Kennt das jemand?
Ich hatte das jetzt schon ein paar Mal. Ich wache auf und habe plötzlich so eine Trauer in mir. Vielleicht habe ich irgendetwas Komisches geträumt, jedenfalls bin ich plötzlich traurig um die Jahre. Mir wird ganz plötzlich bewusst, dass sie einfach weg sind. Futsch. Für immer.
Blödes Gefühl, "Suche nach der verlorenen Zeit".
Ich bin überhaupt nicht rückwärts gewandt, im Gegenteil, gerade starte ich beruflich neu durch und habe eine Menge vor - und dann kommt das so plötzlich.
Ich sehe mich noch so deutlich da stehen, nach dem Abitur, als ich so erwartungsfroh ins Leben aufbrach. Das kommt mir jetzt vor wie eine Fata Morgana - war ich das wirklich?? Und wenn ja, warum kann ich da nicht mehr hin?
Vermutlich will ich auch nicht mehr dahin, aber danach werde ich ja sowieso nicht gefragt, aber manchmal würde ich trotzdem gern, weil das alles noch so nah zu sein scheint - bleibt dieses komische Gefühl von "Zeitweh".
Kennt das jemand? Ich meine, außer Marcel Proust, ich weiß, der kannte das gut, aber der ist ja nun auch schon weit weg.
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Thema: Zeitweh
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16.01.2009, 17:02Inaktiver User
Zeitweh
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16.01.2009, 20:38
AW: Zeitweh
Hallo elinborg,
ich (45) kenne das auch gut. Manchmal denke ich an Zeiten meiner Kindheit, "fühle" auch meine alten Gefühle, muss an Menschen denken, die mir wichtig waren und die alle schon gegangen sind...
Für mich gehört es einfach ein Stück weit zum Leben dazu. Mit Mitte 40 sieht man nun auch äußerlich genau, dass schon einige Jahre verstrichen sind, und innerlich weiß man eben auch, dass bestimmte Züge "abgefahren" sind und man eben nicht mehr alle unbeschränkten Möglichkeiten hat. Ob man die in jungen Jahren wirklich gehabt hat, sei mal dahingestellt...
Schlussendlich liegen ja sowohl der Anfang als auch das Ende des Lebens für uns im Dunkel, das macht auch manchmal ein beklommenes Gefühl.
(Im täglichen Leben bin ich auch eher jemand, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht...)
Es muss wohl ein Stück weit in einem drin sein, denn mein jüngerer Sohn sagte auch schon mit 9 Jahren zu mir:"Ich finde es total traurig, wenn ich mir vorstelle, dass ich erwachsen werde und du irgendwann nicht mehr da bist".
LG blaueshaus
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17.01.2009, 11:23
AW: Zeitweh
Hallo ihr beiden, manchmal empfinde ich auch so wie ihr. Ich bin auch bald Mitte 40
die Zeit verinnt wie im Flug, aber es gibt immer noch Momente in denen ich so fuehle, wie ihr es hier beschreibt. Ich denke in letzter Zeit vermehrt an meine Eltern, sie sind nun bald beide ueber 70 (ist eigentlich kein Alter um fuer immer zu gehen, aber in den Zeitungen steht es jeden Tag geschrieben, wie jung die Leute sterben) und stelle mir vor, wie es sein wird, wenn sie nicht mehr da sind.
Ich lebe nun ja seit fast 5 Jahren nicht gerade um die Ecke von meinem Elternhaus (will damit sagen, dass ich es ja eigentlich schon tue), aber es wird schon anders sein, wenn ich dann ploetzlich so richtig "alleine" weiterleben muss. Und dann bekomme ich dieses beklommene Gefuehl ... was wird dann werden ??
Ich habe neulich erst einen Satz hier im Forum aufgegriffen, der da lautete: "Wir sind alle nur Gast auf Erden" das ist wohl wahr. Ich versuche meine Vergangenheit mit Freude zu betrachten, was nicht immer leicht ist, aber wenn ich mich im geistigen Auge so vor mir sehe und die Zeit "zurueckdrehe", dann sehe ich eigentlich meistens nur schoene Momente in meinem Leben. Das stimmt mich positiv.
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18.01.2009, 16:08
AW: Zeitweh
Ich kenn das auch... werde dieses Jahr 40, vielleicht hat es damit was zu tun. Abartig finde ich allerdings bei mir, dass ich plötzlich mit Wehmut an Situationen/Zeiten zurückdenke, die ich damals als belastend empfunden habe und eigentlich so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte. So verkläre ich im nachhinein meine Kindheit/Jugend, die so rosig wirklich nicht war.... Irgendwann kommt wahrscheinlich die "früher war alles besser - Phase" ....
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27.01.2009, 20:31
AW: Zeitweh
Ich kenne dieses Gefühl auch.Ich glaube,es ist die Trauer über verpaßte Gelegenheiten,ungenützte Möglichkeiten...und daß die Jahre so vorüberfliegen...und manche Zeiten und Momente unwiderbringlich vorüber sind und nie wiederkommen werden.
Jeden Sommer nehme ich mir vor,die Wintermonate mehr zu genießen...im Schnee spazierenzugehen...usw...und im Winter nehme ich mir vor,den Frühling und Sommer mehr zu genießen...und jedesmal,wenn die betreffende Jahreszeit vorüber ist habe ich das Gefühl,daß ich es wiedereinmal nicht geschafft habe.
Zu den vergangenen Jahren und Zeiten und verpaßten Momenten kenne ich ein schönes Gedicht von Hans Kruppa:
BANNSPRUCH
Den Dämon der Vergänglichkeit
bannt man mit seelischer Heiterkeit,
mit Zuversicht und Lebensoffenheit.
Schwermut und Trübsal
verschlimmern nur die Traurigkeit
über unwiederbringlich Verlorenes.
Wir gewinnen, um zu verlieren.
Aber wir verlieren auch,
um wieder zu gewinnen.
Lieben Gruß
Andilina
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28.01.2009, 20:07Inaktiver User
AW: Zeitweh
Dankeschön, Andilina

Das mit den Jahreszeiten geht mir ebenso wie dir. Manchmal werde ich geradezu panisch, wenn ich merke, dass ich gar nicht wahrgenommen habe, dass Herbst geworden ist. Immer so beschäftigt!
Andererseits nehme ich gerade die Jahreszeiten viel mehr wahr als früher, weil mit jedem Jahr mehr Erinnerungen dazu kommen. Sobald der erste Frühlingsstrahl mich kitzelt, denke ich an so vieles, was im Frühjahr mal war. Dasselbe mit Weihnachten oder heißen Sommertagen, die so eine ganz bestimmte Stimmung haben und wo man sich eine große Wassermelone holt, weil das so passt.
Ein bisschen Schwermut ist ja auch manchmal ganz schön
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28.01.2009, 20:39
AW: Zeitweh
Das gehört einfach zum Leben dazu.
Heute hatte ich z.B.viel zu tun...der Tag verplant.
Über Nacht hatte es geschneit...auf den Ästen lag ganz dick der Schnee wie dicke Watte...ein richtiges Winterwunderland...
Die schwarzen Äste,die in den Himmel aufragten...der Wald...dunkle Äste,weiß bereift und weiß beschneit...wunderschön.Vögel an meinem Vogelhäuschen.
Und da dachte ich mir:sauge den Moment tief ein...genieße,wie still und ruhig der Ausblick ist...genieße diesen Frieden und diese "Kuscheligkeit",die dieser Wintertag ausstrahlt...
Und das hab ich gemacht.Ich stand mit meiner Tasse Kaffee am Fenster und habe ohne Eile dieses schöne Bild betrachtet...und als ich mit dem Auto fuhr,habe ich die schöne Landschaft,durch die ich hindurchfuhr besonders intensiv betrachtet und angeschaut...und mir immer wieder gesagt,wie schön das doch ist...
Ich weiß nicht,ob Du verstehst,was ich sagen will...ich kann mich so schlecht ausdrücken.Am Liebsten hätte ich den Moment angehalten...
Und morgen...morgen mache ich einen Spaziergang im Schnee,ganz egal,was morgen alles zu erledigen ist.
Das Zauberwort heißt wohl:Aufmerksamkeit.Achtsam umzugehen mit sich selbst und der Zeit.Nicht durch den Tag zu hetzen,in Gedanken schon zwei Stunden später...sondern das Hier und Jetzt mit allen Sinnen aufzunehmen.Denn die verpaßten Chancen,die entgangen Möglichkeiten können wir nicht aufholen,nicht zurückholen...aber das Hier und Jetzt...das können wir genießen und versuchen,in uns aufzunehmen...und zu nutzen.
Ja...und manchmal einfach den Zeitplan Zeitplan sein lassen...etwas Anderes einfach stehenzulassen oder nicht zu machen und dafür den Augenblick zu genießen.Tun wir es nicht,dann haben wir in einigen Jahren wieder einen Beispiel für eine verpaßte Gelegenheit...über die wir dann wieder ein Gefühl der Trauer verspüren.
Lieben Gruß
AndilinaGeändert von Andilina (28.01.2009 um 20:46 Uhr)
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29.01.2009, 08:13Inaktiver User
AW: Zeitweh
Meine Großmutter pflegte zu sagen:
"Die Trauer um die Vergangenheit ist in Wahrheit die Angst vor der Zukunft.
Man erkennt die Vergänglichkeit der Ereignisse und befürchtet die Vergänglichkeit seinerselbst. "
Ich mag aber nicht so denken. Die Vergangenheit prägte meine Gegenwart und meine Gegenwart wird meine Zukunft prägen.
Und "alt" bin ich erst dann, wenn ich mich an nichts mehr erinnern kann, worunter ich leiden könnte
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29.01.2009, 09:28Inaktiver User
AW: Zeitweh
Liebe Elinborg,
auch ich kenne dieses Gefühl. Manchmal gucke ich auf meine Kinder und denke: " Oh Gott, Du verschenkst Zeit".
Ich bin so eingespannt und denke, wenn der Kleine mal auf der weiterführenden Schule ist, dann hast Du mehr Zeit, dann kannst Du es in Ruhe machen........
Und als mein Großer 12 Jahre wurde fiel mir ein, dass er in 6 Jahren schon 18 ist und ich mit 18 Jahren schon ausgezogen bin und selbständig war.
Auch ich verkläre manche Sachen in der Vergangenheit. Mein Mann nennt das "Erinnerungsoptimismus" und deshalb glaube ich, dass es etwas Gutes ist, was uns positiv stimmt.
Auf der anderen Seite, weil es mir manchmal so bewußt wird, erlebe ich das eine oder andere auch viel bewußter. Ich erlebe jetzt manchmal eine Gelassenheit. Eine innere Ruhe, die ich sehr schön finde. Ich nehme Zwischentöne wahr und bin mehr der Natur verbunden. Ich nehme mir die Zeit, um einfach mal draußen zu sein, mit einem heißen Kaffee in der Hand und mal tief zu atmen.
ooooooooooooooooommmmmmmmmmmmmmmmhhhhhhhhhhhhhhh
LG
Finja
Geändert von Inaktiver User (29.01.2009 um 16:31 Uhr) Grund: Zumindest einen ganz üblen Schreibfehler geändert!
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29.01.2009, 13:53
AW: Zeitweh
So geht es mir auch und damit lebe ich die meiste Zeit sehr zufrieden.
Ich schätze viele Dinge (oft Kleinigkeiten), die für Andere (noch) selbstverständlich sind.
Trotzdem kenne ich auch eine Wehmut über vergangene Zeiten, wobei es mir dabei nie um verpasste Gelegenheiten geht, sondern eher darum, dass bestimmte "Highlights" nie wiederkommmen werden. Diese ganz besonderen Ereignisse wie die 1. Liebe, das 1. Mal, bestandene Prüfungen, die Hochzeit, die Geburten ... (Wenn ich mich zurückbeamen könnte, dann ans Ende der 1. Schwangerschaft; eigentlich komisch, da ich heute sehr meine Freiheiten durch halbgroße Kinder genieße und in der Babyzeit oft auch genervt war).


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