Du musst mir nicht glauben, ich habe lediglich gesagt, was ich dazu denke.
Kampfsportler kenne ich naheliegenderweise selbst jede Menge. Menschen, die die Mindestselbstbeherrschung aus vergleichsweise geringen Anlässen (im Verhältnis zur Reaktion) verlieren und andere in blinder Wut daraufhin tätlich angreifen und erst mit Gegengewalt gestoppt werden müssen, würden in meinem Verein entweder bereits gar nicht aufgenommen oder binnen kürzester Zeit rausfliegen.
(Wir hatten so einen Fall tatsächlich einmal.)
Das meine ich nicht böse, dem Jungen scheint es ja nicht gut zu gehen und ich wünsche ihm und der TE alles Gute, aber Kampfsportvereine sind eben keine Therapiegruppe. Das übrigens u. a. auch gerade, weil man dort richtig miteinander kämpft mit entsprechendem Verletzungsrisiko trotz aller Schutzausrüstung.
Da muss man sich im Training darauf verlassen können, dass der Sparringspartner nicht austickt und bspw. einfach mal zum (je nach Übung ungeschützten) Kopf tritt entgegen der Anweisung und durchzieht, weil ihm gerade danach ist und er sich über etwas geärgert hat.
Wenn er gelernt hat sich besser zu steuern, könnte er sich das ja noch einmal überlegen mit Kampfsport, aber so wie ihn die TE derzeit geschildert hat, halte ich sowas momentan für fahrlässig den anderen gegenüber.
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Thema: Sohn flippt aus
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09.11.2018, 23:41
AW: Sohn flippt aus
Geändert von Dystopie (09.11.2018 um 23:49 Uhr)
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10.11.2018, 05:41
AW: Sohn flippt aus
Der Junge macht das ja nicht „weil ihm gerade danach ist“...
Das Argument zieht nicht.
Aber:
Kampfsport zum „inneren Agressionsabbau“ funktioniert gewöhnlich sehr gut. Eben wenn jemand permanent unter Stress (auch emotionalem) steht, ist das ein gutes Ventil, um kontrolliert damit umzugehen zu lernen, oder eben kontrolliert Druck abzulassen.
Eben weil dieses „Kontrolle behalten“ Teil des Trainings ist.
Aber das, was bei Deinem Sohn passiert, ist extrem massiv. Da kann man nicht mehr mit „Hausmittelchen“ ran.
Das ist ein Fall für die Profis... die hoffentlich wirklich herausfinden, was Deinen Jungen umtreibt.
Drücke ihm die Daumen.
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10.11.2018, 07:26
AW: Sohn flippt aus
Liebe Azurblau,
Ich arbeite beruflich mit solchen Frage-/Problemstellungen.
Ich glaube auch, dass dein Sohn Hilfe bekommen sollte. Hilfe nicht, weil bei ihm was "falsch" oder "kaputt" ist, das eine Fachperson wieder fixen sollte. Auch nicht, weil eventuelle mystische Zusammenhänge mit der Familiensituation ausgegraben werden müssen.
Sondern weil diese umschriebene Schwierigkeit deines Sohnes, bei bestimmten Themen, in bestimmt Situationen, die ihn "triggern", mit seiner Wut sozialverträglich umzugehen, für ihn selbst, in Beziehungen und im schulischen/beruflichen Fortkommen problematisch ist und größere Probleme schaffen kann, die man verhindern kann.
Und weil er lernen kann zu verstehen, was passiert und wie er damit umgehen kann.
Ich finde es sehr positiv, dass dein Sohn wegen des Vorfalles Scham empfindet und dass ihr darüber reden könnt. Das ist ein sehr guter Ausgangspunkt für eine Arbeit mit dem Thema. (Schwieriger wäre es, wenn das eigene Verhalten entschuldigt wird mit dem Verhalten der anderen, oder wenn gemauert wird und ein Gespräch unmöglich scheint.)
Es scheint ja ein gewisser Leidensdruck zu bestehen. Und genau deshalb ist es wichtig, dass jetzt bald Hilfe kommt. Damit er Hoffnung bekommt und die Verantwortung für sein Verhalten, die er jetzt noch empfindet, auch weiterhin übernimmt.
Das subjektiv empfundene Gefühl in solchen Situationen ist oft eine sehr große Hilflosigkeit gegenüber dem, was "geschieht". Es gibt ganz gute Modelle, die die inneren Prozesse, die ablaufen, verständlich machen. Es ist etwas schwierig, das virtuell zu vermitteln, und dein Sohn sollte das direkt und konkret, auf das eigene Erleben und Verhalten bezogen, vermittelt bekommen.
Wenn du dir das Window of tolerance Modell anschaust, kannst du sehen, wie man sich das vorstellen kann. window of tolerance - Google-Suche Es erklärt, wie wir reguliert sind und wie wir mit Stresszuständen umgehen.
Im sogenannten Window of tolerance, dem mittleren Bereich in grün, ist derjenige Teil des autonomen Nervensystems (ventraler Parasympathikus, vielleicht kennst du das noch aus dem Biologieunterricht, wenngleich damals nicht in ventral und dorsal unterschieden wurde) angeschaltet, vereinfacht ausgedrückt, der für soziales Miteinander, Lernen, Reflexion, soziales Verstehen, zuständig ist. Wenn Probleme auftreten und wir sind parasympathisch reguliert, können wir einigermaßen entspannt bleiben, auch die Perspektive des anderen sehen, Grenzen respektieren, konstruktive Lösungen finden, gemeinsam. Im Kontakt bleiben.
Wenn der Stresspegel so sehr ansteigt, dass man aus dem Window of tolerance heraus in die Überaktivierung kommt (der obere, rote Bereich), dann springt der Sympathikus an mit einfachen Mustern, schwarz-weiß, Bereitschaft zu Kampf oder Flucht, verengter Wahrnehmung, verengter sozialer Kompetenz.
Wenn man in diesem Bereich drin ist, kann die Selbststeuerung sehr schwerfallen bis unmöglich sein.
Aber man kann lernen, diese Prozesse zu verstehen und damit umzugehen. Alle Menschen sind so "verschaltet", aber einige haben ein schmaleres Window of tolerance, einige haben eine sehr schmale Zone und einen sehr schnellen Übergang von "leicht gestresst" zu "überaktiviert", einige erleben den überaktivierten Zustand noch mehr als Kontrollverlust und können damit schlechter umgehen als andere.
Dann ist es sehr wichtig zu erarbeiten, was geschieht mit dir, kurz bevor du in eine Überaktivierung gerätst, die du als nicht/kaum steuerbar erlebst. Damit sozusagen derjenige Punkt erkannt und später im Geschehen ergriffen wird, der noch zu steuern ist.
Die Frage ist ja auch, welche Themen sind es, die so große Wut auslösen. Beispiel Kränkung, Herabsetzung oder ungerechte Anschuldigung. Was daran löst so umfassende Gefühle aus? Was geschieht in dir drin? Woran kannst du erkennen, was abläuft? Welche Alternativen hast du dann? Welche Hilfen/Hilfsmittel brauchst du dann?
Das müsste mit deinem Sohn erarbeitet werden. Nicht von dir natürlich.
Es kann auch sein, dass er eigene Erfahrungen hat damit, dem Kontrollverlust eines anderen ausgesetzt zu sein, falls jemand in der Familie damit selbst Probleme hat und er zum Beispiel das erhebliche Ausrasten von nahestehenden Personen erlebt hat.
Oft kommen Temperament, biographische Faktoren und die jetzige Situation zusammen. Nicht als "Entschuldigung", sondern als Verständnis von Zusammenhängen, für die dein Sohn selbst Verantwortung übernimmt.
Das Gute ist, dass unser Gehirn und unsere innere "Verschaltung" nicht in Stein gemeisselt sondern veränderbar sind, und zwar durch veränderten Gebrauch. Wenn dein Sohn also lernt und beginnt, anders mit Situationen umzugehen, wird sich seine Regulierung und seine Kontrolle über sich selbst auch verbessern. Das zu wissen, kann Mut machen.
Ein Wort zum Thema "Kampfsport" bei dieser Problematik. So wie es hier beschrieben wurde, ist das momentan nicht zielführend. Es handelt sich nicht um einen "Überschuss" an Wut, der kanalisiert werden muss. Sondern um innere Regulierung, die erlernt werden muss.
Zu einem späteren Zeitpunkt kann dann ein Kampfsport durchaus nützlich sein, um Erworbenes zu verankern.Geändert von maryquitecontrary (10.11.2018 um 07:31 Uhr)
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10.11.2018, 18:22
AW: Sohn flippt aus
Als jemand der als Kind gerne mal ausflippte kann ich berichten dass Selbstbeherrschung nicht das ist was ich brauchte, sondern die Moeglichkeit zu lernen eben nicht angepasst zu sein und mich endlos lange in Selbstbeherrschung zu ueben. Denn irgendwann platzt der Kragen. Ich musste eher lernen auch mal Dampf abzulassen, nicht zu allem ja und amen zu sagen, lieb zu sein, usw.
Dieses schreibe ich als Anregung um mal in die andere Richtung zu gucken.
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12.11.2018, 15:14
AW: Sohn flippt aus
Erstmal danke für die Beiträge....
Wird mir ehrlich gesagt alles ein bischen too much.
Er ist kein Monster, und macht das auch nicht dauernd. Und ist eingetlich eine sehr ausgeglichene und lustige Person.
Am meisten kann ich noch mit Marys Post was anfangen.
Er ist auch nicht unglücklich, aber diese Sache hat ihn natürlich schon sehr runtergezogen.
Wir hatten ein schönes WOchenende. Allerdings war er gestern abend dann nochmal ganz geknickt, vor allem weil im Gespr¨¨ach mit der Schule das Wort Arzt und Psychologe gefallen waren.
Er will nicht als "krank" oder "bekloppt" abgestempelt werden. Ich habe lange an seinem Bett gesessen und ihm gesagt das er genau richtig ist, so wie er ist. Irgendwann gings dann.
Mein Mann meint das wäre alles Blödsinn. Jungens in dem Alter, Hormone und so, er will ihn auf keinen Fall in Behandlung schicken. Aber zu guter Letzt fälle ich da die Entscheidung, weil ich ja die Mutter bin.
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12.11.2018, 15:15
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12.11.2018, 15:17
AW: Sohn flippt aus
Er hat mal Karate gemacht, ist aber schon ein paar Jahre her.
Im Alltag wirkt es gar nicht so als müsse er Dampf ablassen.
Also entweder verstellt er sich extrem oder ich bin blind und doof auf allen Ohren und Augen.
Beides kann ich mir einfach nicht vorstellen.
Natürlich schaue ich nicht in ihn rein, aber wir haben ein ziemlich gutes und auch recht enges Verhältnis, und viel Vetrauen.
Er macht viel Musik, das ist toll. Und da legt er seine ganze Seele rein.
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12.11.2018, 19:35
AW: Sohn flippt aus
Die Theorie, dass sich in Menschen wie bei einem Dampfkessel mit zu viel Druck im Laufe der Zeit zu viel Druck und Wut ansammelt, wenn sie die nicht regelmäßig moderat ablassen können, und diese dann Überreaktionen wie dein Sohn in der Situation in der Schule zeigen, ist auch längst überholt.
Dass dein Sohn ein Monster wäre, hat btw niemand geschrieben.
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13.11.2018, 08:39
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13.11.2018, 09:50
AW: Sohn flippt aus
Hallo Azur,
Hier kommt noch mehr - aber vorweg: für ein „Monster“ halte ich Deinen Sohn überhaupt nicht, auch sein Verhalten erscheint mir keineswegs monströs. Wichtig finde ich, dass Du schreibst, er leide selbst unter diesen Ereignissen. Mir kommt das bekannt vor: ich neige zum Cholerikertum und gerade, wenn mich jemand provoziert, kann ich so richtig ausrasten. Passiert allerdings vor allem im privaten Umfeld und fast nur, wenn ich insgesamt überfordert bin, bzw. Glaube, den vermeintlich an mich gestellten Anforderungen nicht gerecht zu werden. Im Berufsleben und aushäusigen Alltag bin ich in der Regel sehr „zivilisiert“, aber zu Hause fehlt es manchmal an Impulskontrolle. Das ist sicherlich auch temperamentabhängig, aber ich denke, da ist ein möglicher Ansatzpunkt: Impulskontrolle. Also was tun mit dem Gefühl, das dazu führt, dass ich mich auf jemanden Stürze, was ist das überhaupt für eine Regung und woher kommt sie? Aus meiner Sicht hilft bei sowas ein Außenstehender, idealerweise vom Fach, enorm. Ich bin auch der Überzeugung, fast jeder, der nicht gerade über das Temperament einer Schlaftablette verfügt, kennt solche Impulse- aber die Menschen haben eben Strategien entwickelt, damit umzugehen. Dein Sohn ist also nicht allein - und wenn dann noch pubertätsbedingt die Hormone mit reinspielen, kann ich mir gut vorstellen, dass er sich ziemlich hilflos vorkommt.
Hm. War nun eher ein Egopost, aber vielleicht hilft es ja?
LG und alles Gute von
Der Ratteich bin schrecklich inkonsequent - aber nicht immer
tippfehler gibts von mobile devices gratis. wer sie findet, darf sie behalten.


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