Aus eigenen Erfahrungen im Freundeskreis (unsere eigenen Kinder sind für dieses Problem wohl noch zu jung) heraus finde ich diese Tendenz sehr besorgniserregend. Allerdings sollte man unterscheiden auf der einen Seite zwischen der Nutzung des Internet zur Kommunikation mit Menschen, die man kennt (also Mitschüler, Freunde, Verwandte) - hier ist es einfach ein Mittel wie das Telefon (was nicht heißt, das 3 Stunden telefonieren täglich etwas akzeptables sein müssen). Und auf der anderen Seite das Leben in anonymen Welten (wie zumBeispiel in der BriCom
). Hier gehen viele soziale Korrektive der face-to-face Kommunikation verloren. Aber gerade Pubertierende benötigen dieses "einen Platz in der Gemeinschaft" finden. Stubenhocken erlaubt ihnen das gerade nicht. Und gerade introvertierte Jugendliche (evtl. mit Mobbingerfahrungen) tun sich durch die Flucht in anonyme Welten keinen Gefallen.
Natürlich ist das Problem der fehlenden Möglichkeiten zu sozialen Kontakten nicht einfach vom Tisch zu wischen. Unsere beiden Großen haben 40 Kilometer Schulweg, d.h. faktisch keine Schulfreunde in der näheren Umgebung. Wir "drängen" sie daher permanent zu Kontakten mit Kindern in der Nähe (Nachbarkinder, im Schwimmverein usw), und versuchen auf der anderen Seite, Stubenhocken konsequent zu vermeiden (zeitlich stark limitierter TV und Computer-Konsum). Klar, das geht nur, wenn wir das auch entsprechend vorleben (also auch BriCom Verbot für mich zu Hause). Und wir versuchen, Hobbies mit sozialer Komponente zu fördern (Musik, Mannschaftssportarten, Theater usw).
Hans
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14.02.2008, 15:26
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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14.02.2008, 16:26
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Toll, dieser Strang gestaltet sich ja richtig interessant! Macht Spaß - danke, dass ihr mitmacht!
Finde ich ja auch, und ich selber genieße zum Beispiel den Gedankenaustausch hier in BriCom sehr. Für mich ist das aber kein Ersatz für Freundschaft, sondern eher ein Ersatz für Fernsehen oder Zeitschriften. Besser noch: in so einem Forum kann ich mich themenorientiert mit ebenfalls Interessierten austauschen.
Zitat von canislupa
Mit Chaträumen kann ich überhaupt nichts anfangen. Und wenn ich mal meinem Sohn über die Schulter schaue - naja! Zurückhaltend ausgedrückt sehe ich da nur vorwiegend sehr inhaltsleeres Geschreibsel.
Sehe ich nicht so. Ich bin Erwachsen und kann mich jederzeit entscheiden, mich ins Auto zu setzen und meine Familie/Freunde/Nachbarn oder Kollegen zu besuchen und über alte Zeiten zu plaudern. Zumindest haben wir etwas, das wir geteilt haben und auch wieder können. Ich weiß ja auch noch, wie das geht - sich verabreden. Noch dazu bin ich verheiratet, habe Kinder, Tiere und Garten.... bin also nach einem echten und langen erfahrungsreichen Weg in meinem derzeitigen wirklichen Leben angekommen. Für mich stellt das Netz kein Problem, sondern eine Bereicherung dar.
Zitat von canislupa
Das trifft für unsere Kinder aber (noch) nicht zu. So bequem die Kontaktmöglichkeit PC auch ist - so steht der Bildschirm doch auch wie ein Schutzwall zwischen ihnen. Sie erfahren keine Mimik, keine Zwischentöne, keine Wärme und all die Zwischenmenschlichen nonverbalen Signale existieren da auch nicht. Sich gemeinsam biegen vor Lachen ist eben nicht gleichzusetzen mit dem Kürzel "lol". Die merken doch garnicht, ob "die Chemie stimmt" und es ist auch wurscht. Nichts berührt sie wirklich - im wahrsten Sinne des Wortes. Und das finde ich sehr traurig.Das kommt sicher noch hinzu - wir aber wohnen ziemlich zentral. Schule in der Nähe, Stadtkern 10 Minuten mit dem Bus, mit dem Rad 30 Minuten - theoretisch gibt es in unserer Nähe durchaus andere Jugendliche. Die sind nur auch anderweitig beschäftigt und begügen sich darüber hinaus mit dem "Ersatz" virtuelle Welt.
Zitat von canislupa
Ich stehe dieser Entwicklung ratlos gegenüber - aber vielleicht finden wir hier ja ein Steinchen der Weisen.
Es gibt nichts Gutes - außer man tut es.
Das Gute, das steht fest, ist das Schlechte, was man lässt.
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15.02.2008, 10:47
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Mein Eindruck ist der, das es die Art von Freundschaft, die ich kenne (einfach ´mal bei jemandem vorbeischauen, zusammen rausgehen) eh nicht mehr gibt.
Es gibt nur noch feste Verabredungen, Tage oder Wochen im Voraus geplant, spontan geht schon gar nichts mehr.
Ich befürchte, die Art, sich Kontakte über den Computer zu suchen, wird sich durchsetzen (was das nach sich zieht, können wir ahnen...)
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15.02.2008, 11:15
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Also meine Kinder sind zu meinem Leidwesen sehr, fast zu spontan, eben dank VZ, Mail oder Handy. Leidwesen deshalb, weil es dann meistens heißt "Fähst du mich geschwind...?" oder "Kannst du mich dann später abholen?", wodurch dann meine eigenen Pläne durcheinander geraten. Ich vermisse eher die langfristigen Verabredungen, Verlässlichkeit (jeder wartet immer, ob sich nicht eine noch bessere, noch coolere Gelegenheit für die Freizeit ergibt, dann sagt man die erste eben schnell ab...), und das ist, was ich von früher kenne, da wir kein Telefon hatten. Verabredungen waren zwangläufig langfristig geplant und absagen war so gut wie nicht drin. Und "das tat man auch nicht".
Bin ich altmodisch...?
Chatten mag ich auch nicht. Da werden, wie ich es verstehe, auch nur leere Worthülsen ausgetauscht. Aber was wir hier machen, ist doch eine feine Sache! Daher unterstütze ich meine Töchter auch, in Foren zu gehen und sich dort etwas ausführlicher und in ganzen Sätzen auszutauschen, statt im Chat.
Grüßle von
C.Ich bleibe auf dem Teppich meiner Möglichkeiten und hoffe, dass er fliegen kann.
Ralf Hoburg
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15.02.2008, 17:06
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Bisher ging es ja mehr um Chats und Foren. Ich möchte mal was zu online Spielen sagen.
Ich bin auch sehr für eingeschränkten computerkonsum bei Kindern, klar. Will jetzt aber mal aus meiner Erfahrung mit Spielen berichten:
Ich spiele seit 1,5 Jahren world of warcraft, zu 90% zusammen mit meinem Freund abends.
Wir haben dann irgendwann mal gesagt "puh, wir spielen ja ziemlich viel, was haben wir denn früher in der Zeit gemacht?" und da kam raus: wir haben stupide vor dem Fernseher gesessen abends und allen möglichen Mist reingezogen. nicht wirklich viel miteinander kommuniziert, geschweige denn mit Freunden / bekannten.
(jetzt nicht falsch verstehen wir haben schon Kontakt zu "Außenwelt", wir gehen in einen Tanzkurs, ich hab Pferde und wir gehen auch mal so weg, es geht um die Zeit wo man abends daheim ist und nur noch abhängen will)
Tja und seit wir spielen könen wir kein Fernseh mehr gucken, ist wirklich so, wir zappen dann durch die Programme und sind nach kurzer Zeit davon genervt. Also fallen wir abends nicht aufs Sofa sondern vor den PC. Und wir haben festgestellt,: wir reden mehr miteinander, über das Spiel, aber auch über andere Dinge und haben viel mehr Kontakt zu Freunden die auch spielen. Mit den einen Freund von uns haben wir dadurch fast täglich Kontakt, man spielt zusammen, quatsch im Teamspeak miteinander. Früher hat man mal alle 6 Wochen telefoniert. kurz wir machen was zusammen.
In Hinblick auf Jugendlich ist mi aufgefallen: viele könnne sich nicht anpassen, wollen immer Chef sein und den ton angeben. Tja das geht bei Wow nicht. da gibts es sogenannte Raids, da spielen bis zu 40 Leute zusammen und einer gibt den Ton an, viele Jugendliche können sich nicht unterordnen tanzen aus der Reihe und die Aufträge können nicht erfüllt werden. so Leute bekommen aber auch schnell die Quittung und werden nicht mehr mitgenommen. entweder man verhält sich sozial oder man steht alleine da und alleine kommt man nicht weit. Da hat es sogar meiner Meinung nach einen erzieherischn Aspekt, den gabs früher so nicht in der Form, die Zocker haben gezockt, aber alleine hinter verschlossenen Türen wo sie keine Sozialkompetenz gelernt haben. also sehe ich das an der Ecke gar nicht mal negativ.
Spielt hier noch jemand? und hat ähnliche Erfahrungen gemacht?There's no life before coffee
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15.02.2008, 20:14
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Ich finde das auch alles ziemlich beunruhigend...und kann mich ehrlich gesagt trotz der "positiven" Seiten des ganzen virtuellen Lebens nicht so recht damit anfreunden, dass mein Sohn oder meine Söhne womöglich kein reales Leben mehr führen werden! Im letzten Jahr gab es auf RTL mal eine Sendung namens "Das Model und der Freak", da war ein junger Mann dabei, der seit über einem Jahr seine Wohnung nicht mehr verlassen hatte. Damals habe ich noch staunend und kopfschüttelnd reagiert, wenn ich alle eure Beiträge so lese, ist das ja nicht so eine unwahrscheinliche Variante...(grusel)
In meiner Nordic-Walking-Gruppe hat mir mal eine Frau erzählt, dass ihr 14jähriger Sohn einmal pro Woche Hilfstätigkeiten im Seniorenheim verrichtet. Sie wollte das unbedingt, und es tat ihm wohl gut.
Vielleicht ist das noch ein Weg, die Jugendlichen aus dem Netz rauszukriegen, indem sie irgendwie gemeinnützige Sachen machen (müssen)?
blaueshaus
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15.02.2008, 23:39
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Mein Sohn wird in wenigen Tagen 17. Er ist mit dem PC aufgewachsen - zunächst mit stark begrenzten Zeitfenstern (wie auch beim Fernsehen), dann immer eigenverantwortlicher.
Ja, auch er verbringt so zwischen 2 und 5 Stunden täglich vor der Kiste.
Seine Leidenschaft ist Fußball online. Da ist er in einer Liga - mit bestimmtenTrainings- und Spielzeiten. Es handelt sich dabei um ein festes Team, alles "Jungens" zwischen 16 und 30. Sie chatten und reden über das schon erwähnte Teamspeak (das ist wie telefonieren) miteinander. Nicht nur über Fußball, sondern über alles mögliche. Es handelt sich also durchaus um soziale Kontakte.
Höhepunkt war vor Kurzem Relegationsspiele, die zentral in Köln stattfanden. Dort hat sich dann das Team ganz RL getroffen - und die Teilnehmer haben sich kennengelernt. Mein Sohn hat die Fahrt (Köln ist von uns 250km entfernt), die Unterkunft und alles andere selbst organisiert und ist alleine übers Wochenende nach Köln gefahren. Ihm war vorher schon klar, dass er im Computer, sondern zusammen mit realen Menschen spielt - und er fand es super interessant, sie nun kennen zu lernen. Die meisten seien genau so gewesen, wie er sie sich vorgestellt hatte.
Der PC ist für ihn die Plattform, sein momentanes Hobby auszuüben. Und dazu noch in ständigem Kontakt zu anderen.
Außerdem nutzt er ihn zum Chatten und Telefonieren mit Freunden und Klassenkameraden. Die sieht er ja im RL jeden Wochentag in der Schule. An den Wochenenden treffen sie sich - manchmal zum gemeinsamen Spielen am PC, manchmal zum Radfahren, Schwimmen, Tennis spielen, einkaufen draußen. Und hin und wieder wird sogar mal ein gutes altes Brettspiel gespielt.
Mein Sohn spielt (echtes) Tennis, mindestens zweimal in der Woche. Er ist in der 11. Klasse Gymnasium, Notenschnitt im letzten Zeugnis 1,8. Er hat eine Dauerkarte für den hiesigen Bundesligaverein (einem sehr erfolgreichen Aufsteiger in dieser Saison
) und geht zu den Spielen mit Freunden.
Er hat keinen eigenen Fernseher und unseren gemeinsamen nutzt er kaum.
Er hat sich -von sich aus- zum Ziel gesetzt, sein Abi mit einer 1,komma zu machen und deshalb seit Beginn der 11.Klasse angefangen hin- und wieder zu lernen, und tatsächlich Hausaufgaben zu machen. Vorher ging das irgendwie auch ohne...
Am Ausgehen abends hat (noch) er kein Interesse, ich davon hält ihn aber nicht der PC ab. Zumal er abends oft gar nicht ran darf, weil Mama dann im Internet ist
Wenn der PC von mir genutzt wird, längere Zeit kaputt ist
oder er beim Papa ohne Flatrate Ferien macht, kann er das aushalten, ohne Entzugserscheinungen und ohne durchzudrehen
Wenn er müde ist, schaltet er aus (oder ruft: Mama, du darfst...)
und geht ins Bett.
Ich sehen also keine Anzeichen von Sucht.
Aus diesem Grund wird er zum 17. auch einen eigenen Gaming-PC bekommen. Zur Hälfte selbst finanziert durch Ferienjob.
Bisher nutzt er meinen PC, in meinem Zimmer. Das habe ich absichtlich so gehandhabt, um die Kontrolle über das wann und vorallem das was zu behalten.
Inzwischen traue ich ihm zu, verantwortlich mit dem Gerät umzugehen. Er ist ein ganz normaler Jugendlicher auf dem Weg zum jungen Erwachsenen. Wie vermutlich die meisten eurer Kinder auch. Und ich denke, bei den meisten Jugendlichen wird sich da so ganz normal entwickeln. Also: Augen auf, aber keine Angst!
...want to make a memory
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15.02.2008, 23:51
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Übrigens: meine Tochter (20) - eigene Wohnung - hat gerade ihren PC abgeschafft (nimmt nur Platz weg).
Seit sie im Alter meines Sohnes war, ist sie ständig um die Häuser gezogen. Disco, Freundinnen, Freunde, Rauchen, Trinken - alles RL. Sehr viel Real Life...
Das Internet brauchte sie immer schon nur dafür, sich nach den Wochendenden die Fotos aus den Clubs anzugucken (oh, da bin ich drauf - und da...).
Ratet mal, um welches meiner Kinder ich mir mehr Sorgen gemacht habe
...want to make a memory
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16.02.2008, 10:57
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Also ganz ehrlich, das klingt nach einem Musterexemplar von Sohn.
Zitat von diary
*Hauch von Neidanfall krieg*"Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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16.02.2008, 11:29Inaktiver User
AW: Vereinsamen Jugendliche als Stubenhocker?
Zitat von diary
Braucht deine Tochter den PC denn nicht beruflich? Ich weiß nicht, wie man ohne PC leben kann.


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