Hallo
Ich erzähle am besten kurz unsere Situation, dann kann man sich ein besseres Bild machen:
- Mein Mann und ich leben und wohnen seit mehreren Jahren zusammen.
- Er hat zwei Söhne, jetzt 9 1/2 und 7 1/2, sie sind jedes zweite Wochenende + die Ferien/Feiertage bei uns.
- Die Kinder haben die Scheidung der Eltern gut verkraftet, die Mutter hat ebenfalls einen Lebensgefährten, der bald fest bei Ihnen einziehen wird (im Moment ist er auch schon fast die ganze Zeit da, so viel wird sich für die Jungs wohl nicht ändern). Alle Erwachsenen verstehen sich, ziehen am gleichen Strang. Insgesamt positives Patchwork.
- Beide Kinder gehen in die Grundschule, 4. und 2. Klasse, und sind im Fußballverein mehr oder weniger erfolgreichaktiv.
- Es gibt klare, einfache und verständliche Regeln und Grenzen, die Konsequenzen sind möglichst immer gleich.
Jetzt zu dem Problem.
Der Große hat sich im letzten Jahr sehr verändert. Er war schon immer eher ein ruhiges Kind, schüchtern, abwartend, vorsichtig. Im Wellenbad bleibt er eine Runde draußen stehen und schaut sich das erst einmal an bevor er auch hineingeht.
Neues ist auf der einen Seite zwar interessant für Ihn, auf der anderen Seite hat er Angst davor. Nicht vor allem, aber größtenteils.
Er ist schlau, aber sehr unsicher mit seinem Wissen. Lieber sagt er nichts, bevor er etwas falsches sagt.
Meiner Meinung nach ist er ein Jahr zu früh in die Schule gekommen, da er noch sehr kindlich ist, mehr in seiner eigenen Welt lebt als in der der anderen.
Der Schulstoff bereitet Ihm unterschiedliche Schwierigkeiten. Besonders schwer fallen Ihm Aufsätze, Geschichten, Nacherzählungen in den richtigen Zeiten, Textaufgaben in Mathe.
Lesen ist überhaupt kein Problem, er liest sehr gerne und auch viel wenn er die richtigen Bücher hat.
Auch im Kindergarten hatte er nie viele Freunde, aber immer so zwei bis drei mit denen er gut klar kam und die auch mit Ihm spielen wollten, Ihn zu den Geburtstagen eingeladen haben etc.
Seit der dritten Klasse sitzt er fast jeden Tag mehrere Stunden an den Hausaufgaben, trödelt herum, schaut mal hier, mal da, lässt sich ablenken und schwupps ist der Tag vorbei und immer noch nicht alles fertig. Darunter leiden auch seine Sozialkontakte, da er erst spielen darf, wenn die Hausaufgaben fertig sind. Er wird nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen und seine ehemaligen Freunde spielen lieber mit anderen Kindern.
Auch vom Fußball zieht er sich mehr und mehr zurück. Heute war wieder ein Turnier und er wollte wegen angeblicher Ohrenschmerzen nicht hin. Nachdem wir abgesagt haben, ging alles andere natürlich problemlos.
(Fast) alles was mit anderen Kindern zu tun hat findet er doof, langweilig, blöde. Auch die dreitägige Klassenfahrt mit ganz vielen Spielen, Geschicklichkeitswettbewerben, Bullenreiten (man konnte es vorher üben, aber er wollte nicht und fiel dann beim Wettbewerb sofort herunter), Schießen (das gleiche wie beim reiten). Im Bus wollte keiner seiner Freunde neben Ihm sitzen und er musste alleine sitzen.
Also war die ganze Klassenfahrt "total doof, das mach ich nie wieder!".
In den letzten Monaten wurde dann ein Persönlichkeitsmerkmal immer dominanter: Egoismus, Gehässigkeit.
Er freut sich am Unglück anderer, wünscht anderen Pech und Unglück, kann sich nicht für andere freuen.
Teilen geht gar nicht, anderen etwas gönnen auch nicht.
Etwas uneigennütziges tun: bloß nicht!
Beispiele: der Tisch soll gedeckt werden. Er legt sich Besteck und den Teller hin, aber niemandem sonst.
Beim abräumen nimmt er genau seinen Teller und sein Besteck: "das andere hab ich doch gar nicht benutzt!"
Nach dem Argument, dass ich auch kein Hackfleisch esse (Vegetarier) und es trotzdem für alle anderen koche, räumte er zumindest noch einen Untersetzer ab.
Wenn wir in den Bus oder die Straßenbahn einsteigen, dann rempelt er an anderen vorbei ohne sie aussteigen zu lassen. Klingelt das Telefon geht er nicht ran, bringt es aber auch nicht sondern lässt es einfach klingeln ("das hat mich voll genervt!").
Sein Bruder hat sich ernsthaft verletzt und er lacht darüber! Nein, kein unsicheres Verlegenheitslachen weil er nicht weiß wie er mit der Situation umgehen soll sondern ein richtiges böses "Hahaha, dem tut etwas weh!" Lachen.
Kurz: egoistisch, unsozial, gehässig.
Ich habe keine Ahnung woher er so ein Verhalten hat und warum er es plötzlich an den Tag legt.
Es ist von allem genügend da, er braucht keinen Hunger zu fürchten, in Bus und Straßenbahn gibt es immer genügend Plätze, er hat objektiv gesehen keinen Grund für Verlustängste.
Wir leben es ihm hier ganz anders vor. Wir freuen uns an dem Glück des anderen, trösten wenn etwas schief gegangen ist oder jemand Schmerzen hat, helfen, nehmen den anderen Arbeit ab, tun uns gegenseitig viel Gutes.
Ja ich weiß, dass sich Teenager (aber soweit ist er noch nicht) gerne abgrenzen und sich die genau gegenteilige Nische suchen. Aber so extrem? Wir sind freundlich, hilfsbereit und er wird deshalb egoistisch? Das kann ich irgendwie nicht ganz glauben!
Versucht er damit etwas zu kompensieren? Einsamkeit? Den Verlust der Freunde?
Wir wissen nicht mehr weiter. Wenn diese Entwicklung so weiter geht, dann hat er bald gar keine Freunde mehr. Er wechselt im Sommer in eine weiterführende Schule und wenn er da genau so ist, dann ist das ein ganz schlechter Anfang.
Ich weiß, ich bin nur die Frau seines Vaters. Aber wir haben einen guten Draht zueinander, er redet sehr gerne mit mir, unternimmt auch gerne alleine etwas mit mir.
Ich kann Ihn erreichen.
Wir haben schon versucht mehr Teamspiele zu spielen aber wenn dann etwas nicht funktioniert hat, dann war natürlich der andere Schuld und total doof und dann wurde nicht mehr mitgespielt.
Was können wir tun?
Wie können wir Ihm dabei helfen, aus seiner Egoismusnische herauszukommen?
Wie können seine positiven Charaktereigenschaften wieder dominieren?
Ganz vielen lieben Dank an alle, die sich das überhaupt durchgelesen haben. Oi, das ist wirklich eine Menge!
Liebe Grüße,
Amabilis
Antworten
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08.01.2012, 17:33
Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Geändert von Amabilis (08.01.2012 um 17:39 Uhr)
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08.01.2012, 20:05Inaktiver User
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Amabilis, in welche weiterführende Schulart wird er kommen? Gymnasium oder Realschule? Fühlt er sich dem Druck, der zur Zeit auf ihm lastet, gewachsen?
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08.01.2012, 20:15Inaktiver User
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Ganz spontan und frei?
Bei soviel Gutmenschentum, dass mir aus deinem Post entgegen springt, würde ich rein aus Opposition genau ins andere Extrem verfallen...
Alles glücklich, alles easy -nur einer versagt. Also -Empathie sieht anders aus.
Ich vermute, der Junge hat wirklich den Anschluss verloren an seine Freunde, und braucht dringend wieder Erfolgserlebnisse -und die Erfahrung, dass auch andere scheitern -und nicht immer alles schönreden!
Dann braucht er seine Schadenfreude auch nicht mehr...
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08.01.2012, 20:28
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
In keinem Fall Gymnasium, da wäre er absolut überfordert. Das wäre auch mit sehr viel Hilfe und Arbeit nicht zu schaffen. Die nächste Gesamtschule ist leider sehr weit weg, so dass das keine echte Alternative ist.
Daher eher Realschule oder Werkrealschule (früher Hauptschule).
Er selbst macht sich so gar keine Gedanken darüber. Das meinte ich auch mit dem kindlich sein. Er lebt ganz im hier und jetzt. Absolut.
Die Gedanken gehen eher in die Richtung, dass er auf die gleiche Schule will wie seine Freunde. Ob das die richtige Schulform für Ihn ist, ist Ihm ganz egal. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass er noch gar nicht die Unterschiede der verschiedenen Schulformen richtig versteht und auch nicht die Tragweite der kommenden Entscheidung begreift.
Ein Beispiel für sein kindliches Verhalten: Er gibt seine Deutscharbeit nach zwei Minuten ab, weil er sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte und er keine Lust mehr hatte.
Dass daran möglicherweise Versetzungen scheitern können ist ihm nicht richtig bewusst.
Ich würde nicht sagen, dass von dieser Seite (besonderer) Druck auf Ihm lastet.
Hier ist niemand, der Ihn zum Abitur peitschen würde oder bei einer schlechten Note einen Aufstand macht.
Er soll seine Hausaufgaben erledigen, in der Schule mitarbeiten und sein Potenzial nutzen - das ist sein Job als Schüler. Darauf achten wir. Ob das nun in einem 1er, 2er oder 3er Schnitt endet ist letztlich egal.
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08.01.2012, 20:32Inaktiver User
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
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08.01.2012, 20:32
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Wer sagt denn, dass er die Scheidung "gut verkraftet" hat?
Das sah vielleicht mal so aus, muss aber noch lange nicht so sein.
Die "Probleme", die so spät keiner mehr in Zusammenhang mit der Scheidung bringt,
tauchen meist erst nach einer gewissen Zeit auf, beim einen früher, beim anderen später,
bei manch einem erst in den frühen Erwachsenenjahren.
Ich kenne keinen, an dem das spurlos vorbeigegangen wäre, auch wenn Eltern meinen:
es hat ja so gut wie nix mitgekriegt.
Sie kriegen alles mit und sind ab da vollkommen verunsichert, was sich dann auf allerlei "unangenehme Art und Weise" äussern kann.
Lieben Gruss
Lyanna
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08.01.2012, 20:36Inaktiver User
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Er will auf die gleiche Schule wie seine Kameraden und erbringt die notwendige Leistung nicht - ich sehe einen gewaltigen Druck auf ihm lasten und zusätzlich das bewusste Verschließen der Augen. Er weicht der Realität und den Kameraden aus. Und verschleiert das vor Euch, indem er tut als sei er zynisch und unsozial. Sieht das außer Dir irgend jemand? Interessiert das seinen Vater oder seine Mutter?
Es ist allerhöchste Zeit, dass sich jemand der beiden aktiv kümmert, das Kind schreit doch geradezu nach Hilfe. Was muss er noch sonst alles an Verhaltensweisen an den Tag legen, dass die Erwachsenen aufwachen und ihn zur Kenntnis nehmen. Obwohl ich das nicht so heftig wie Jeanned formulieren würde, im Prinzip stimme ich ihr zu. Es wird höchste Zeit, dass die Eltern, also nicht Du, erwachen und sich wirklich für ihren Sohn und sein Wohlergehen interessieren.
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08.01.2012, 20:43
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Erst einmal danke für Deine Sicht der Dinge
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Natürlich ist nicht alles easy und wir laufen auch nicht wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend, wir tragen auch Konflikte aus. Wo gibt es sie nicht?
Wenn ich meinen Mann bitte, mir mein Körnerkissen warm zu machen weil er in die Küche geht, dann macht er das und sagt nicht "machs doch selbst! ist doch nicht für mich!". Das hat meiner Meinung nach nichts mit Gutmenschentum zu tun, sondern mit einem freundlichen miteinander.
Aber es stimmt, Fehler, Missgeschicke und Misserfolge nehmen bei uns keinen großen Raum ein. Sie passieren, man kann sie nicht mehr ändern und sich deshalb lange zu ärgern bringt auch nichts.
Sollten wir sie mehr "zelebrieren"?
Puh, die Sache mit den Erfolgserlebnissen gestaltet sich ziemlich schwierig. Fußball wäre ja wie geeignet dafür aber er wird kaum angespielt, spielt in der Abwehr und hat da ziemlich wenig direkte Erfolgserlebnisse. Er ist ein guter Abwehrspieler aber in dem Alter zählt wohl nur das Tore schießen.
Ein paar Erfolge versucht er über seinen Bruder zu erreichen. Beim Game Boy spielen gewinnt er klar, er ist zwei Jahre älter. Auch im Körperlichen ist er Ihm überlegen, weshalb der Kleine sich auch kaum mehr auf Wettbewerbe mit Ihm einlässt und das frustriert Ihn dann natürlich umso mehr.
Auch wenn Du Ihn natürlich nicht kennst, aber wo würdest Du wirksames Erfolgspotenzial sehen?
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08.01.2012, 20:57
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Auch Dir danke!

Puh. Zum ersten Teil: Ich bin mir nicht sicher ob er nur so tut oder ob er so ist. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob er sich bewusst oder unbewusst der Realität entzieht.
Seine Eltern kümmern sich schon um Ihn. Er wird bei den Hausaufgaben betreut, soweit er das zulässt bzw. soweit Zeit dafür ist. Nach drei Stunden Hausaufgaben muss irgendwann auch der Haushalt etc. gemacht werden und der Bruder ist ja auch noch da.
Wir haben hier gute Erfahrungen mit der stillen Hausaufgabenzeit gemacht. Einer arbeitet im Kinderzimmer am leeren Schreibtisch vor der leeren Wand und einer im Wohnzimmer am großen und leeren Esstisch an den Hausaufgaben, wir sind nicht im Raum können aber jederzeit gerufen werden.
Damit wurden die Hausaufgaben größtenteils eigenständi, gut und schneller gemacht als bei ständiger Anwesenheit weil diese ja auch Ablenkung bedeutet.
Meinem Mann ist das Problem in jedem Fall bewusst, er weiß sich und seinem Sohn aber nicht zu helfen. Seine Mutter findet das glaube ich nicht so dramatisch, sie ist eher von der langen Hausaufgabenzeit erschöpft und betroffen.
Ich weiß, dass seine Eltern da aktiv werden müssen und ich nicht so viel ausrichten kann. Deshalb frage ich ja nach Hilfe. Mein Mann liest mit bzw. ich erzähle Ihm alles und wir diskutieren, aber so richtig fruchtbar war das bisher noch nicht.
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08.01.2012, 21:08Inaktiver User
AW: Sohn, 9 1/2 Jahre, entwickelt sich zu einem unsozialen Egoisten
Und was ist mit gemeinsamer Qualitätszeit? Dem Vater, der bei Fussball dabei ist und die Leistung in der Abwehr lobt? Gemeinsame Aktivitäten, die das Selbstbewusstsein stärken - klettern gehen, gemeinsame Radtouren, zelten gehen, eben "Männeraktivitäten" auch mal nur zu zweit. Das selbe sollte auch der jüngere Bruder an Aufmerksamkeit bekommen.
Frauen, die da sind und zuhören oder als Vorbild dienen, ist ja alles schön, aber Jungen brauchen einen Mann, an dem sie sich orientieren können. Die Welt von Jungen ist schon jetzt viel zu stark frauendominiert, ein aufmerksamer, nicht leistungsorientierter und liebevoller Vater kann viel auffangen.
Auch der neue Lebensgefährte der Mutter kann, sofern er die Jungen mag und gut mit ihnen klar kommt, eine Hilfe sein. Die Selbstverständlichkeit, mit der früher Männer als Vorbilder zur Verfügung standen, ist nicht mehr gegeben.
Mal ganz anders gefragt: was macht der Junge denn besonders gut?Geändert von Inaktiver User (08.01.2012 um 21:10 Uhr) Grund: typo


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