Antworten
Seite 27 von 112 ErsteErste ... 1725262728293777 ... LetzteLetzte
Ergebnis 261 bis 270 von 1116

Thema: Kriegsenkel

  1. Inaktiver User

    AW: Kriegsenkel

    Ich bin keine Kriegsenkelin sondern ein unmittelbares Nachkriegskind.
    Hätten meine Eltern und Großeltern nicht den ersten und zwieiten Wletkrieg miterlebt, dann wäre vielleicht nicht von Anfang an klar gewesen, dass ich die bestmögliche Bildung bekommen sollte. Und das zu einer Zeit, als es durchaus ein gängiges Thema war, welche Berufsausbildung sich für ein Mädchen gerade noch lohnt, denn „die heiraten ja sowieso“.

    Mir wurde dagegen immer vermittelt, dass heiraten kein Beruf und Hausfrau sein eine durchaus risikoreiche Perspektive ist.
    Immerhin etwas, das ich den Kriegserfahrungen meiner Vorfahren verdanke und worüber ich immer sehr froh war.

  2. User Info Menu

    AW: Kriegsenkel

    Ich habe hier nicht ausführlich die Beiträge gelesen sondern ein bisschen Querbeet.

    Mit dem Thema hab ich mich vor Jahren, als ich eine Therapie machte, auseinander gesetzt. Ich bin Jahrgang 54 und glaube schon, dass die Kriegsjahre sehr großen Einfluss auf meine Kindheit hatten und auch damit, wie sich meine Persönlichkeit entwickelt hat. Es wurde vieles leichter nachdem ich es verstanden und verarbeiten konnte.

    Mein Vater war 33 Jahre alt als er 1948 aus russischer Gefangenschaft zurück kam, er war von Anfang an Soldat gewesen. Er war ein gebrochener Mensch und ich habe ihn nur als solchen erlebt. Gesprochen wurde nie über diese Jahre, es war in den 50-60ern auch nicht so üblich, dass die Kinder nachfragen aber ich weiß, dass mein Vater niemals über diese Zeit sprechen konnte. Ich habe später einmal Briefe gefunden, die er während des Krieges an seine Mutter schrieb und das zeigte viel von der Verzweiflung. Er konnte zu uns vier Kindern nur wenig Beziehung aufbauen. Wir waren immer zu laut, zu viel. Aber wir waren da und wurden ernährt und hatten ein Dach überm Kopf. Er starb früh mit Anfang 50. Meine Mutter war bei Kriegsende 15. Auch sie hatte ihren Teil mitbekommen, ihre Mutter starb 1940, der Vater im Krieg, 6 Kinder auf sich allein gestellt.

    Zärtlichkeiten, das Gefühl von Behütet sein, Aufmerksamkeit, all das haben wir als Kinder vermisst. Meine Geschwister und ich haben alle irgendwie einen Knacks weg, jeder auf seine Art.

    Ich habe lange gar nicht gewusst, welche Einflüsse das noch noch auf mein Leben hatte. Es war einfach so, wie es war und man fragte doch nicht, warum. Das wurde erst sehr viel später einmal aufgedröselt. Und darüber bin ich froh. Ich konnte über ältere Verwandte noch einiges erfahren wie zum Beispiel, dass meine Oma eine frühe Sozialdemokratin war und aktiv auch während des Krieges dafür einstand. Sie hat auf Flugblättern geschlafen und koordiniert, wer sie wann verteilt. Das mach mich heute auch ein bisschen stolz. Da gibt es noch mehr Geschichten, die mir zeigen, dass trotz der gezeigten Härte ein sehr starkes soziales Engagement vorhanden war. Auch bei meinem Vater.

    Mit meinen Eltern bin ich absolut im Reinen. Schade nur, dass das so spät erfolgte. In Gesprächen mit Gleichaltrigen erfuhr ich, dass es auch ganz andere Auswirkungen haben konnte. Zum Glück gab es auch viele, viele Familien in den 50er Jahren, bei denen es ganz anders lief.

    Ja, ich bin auch dankbar für den Frieden, den wir erleben dürfen und durften. Er ist nichts selbstverständlich und überall. Das muss uns immer bewusst sein.
    Ich bin mein eigenes Projekt!

  3. Inaktiver User

    AW: Kriegsenkel

    Liebe Marl und eigentlich auch, lieber Opelius,

    darf ich fragen, ob Ihr bei Euren Kindern erkennen könnt, ob sie etwas als
    Kriegsenkel "mitbekommen" haben?
    Geändert von Inaktiver User (12.01.2020 um 14:55 Uhr) Grund: Konkretisierung

  4. User Info Menu

    AW: Kriegsenkel

    Hallo Langbein, was du schreibst kommt mir sehr bekannt vor. Ich bin von einer mich ablehnenden Mutter erzogen worden, mein Leben lang war das mein Thema. Nach dem Tod meiner Mutter vor 7 Jahren hatte ich eine unbändige Wut auf sie. Geholfen hat mir das Gespräch mit ihrem langjährigen Arzt, der mir sagte dass meine Mutter aufgrund ihrer bipolaren Störung ihre Mutterrolle nicht wahrnehmen konnte. Außerdem war eine Familienaufstellung hilfreich, und das Lesen des Buches "wenn du lächelst bist du schöner". Darin wird ganz gut die Zeit, Kultur, Zeitgeist der 50ger Jahre beschrieben, und zu lesen, dass vieles früher "einfach so war und normal war" hat mich etwas besänfigt. Liebe Grüße Annalisa

  5. User Info Menu

    AW: Kriegsenkel

    Ganz spontan habe ich auf den allerersten Beitrag von Langbein reagiert und danach die anderen Beiträge quer gelesen (typisch für mich) die Frage war, wie der Krieg uns, unser Verhalten etc. beeinflusst hat. Ich denke mal, dass die fürchterlichen Erlebnisse von Sterben, Angst, Hunger etc. die Menschen in ihrer Persönlichkeit (mit) geprägt haben, da können wir uns heute gar nicht einfühlen. Meine Mutter hat als 17jährige den qualvollen Tod ihrer Eltern hautnah miterlebt. Ich kenne niemanden, der nur ansatzweise so viel Leid erfahren hat (außer den Flüchtlingen natürlich). In meiner Jugend dachte ich, der Krieg ist sooo lange vorbei, dabei waren es gerade mal 20 Jahre. Was sind 20 Jahre? Das ist doch noch nicht lange her. D. h. unsere jungen Eltern hatten den Schrecken noch in sich. Dazu kam, dass Kinder damals nicht den Stellenwert hatten wie heute, es hieß immer, nimm dich nicht so wichtig, Mädchen haben so und so zu sein, Körperkontakt war auch nicht so verbreitet (meine Mutter hat mich nie in den Arm genommen) der gesellschaftliche Druck war größer, Kirche hatte eine größere Macht etc. Ich denke alles zusammen, Kriegserfahrung, Zeitgeist und natürlich die Persönlichkeit an sich Formen die Menschen.....

  6. User Info Menu

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Liebe Marl und eigentlich auch, lieber Opelius,

    darf ich fragen, ob Ihr bei Euren Kindern erkennen könnt, ob sie etwas als
    Kriegsenkel "mitbekommen" haben?
    Nein, mir ist nichts aufgefallen. Sie haben es in der Schule durchgenommen. Schien sie eigentlich nicht besonders zu belasten, denn sie gehörten zur Generation Golf(wie sie selbst definierten). Großes Wissen, großes Selbstbewusstsein bis sie ihre ersten Liebeskummer erfuhren.

    Dass ihre Mutter ab dem Schulalter auf dem Hof ihrer Eltern um 6 Uhr früh Kühe melken musste, dann frühstücken, dann in Schule, hat sie viel mehr interessiert. Und das vermitteln sie ihren Kindern. Sie wollen in diesem Sommer mit uns Ferien auf einem richtigen Bauernhof machen. Die Enkel sind zwischen 4 und 14 Jahre alt.

    Unser ältester Enkel (20) dient als Zeitsoldat bei den Panzergrenadieren. Darüber habe ich schon vor vielen Seiten berichtet.
    Geändert von Opelius (12.01.2020 um 15:48 Uhr)
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

  7. Inaktiver User

  8. Inaktiver User

    AW: Kriegsenkel

    zu diesem Beitrag:
    Riesig sind die Auswirkungen für die komplette Generation "Frau" was natürlich auch auf die Männer wirkt.

    Alleine Thema Weiblichkeit- hat unglaubliche Ausläufer auf jeden Lebensbereich.
    Die Gesellschaft wird dadurch mitgestaltet.

  9. Inaktiver User

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Opelius Beitrag anzeigen
    Ich bezweifle inzwischen sehr, dass die vielen Probleme, die hier User aus ihrem Leben erzählen, insbesondere die familiären Zwistigkeiten und Katastrophen in ihrem Leben etwas mit Krieg zu tun haben.

    Ich gehe davon aus, dass alle, die hier schreiben, sehr wohl wissen, was ihre Eltern und Großeltern erlebt und durchgemacht haben. Aber eigene Frustrationen, Enttäuschungen und erlittene Lieblosigkeit ihnen vorzuwerfen ist mir inzwischen zu simpel.
    Das kannst du gerne sehr bezweifeln, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Kriegserlebnisse, Flucht und Vertreibung ganze Leben auf den Kopf gestellt haben. In der Regel wurden z. B. die Vertriebenen nach dem Krieg nicht gerade freundlich begrüßt und haben dann wieder weiter unten in der Sozialskala bei null anfangen müssen. Klassische Auswanderergeschichte könnte man sagen, wenn man Vertreibung als Migrationsgrund begreifen will.

    Dieselben "Symptome" erkennst du übrigens auch bei Flüchtlingen/Vertriebenen und deren Kinder aus dem Syrienkrieg. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Zu sagen, dass dies keinen Einfluss auf das weitere Leben (und auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung) hat, ist schon ziemlich ignorant. Selbst bei Gastarbeitern erkennst du die Auswirkungen bis in die dritte Generation hinein. Es kann sehr stark beeinflussen, und das sollte man akzeptieren.

  10. User Info Menu

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das kannst du gerne sehr bezweifeln, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Kriegserlebnisse, Flucht und Vertreibung ganze Leben auf den Kopf gestellt haben.
    .......
    Dieselben "Symptome" erkennst du übrigens auch bei Flüchtlingen/Vertriebenen und deren Kinder aus dem Syrienkrieg. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Zu sagen, dass dies keinen Einfluss auf das weitere Leben (und auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung) hat, ist schon ziemlich ignorant. Selbst bei Gastarbeitern erkennst du die Auswirkungen bis in die dritte Generation hinein. Es kann sehr stark beeinflussen, und das sollte man akzeptieren.
    Deine Ausführungen bestreite ich ja nicht.
    Der Weltkrieg hat fast ganz Europa (über den Pazifikkrieg reden wir hier ja nicht) betroffen und in allen Familien Trauer, Vertreibung und Schmerz hinterlassen.

    Nur der Krieg ist seit 75 Jahren zu Ende, der Syrienkrieg tobt aber noch. Du magst vielleicht Recht haben, dass meine Einstellung dazu ignorant sei. Zumindest für mich kann ich sagen, dass meine Familie und ich nichts, unter was wir auch aktuell leiden mögen, auf den verlorenen Krieg zurückführen.

    Ich verfolge eigentlich mehr die seelischen Leiden der Bundeswehrsoldaten, die in ihren Auslandseinsatz so Schlimmes erlebt haben, dass sie trotz inzwischen vorhandener psychologischer Betreuung völlig aus der Bahn geworfen sind - und ihre Familien darunter leiden.

    Ich weiß, dass es Bücher gibt, die sich klar damit auseinandersetzen, wie sehr selbst Enkel unter den Nachwirkungen leiden. Wenns denen als Erklärungsmuster reicht, so ist es in Ordnung.
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Antworten
Seite 27 von 112 ErsteErste ... 1725262728293777 ... LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •