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    ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Hallo in die Runde,

    Mein Sohn, 10 Jahre, 4. Klasse, hat die Diagnose ADS (ohne H, also ohne Hyperaktivität). Ein Termin beim Neurologen zwecks Ausschluss von Epilepsie und Gespräch bezüglich Ritalin oder nicht steht an.

    Der Papa und ich sind uns hier total uneinig, der Papa ist strikt gegen Ritalin und hat Angst vor Abhängigkeit und Nebenwirkungen. Ich würde es gerne ausprobieren, weil die schulischen Probleme immer grösser werden und damit auch der Leidensdruck seitens meines Kindes und mir. Die Hausaufgabensituation gestaltet sich immer schwieriger, zieht sich endlos und artet viel zu oft in Weinen, Heulen und Geschrei aus, und ständige Verbote meinerseits um gegen Verweigerung und Trotz meines Sohnes anzukommen. Die Belastung für unsere Beziehung wird immer grösser. Hierzu muss ich sagen, dass ich jeden Tag mit dem Kind die Hausaufgaben mache, der Papa hat also einfach reden, er ist nie mit diesen schwierigen Situationen konfrontiert, ausser ab und zu am Wochenende.

    Mein Sohn hat Ergotherapie mit ADStraining verschrieben bekommen, wir stehen hier auf der Warteliste. Allerdings bin ich sehr skeptisch ob eine punktuelle 30-minütige Therapie die Dauerprobleme in der Schule lösen kann.

    Der Kinderarzt würde zusätzlich gerne Ritalin verschreiben und meint, das wirke bei einem Kind mit reinen ADSproblemen Wunder. Die Nebenwirkungen beschreibt er als harmlos und die Abhängigkeit als nicht bestehend wenn gut dosiert. Liest man im Internet nach, hört sich das aber ganz anders an. Dennoch würde ich es gerne ausprobieren, da der Leidensdruck doch mittlerweile sehr gross ist. Wenn es nichts bringt, könnten wir das Medikament ja auch wieder absetzen.

    Hat hier jemand Erfahrungen mit Ritalin bei Kindern? Würdet ihr euren Kinder Ritalin geben oder nicht?

    Kurz zu den Problemen meines Sohnes:
    Er hat von klein auf Probleme mit der Sprache, der Motorik, der Graphomotorik und der Konzentration gehabt. Er hat langjährige Therapien in Logopädie, Castillo Morales, Ergotherapie und Psychomotorik gemacht.

    Trotz allen Therapien verbleiben aber viele Probleme, die mit zunehmenden Anforderungen immer grösser und offensichtlicher werden. Da mein Sohn kognitiv sehr fit ist, konnte er in den ersten Klassen seine Schwierigkeiten kompensieren und von den Leistungen her gut mithalten. Mit zunehmendem Alter und den dazugehörigen zunehmenden Anforderungen wird dies allerdings immer schwieriger und nehmen die Leistungen rapide ab.

    Hauptproblem ist die Konzentration. Mein Sohn kann sich nicht lange auf eine Aufgabe konzentrieren, er schreibt sehr viele Fehler die zumeist Aufmerksamkeitsfehler sind und eigentlich alterstypisch ganz „dumme“ Fehler, zb Maus ohne s, was er natürlich richtig schreiben kann. Er schreibt seit diesem Schuljahr fast alle Nomen klein, wo vorher Groß - und Kleinschreibung kein Problem dargestellt hat. Aber dieses Jahr haben sie viel längere Texte zu schreiben und wird das in viel kürzerer Zeit verlangt. Mein Sohn erklärt mir dazu, er könne sich nicht auf die Großschreibung konzentrieren, wenn er schnell schreiben müsse.
    Texte abschreiben geht gar nicht, auch hier wimmelt es von Fehlern. Freie Texte schreiben geht auch gar nicht, es bleibt dabei beim komplett leeren Blatt.
    Mein Sohn kuckt viel Löcher in die Luft und braucht ständig jemanden der ihn dazu anhält weiterzuschreiben.

    Mein Sohn bekommt verbale Anweisungen der Lehrerin nur selten mit, einerseits weil er in seiner Traumwelt ist, andererseits weil die auditive Wahrnehmung schwierig ist und er sich in einer Gruppe mit Nebengeräuschen nicht auf die Stimme der Lehrerin konzentrieren kann. Er weiss daher nie wie eine Aufgabe geht oder was er zu tun hat, er traut sich aber auch nicht nachzufragen und schreibt dann oft das Falsche. Er kriegt nicht mit was an Hausaufgaben zu machen ist oder was sonst so angesagt wird. Die Lehrerin muss sich ihm immer extra zuwenden, sonst klappt nichts. Leider ist die Lehrerin sehr wenig verständnisvoll und schnell genervt und es regnet an Strafen oder Aufgaben die mein Sohn komplett neu schreiben muss.
    Es fällt meinem Kind schwer schnell auf eine verbale Frage zu antworten oder sich mit Worten zu erklären oder verteidigen, obwohl er von Syntax und Sprache her sehr fit ist. Wenn er sich ungerecht behandelt oder angegriffen fühlt, kann er verbal darauf nicht reagieren und reagiert dann mit Rückzug, Trotz oder verbaler Aggression, was seitens der Lehrerin auch immer schlecht ankommt. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er bei ihr komplett auf der roten Liste steht und die mit ihm, seiner Art, gar nicht umgehen kann.

    Mein Sohn kann sich nicht selbst organisieren (zb welche Schulsachen muss ich zwecks Hausaufgaben mit nach Hause nehmen bzw umgekehrt was gehört zu Hause in den Ranzen für die Schule), er verliert oder verlegt ständig seine Sachen. Unser Verbrauch an Linealen, Stiften usw ist legendär.

    Mein Sohn kann sich nicht auf einer Seite organisieren zb Überschrift farbig schreiben und unterstreichen, unter der Überschrift eine Zeile frei lassen, ein Feld nach dem Rand frei lassen, untereinander schreiben in Linien schreiben, seine Schriftgrösse einer Antwortslinie anpassen.

    Mein Sohn hat zudem große graphomotorische Probleme (was auch zum Symptomspektrum von ADS gehört). Seine Buchstaben sind sehr eckig, das Schriftbild unharmonisch, viele ähnliche Buchstaben kaum zu unterscheiden. Er drückt ganz stark auf und verbiegt täglich die Mine seines Stiftes. Er kann überhaupt nicht mit Lineal, Geodreieck oder Zirkel umgehen, Geometrie ist also der blanke Horror für ihn. Spiegelbilder/Achsenwechsel kriegt er auch gar nicht hin. Seine Hefte sehen katastrophal aus und er muss sehr oft ganze Aufgaben neu schreiben da sie zu versaut sind.
    Er hat ganz viele Mitbewegungen, wenn er sich auf etwas konzentriert.

    Grobmotorisch ist er ungeschickt und tollpatschig, er trampelt richtig beim Gehen und wir finden keine Sportart die zu ihm passt. Ballsport, klettern, schwimmen, Kampfsport, überall fehlt es ihm an Körperkontrolle und Koordination.

    Er hat eine grosse motorische Unruhe und braucht ständig was in den Händen zum Betüddeln. In der Schule spielt er dauernd mit Stiften, Gummi und co, wobei er erstens laut ist und die ihm 2. dann noch aus der Hand rutschen. Er bekommt auch hierfür oft Strafen, da er die Klasse mit seiner ständigen Unruhe stört. Eine Zeitlang durfte er einen Antistressball haben, als der dann ein paar z durch die Klasse rollte, wurde er ihm verboten.

    Der Frust bei meinem Sohn ist sehr gross und er meidet mittlerweile alles was mit lesen und schreiben zu tun hat. Er hasst es, wie er selbst sagt. Wie ihr rauslesen könnt, ist das Verständnis der Lehrerin für die Probleme meines Kindes sehr klein und sie reagiert mit Strafen und Zusatzarbeiten, die die Problematik nur noch verstärken, weil er eh alles hasst und eh schon viel zu lange für alles braucht. Das Selbstvertrauen meines Sohnes schwindet mehr und mehr, wen wundert‘s, er bekommt nur negatives Feedback. Leider auch viel zu oft von mir, denn es ist sehr schwer dauernd geduldig zu reagieren und ich bin auch viel zu oft genervt und ungeduldig mit ihm. Ich habe regelrecht schon Angst vor Hausaufgabensituationen, weil ich weiss wie sie ausarten.

    So nun stellt sich die Frage Ritalin oder nicht. Wir diskutieren es rauf und runter, kommen aber zu keinem grünen Zweig. Ritalin gilt als Aufputschmittel und die Langzeitwirkungen sind noch nicht wirklich erforscht. Der Papa meint Medikamente würden das Grundproblem nicht lösen, da gebe ich ihm ja recht, aber ich glaube dass Medikamente ihm helfen würden seine (durchaus guten) Grundfähigkeiten auch zu nutzen, die Lern- und Hausaufgabensituation erleichtern würden und unsere Beziehung und sein Selbstvertrauen stärken würden. Ich bin einfach der Meinung dass seine Leidenssituation mittlerweile zu gross ist und ich habe schon zu viele Therapien mit ihm durch als dass ich noch daran glauben kann, dass eine simple Ergotherapie ihm wirklich helfen kann. Ich sehe welche Fähigkeiten er hat, denn er ist äusserst clever, galt immer als sehr pfiffig, konnte sehr früh rechnen, hat ein super logisches Denken, und ich sehe, dass er sie nicht nutzen kann. Seine Probleme versauen ihm seine schulische Laufbahn. Nicht dass er Doktor oder Anwalt werden müsse, aber seine Leistungen stehen in keinem Verhältnis mehr zu seinem Können.

    Natürlich sind seine Probleme auch durchaus im Alltag präsent, auch dort muss man ihm ständig Dinge wiederholen, kommen verbale Anforderungen oft nicht an, trödelt er endlos. Aber das ist nicht das Problem, das ist unser Sohn, so war er immer und ich würde ihm niemals Medikamente geben wenn es nur um den Alltag gehen würde. Es geht mir dabei rein um die Schule, die halt ein ständigerKampf und Krampf ist

    Habt ihr Erfahrungen mit Ritalin? Was würdet ihr an unserer Stelle tun?

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Ich hab keine Erfahrung mit Ritalin, aber mal in der Verwandtschaft ein Kind, dem es ähnlich ging.

    Auch Ads (ohne H), auch ein Vater, der gegen Ritalin war (Gründe waren auch Angst vor so starken biochemischen Eingriff im Wachstum).

    Es gab die gleichen Probleme in der Schule wie von Dir beschrieben, das Kind litt usw.

    Sie haben für das Kind durch Zufall ab der zweiten Klasse einen Platz an einer Schule für Körperbehinderte gefunden. Das lief für die weitere Grundschulzeit super: kleine Klassen, Verständnis von Seiten der Lehrer, (sogar als unerwartetes Plus nebenbei Abholung zur Schule und nach Hause mit einem Schulbus.)

    Da das Kind kognitiv normal fit war und die Bedingungen hier so waren, dass es nicht ständig die Rückmeldung bekam, ein Störenfried oder nicht ok zu sein, hat Schule so wieder Spaß gemacht.

    Nach der Grundschulzeit ging das Kind auf eine private (Real-)Schule, wo es nicht so um Leistung, eher im Akzeptanz ging.
    Und wechselte nach der 10. Klasse auf ein Gymnasium.
    Es folgte ein gutes Abi und Studium.

    Sport: wie bei Dir genannt, passte keine Sportart. Daraufhin haben die Eltern einen Platz im Behindertensport für ihn gefunden.
    Das hat ihm Spaß gemacht und gut getan.

    Der Begriff ist sicher abschreckend, aber sie haben es mit Humor und pragmatisch genommen.

    Vielleicht gibt es ab Deinem Wohnort mit Glück ähnlich Strukturen, die Ihr nutzen könntet, aber auf die man nicht kommt.

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Zitat Zitat von Fanninka Beitrag anzeigen

    .... ständige Verbote meinerseits um gegen Verweigerung und Trotz meines Sohnes anzukommen.




    .....aber ich glaube dass Medikamente ihm helfen würden seine (durchaus guten) Grundfähigkeiten auch zu nutzen, die Lern- und Hausaufgabensituation erleichtern würden und unsere Beziehung und sein Selbstvertrauen stärken würden.
    Beides mal rauskopiert:

    Auf das erste Zitierte würde ich mal länger schauen:

    Gegen etwas ankommen wollen, was Ausdruck seiner permanenten Überforderung, seines Unglücks ist, ist vielleicht der falsche Ansatz.


    Das zweite von mir Zitierte:

    - den Gedanken von Dir verstehe ich sehr gut!
    Wahrscheinlich würde ich (aus dem Abstand her betrachtet, also wenn ich von einem Kind als "Fall" lese) daher auch dafür tendieren.
    Bei einem eigenen Kind...vielleicht aber schon wieder nicht...ach, schwierig.
    Das Leben ist schön.

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Hallo, mein Sohn ist ebenfalls ADS diagnostiziert. Er ist nun seit 7 Jahren getestet, beobachtet und er nimmt Medikinet und Concerta. Seither hat sich viel getan.

    Bitte macht Euch gemeinsam schlau, was das Medikament genau macht und wie es wirkt. Mein Ex war ähnlich skeptisch, nur weil das Ganze unter dem Betäubungsmittelgesetz läuft. Es ist aber eher ein Aufputschmittel. Und es baut keinen Spiegel auf, wenn man es nimmt, wirkt es, baut sich ab und ist dann wieder weg. Ich vergleiche es gern mit einem Herzmittel oder einer Brille. Es geht ohne, aber es macht das Leben komfortabler. Es hat selbstredend Nebenwirkungen, zum Beispiel reduziert es den Appetit auf Null. Während es wirkt, mag das Kind nicht essen. Das wird zumindest bei uns exakt protokolliert, bleiben Wachstum und Gewicht okay. Und es wird auch ständig untersucht, ob das Herz noch gut ist und ob auch sonst alle Werte im Rahmen bleiben. Das ist wichtig.

    NOCH wichtiger ist, dass Ihr begreift: das ist eine Krankheit, die durchaus auch genetische Ursachen hat. Insofern macht es unter Umständen auch Sinn, sich selbst zu testen.

    Und: es ist nicht damit getan, eine Pille einzuwerfen. Mein Sohn hat ein fundamentales Konzentrationstraining hinter sich. Wir haben alle Lehrer informiert, die Schulpsychologin ist involviert. Und damals in der Grundschule konnten wir erreichen, dass er einen LRS-Bonus erhalten hat, ohne de facto LRS zu haben. Vielleicht ist das auch eine Möglichkeit für Euch. Das gibt mehr Zeit und weicht Rechtschreib-Bewertungen auf. So konnte Sohn etwas mehr Polster haben bei für ihn kniffligen Abschreib-Aufgaben. Das galt für 3 Jahre und damit noch in der weiterführenden Schule.

    Der Intelligenztest brachte bei uns übrigens eine Hochbegabung gerade im sprachlichen Bereich hervor, also exakt da, wo er am schlechtesten war. Spannend auch: er war gerade Teil einer Studie, da wurde seine Klasse 2019 und 2020 zum Thema Deutsch getestet und klassenintern verglichen. Er ist bei allen Werten überdurchschnittlich bis weit überdurchschnittlich unterwegs (war zu erwarten wegen der Hochbegabung), außer bei der Konzentration, die war unterirdisch. Und das TROTZ Medikation im Schulunterricht.

    Sprich: das Medikament ist eine Unterstützung. Er wird trotzdem ein gehörig Maß Selbstmotivation benötigen, weil er sich mehr anstrengen muss.

    Als Maßnahmen in der Grundschule gab es übrigens noch ein Agreement mit der Lehrerin: SIE schreibt sein Hausaufgabenheft. Das war sehr hilfreich, denn vorher hat er das sehr oft nicht mitgekriegt, was auf war...

    ---

    Mein Sohn nimmt also jetzt seit 7 Jahren Medikinet, Concerta, durchaus ordentlich hochdosiert. Seit 5 Jahren macht er das eigenverantwortlich, er kann das super gut einschätzen, was er braucht, wann und wieviel. Er lässt auch Tage aus. Er ist weder "ausgeknockt" noch komisch, von außen merkst Du das NULL, ob er "unter Drogen steht" oder nicht. Als Mutter erlebe ich ihn idR. "ungedoped", weil die Menge eben auf die Schulzeit ausgerichtet ist.

    Dadurch, dass ich versucht habe, immer positiv zu bestärken, dass das kein Schicksal ist, sondern eine Herausforderung, konnten wir ein wirklich ZÄHES Schulleben mittlerweile deutlich entspannen. Er war nach der Grundschule am Gymnasium, und er hat die 8. Klasse wiederholt (was sicher nicht nur am ADS lag, sondern auch an - er nennt es "Konzentrationsfaulheit"). Seither läuft es gut. Französisch-Nachhilfe war in der 8. nötig, weil er seit der 6. dort irgendwie den Faden verloren hatte (geträumt...) und basics fehlten. Aber das ging dank super Lehrer gut, die Sachen aufzuholen. Ende Klasse 9 stand er da auf 3.

    ---

    Meinen Ex habe ich mehr oder weniger überfahren, denn eben: er muss damit nicht umgehen. Wenn er es anders will, soll er sich um eine Zweitmeinung ärztlicherseits kümmern oder die Betreuung übernehmen. Das wollte er dann auch nicht.

    Ist halt blöd, wenn man den - hier tatsächlich - Vorteil einer Scheidung nicht hat.. ich hoffe, Ihr rauft Euch zusammen und könnt Euer Kind optimal unterstützen.
    Geändert von ja-aber (01.10.2020 um 10:49 Uhr)

  5. Moderation

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Ich bin Kinderpsychiater und habe daher beruflich mit ADHS/ADS und auch medikamenteller Behandlung zu tun. Allerdings praktiziere ich im europäischen Ausland.


    Nur kurz gefasst: du beschreibst sehr umfassend das „Profil“ eures Sohnes mit Stärken und Herausforderungen, speziell in der Schule. Gerade bei einem kognitiv starken Kind kann es, je älter es wird, auch schwieriger werden, sozusagen mit sich selbst zurechtzukommen. Das kann auch den Kontakt zu Gleichaltrigen mit betreffen. Hier ist es wichtig, dass das Kind lernt, mit seinen Herausforderungen umzugehen und auch, seine Stärken einzusetzen. Und zu verstehen, wie es „tickt“. Und dass es nicht falsch ist, so zu sein.

    Was ich deutlich herauslese ist, dass die Schule/Lehrkräfte nicht den Einsatz bringen und die Haltung haben, die erforderlich sind, um eurem Sohn zu ermöglichen, seine Möglichkeiten auszuschöpfen, sich schulfachlich aber auch (selbst-)organisatorisch und lerntechnisch zu entwickeln. Und Erfolgserlebnisse zu haben, Selbstbewusstsein aufzubauen. Das ist demotivierend und auf Dauer wirklich schädlich.Er ist da nicht ein Schüler mit Stärken und auch Problemen, sondern wird behandelt wie ein Problem.

    Ich schreibe das so deutlich, obwohl deine Frage ja auf eine eventuelle Behandlung mit zentralstimulierenden Substanzen wie Ritalin abzielt, weil die medikamentelle Behandlung immer nur ein Teil einer umfassenden Behandlungsstrategie sein kann. Daher ist es immens wichtig, dass er eine bessere Beschulung bekommt.

    Da ich im Ausland arbeite, habe ich nicht mehr den Überblick über die Möglichkeiten in Deutschland, zumal die auch noch regional unterschiedlich sein dürften. Vielleicht schreibt jemand anderes was dazu?


    In Sachen Medikamente: wenn die Diagnose gründlich gestellt ist, kann die Behandlung für das Kind sehr positiv sein. Man muss das Ausprobieren, sowohl die Dosierung als auch, welches Präparat. Und die eventuellen Nebenwirkungen abwägen. Gerade in der Schule und auch in unstrukturierten Situationen, kann es sehr hilfreich und manchmal geradezu erlösend für das Kind sein, wenn es mehr an sein Potential herankommt. Das muss man aber individuell sehen. Fließband-Verschreiben ist schlecht.

    Und wie gesagt, nur als Teil einer umfassenden Behandlung/Konzeptes. Es ist auch nicht gesagt, dass es langfristig wirkt. Aber wenn es mit Bedacht eingesetzt wird, kann es einen wichtigen Beitrag leisten.
    that was the river - this is the sea


    Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Danke für eure Erfahrungsberichte und Anregungen.

    Kaffeewasser, ja da gebe ich dir durchaus recht, Verbote bringen nichts wenn es Ausdruck von Überforderung ist, aber Hausaufgaben und Strafarbeiten müssen nun mal gemacht werden. Und ihn dazu zu bewegen ist sehr schwer und manchmal sind Erpressungen und Verbote meine einzige Waffe (wenn du die Aufgabe nicht machst, darfst du nachher nicht ans Tablet). Eigentlich möchte ich nicht so verfahren, es ist einfach Ausdruck der Hilflosigkeit (wenn sonst nichts mehr geht ...)

    Ja-aber, vielen Dank für deinen wertvollen Erfahrungsbericht und dir Mary für deine professionnelle Sicht dazu.

    Mir ist durchaus bewusst, dass das Medikament alleine nicht alle Probleme lösen wird und dass auch an der ganzen Schulsituation etwas geändert werden muss.

    Wir haben die Diagnose aber erst seit ein paar Tagen schriftlich. Die Probleme, die seit jeher bestehen, wurden in der Schule immer abgewiegelt, weil die Leistungen stimmten. Dass es an Strafarbeiten nur so hagelte, es ständige Diskussionen darum gab, dass er alles vergaß, verlor, sich nicht konzentrieren konnte, nicht zuhörte, dass seine Hefte nur rot waren, das ging alles unter der Aussage: aber seine Leistung stimmt, unter. Ja Klasse 1-3 war Sohnemann vom Stoff her nicht wirklich gefordert (er konnte schon mit 3 Jahren multiplizieren, Vokabeln (er ist in einer Fremdsprache eingeschult) musste er nie lernen, er hat ein photographisches Gedächtnis) und die Tests waren noch so übersichtlich, dass er es schaffte sich über die kurze Zeit zu konzentrieren. Nun in der 4. Klasse kommt das freie Schreiben, Textverstehen, Hörverstehen (Hörtext mit Fragen) und einfach auch das viel schreiben, die langen Übungen und Texte dazu, und da stösst er dann überall an seine Grenzen. Heute hatte er in 2 Schreibübungen (Geschichte abschreiben und weiter erzählen) 69 Fehler, beide zu verbessern hat uns 2 nervenaufreibende Stunden gekostet. Seine Rechtschreibung ist nun in der 4. Klasse schlechter als in den 3 Klassen vorher. In längeren Schreibübungen, auch Abschreibübungen, ist kein Satz ohne mindestens 5 Fehler, plötzlich kennt er keine Grossschreibung, keine Doppelkonsonnanten, kein stummes h mehr. All das klappte die Jahre vorher in kleineren Übungen die nicht so viel Konzentration abverlangten. Je mehr die Länge und Schwierigkeit der Aufgaben wachsen, je offensichtlicher wird seine Konzentrationsschwäche.

    Ich habe nun mit der Diagnose endlich Hilfe und Nachteilsausgleich in der Schule beantragen können, und es werden in nächster Zeit eine ganze Reihe psychologischer Entwicklungstests und auch IQtest gemacht.
    Ich habe auch einen ergotherapeutischen Bericht, mit ganz vielen Empfehlungen der Therapeutin für die Schule/die Lehrerin, wie zb ihm Hilfestellung beim Benutzen von Lineal und Co zu geben (dieses Jahr haben sie Hefte ohne Rand und müssen die Kinder selbst den Rand ziehen, mein Sohn kann keinen geraden Strich ziehen, er rutscht immer ab, beginnt dann von neuem, wischt wieder ab, schlussendlich sieht man überall Spuren vom Wischen und ist die Seite eingerissen. Die ganze Seite ist also versaut, noch bevor er auch nur ein Wort drauf geschrieben hat. Aber ihm diese sinnlose Aufgabe weglassen tut die Lehrerin nicht von sich aus) oder länger Zeit bei schriftlichen Aufgaben einräumen. Ich hoffe, dass das ihm nun endlich Hilfe ermöglicht und sich die ganze Schulsituation verbessern wird.

    Es wurde mir auch so erklärt, dass eine regelmässige medizinische Kontrolle bei Medikamentengabe nötig sei. Das mit dem wegbleibenden Appetit wurde mir auch schon beschrieben. Das würde mich jetzt als Nebenwirkung nicht so abschrecken, ich habe aber Angst vor Änderungen des Sozialverhaltens, Unruhe oder Aggressivität.

    Wir sind auch getrennt, haben aber das gemeinsame Sorgerecht und eine gute gemeinsame Elternschaft und ich möchte ihn eigentlich nicht übergehen und meinem Sohn etwas unterjubeln, wo sein Vater mir dann eventuelle Begleiterscheinungen immer vorwerfen wird. Auch möchte der Arzt das Einverständnis von beiden Eltern. Dennoch ist es natürlich einfach für den Papa und finde ich es unfair von ihm sich quer zu stellen. Er hat das Kind alle 14 Tage für ein Wochenende, macht also 1 einziges Mal in 2 Wochen Hausaufgaben mit ihm, wenn er dann welche aufhat. Dass es bei ihm nicht anders/besser läuft als bei mir, berichten mir die Geschwister jedes Mal. Aber wenn man das Theater alle 2 Wochen mal hat, ist es leicht auszuhalten und abzuwiegeln. Hat man das täglich ist es nervlich unglaublich belastend und kaum zu ertragen.

  7. VIP

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Ich kann mich den Vorschreiberinnen nur anschließen, Ritalin kann ein Hilfsmittel sein, um im Alltag/Schultag besser zurecht zu kommen. Jedoch sollte es nicht das einzige Hilfsmittel sein, sondern eine Ritalingabe sollte in Kombination mit flankierenden ärztlichen Maßnahmen gegeben werden. Diese können z. B. sein: Ergotherapie, Konzentrationstraining, Psychotherapie, Elterntraining, Verhaltenstraining. Ggfs. Begleitende Seeschule beim Optiker (wird oft nicht von den Krankenkassen bezahlt, kann jedoch je nach Kind hilfreich sein. Dies mind. Wöchentlich.

    Bei deiner Beschreibung würde ich auch einen Termin beim Pädaudiologen vorschlagen, damit eine auditive Wahrnehmungsstörung ausgeschlossen werden kann.

    Hier wird erwartet, dass die Schule vorbeugende Maßnahmen, wie z. B. Nachteilsausgleich erteilt und ggfs. Einen Förderplan schreibt.
    Schon alleine die Nummer mit den Heften - da könnte man ihm leicht helfen, in dem man für ihn Hefte mit Rand erlaubt. Da gibt es ja auch unterschiedlichste Varianten.

    Beim Kind meiner Freundin ist auch ADS plus geringer Selbstwert diagnostiziert worden. Das Kind hat eine Psychotherapie, einen Erziehungsbeistand durch das Jugendamt und Ergotherapie Schwerpunkt Konzentration (erst Einzeln, mittlerweile im Gruppentraining). Die Ergotherapiepraxis bietet auch das Elterntraining an, das die Eltern (ebenfalls getrennt) am Anfang wöchentlich, aktuell monatlich berät. Es ist wichtig, dass bestimmte Abläufe und Absprachen bei beiden Eltern absolut gleich ablaufen.

    Ritalin als Hilfsmittel wird auch nicht „ewig“ gegeben. Sondern wird häufig nach 3 - 4 reduziert bzw. In die eigenverantwortliche Dosierung - wie Ja-aber schon beschrieben hat - gegeben.

    Regelmäßige ärztliche Untersuchungen und ein Tagebuch ist hier Standard.
    Look around, look around at how
    Lucky we are to be alive right now!

    “The Schyler Sisters“ Hamilton

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Ja, es wird auf eine multimodale Therapie rauslaufen, aber das ist grade erst im Anlaufen. Wir wohnen im europäischen Ausland und ich habe seit Jahren den Eindruck, dass das ganze Gebiet der Förderung und Therapie von Kindern mit speziellen Bedürfnissen hier weit weniger ausgebaut ist als in Deutschland. Wir haben aber hier ein zentrales Zentrum für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, psychomotorischen Auffälligkeiten und Aufmerksamkeitsstörungen. Dort arbeiten Ärzte, Logopäden, Ergotherapeuten, Psychomotoriker, Motologen, Psychologen, Heilpädagogen, Erzieher und Lehrer. Dort ist mein Kind seit einer Woche gemeldet. Wir bekommen einen Koordinator zugeteilt, der Gespräche mit uns Eltern führen wird, Kontakt zur Schule aufnimmt und entscheidet welche Testungen das Kind durchlaufen wird und später welche Hilfen es bekommen wird. Elterntherapie ist da auch vorgesehen. All das ist aber erst im Anrollen.

    Die Diagnose AVWS hat mein Sohn schon seit 4 Jahren, aufgrund seiner multiplen Dyslalien wurde damals schon diese Diagnostik gemacht.

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Was ich deutlich herauslese ist, dass die Schule/Lehrkräfte nicht den Einsatz bringen und die Haltung haben, die erforderlich sind, um eurem Sohn zu ermöglichen, seine Möglichkeiten auszuschöpfen, sich schulfachlich aber auch (selbst-)organisatorisch und lerntechnisch zu entwickeln. Und Erfolgserlebnisse zu haben, Selbstbewusstsein aufzubauen. Das ist demotivierend und auf Dauer wirklich schädlich.Er ist da nicht ein Schüler mit Stärken und auch Problemen, sondern wird behandelt wie ein Problem.

    Ich schreibe das so deutlich, obwohl deine Frage ja auf eine eventuelle Behandlung mit zentralstimulierenden Substanzen wie Ritalin abzielt, weil die medikamentelle Behandlung immer nur ein Teil einer umfassenden Behandlungsstrategie sein kann. Daher ist es immens wichtig, dass er eine bessere Beschulung bekommt.
    Dem stimme ich vollumfänglich zu.

    Da ich im Ausland arbeite, habe ich nicht mehr den Überblick über die Möglichkeiten in Deutschland, zumal die auch noch regional unterschiedlich sein dürften. Vielleicht schreibt jemand anderes was dazu?
    Edit: Ich habe gerade gelesen, dass ihr im europäischen Ausland lebt. Dann bringt euch mein Beitrag natürlich quasi nichts, ich lasse ihn aber trotzdem stehen - vielleicht gibt es in eurem Land etwas Ähnliches?

    Hier (NRW) sind mir mehrere Fälle bekannt, in denen Kinder mit AD(H)S eine Schulbegleitung haben. Dadurch bekommen sie die persönliche Zuwendung, die sie für ihren Lernerfolg brauchen. Ich weiß den Weg nicht, wie man dazu kommt, aber es wäre vielleicht sinnvoll, das herauszufinden, da sich durch die nun vorhandene Diagnose der Weg dahin evtl. geöffnet hat.

    Dein Sohn ist in Klasse 4, d.h. der Wechsel zur weiterführenden Schule steht an. Wenn er schlechte Leistungen hat, sieht es da natürlich relativ düster aus. Lebst du in einem Bundesland, in dem die Eltern ggf. über die weiterführende Schule entscheiden dürfen? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass in manchen Bundesländern die Empfehlung der Grundschule verbindlich ist?

    Noch ein Gedanke: Wie sieht es angesichts seiner Diagnostik mit einer (vorläufigen) Einstufung als Integrationskind aus? Mit diesem Status könnte dein Sohn sich erst mal erholen, gemäß deiner Entscheidung an einer zu ihm passenden Schulform angemeldet werden, um dann im weiteren Verlauf den Förderstatus wieder aufheben zu lassen (so zumindest der Verlauf in NRW).

    Zum Ritalin kann ich gerade nichts sagen, da ich zwei gegensätzliche Beispiele vor Augen habe - ein Kind, bei dem Ritalin hervorragend unterstützend funktioniert, und eines, das durch Ritalin quasi zum "Zombie" gemacht wurde.
    Whoever is unjust, let him be unjust still.
    Whoever is righteous, let him be righteous still.
    Whoever is filthy, let him be filthy still.
    Listen to the words long written down
    When the man comes around.

    - Johnny Cash, When the man comes around

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    AW: ADS, Erfahrungen mit Ritalin

    Zitat Zitat von Fanninka Beitrag anzeigen
    Habt ihr Erfahrungen mit Ritalin? Was würdet ihr an unserer Stelle tun?
    Meiner Tochter ist Ritalin im Grundschulalter verordnet worden. Sie hat es genommen bis sie mit der Schule fertig war. Keine Nebenwirkungen. keine Abhängigkeit. Nach zwei, drei Jahren durfte sie selber entscheiden ob und wann sie es nimmt. Sie hat es primär in der Schulzeit genommen, in den Ferien hat sie es immer abgesetzt. Ihr hat es sehr genützt. An Eurer Stelle würde ich es probieren.

    Wenn Du Einzelheiten wissen möchtest, schreib mir eine PN.
    Vor lauter Globalisierung und Computerisierung dürfen die schönen Dinge des Lebens, wie Kartoffeln oder Eintopf kochen, nicht zu kurz kommen (Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Rede vor den Landfrauen).

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