Wir haben vor einigen Monaten einen 16-jährigen Jungen in unsere Familie aufgenommen. Es läuft an sich alles sehr gut, dass Verhältnis zu ihm ist freundschaftlichund liebevoll, mit unserem Sohn versteht er sich gut und auch sonst gibt es keine Probleme, die für das Alter oder die Situation ungewöhnlich wären.
Jetzt bin ich vor ein paar Tagen darüber gestolpert, dass er Bettnässer ist. Das erklärt wohl, warum er sich nachts immer in seinem Zimmer einsperrt. Ich bin jetzt wie vor den Kopf gestoßen: Fühlt er sich bei uns nicht wohl? Sind wir nicht genug für ihn da? Wir schenken ihm viel Zuwendung und Aufmerksamkeit und versuchen auch sonst, ihm zu zeigen, dass er uns wichtig ist und dazugehört. Einzig körperliche Zärtlichkeiten oder Nähe – in unserer Familie üblich – fallen uns schwer, da er ja nun kein Kind mehr ist und selbst mein Sohn sie nur zulässt, wenn kein anderer es sieht.
Was würdet ihr in dieser Situation tun? Kann mir hier jemand einen Rat geben, wie damit umgehen oder weiß jemand mehr über die Hintergründe von Bettnässen bei Jugendlichen? Ansprechen möchte ich ihn vorerst nicht direkt, da es ihm mit Sicherheit schrecklich peinlich ist.
Ratlos - Sweetpiranha
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16.05.2007, 12:47
Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
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16.05.2007, 13:12
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Mit diesem speziellen Thema habe ich zwar keine Erfahrungen, deshalb kann ich zu den Hintergründen nichts sagen. Aber ein paar generelle Erfahrungen mit Peinlichkeiten habe ich.
Es gibt Menschen, bei denen keine Peinlichkeiten aufkommen, sondern nur Menschlichkeiten. Ich habe das grosse Glück, so jemanden gekannt zu haben und wann immer ich in eine derartige Situation gerate, frage ich mich, was er wohl tun würde.
Hier würde er vermutlich folgendes tun:
Mit einer Molton-Unterlage in das Zimmer marschieren, freundlich lächeln, sagen "ich würde sagen, wir legen die jetzt einfach mal unter und dann kannst Du mit mir darüber sprechen oder auch nicht - ganz wie Du magst" und wieder rausmarschieren.
Das Thema muss nicht peinlich sein und wenn man es nicht so behandelt, ist vielleicht schon ein bisschen Vertrauen gewonnen.Gefahr im Küchenschrank
Er steht im mittleren Regal,
ganz hinten in der Ecke.
Wann und wie ist ihm egal,
so hockt er im Verstecke.
Er kichert still in sich hinein,
gibt nicht den kleinsten Mucker.
Er ist so listig und gemein.
Der raffinierte Zucker.
Peter Sendtko
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16.05.2007, 13:29Inaktiver User
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Hallo,
wieso habt ihr den Jungen aufgenommen? Was ist mit seiner Familie?
Meine Freundin hatte mir ihrer Tochter das gleiche Problem - sie war dabei sich von ihrem Mann zu trennen, es gab häufig Streit und das Mädchen hat sich das sehr zu Herzen genommen - als er ausgezogen war und alles wieder seinen Gang ging, hörte das Bettnässen auf.
Vielleicht gibt es in der Vergangenheit des Jungen Ähnliches?
Aber ich würde auch lässig damit umgehen - wenn er reden will kann er das, wenn nicht auch gut.
Lilie
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16.05.2007, 16:26
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Nun, der Junge ist bei uns, weil seine Mutter Alkoholikerin ist; sie ist zwangsgeräumt worden und wir haben ihm angeboten, bei uns zu leben, da er unter keinen Umständen wieder in eine "Jugendeinrichtung" sprich Heim wollte (da war er schon zwischen 12 und 15).
Uns ist sein problematischer Hintergrund bewusst, und wir haben uns manchmal schon gewundert, wie er das alles wegsteckt. Aber wir wollten ihm die Zeit geben, sich zu öffnen, denn offensichtlich genießt er es im Moment einfach "Kind" zu sein.
Ich weiß einfach nicht, was besser ist: Ihn darauf anzusprechen (und was würde das ändern außer dass die "Verheimlichung" entfiele, oder ihm weiter vielleicht noch mehr als bisher Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln und abzuwarten, ob sich das Problem dadurch löst. Ich muss dazu sagen, dass er das Problem anscheinend mitgebracht hat, denn ich bin überhaupt nur darüber gestolpert, weil in seinem Zimmer immer so ein Gestank ist. Ich hab dann beim Wäsche Einsammeln überall Säcke und Taschen mit benutzten Inkontinenzslips gefunden... Hmmm, und jetzt weiß ich nicht, was ich tun sol...
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16.05.2007, 17:07
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
ansprechen würde ich es schon, aber mehr im sinne von praktischer unterstützung. -> so wie minstrel es beschrieb.
d. h. gib ihm utensilien, die ihm sein problem erleichtern: moltonauflage, bettwäsche, windelslips in mehrfacher ausführung in seinem zimmer lagern, so dass er selbst das bett in der nacht wechseln kann.
auch die windelslips müssen geruchsfreier entsorgt werden. evtl. mit mülleimer mit deckel.
von welchem geld kauft er die windelslips?
Immer nur zu meckern auf das blöde Scheißsystem, das ist schön bequem, du bist nicht Teil der Lösung, du bist selber das Problem und feige außerdem, sei nicht so unsportlich, es geht nicht ohne dich, so funktioniert das nicht, es geht nicht ohne dich
Die Ärzte
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16.05.2007, 17:33
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Ich würde ihn nicht darauf ansprechen, denn offensichtlich hat er das Problem im Griff und benutzt Einlagen (oder ist das Bett total in Mitleidenschaft gezogen?). Ich denke, der Junge braucht noch Zeit, er muss erst mehr Vertrauen gewinnen. Er ist ja gerade mal dabei sich zu entspannen.
Wenn du ihn darauf ansprechen willst, musst du meiner Meinung nach auch Lösungen parat haben. Wie du schon selbst geschrieben hast: was soll ihm das Ansprechen mit deiner jetzigen Ratlosigkeit bringen? Vielleicht kannst du dich an kompetenter Stelle (Jugendpsychologe, pro familia?) beraten lassen warum sowas auftreten kann, wie man mit Inkontinenz fertig wird oder ob sich das mit zunehmendem Erwachsenenwerden auswächst.
Als Jugendlicher hat man fast immer peinliche Dinge, die man vor den Eltern verheimlichen will, sei es feuchte Träume, Monatshygiene, Sexualität usw. Egal wie verständnisvoll meine Mutter gewesen war, ich wollte z.Bsp. mit ihr nicht über meine Regelschmerzen reden. Ich hab es als mein eigenes "Problem" betrachtet und bin lieber zum Frauenarzt um mir Schmerzmittel verschreiben zu lassen.
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16.05.2007, 17:38
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Die kauft er offenbar von seinem Taschengeld...
Aber ich habe jetzt - verzeiht mir, aber mein Blick ist schärfer geworden - heute Nachmittag in seinen Schulsachen (die lose in der Küche herumlagen) einen "Abschiedsbrief" gefunden, das gibt mir erst mal den Rest... Das Gefühl, versagt zu haben, oder jemanden, den man so gern hat, nicht erreichen zu können... Nein klar. Wir werden mit ihm reden müssen. In dem Brief steht: "Ich habe alle die Dinge die mir widerfahren sind immer in mich hineingefressen, bis ich sie nicht mehr verdauen konnte...". Es wird Zeit, darüber zu reden. Aber erst mal ist mir ganz schlecht. Wenn ich nur wüsste, wie den richtigen Moment und die richtigen Worte finden.
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16.05.2007, 17:45Inaktiver User
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Da ist das Bettnässen offensichtlich nur das Randproblem
Ich denke ihr braucht professionelle Unterstützung.
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17.05.2007, 09:44
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Ich finde es toll, daß Ihr dieses große "Sorgenkind" bei Euch aufnehmt.
Zitat von Inaktiver User
Das verdient Respekt.
Aber vielleicht ist hier noch etwas geschehen, was Ihr alle nicht wissen könnt, oder hinter den Kulissen der Herkunftsfamilie sind noch Dinge gelaufen, die Ihr (anständige Familie) gar nicht ahnen könnt.
Der Hinweis auf professionelle Hilfe ist richtig.
Das Bettnässen vermute ich als Laie nicht als urologisches Problem, sondern eher als psychisches.
Ein Abschiedsbrief - war das ein Auszug aus der Wohnung oder ein Suicidversuch? Vielleicht sollte man das hier alles gar nicht detaillilert ausdiskutieren, um die Anonymität zu gewährleisten, aber die Eltern des Jungen (die Herkunftsfamilie) muß in das Lösungskonzept einbezogen werden. Denn er ist bereits 17 und hat dort seine Wurzeln.
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17.05.2007, 11:20
AW: Bettnässen mit Sechzehn - was tun?
Ja, das vermute ich schon länger. Ich weiß nicht was es im Einzelnen oder Gesamten war, oder ob es tatsächlich "nur" das trostlose Leben eines Kindes war, das für seine lebensuntüchtige und alkoholabhängige Mutter mitsorgen musste, um dann doch alle Nase lang wieder wegen irgendeines Saufkumpans und Mackers fallen gelassen zu werden.
Zitat von Kaempferin
Als der Junge hier einzog, drückte er mir einen Ordner in die Hand mit den Worten "da ist alles über mich drin". Das war es auch, von der Vaterschaftsklage mit Gentest über kinderpsychiatrische Gutachten (alle beschreiben ein extrem verhaltensauffälliges, gestörtes Kind), der Einweisung in ein Kinderzentrum, Behandlung wegen ADS aber nirgends auch nur ein Wort über die möglichen Ursachen. Es hat mich so wütend gemacht, dass ein Kind ständig als schwerer Problemfall behandelt und abgestempelt wird, ohne dass sich jemand mal fragt, woher es wohl kommt...
Zitat von Kaempferin
Er selbst erzählt uns schon, von der Zeit im Heim, wie "schlimm" er war, ab und an auch wie asozial es bei ihm zuhause zuging. Aber er erzählt vor allem von seinem Hass auf die gesamten Jugendamtsmitarbeiter, Kinderpsychologen, Therapeuten, Polizisten; wie sie in Sachen rumgestochert hätten, die sie überhaupt nichts angingen... Der zuständige Mitarbeiter des Jugendamtes (gelinde gesagt nicht gerade eine sympathische Erscheinung) hat uns nahe gelegt, ihn erneut psychiatrisch untersuchen zu lassen. Von den familiären Hintergründen wusste er angeblich nichts, nur vom Problemfall Kind und dass es "vielleicht nicht gerade ideale Verhältnisse waren". Mein Mann und ich haben beschlossen, den Jungen mit solchen stigmatisierenden Maßnahmen einfach mal in Ruhe zu lassen, ihn anzunehmen, wie er ist und darauf zu warten, ob er selbst irgendwann darüber sprechen oder profesionelle Hilfe möchte. Und deswegen möchte ich ihm gerade jetzt, mit dieser ihm bestimmt schrecklichen Bettnässer-Geschichte, das Gefühl geben, selbst darüber entscheiden zu können, ob er sich anderen anvertrauen möchte oder nicht.
Eltern gibt es in dem Sinne nicht, nur eine Mutter, die jetzt in einer Notunterkunft lebt und gelegentlich, meist wenn sie das heulende Elend hat, ihren Sohn anruft. Ich habe mich mit der Frau einmal getroffen, da ich dachte, dass wir die Beziehung zu ihr schon im Interesse des Jungen aufrechterhalten sollten (sie taucht immer wieder ab). Aber es hat mich getroffen, was Alkohol aus einem Menschen machen kann. Da ist einfach nichts mehr, das man ansprechen könnte oder das sie interessiert.
Zitat von Kaempferin
Der Brief war ein Suicid-Abschiedsbrief. Ich möchte die Sache nicht dramatisieren, er scheint ja schon Tage oder Wochen alt zu sein. Aber er zeigt mir, dass er Momente durchlebt, in denen er zutiefst depressiv und einsam ist und es macht mich betroffen, dass er sich von diesen Momenten nach außen gar nichts anmerken läßt und wir unsererseits nichts davon bemerkt haben. Aber ich weiß jetzt darum, und das ist schon mal etwas. Ich möchte das Gespräch mit ihm suchen. Was leider nicht einfach ist, da er meist ausweicht, wenn ihm etwas zu persönlich wird. Und immer wieder bin ich unschlüssig... braucht er mehr Zeit? Oder soll man in diese Eiterbeule stechen? Wartet er sogar vielleicht darauf, dass wir die Initiative ergreifen? Ach, schwierig


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