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Thema: Kriegsenkel

  1. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Kriegsenkel

    Meine Großeltern (Jahrgänge 1909 bis 1919) haben nie irgendetwas erzählt.
    Meine Eltern (Jahrgänge 1936 und 1939) haben immer nur abgewunken, wenn wir Kinder fragen nach "früher" stellten. Sie wollten alle miteinander alles verdrängen.

    Ich weiß aber, dass sowohl meine Mutter als auch ihre Mutter eine schwere Borderline-Störung hatten und dass mein Vater, der im Alter von sieben Jahren in einem Jahr Vater, Mutter, Schwester und Großeltern verlor (teils durch den Krieg, teils durch Krankheit) schwer traumatisiert war und sein Leben lang keinen Zugang zu seinen Gefühlen hatte.

    Ich habe ein halbes Jahrhundert gebraucht, um die Dinge, die durch all das auf mich abgefärbt haben, zu überwinden, vor allem die verstörenden Verhaltensweisen meiner Mutter aufgrund ihrer Störung und die emotionale Abwesenheit meines Vaters.

    Nun lebt bis auf meine schwer demente Mutter niemand mehr. Ich hätte sehr gerne erfahren, was meine Familie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erlebt hat, aber das werde ich leider niemals können.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  2. Avatar von Klecksfisch
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    AW: Kriegsenkel

    Meine Mutter hat was erzählt, allerdings immer das gleiche. Irgendwann habe ich die Ohren auf Durchzug gestellt. Das Wichtigste habe ich 2004 von ihrer Schwester erfahren, meine Mutter hatte das vollkommen verdrängt. Sie ist auf der Flucht von Russen vergewaltigt worden. Die Folgen waren Depression, Selbstmordversuch, Alkohol und die beschissene Kindheit von meiner Schwester und mir. Meine Mutter wurde schon von ihrer Mutter schlecht behandelt und was da passiert ist, hat sie auch mit uns gemacht. Meine Schwester wurde mit allem verprügelt was sie greifen konnte und meine Schwester hat mich verprügelt.

    Mein Vater hat nur dummes Zeug erzählt aber nicht die Wahrheit. Auch eine Art der Verdrängung. Er hat sich überhaupt nicht um meine Schwester und mich gekümmert. Um Haus und Hof hat er sich gekümmert, das war alles.

    Sie haben ihr Bestes gegeben, auch wenn das Beste scheiße war.
    Ich bin eine Raupe und du ein Reh. Doch ich werd Schmetterling und du wirst Filet.

    Die Sache mit dem streiten ist die, wenn man etwas zurückhält, arbeitet es auf lange Sicht gegen euch (Dalai Lama)

    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)


  3. Avatar von Sariana
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    AW: Kriegsenkel

    @ Klecksfisch
    Kannst du, besonders deiner Mutter, nicht vergeben, nach all dem was sie selbst erlebt hat?
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

  4. Avatar von Klecksfisch
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    AW: Kriegsenkel

    Ich habe meinen Frieden gefunden.
    Ich bin eine Raupe und du ein Reh. Doch ich werd Schmetterling und du wirst Filet.

    Die Sache mit dem streiten ist die, wenn man etwas zurückhält, arbeitet es auf lange Sicht gegen euch (Dalai Lama)

    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)


  5. Moderation Avatar von Anemone
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    AW: Kriegsenkel

    Meine Mutter war Jahrgang 23 und hat anfangs die Nazis toll gefunden. Schnittige Musik, schnittige Jungs mit Fahnen etc. Und BDM und Landmädel in Pommern. Sie hat die Bombennächte in der Großstadt im Bunker mitgemacht, und mir viel erzählt. Komischerweise hab ich nie den Eindruck gehabt, dass sie besonders gelitten hat. Mein Vater war wg Behinderung nicht im Krieg und so konnten die beiden den Krieg irgendwie wie ein Abenteuer erleben. Im Nachhinein hab ich fast den Eindruck. Meine Mutter war aber auch nicht ohne, sie mochte es immer im Mittelpunkt zu stehen, genoss ungeheuer, dass sie als bildhübsche junge Frau nicht wie alle anderen dürr war sondern immer pummelig, obwohl sie genau so wenig zu essen hatte wie alle anderen. Sie genoss die Aufmerksamkeit der amerikanischen Besatzungssoldaten, die ihr Kaugummi schenkten.
    Ich war dann 51 geboren worden und eigentlich lästig. Sie wollte eher mit ihrem Mann und ihrem Freund (nix mit Doppelmoral und Fuffziger, aber hallo) unternehmerisch tätig werden. Ich war bei Oma, die lieb und nett war. Opa war in Verdun gewesen und erzählte nie, er hatte mit Sicherheit ein Kriegstrauma davon getragen.
    Heute leben noch die Schwester meiner Mutter und mein Onkel und ich hab sie nach der Lektüre des o.g. Buches sehr viel ausgefragt. Ich konnte nie genug erfragen, mich hat das alles sehr fasziniert.
    Mit meiner Mutter, die sich selber eigentlich immer am tollsten fand, hab ich mich auch mithilfe einer Therapie versöhnt. Nach ihrem Tod allerdings.
    Und führe mich nicht in Versuchung -
    ich finde den Weg allein (Mae West)


    Wir glauben Erfahrungen zu machen,
    aber die Erfahrungen machen uns. (Eugène Ionesco)
    ------------------------------------

    Moderation 60+, Kochen für Feinschmecker, BRIGITTE-Diät,
    Essen - Genuss oder Frust? Rücken


  6. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Liebe Bifi, dazu fällt mir das Buch von Sandra Konrad ein: "Das bleibt in der Familie".
    Und zum Thema: Weitervererben von Traumata - dazu gab es vor längerer Zeit eine sehr gute Sendung auf Arte. Ich weiß nicht, ob sie in der Mediathek noch verfügbar ist, habe auch leider den Namen der Sendung vergessen.
    Es ging darum, dass endlich bewiesen ist, dass Traumata weiter vererbt werden.
    Natürlich ändern sich nicht die Gene. Wohl aber Botenstoffe, die die einzelnen Schaltstellen im Gehirn bedienen. Ich hoffe, ich habe das richtig erklärt.
    Das Böse, das wir tun, wird uns Gott vielleicht verzeihen,
    aber unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.
    Karl Heinrich Waggerl


  7. Registriert seit
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    AW: Kriegsenkel

    Liebe Ivonne, wenigstens eines habe ich von meiner Mutter gelernt: sparsam wirtschaften. Bei mir wird Essen nicht einfach weggeworfen. Auch nicht im Restaurant. Dafür bin ich vor längerer Zeit schief von anderen angeschaut worden.
    Aber erstens ist es für mich Demut vor der Natur (oder Gott, oder wem auch immer), der diese Rohstoffe hat werden lassen. Dann steckt Menschenarbeit in der Verarbeitung und bezahlt hab ich es schließlich auch.
    Mein zweiter Mann, der in den in der Bundesrepublik nicht mehr ganz so armen 1960er und -70er Jahren aufgewachsen ist, war in der ersten Zeit mehr als verwundert, wenn ich die Reste nicht in den Mülleimer, sondern in den Kühlschrank verfrachtet habe!
    Das Böse, das wir tun, wird uns Gott vielleicht verzeihen,
    aber unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.
    Karl Heinrich Waggerl

  8. Avatar von Kikiri
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    AW: Kriegsenkel

    Auf Youtube ist da einiges zu finden.
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    Am Ende meines Lebens will ich nicht sagen: Allen hat mein Leben gefallen, nur mir nicht!

  9. Avatar von Sneek
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    AW: Kriegsenkel

    Glaubt Ihr wirklich, man muss einen Krieg erlebt haben, um achtsam mit Essen umzugehen?

  10. Avatar von Sariana
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    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Sneek Beitrag anzeigen
    Glaubt Ihr wirklich, man muss einen Krieg erlebt haben, um achtsam mit Essen umzugehen?
    Ich denke, dass wir von den Generationen geprägt sind und dies an die Folgegenerationen weitergeben.
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

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