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  1. Registriert seit
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    Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Hallo,

    mein Sohn ist 6 Jahre alt und hat in regelmäßigen Abständen unkontrollierbare Wutanfälle. Früher sind die Ausfälle oft aus einer Trotzsituation heraus entstanden. Heute ist der Auslöser meist ein Streit mit seinem älteren Bruder oder das Verlieren beim Spielen (Ball- oder Gesellschaftsspiele). Er fängt dann an, zu heulen, uns zu beschimpfen und v.a. auf seinen Bruder loszugehen – schlagen, treten, kratzen etc. Wenn wir versuchen, dazwischen zu gehen, wird er auch uns Eltern gegenüber gewalttätig (offenbar wirkt das für ihn so, als ob wir für seinen Bruder Partei ergreifen). Sprechen verweigert er komplett, wenn er in Rage gerät (ab diesem Zeitpunkt funktioniert es kaum, wenn man versucht ihn zu fragen, was ihn so wütend macht oder versucht, seine Gefühle zu verbalisieren). Ansonst kann er sich aber gut ausdrücken und hat einen großen Wortschatz. Er entschuldigt sich auch nach den Ausbrüchen.

    In sein Zimmer verbannen können wir ihn während der Wutanfälle nicht: Gehorchen tut er nicht, wenn er außer Rand und Band ist, und die Türe lässt sich nicht abschließen. In meinem Bemühen, ihn von meinem großen Sohn abzuhalten, setze ich ihn manchmal ganz vor die Tür, dann macht er aber dort Rabbatz und klingelt Sturm (wir wohnen in einer Mietwohnung in der Stadt). Ich will meine Kinder nicht gewalttätig erziehen, aber ich habe durchaus schon Gewalt angewandt, um ihn von meinem großen Sohn wegzuziehen oder mich zu verteidigen.

    Mein Sohn ist sonst ein freundliches, umgängliches, kuscheliges, eher schüchternes Kind. Wenn ich Anderen von den Wutausbrüchen erzähle (oder sie es zufällig miterleben), können sie es oft kaum glauben. In der Kita kamen diese Ausfälle nur ganz selten vor (noch während der Trotzphase), in Schule/Hort gar nicht (auch da hat er allerdings Probleme mit dem Verlieren). In Elterngesprächen in der Kita wurde stattdessen oft hervorgehoben, dass er mit Konflikten gut umgehen kann. Es ist also eine Familiensache - wobei er auch auf seinen Bruder losgeht, wenn die beiden alleine sind oder andere Leute auf die Jungs aufpassen.

    Das Ganze führt dazu, dass ich Bedenken habe, meine Kinder auch nur für kurz alleine Zuhause zu lassen (vor einem Jahr habe ich kurz eine Freundin zum Auto begleitet – als ich zurückkam, war die Balkontüre zu Bruch gegangen: einer hatte von innen, einer von außen gedrückt). Ich bitte auch ungern andere, auf meine beiden Jungs gemeinsam aufzupassen. Insgesamt fühle ich mich hilflos, wenn sich mein kleiner Dr. Jekyll in Mr. Hyde verwandelt – und es vermiest oft schöne gemeinsame Familienerlebnisse.

    Ich habe das lange als extreme Trotzphase eingeordnet. Es ist zwar mit der Zeit besser geworden (seltener, weniger gewalttätig uns Eltern gegenüber). Ich bekomme aber mehr und mehr das Gefühl, dass wir psychologische Hilfe benötigen. Ich weiß nur nicht, wie das funktionieren soll, denn normalerweise ist er ja ein sehr umgängliches Kind – und wenn wir in ruhigen Situationen sprechen, hilft dies nicht weiter für die Momente, in denen ihn die Wut umfängt.

    Hat jemand von EuchTipps, was wir tun könnten bzw. wo wir geeignete Ansprechpartner finden?

    Vielen Dank vorab

  2. Avatar von Blue2012
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    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Irgendwie wirkt es auf mich, als ob dein Junge durch so Aktionen wie "vor die Tür" und durchs Bimmeln dann in diese ganze Wutsache noch mehr Aufmerksamkeit steckt. Und daher noch mehr "Gewinn" (=eure Aufmerksamkeit) erhält.

    Ihn rausnehmen aus der körperlichen Gewaltsituation (das Schlagen/Kratzen/Treten schlicht unterbinden, also ihn an die Hand nehmen oder am Arm und auch räumlich herausnehmen, Zimmerwechsel). Könntest du danach mit ihm gemeinsam in sein Zimmer gehen, aufs Bett setzen, schweigen. Und ihm dies klar sagen: "Komm. Wir gehen in dein Zimmer. Und setzen uns zusammen aufs Bett. Und sagen nix." Und dann passiv und schweigend mit ihm im Zimmer bleiben. Bis seine Wut vorbei ist?
    Möglich? Unrealistisch?

    Wenn er weiter wütet oder das Zimmer verlassen will, könntest du dich einfach in seinem Zimmer vor die Tür setzen und diese blockieren, so dass er mit dir gemeinsam im Zimmer bleibt. Du könntest sagen: "Nein. Wir bleiben jetzt so lange gemeinsam hier, bis du dich beruhigt hast." Während seiner Rage schweigen. Aussitzen.

    Wenn er wieder ruhig ist, Augenkontakt. "Es geht nicht, dass du kratzt und schlägst, wenn du verlierst (etc. pp). Ich möchte nicht, dass du andere schlägst. Ich will, dass du höflich sprichst ohne Schimpfwörter. Die sagen wir hier nicht."

  3. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Liebe MuddyWaters,

    ich habe Ähnliches selbst erlebt.

    Mein Sohn (2. Kind von 3 - 2 Schwestern) hatte vom späten Trotzalter an ähnliche Ausraster. Beispielsweise, wenn es darum ging, Samstags zusammen zum Einkaufen zu gehen, aber "Sohn, nicht in Hauspatschen, zieh Dir ordentliche Schuhe an."

    Ich habe nicht mehr alles in Erinnerung, kann aber berichten, dass es immer seltener wurde und nach dem 10 Lebensjahr bei uns nicht mehr aufgetreten ist. Auch mein Sohn wurde und wird immer als umgänglich und freundlich bewertet. Jetzt ist er 12 und sehr reflektiert.

    Übrigens nehmen wir schon seit langem immer nur ein Kind mit zum Einkaufen usw.

    Mein Fazit ist: es _kann_ sich auch auswachsen.

    Alles Gute für Euch.

    LG Melancholia

  4. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    @ MuddyWaters

    Du hast eine PN.

    LG Melancholia


  5. Registriert seit
    21.04.2014
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    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Ich kenne es ähnlich von meiner Jüngsten. Die haben wir tatsächlich im gleichen Alter in ihr Zimmer zum Abregen getragen. Etwas später reichte das Aussprechen ihres Namens und die ausgestreckte Hand in die Richtung des Zimmers, sie ging dann freiwillig. Im Zimmer durfte geschrien, getobt und auf Kissen eingeprügelt werden. Mit den Jahren hat sich das tatsächlich ausgewachsen.

    Ich tippe bei ihr auf eine Art geerbten Jähzorn. Mir ging es als Kind ähnlich, mein Vater erzählte mir von sich, er kenne das auch, sein Vater soll bei diesen Wutanfällen blindlings auf die ganze Familie eingeprügelt haben.
    Ich kann bis heute sehr, sehr wütend werden, fühlt sich an wie eine Innere Explosion.

  6. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Die Wutanfälle deines Sohnes ähneln der meiner Tochter (7). Ich schicke sie ins Zimmer, bis sie sich beruhigt hat. Wenn sie nicht geht, hab ich sie auch schon hineingeschoben.

    Die Türe blieb immer offen, aber sie durfte eben erst raus, wenn sie sich beruhigt hatte. Bin auch schon mal davor stehen geblieben und hab ihr gesagt: Hau von mir aus auf den Polster aber reg dich ab. Wenn sie Sachen herumschmiss, musste sie sie wieder aufräumen bevor sie herauskam. Aber ich blieb immer irgendwie an ihrer Seite.

    Ich bemühe mich selber ruhig zu bleiben, obwohl ich innerlich oft koche, wenn sie so einen Aufstand wegen zb zu Bett gehen macht. Gott sei dank ist das nicht ständig.

    Das jähzornige Temperament kenn ich auch von mir - mit Kind hab ich mir das abgewöhnt - wäre sonst kein Vorbild.

    Ich bin geschieden und sie hat schon einige Streitereien in ihrem Leben mitbekommen - und ich bin beim Streiten leider auch laut geworden.

    Da es mir jetzt recht gut gelingt, ruhig zu bleiben, beruhigt sie sich immer recht schnell, schaut mich ganz genau an und dann besprechen wir alles in Ruhe.

    Du wirst auch einen Weg finden, wie du deinem Sohn einen adäquaten Umgang mit seinen Emotionen beibringst. Du hörst dich sehr reflektiert an, deshalb glaub ich, dass es dir\euch gelingen wird.

    Er hat nur nicht gelernt, wie er mit seiner Wut umgehen kann. Hast du schon einmal in einer ruhigen Minute mit ihm besprochen, was ihn wütend macht, wie er seine Wut ausleben kann und wie eben nicht - speziell in bezug auf seinen Bruder?

    Bezügl. Verlieren: Mit 6 können sie oft noch nicht verlieren. Auch das muss ja gelernt werden. Meine durfte mit 6 mit anderen nicht Mensch-ärgere-dich nicht spielen - hatte sonst wilde Wutanfälle. Es gab nur Wir -sind-ein-Team-Spiele (zb Obstgarten - wir gegen den Raben, ....). Erst mit Ende 6 gelangen normale Gesellschaftsspiele besser.

    Ist er der große Bruder, der sehr wichtig für den Kleinen ist? - "Beschützersolidarität"

    Was ärgert ihn speziell, wenn es um den kleinen Bruder geht?

    Meine Nachbarn haben ihre Tochter zum "Ausbizeln" auch ab und zu vor die Türe gestellt. - War ein Zeichen von Hilflosigkeit - und alle Nachbarn habens registriert. Hab ab und zu mit der Mutter über die Schwierigkeiten und Eifersüchteleien unter Geschwistern gesprochen.
    Jetzt sind zwei Jahre vergangen - die Kleinere ist größer und keine von beiden steht mehr vor der Türe - auch wenn sie immer noch bizeln.

    Die Mutter musste die beiden als Geschwister sozialisieren - jetzt umarmen sich die Mädels mehr als sie sich streiten

    Wann gehts dir an die Substanz?

    Alles Gute
    Geändert von Inaktiver User (27.10.2017 um 20:40 Uhr)

  7. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Ich finde du beschreibst eure Situation sehr reflektiert und einfühlsam, du scheinst eine tolle Mutter zu sein!
    Erst einmal sind Ferndiagnosen immer schwierig, aber vielleicht bringen sie dir Anstöße und Ideen.

    Ich kenne viele Brüder, die solche Auseinandersetzungen haben und "Konkurrenz" miteinander ausfechten. Schaut euch doch mal die Beziehung der Kinder und deren Geschichte in der Familie an. Wer hat welche Rolle? Wer wird mehr von wem (Eltern)"geliebt", unterstützt, etc. ? Es gibt da nie totale Gleichheit und das ist normal. Aber evtl. bringt es euch weiter.

    Zudem würde ich ganz klar machen und sagen, dass du ihm gern helfen möchtest, aber es nur kannst, wenn du weißt, warum er so wütend wird. Er weiß es wahrscheinlich selbst nicht, fühlt sich aber ernst genommen durch dein Angebot. Seine Frustrationstoleranz scheint ja vor allem daheim sehr gering - noch mal ein Hinweis, die Brüder genauer zu beobachten.

    Ich würde viel probieren, evtl. auch mal ein liebevolles Festhalten, wenn er so tobt, dass du nicht weißt, wie du das andere Kind schützen kannst. Sag, ich halte dich nur, weil ich nicht möchte, dass du deinen Bruder schlägst. Sollte er sich zu bedrängt fühlen und es gar nix bringen, lass es. Ich finde, manchen Kindern hilft dieser Halt.

    Wut macht haltlos und Halten kann eine Bestätigung von Zuneigung darstellen. Vielleicht braucht er sowas. Denn deine Schilderungen aus der Kita lassen ja nicht auf ein generelles Problem schließen.

  8. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    und bitte nie einsperren oder vor die Tür stellen. nicht, dass er in der Wut abhaut und vors auto läuft oder ähnlich. zudem ist es wichtig, präsent zu bleiben. du bist für ihn da.

  9. Avatar von marylin
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    5.188

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Sein älterer Bruder soll sich auch wehren dürfen, wenn der Kleine merkt, der Bruder ist stärker, dann lässt er das auch.
    Ansonsten empfinde ich es nicht als "unnormal", dass Kinder Wutanfälle kriegen, gerade wenn sie mal verlieren beim Spiel... habe ich auch schon häufig im Bekanntenkreis erlebt. Die Konsequenz ist dann eben die Ansage, dass sie nicht mehr mitspielen können, wenn das Theater nicht aufhört, muss das Trotzkind halt mal eine Runde aussetzen, bis es sich wieder beruhigt hat - ich würde da gar kein Drama draus machen.
    Bevor man anfängt zu reden, könnte man sich überlegen:
    Ist es wichtig?
    Ist es wahr?
    Und ist es besser, als die Stille?


  10. Inaktiver User

    AW: Kontrollverlust bei 6-jährigem

    Zitat Zitat von marylin Beitrag anzeigen
    Sein älterer Bruder soll sich auch wehren dürfen, wenn der Kleine merkt, der Bruder ist stärker, dann lässt er das auch.
    Ansonsten empfinde ich es nicht als "unnormal", dass Kinder Wutanfälle kriegen, gerade wenn sie mal verlieren beim Spiel... habe ich auch schon häufig im Bekanntenkreis erlebt. Die Konsequenz ist dann eben die Ansage, dass sie nicht mehr mitspielen können, wenn das Theater nicht aufhört, muss das Trotzkind halt mal eine Runde aussetzen, bis es sich wieder beruhigt hat - ich würde da gar kein Drama draus machen.
    in dem alter trotzen kinder eigentlich nicht mehr im entwicklungspsychologischen sinne. die Willensbildung hat stattgefunden.
    die te beschrieb ja auch das ausmaß des Wutanfalls. diese innere Verzweiflung ist hier anscheinend nicht bloßes theater.

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