine Beispiele gehen eher in Richtung "Erziehungskultur". Ob sich das als genetisches Erbgut nachweisen lässt?
    In keiner meiner Ausführungen geht es um "genetisches Erbgut".
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)


  8. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Hallo Lyanna, vielleicht erzählt man sich als Kind nicht, woher die Eltern kommen, aber als Erwachsene fand ich das immer einen Teil des normalen Kennenlernens. Auch wenn jemand genau aus der Gegend kommt, wo man aufgewachsen ist. Dann redet man eher vom Hof der Grosseltern z.B.

    Vielleicht ist das aber auch meine Sicht, weil ich mit einem Elternteil aufgewachsen bin, das aus dem Ausland kam. Das war so ein Teil meiner Person (anfänglich auch ein Grund meiner Aussprache und Aussehen) dass es mir vielleicht normal erschien, dass mich mein ganzes Leben lang Leute fragen, wo ich herkomme

  9. Avatar von Hases_Frau
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    AW: Kriegsenkel

    Meine Großmutter (Jahrgang1918) war ihrerseits schon Halbwaise und Flüchtlingskind, ist in Thüringen geboren und in Schlesien aufgwachsen.

    Sie lebte bis 2007, in den letzten 17 Jahren mit uns im selben Haus (davor haben wir sie täglich gesehen), ich (Jahrgang 1971) bin 1993 berufsbedingt dort ausgezogen, mußte aber 2002 meinen Beruf vorübergehend aufgeben und in dieses Haus zurückkehren, um meine Mutter ( geb.1949) und meine Großmutter zu pflegen, das zog sich hin bis 2008.

    Es war die Hölle.
    Noch wir Kinder - also die übernächste Generation - sollten möglichst nicht mit Fremden sprechen, weil die ja angeblich auch im Jahre 2007 noch was gegen die Flüchtlinge des 2 WK gehabt hätten (die wußten von dieser Flucht meiner Großmutter gar nix), immerimmerimmer stand Omas Handtasche gepackt und griffbereit auf dem Sofatisch "falls die Russen kommen" und jeden Sonntag, den der Liebe Gott werden ließ (auch schon in den Jahren, bevor sie mit uns zusammenzog) hatte sich die möglichst vollzählige Familie um den Eßtisch zu versammeln, um wahlweise die immer gleichen Horrorstories ihrer Flucht anzuhören oder über die Straßennamen und Besonderheiten der schlesischen Stadt, in der sie aufgewachsen war, abgefragt zu werden.
    SIe herrschte mit eiserner Hand, hat ihre Tochter, meine Mutter fast mit ins Grab genommen und dennoch hätte diese Frau, die mich geboren hat, niemals auch nur einen winzigen Funken Kritik an ihrer Mutter geduldet, im Gegenteil, sie hat uns Kinder ( mich als Mittlere besonders) ihr regelrecht "zum Fraß vorgeworfen".
    Es gab auch fast kein anderes Fernsehprogramm bei uns, im Wohnzimmer mit der Familie wurden entweder Heimatfilme aus den 1950er Jahren oder noch besser Kriegs- und Vwertreibungsdokus gesehen.
    Und immerimmmerimmer war der Tenor, daß es kaum jemand anders jemals so schwer gehabt hätte, wie meine Großmutter und auch andere Flüchtlinge ihr besonderes Leid (sie ist dreimal geflüchtet: 1921, 1945 und dann noch 1952 aus Ostberlin nach Süddeutschland) nie würden nachvollziehen können.

    Für mich war das eine extrem schwierige Kindheit, sie haben mich mit diesen Schauergeschichten regelrecht von klein auf traumatisiert, gefühlt war der 2. Weltkrieg in unserer Familie erst im Dezember 2007 beendet.
    Ich hatte auch keinerlei Chace, dem zu entkommen, denn Kontakt zu Einheimischen war ja nicht gewünscht, ich bin tatsächlich erst auf dem Gymnasium, also mit 10 Jahren, erstmals richtig mit Gleichaltrigen in Kontakt gekommen (zu Grundschulzeiten war außerhalb des Unterrichts kein Kontakt mit anderen Kindern möglich) und die Defizite, die ich da im zwischenmenschlichen Umgang aufgebaut habe, werde ich in diesem Leben nicht mehr in den Griff bekommen.

    Vollends den Glauben an die Menschheit haben wir dann kurzfristig alle verloren, als meine Mutter nach dem Tod ihrer Mutter in deren Unterlagen alte Briefe an ihre Schwägerin und ihren Bruder fand, aus denen klar hervogring, daß an diesen ganzen Schauergeschichten über die Flucht nichts, kein einziges Sterbenswörtchen, wahr war.

    Diese Frau hat 3 Generationen nach ihr (es gab auch Urenkel, die das noch bewußt miterleben mußten) mit völlig frei erfundenen Schauergeschichten in Schach gehalten und an einer normalen Lebensführung gehindert.
    Sie ist, absolut im Gegensatz zu dem, was sie immer erzählt hat, seeeehr bequem im Auto ihrers Bruders, der ein hohes Tier bei der Luftwaffe war, aus Schlesien nach Thüringen gebracht worden, angeflirtet von vielen jungen Offizieren ( die ihrem Bruder unterstellt waren) und ohne auch nur einen Tag Hunger oder Angst zu leiden....


    Ich breche meinen Bericht jetzt hier ab und entschuldige mich dafür, daß er so lang geworden ist, aber dieses Thema triggert mich sehr.
    *** Als ich die Hand eines Menschen brauchte, reichte mir jemand seine Pfote ***

  10. Avatar von Sariana
    Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    @Hases_Frau
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

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