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    Geschlechteridentität und Eßstörung

    Liebes Forum,

    ich versuche es kurz zu machen:
    inzwischen bin ich über 50 Jahre alt und seit ich denken kann, versuche ich abzunehmen.
    Mein Gewicht war immer im Bereich des Normalen, erst seit den Wechseljahren habe ich etwas Übergewicht.
    Mir ist aber vor kurzem klar geworden, daß ich mich schon als Grundschulkind zu dick gefühlt habe, und zwar aus einem bestimmten Grund: Ich wollte ein Junge sein.

    Mit etwa drei bis vier Jahren habe ich begonnen, die unterschiedliche Wertschätzung von Jungen und Mädchen durch Erwachsene zu empfinden. Jungens waren die tolleren und geliebteren Kinder. Sie durften Dinge machen, die für Mädchen nicht erwünscht waren, sie bekamen Anerkennung, sie hatten spannenderes Spielzeug, und vor allen Dingen hatten sie Väter (so schien es mir).
    Ich war ein Einzelkind, meine Mutter alleinerziehend, nach ihrer Scheidung war sie lange Zeit Single, später tauchten ab und zu Freunde auf und verschwanden wieder, um deren Zuwendung ich mich vergeblich bemühte.
    Anscheinend waren wir für männliche Wesen uninteressant. (Meine kindliche Deutung.)

    Irgendwann hatte ich mich also entschieden, ein Junge werden zu wollen, ich kämpfte darum äußerlich jungenhaft aussehen zu dürfen, kurze Haare, Lederhosen, usw, und manchmal gelang die Täuschung. Aber ich fühlte mich wie ein Hochstapler, ich war ja nicht "echt" und die richtigen Jungs galten eben doch einfach mehr. Meine früheste Erinnerung an Gedanken über mein vermeintliches Dicksein, betrifft den Schulsport.
    Die Jungs trugen kurze Shorts und wir Mädchen so eine Art "Frotteeslip". Ich fühlte mich darin bloßgestellt und schämte mich für den wahrscheinlich kaum vorhandenen Speck an den Oberschenkeln, weil ich mich als Mädchen enttarnt sah.

    Erst mit Erscheinen der Emma, als ich 16 Jahre alt war, gelang es mir, eine weibliche Identität zu gewinnen, die aber eher ein Gegenentwurf zum männlichen Machismo war, wir wollten dem männlichen Frauenideal keinesfalls entsprechen und kleideten uns daher anti-feminin und anti-erotisch (ich sage nur "lila Latzhose") ;-) (Danke, Alice Schwarzer, trozdem! Du hast mir "das Leben gerettet")

    Viel, viel später entdeckte ich dann - in einer Phase starker Verliebtheit :-) meine Weiblichkeit neu und damit den Wunsch nach erotischer Ausstrahlung und Sexyness. Mein "innerer Kritiker" blieb aber bei seinem jungenhaften Schönheitsideal, was ja leider durch die Medien extrem bestätigt wird.
    So kämpfen in mir stets zwei Teile meiner selbst um mein Eßverhalten zu kontrollieren:
    Der Kritiker, mit seinen Tiraden vom knabenhaften Schlanksein erklärt mich für fett und wertlos und ich müsse endlich abnehmen und eine Art innere "dicke Übermama" sagt, ich solle alles essen, was mir in die Quere kommt, es wäre sowieso besser und sicherer, nicht attraktiv zu sein und alleine zu Hause zu bleiben. So in etwa.
    Beide zusammen sind ein eingeschworenes Team, was mich dazu bringt, sämtliche Versuche ein normales ungezwungenes Eßverhalten zu entwickeln durch Eigensabotage zu verhindern und mich wie ein Neutrum zu fühlen, wenn ich gerade wieder ein paar Pfunde mehr auf den Rippen habe. Dann schaffe ich es nicht, mich feminin zu kleiden, sondern Jeans und Pulli sind die einzige Option und ich fühle mich unsichtbar.

    Dies herauszufinden ist mir dadurch gelungen, daß ich mich ein wenig mit "Inner Family System Therapy" befaßt habe. (Es gibt dazu einige deutschsprachige Bücher, z Bsp "Rote Karte für den inneren Kritiker" von Jochen Peichl) und ich habe das Gefühl, daß ich durch die veränderte Perspektive nun vielleicht doch das Problem bewältigen kann.

    Nun wüßte ich gerne, wer von euch ähnliche Erfahrungen gemacht hat...
    wer - vermutlich von den über 50jährigen Frauen - erkennt sich teilweise wieder und
    wie verändert sich euer Kleidungsstil und die Selbstwahrnehmung als Frau mit eurem realen oder gefühlten Gewicht?

    Ein schönes Wochenende wünscht
    glueckswurf
    Geändert von glueckswurf (13.09.2014 um 17:09 Uhr)

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    ich bin kurz vor den 50 und kenne das Problem der damaligen Bevorzugung der Jungs.
    Auch ich hatte Probleme meine Weiblichkeit anzuerkennen.
    Zu meiner damaligen Freude wurde ich oft für einen gehalten, wenn ich nicht gezwungen wurde Röcke oder Kleider zu tragen.
    Da ich eher zu dünn war und bin, habe ich zumindest keine Essstörung bekommen.
    Auch bei mir führte erst die erste Liebe dazu meinen Körper anzunehmen.

    Dennoch bevorzuge ich auch heute noch Kleidung, die meinen Körperbau nicht deutlich betont.
    Obwohl ich immer noch eher untergewichtig bin, kontrolliere ich ständig mein Gewicht und muss jede Zunahme bei mir vor mir rechtfertigen. Und dies trotz der Tatsache, das Dickere in unserem Alter einfach besser aussehen.

    Ich finde gut, dass du darüber schreibst. Ich hatte immer das Gefühl, alleine damit zu sein.

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    Ach, wie schön! Dann hat es sich ja schon gelohnt, daß ich es gemacht habe! *freusel*

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    Mich betrifft das Thema auch sehr stark, ich bin zwar jünger (30). Es ist allerdings für mich so vielschichtig und unbewusst, schwer in Worte zu fassen. Vielleicht versuche ich mal mehr zu schreiben, wenn ich genung Zeit habe. Geschlechteridentität ist aber ein großes Thema bei mir, mit dem Frau sein habe ich große Schwierigkeiten, aber als männlich erlebe ich mich auch nur in Teilaspekten. Am ehesten sehe ich mich in der Asexualität bzw. in der spielerischen Sublimierung und Vermischung der beiden Seiten.
    Mit einer Essstörung lebe ich, ohne jemals einen wirklichen Grund dafür gefunden zu haben, aber im tiefsten Innern hängt es wohl mit diesem "mich nicht als geschlechtliches Wesen erkennen" zusammen.

  5. Moderation

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    Zitat Zitat von Kleiner_Vogel Beitrag anzeigen
    Es ist allerdings für mich so vielschichtig und unbewusst, schwer in Worte zu fassen.
    Ja. "Geschlechtsidentität" fühlt sich für an wie etwas, daß andere Leute haben -- ich habe mich immer so dazwischen empfunden, beide oder keines. Bei Geschlechtsrolleninventorien lande ich regelmäßig in der Mitte des männlichen Bereiches: was ich im Leben tue und vom Leben will scheint mehr männlich geprägt. Autonomie, Abenteuer, eine gewisse Verkopftheit, Interesse an Dingen und Handlungen... Ob das schon immer so war, oder ob es die Prägung einer 70er-Jahre-Kindheit ist, wo hinter den Anforderungen, Mädchen "gleich" zu behandeln immer stand, Mädchen sollten doch mehr wie Jungen sein... weiß ich nicht, ist auch egal, ob die Henne oder das Ei zuerst da war.

    Aber diese Dichtonomie, "Mädchen sind hübsch, Jungs sind stark", das war so eine Sache. Ich war immer stark, aber nie hübsch. Ich habe immer gerne gegessen und die Mütter meiner Freundinnen liebten mich dafür, weil sie ihre Kochkünste repspektiert fühlten. Aber mit 13 habe ich angefangen, Diät zu machen, weil ich plötzlich C-Körbchen hatte und immer eingehämmert bekommen hatte, daß fett sein für eine Frau (nicht für einen Mann) hieß, das Leben ist vorbei, du kannst nichts kriegen und hast nichts zu wollen, Beziehung, Liebe, das kannst du voll vergessen, das ist für andere, nicht für fette S**ue wie dich. Daraufhin habe ich jedes Jahr 7 Kilo zugelegt, mit 18 war ich ü90 und hatte nie versucht, irgendetwas zu wollen, was Frauen angeblich wollten, da es das für mich ohnehin nicht gab. Aber ich war stark. Ich konnte all meine Freundinnen nicht nur hochheben, sondern umhertragen, konnte Autos anschieben, und stundenlang Lehm schaufeln oder Holz spalten. Außerdem konnte ich Männerklamotten tragen, und nachdem ich mit 18 mit dem Diäten aufgehört hatte und nicht mehr zunahm, habe ich auch die männliche Rolle des guten Essers wieder ausgefüllt.

    Jetzt bin ich dünn und immer noch stark und immer noch nicht hübsch, ich habe keine erotische Ausstrahlung und will auch keine. All das, was ich nicht zu wollen hatte, weil ich fett war, habe ich nie gehabt, und alles, was ich nicht zu wollen gehabt hätte, weil ich ein Mädchen war, habe ich bekommen.

    So gesehen kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Außer daß mir keine Männerklamotten mehr passen. Und daß mich niemand von diesem Drecks-Diätschwachsinn abgehalten hat, als ich 13 war. So viel Elend und Selbsthaß, bis heute habe ich ein Verhältnis zum Essen wie die Überlebende einer Hungersnot, und wofür? Stark hätte ich auch mit 60 Kilo sein können.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    Was für anrührende Beiträge...
    Es gehört viel Selbstreflexion dazu, sich diese Dinge bewußt zu machen und auch Mut, finde ich.
    Vielen Dank, ihr seid wunderbar, ich fühle mich euch sehr nah!

  7. VIP

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    AW: Geschlechteridentität und Eßstörung

    Ich (57) hadere im Moment mit der menopausalen Körperumformung, weil ich meinen androgynen Körper verliere, der mir anfangs eine Last und dann eine Hilfe war, mit den Vorstellungen von "Weiblichkeit", die früher herrschten, zu brechen.

    Ich war kurzzeitig ein dickes Kind, dann zeitlebens dünn, linkisch, eckig und schlaksig mit kantigem Gesicht und großer Nase. Nie zierlich, bloß mager, nicht hübsch im Sinne von niedlich. Eine, die gesagt bekam, sie solle "was lernen", denn "bei dem Aussehen interessiert sich keiner für Dich". Einen Mann abzukriegen, war damals noch ein wichtiges Ziel in den Familien.

    Ich habe dann witzigerweise als Spät-Teenager meinen Lebensmenschen kennengelernt und wir waren 27 Jahre, bis zu seinem Tod, zusammen. Aus meiner Familie gab es trotzdem immer Kommentare von wegen ... "wenn er eine 'richtige Frau' findet, dann ...".

    Erst mit anderen kulturellen Strömungen - Punk, New Wave etc. - fing ich an, mein fast androgynes Äußeres zu mögen.
    Und jetzt habe ich plötzlich BH-pflichtigen Busen ...

    Ich habe mich zwar immer eindeutig als Frau gefühlt, aber nicht dem Frauenbild entsprochen.
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

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