+ Antworten
Seite 2 von 112 ErsteErste 12341252102 ... LetzteLetzte
Ergebnis 11 bis 20 von 1116

Thema: Kriegsenkel

  1. Avatar von bifi
    Registriert seit
    02.02.2007
    Beiträge
    2.434

    AW: Kriegsenkel

    Vor einiger Zeit las ich, dass Traumata weitervererbt werden. Literatur dazu gibt es, habe den Autorennamen vergessen. Weiß das jemand hier?
    Sorry für OT, melde mich nochmal.
    "Schau lange und genau auf die Dinge, die dich erfreuen - zumindest länger als auf die Dinge, die dich ärgern."
    Sinonie - Gabriele Colette


    Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt
    Aristoteles - Griechischer Philosoph


  2. Registriert seit
    15.06.2007
    Beiträge
    7.399

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von bifi Beitrag anzeigen
    Vor einiger Zeit las ich, dass Traumata weitervererbt werden. Literatur dazu gibt es, habe den Autorennamen vergessen. Weiß das jemand hier?.
    In dem Zusammenhang gibt es als weiteres Gebiet- was sich damit befasst- die Epigenetik.....es ist ein riesige Gebiet

  3. Avatar von Opelius
    Registriert seit
    24.04.2004
    Beiträge
    16.654

    AW: Kriegsenkel

    Ich bin ein Kriegshalbwaise. Meine Erinnerungen beginnen erst, nachdem der Krieg zu Ende war.

    Wir hatten hier schon mehrere Stränge zu dem Thema, gepaart mit dem Thema "Erziehung nach Johanna Haarer", die ein auflagenstarkes Buch zur Nationalsozialistischen Erziehung geschrieben hat.

    Und alle bisherigen Beiträgen zu dem Thema wurden dominiert, dass die meisten Mütter und Großmütter genau diese Erziehungsmethode an ihnen angewendet haben.

    Dass insbesondere Mädchen immer große Schwierigkeiten spätestens in der Pubertät mit ihren Muttern haben, ist bekannt.

    Dass diese Mütter aber sehr oft ohne ihren Vater groß geworden sind, wird gern verschwiegen. Und ihre alleinerziehenden Mütter mussten ihre Kinder in absolut schwierigen Zeiten großziehen, sie übernahmen gegen ihren Willen die Rolle von Vater und Mutter, vor allem aber die Versorgerrolle, was einen täglichen Kampf um Essen bedeutete. Das kann sich heute niemand auch nur annähernd vorstellen.

    Meine Kindheit war in den Nachkriegsjahren richtig schön. Im Lager und später bei der Einquartierung brauchte ich nur vor die Tür, da waren immer ein Haufen Kinder mit denen ich spielen konnte, die Erwachsenen ließen uns in Ruhe, die mussten arbeiten oder Organisieren (Kohle und Essen beschaffen).

    Ich war nie hungrig, wenn auch derart unterernährt, dass meine Mutter sich entschloss, mich als Vierjährigen für 3 Monate an einer Erholungsmaßnahme in der Schweiz anzumelden. Die Schweiz hatte Familien aufgefordert Flüchtlingskinder für 1 bis 3 Monate aufzunehmen und aufzupäppeln. Für mich war das das reinste Abenteuer.

    Als Kind habe ich sehr viele Geschichten über Flucht oder Bombennächte gehört. Aber ehrlich, ich mochte das alles nicht hören. Es interessierte mich schlicht nicht. Dafür war alles, was aus Amerika kam, das Spannendste was es gab: Kaugummi, Cola, Jazz, etwas später Jeans und T-Shirts.

    Was ich in meiner Erziehung nie bekommen habe, war Aufklärung. Meine Mutter konnte das nicht, die Schule auch nicht, der Konfirmandenunterricht auch nicht. Dort hörte ich nur: den ersten Kuss der Mutter Deiner Kinder.

    Dabei war ich spätestens mit 13 Jahren an dem Thema sehr interessiert. Meine Aufklärung fand auf der Straße statt, mit all den Prahlereien, die so Jungs von sich geben können. Das Ganze gepaart mit einer unvorstellbaren gesellschaftlichen Doppelmoral. Und spätestens bei dem Besuch einer weiterführenden Schule blieben Jungs und Mädchen streng getrennt.

    Und ab dem Zeitpunkt endete meine schöne Kindheit.

    Meinen Kindern und Enkeln brauche ich nichts aus der Zeit erzählen, sie glauben mir nichts. Sie sind also nicht anders als ich es war.
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

  4. Avatar von Sariana
    Registriert seit
    29.12.2006
    Beiträge
    27.676

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von bifi Beitrag anzeigen
    Vor einiger Zeit las ich, dass Traumata weitervererbt werden. Literatur dazu gibt es, habe den Autorennamen vergessen. Weiß das jemand hier?
    Sorry für OT, melde mich nochmal.
    Methoden unter anderem: Psychotraumatherapie
    Es geht um mehrgenerationale Bindungstraumata.

    John Bradshaw: Familiengeheimnisse
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

  5. Avatar von Spadina
    Registriert seit
    02.11.2011
    Beiträge
    4.647

    AW: Kriegsenkel

    Meine Mutter, Jahrgang 27 wurde zusammen mit ihrer Mutter und einer Kusine x Mal von Russen auf der Flucht vergewaltigt.

    Meine Mutter kenne ich nur als ernste Frau. Sie hat mich mit 11 "aufgeklärt", was Männer alles mit einem machen können, die wären meistens so,

    Als Kind wunderte ich mich immer über so einen aufklappbaren Hocker im Bad, mit Waschemailleschüssei drin. Ihr Bidet. Sie hatte einen richtigen untenrum Waschzwang.

    Ihre Mutter, meine Großmutter hat sie zeitlebens drangsaliert, ein Männerhass war auch dort unverkennbar.

    Meine Mutter war dauernd schwanger und hat die Frucht genüßlich abgetrieben. Davon schwärmte sie noch in hohem Alter, was ihr durch diese Bälger erspart geblieben wäre. Schade, dass ich ein kein Junge geworden bin, hätte sie das vorher gewußt, hätte sie sich auch zu helfen gewußt....

    Ich bin nicht wirklich beziehungsfähig. Inzwischen stört mich das auch nicht mehr, meine Sehnsucht nach einem Mann ist nicht mal mit der Lupe auszumachen....
    Mein Himmel bleibt magisch, wie meine Träume, meine Bilder, mein Leben....
    Ich bin die, die ich bin.


  6. Registriert seit
    05.06.2018
    Beiträge
    164

    AW: Kriegsenkel

    Gut, daß dieses Thema wieder aufgegriffen wird, die letzte Gruppe dazu hat sich ja leider aufgelöst-
    Das mit den Vergewaltigungen ist auch ein schlimmes Thema, - meine Mutter, Jahrgang 23, hat sich als jung verheiratete Frau im Bett versteckt, und die Russen hielten sie zum Glück für ein Kind. Meine Eltern haben schon relativ viel vom Krieg und der Nachkriegszeit erzählt. Mein Vater fand den Hunger am schlimmsten, meine Mutter die Bombenangriffe.


  7. Registriert seit
    25.09.2017
    Beiträge
    363

    AW: Kriegsenkel

    Meine Oma (94) hat ein Wahnsinnsgedächtnis und erzählt mit Vorliebe von der Nachkriegszeit.
    Sie wurde aus Sudetendeutschland nach dem Krieg vertrieben und hat auf abenteuerliche Weise ganz allein meinen Opa, der bei der Marine war, ausfindig gemacht, immer wieder.
    Sie wurden dann beide in Bayern einer Familie zugewiesen.
    Sie ist eine gute Erzählerin und ich höre ihr gern zu, klar, ich kenne jede einzelne Story im Detail aber es ist ihr ein Bedürfnis und sie ist Zeitzeugin und wenn sie stirbt, ist da niemand mehr in der Familie von dieser Zeit.
    Das mit dem Hunger und dem kein Essen wegwerfen können, ist auch Thema. Ihre Schränke und vor allem der Tiefkühler, sind immer gut gefüllt.
    Wir mussten immer heimlich noch den kleinsten Rest vom Abendessen verstecken, weil der sonst zum Frühstück aufgetischt würde.

  8. Avatar von Alwa
    Registriert seit
    29.08.2016
    Beiträge
    535

    AW: Kriegsenkel

    In unserer Familie gab es viel Heimweh nach der verlorenen Heimat. Meine Mutter(Jahrgang 20) saß oft gedankenverloren in einem Sessel und starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Sie saß und saß und alles rundherum war in Stille gefangen. Ich wagte mich nicht zu rühren , auch nicht zu atmen. Dann "erwachte " sie wieder und war wie ausgewechselt, herzlich und fröhlich.

  9. Avatar von Sariana
    Registriert seit
    29.12.2006
    Beiträge
    27.676

    AW: Kriegsenkel

    Jahrgang 1956
    Beide Großmütter sehr liebevoll zu ihren Enkeln - aber die eigenen Kinder verprügelt, gegenüber ihnen distanziert.

    Meine Großmütter waren mit jungen Kindern auf der Flucht. Meine Mutter Jahrgang 1935, mein Onkel Jahrgang 1931, mein Vater Jahrgang 1933.
    Meine Großmutter, Jahrgang 1910, mütterlicherseits hatte zudem auf der Flucht die Verantwortung für ihre krebserkrankte Mutter und die bereits gebrechliche Schwester ihres Vaters.

    Meine Großmutter väterlicherseits Jahrgang 1894 hatte vier Söhne, meiner Großvater verstarb 1944.
    Die beiden älteren Söhne waren "im Feld", der nächstgeborene im Pflichtjahr/Arbeitsdienst und sie schlussendlich mit meinem Vater auf der Flucht. Was sie alles durchgemacht hat, weiß ich nicht - doch meinem Vater gegenüber war sie sowohl streng als auch nachsichtig.

    Was auf der Flucht meiner Großmutter mütterlicherseits alles vorgefallen ist, weiß ich nur bruchstückhaft durch die Cousine meiner Mutter (Jahrgang 1931), die auch versteckt wurde, sie hatte als 14-jährige Schlimmes mitansehen müssen.
    Ich denke, meine Mutter hat aus dieser Zeit einiges von sich "abgespalten".

    Meine Mutter hat mich ebenfalls verprügelt, für mich als Kind furchtbar, es ist nicht vergessen und doch verstehe ich sie, seitdem ich mich mit den mehrgenerationalen Bindungstraumata auseinandergesetzt habe.

    Zum einen kannte es diese Generation aus eigenem Erleben nicht anders, zum anderen waren es jahrzehntelange Überforderungen, eine Art Ohnmacht, Hilflosigkeit.
    Auch ich musste mich als Alleinerziehende in Überforderungssituationen ganz arg an die Kandarre nehmen. Verbale Entgleisungen sind Gewalt und davon spreche ich mich in der Vergangenheit nicht frei.

    Nun bin ich selbst Großmutter und erkenne, weshalb die Großmütter der Frauengenerationen vor mir liebevoller mit den Enkelkindern umgegangen sind.

    Ich habe die Verantwortung für die Brutpflege nicht mehr, ich wache nicht oder eher selten am Bett eines kranken Kindes und hoffe das alles gut wird. Ich muss mich nicht nach einer schlaflosen Nacht zusammenreißen und für meine Kinder sorgen.
    Als heutige Großmutter erlebe ich vieles anders und neu mit den Enkelkindern, ohne die große Last der Hauptverantwortung auf meinen Schultern zu tragen.

    Und dennoch ab und zu kommt auch bei mir die preußisch-calvinistische Erziehung durch. Die Befreiuung davon ist lebenslange Arbeit.
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

  10. Avatar von Sariana
    Registriert seit
    29.12.2006
    Beiträge
    27.676

    AW: Kriegsenkel

    Zitat Zitat von Sturmfest Beitrag anzeigen
    Meine Oma (94) hat ein Wahnsinnsgedächtnis und erzählt mit Vorliebe von der Nachkriegszeit.
    Sie wurde aus Sudetendeutschland nach dem Krieg vertrieben und hat auf abenteuerliche Weise ganz allein meinen Opa, der bei der Marine war, ausfindig gemacht, immer wieder.
    Sie wurden dann beide in Bayern einer Familie zugewiesen.
    Sie ist eine gute Erzählerin und ich höre ihr gern zu, klar, ich kenne jede einzelne Story im Detail aber es ist ihr ein Bedürfnis und sie ist Zeitzeugin und wenn sie stirbt, ist da niemand mehr in der Familie von dieser Zeit.
    Das mit dem Hunger und dem kein Essen wegwerfen können, ist auch Thema. Ihre Schränke und vor allem der Tiefkühler, sind immer gut gefüllt.
    Wir mussten immer heimlich noch den kleinsten Rest vom Abendessen verstecken, weil der sonst zum Frühstück aufgetischt würde.
    Sturmfest,
    wenn du kannst, dann schreibe die Erzählungen deiner Großmutter auf.
    Mir persönlich haben die Informationen von all denen, die in meiner Familie erzählen wollten, sehr geholfen. Selbst mein verstorbener Schwiegervater hat mir einiges berichtet, an dem seine eigenen Kinder nicht interessiert waren.
    Er kannte mein geschichtliches Interesse, leider waren meine Söhne zu jung als er verstarb, um mit den Erzählungen von früher etwas anfangen zu können.
    Liebe ist nicht weil ... sondern trotz und obwohl.
    (Gabriele Krone-Schmalz)

+ Antworten

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •